Wieder haben unsere Berichte aus
Mauretanien viele, viele Reaktionen hervorgerufen und es ist ganz wunderbar zu
wissen, wie viele Gedanken sich unsere LeserInnen über das Schicksal der Esel
in Nouakchott machen! Herzlichen Dank dafür!
Nun kristallisiert sich jedoch zunehmend eine Problematik heraus, die wir so
nicht gewollt haben - wir möchten Sie deshalb zutiefst bitten, die Menschen
dort nicht verurteilen, sie sind nicht gewollt grausam zu Tieren, es fehlt
einfach jegliche psychologische Schranke, eine Tierquälerei als Delikt zu
erkennen. Hierfür hat auch Europa jahrhunderte gebraucht, bitte bedenken Sie
diese Tatsache. Mauretanien zählt zu den ärmsten Ländern der Welt, die
Wagenlenker, zu 100 % der Volksgruppe der Harantines zugehörig, sind die
Nachkommen ehemaliger schwarzafrikanischer Sklaven, seit Gedenken von der
maurischen, arabisch-abstämmigen Mehrheit unterdrückt. Ihr Leben ist ein
hartes, ein fürchterlich entbehrungsreiches und trostloses. Ein sehr
aussagekräftiges Beispiel, welches diese Tatsache mehr als unterstreicht:
Menschenrechtsorganisationen gehen davon aus, dass es selbst im heutigen
Mauretanien noch bis zu 600 000 Sklaven gibt, eine Zahlt, die mehr als 20 % der
Gesamtbevölkerung entspräche! Dies nur zur Verdeutlichung des Wahnsinns,
welchen sich diese Menschen in ihrem Dasein tagtäglich gegenübersehen!
Tierliebe ist in allen Menschen vorhanden;
nur muss diese Pflanze ab und dann genährt werden!

dieser Mann freut sich sehr über den neuen
RespekTiere-Halfter

Die alleinige Schuld an der Misere der ‚Arbeitstiere' nun den Eselbesitzern
zuzuschreiben, wäre nur allzu einfach und doch müßig. Wir, die wir jeden Tag
mit vollem Magen zu Bett gehen, sind für eine Verurteilung vielleicht nicht
prädestiniert. Der Europäer hat die afrikanische Seele nie so richtig
verstanden und dem ‚Schwarzen Kontinent' durch seine Einmischung wenig Gutes
und sehr viel Schlechtes gebracht. Ethisch motivierte Verständigungsschwierigkeiten
sind nahezu vorprogrammiert, Fingerspitzengefühl ist unerlässlich.
Ein vormundendes Schnippen mit dem Zeigefinger wird nicht zum Erfolg führen,
ganz im Gegenteil - werden erst mal Fronten aufgebaut, so bestünde die völlig
unnötige Gefahr, zukünftig mit der Abtragung der trennenden Mauern mehr Zeit
verbringen zu müssen als mit aktueller Tierschutzarbeit!
Die Menschen sind nicht gewollt grausam gegenüber ihren Tieren, sie haben es
nur niemals anders gelernt. Seit hunderten von Jahren wurden Esel geschlagen,
ihre Ahnen haben das so getan, ihre Großelter, ihre Eltern - sie sind seit
jeher mit der Gewalt gegen die Tiere aufgewachsen, sie ist zur absoluten
Normalität geworden; dennoch: nimmt man sich die Zeit und spricht mit ihnen,
dann hören sie gar aufmerksam zu und Sie sehen ja: schon nach wenigen Jahren
unserer Tätigkeit in Nouakchott haben sich die Dinge eindeutig verbessert!
Unsere Ärzte und vor allem die Radiokampagne zitierten immer wieder aus dem
Koran, der ja vorgibt,Tiere nicht zu schlagen (aber wie sollen das diese
Menschen wissen? Sie, die zum Großteil nie eine Schule besuchten, die
selbstredend nie Koran-Unterricht genossen, diesen nicht lesen können?). Der
Arzt sagt: Schlage Deinen Esel nicht, denn dann wird er länger für Dich
arbeiten können! Der Esel ist Dein Freund, behandle ihn auch so! Und die
allermeisten befolgen diesen Rat.
Nein, diese Menschen sind keine schlechten. Ganz gewiss nicht, sie tragen nur
ganz furchtbar an der Bürde ihrer Tradition und an ihrer Armut.
Bitte schrieben Sie keine bösen Briefe an Mauretaniens Offizielle! Ein
solches Vorgehen wird unumgänglich zur Katastrophe führen, wird unsere Arbeit
dort im selben Moment unmöglich machen! Wir haben ohnehin Schwierigkeiten
genug mit den Behörden, die immer wieder an den Wasserstellen erscheinen und
nach Erlaubnispapieren verlangen (deshalb sind wir dabei, die Eselhilfe auf
amtliche Beine zu stellen und von Mauretaniens Regierung als offizielles
Hilfsprojekt anerkannt zu werden); Mauretanien ist ein stolzes Land, und es ist
den Menschen bewusst, dass der erdrückende Müll und das Schlagen der Esel zu
den hässlichen Facetten der Gesellschaft zählen. Dies sind die zwei
Komponenten, welche fremden BesucherInnen zu aller erst ins Auge springen und
dadurch dem Ansehen des Landes enormen Schaden zufügen können. Deshalb müssen
wir acht gegeben, uns auf unsere vorrangige Aufgabe zu konzentrieren, nämlich
über die Esel zu berichten und denen zu helfen. Es bringt uns nicht einen
Schritt weiter, wenn wir die Regierungsstellen mit Kritik am vorherrschenden
System, an der Menschenrechts- sowie der Tierrechtssituation (die ohnehin
unvorstellbar weit weg ist vom mauretanischen Gedankengut, zu sehr ist man mit
anderen Problemen beschäftigt), konfrontieren. Passiert dies doch, wie ein
Journalist kürzlich schmerzhaft erfahren musste, dann sind die Reaktionen
drakonisch. Besagter Schreiber, er hatte auf einer Internet-Seite kritisch
bestimmte Vorgänge im Land beleuchtet, wurde verhaftet und ins Gefängnis
gebracht. Zu sechs Monaten verurteilt, sollte seine Strafe nach Ablauf deren
auf Grund lächerlicher Zusatzanschuldigungen auf 2 Jahre erhöht werden!
Dieses Beispiel soll nur zeigen, wie sensibel die mauretanische Regierung auf
in deren Augen unzulässiger Kritik reagiert; in unserem Falle, wir wollen
keinerlei politischen Einfluss ausüben, sondern nur den Tieren helfen, wäre
dies dann umso fataler! Tatsächlich könnte es über Nacht zu einer schweren
Beeinträchtigung oder gar Beendigung des Projektes führen!
Die politische Situation im Land ist ohnehin eine sehr explosive, die Gefahr
von Anschlägen und Entführungen (von Europäern) wächst täglich, eine zunehmende
Radikalisierung der Religion ist spürbar. Jetzt mit Kritik an Menschen zu
antworten, welche unter gänzliche anderen Lebensbedingungen ihr Auskommen
suchen als wir selbst, würde nur zusätzlich Öl ins Feuer zu gießen, würde uns
sehr schnell an unsere Grenzen führen - und nebenbei bemerkt: absolut gar
nichts bringen, außer Abstand!!!!! Es würde die Früchte unserer Arbeit verdorren
lassen, bevor noch deren Samen zu keimen begonnen haben!
Der Grund für die schlechte Behandlung der Tiere dürfte in der
Armutsspirale zu finden sein. Die Männer (Frauen dürfen Eselgespanne nicht
lenken) benötigen Geld, um sich und ihre Familien zu versorgen, und zwar für
den heutige Tag - es gibt kein Zukunftsdenken, diesen Luxus kann sich hier
niemand leisten. So zerbricht jeder Anflug von Mitgefühl für das Arbeitstier ob
der eigenen Hoffnungslosigkeit von vornherein in einem Scherbenmeer.
Die Todesspirale funktioniert folgendermaßen:
Ein Esel kostet von wenigen Euro aufwärts; allerdings braucht der Käufer die
Summe dann nicht bar zu bezahlen, meist erfolgt eine Anzahlung und der Rest
wird über eine ausgehandelte Zeitperiode abgestottert. Der Eselbesitzer weiß
nun nicht einmal wie er Heute seine Familie ernähren soll, er wird unter fünf
Dollar am Tag mit dem Transport von Wasser verdienen. So holt er nun das
allermeiste aus dem Tier heraus, was morgen ist, ist im Moment unerreichbar
weit entfernt aus seiner Gedankenwelt - er denkt darüber nicht nach, zu sehr
beschäftigt, die nächsten 24 Stunden irgend wie zu überstehen. Genau hier aber
kommt die angesprochene Problematik zum Zug - bei einem von ‚Tag-zu-Tag-Denken'
wird solche Mentalität natürlich nur allzu schnell zur Todesfalle für die
Tiere, wirkt sich auf diese furchtbar aus. Um die Spirale weiter anzukurbeln,
verhält es sich nun ebenso mit den Rate-Rückzahlungen; es zählt rein das Jetzt,
jetzt muss Geld verdient werden, ob der Esel nächsten Monat arbeiten kann, wird
nicht einberechnet, denn wer weiß, vielleicht ist man da dann selbst nicht mehr
fähig diese zu verrichten...
Ist der Esel verletzt, wird er in den allerseltensten Fällen behandelt. Einen
Tierarzt können sich die Wagenlenker niemals leisten, denn diese wollen nach
westlichen Sätzen bezahlt werden, eine Unmöglichkeit für Menschen, die von
einem Tag zum nächsten ums Überleben kämpfen. Selbst eine einfache Impfung wird
so unfinanzierbar.

Wir alles sind Mitschuld an der Trostlosigkeit, wir Europäer, die in die Wiege
der Menschheit eingefallen sind und ein perfektes Umfeld aus dem Lot gebracht
haben. Wir haben einen ganzen Kontinent überschwemmt mit unsren Produkten,
unseren Ideen, haben uns keine -Sekunde die Mühe gemacht, die vorherrschende
Mentalität auch nur ansatzweise zu begreifen, geschweige denn zu verstehen; wir
haben Afrika mit unsren Idealen vergiftet, ohne darüber nachzudenken, ob nicht
die der Einheimischen den unseren bei weiten überlegen sein könnten.
Wir haben den gesamten Erdteil mit nie gekannter Gewalt überflutet, unsere
Eitelkeit gefrönt und mit europäisch geprägtem Überlegenheitsdenken den Stolz
ganzer Nationen geknickt - es gibt nichts, worauf wir stolz sein könnten in
unserem Vorgehen einer Kolonialisierung, die jegliche Menschlichkeit vermissen
lies und lässt.
Wir haben Afrika die Identität geraubt, haben alle Ressourcen abgeschöpft, und
unseren Müll zurück gelassen, haben verbranntes Land geschaffen und sind nun
gar stolz auf unsere Entwicklungshilfe -die im eigentlichen Sinne wir selbst
benötigen.
Zudem muss noch bemerkt werden, dass viele dieser
Entwicklungshilfe-Organisationen sehr selbstherrlich agieren und so der
Unterdrückung zwar einen neue Wendung geben, diese aber unbewusst fortsetzen.
Verurteilen wir nicht Menschen, deren täglichen Alltag wir selbst keine 24
Stunden durchhalten würden; die in einfachsten Pappkarton- oder Wellblechhütten
leben, deren Wände die Sonne so aufheizt, dass das bloße Berühren derselben zu
unweigerlich zu Brandblasen führt; die über keinerlei sanitäre Anlagen oder
Wasserleitungen verfügen. Viele dieser Menschen haben längst aufgegeben, sie
sehen jeden Tag ihre Familien hungern, ihre Kinder weinen; sie sind die
ausgebeutetste Bevölkerungsschicht, sind zum Großteil Analphabeten (rund 50
% der Männer und fast 70 % der Frauen Mauretaniens haben nie die Möglichkeit
erhalten, sich des Lesens und Schreibens mächtig zu machen; Schulpflicht
besteht vier Jahre, selbstredend besuchen gut 35 % der Kinder nie eine solche
Einrichtung - dies sind Werte gemessen an der Gesamtbevölkerung; sie können
sich vorstellen, in welch lichten Höhen sich diese bewegen würden, würde man
nur die Harantines heranziehen!)
Die Lebenserwartung eines Mauretaniens liegt bei 50 Jahren, 30 Jahre unter der
eines Europäers!
So erfährt die indianische Weisheit ‚Urteile nicht über einen Menschen, bevor
Du nicht eine Meile in seinen Mokassins gewandert bist' auch in diesem Falle
ihre Gültigkeit.
Nur gemeinsam - der Tierschutz, dessen
UnterstützerInnen und die Menschen vor Ort - können wir einen Umschwung
schaffen, den Tieren beistehen! Nur mit viel Geduld und unserer geballten
Tierliebe können und werden wir den Umschwung schaffen - aber auch ebenso große
Menschenliebe, Verständnis und die Fähigkeit, sich in andere Kulturen und deren
Mentalitäten zu versetzen - ungeachtet aller Umstände - wird dazu nötig sein!!
schöne Grüße nach
Österreich!
