Großes Kastrationsprojekt Temeswar - der Bericht!


Die Nacht war eine kurze gewesen, eine von vermeintlichen Vorahnungen und nervösen Gedanken geplagte. Ermattet schlage ich die Bettdecke zur Seite, strecke die müden Knochen, nur um schon im nächsten Augenblick auf eine einzige, nun folgende Aufgabe fokussiert zu sein: Jetzt ist es also soweit – wir stehen in den Startlöchern zum lang erwarteten, großen Kastrationsprojekt in Temeswar!

 

Foto: Frau Oprea mit einigen ihrer Hunde!

Die Zeichen am Sonntagmorgen vermeinen es gut mit uns, lacht doch die Sonne vom blitzblauen Himmel und verbreitet neben der angenehmen Wärme auch schnell pure Lebensfreude.  Der Frühling ist endgültig eingekehrt, und alte Gebeine erwachen zusammen mit der Natur zu neuem Leben. Anders als bei so viele Fahrten zur ungefähr selben Zeit in den Jahren zuvor scheint der große alte Mann aus dem Norden nun endgültig besiegt, hat sich dieser Tage beleidigt in seine Welt aus Eis irgendwo hinter dem fernen Horizont zurückgezogen. Er musste den ewigen Kampf der Jahreszeiten wohl aufgeben, und bereitet sich mit grimmiger Miene im Stillen auf seine Rückkehr in wenigen Monaten vor. Allerdings, in seinem Innersten weiß er es längst, Jahr für Jahr wird sein Erwachen mühevoller, sein Atem kürzer. Seine Stärke vermindert sich im Wettlauf mit der Zeit, geschuldet des rücksichtslosen Vorgehens der Menschheit gegen Mutter Natur. Rekordtemperaturen, fast nur noch jene in den Höchstwerten, werden seit einer Dekade von den Wetterstationen gemeldet, beinahe jeder Monat über den Werten der des letzten Jahres. So liegt dann auch der wärmste März hinter uns, seit die Wetteraufzeichnungen vor gut 250 Jahren begonnen wurden.

   

Fotos: vor der Herberge der Fam. Oprea; ein Hund blickt geistesabwesend in die Ferne - links noch bei angenehmeren Wetter, doch später wurde es zunehemnd feuchter und ungemütlicher!

Wie wird sich die Statistik wohl im nächsten Jahr präsentieren, der weiße Riese zunehmend beraubt seiner elementaren Kräfte, seine Soldaten aus Eis und Schnee geschmäht und gedemütigt von einem gleisenden Himmel; auch wenn sich viele Menschen an den hohen Temperaturen erfreuen, zumindest im Augenblick, die unnormale Milde wird ganz bestimmt zur Geisel des Planeten heranwachsen, so viel steht fest, unsere Welt letztendlich in einen brennenden Raum ohne Notausgang verwandeln.

Aber für heute schieben wir die trüben Gedanken beiseite; am Bahnhof in St. Pölten hole ich Barbara ab, eine hoch engagierte Tierschützerin und RespekTiere-Aktivistin aus Tirol, sie wird erstmals mitkommen zur direkten Projektarbeit. Gigs und Gitti, die ‚Veteranen‘ der Rumänienfahrten, nun schon seit 2010 und bestimmt ein Dutzend Mal mit dabei, wieder vollbeladen mit ihrem Van unterwegs, sind bereits gestern gestartet. Sie bringen unzählige Sachen – angefangen von den Küchengeräten bis hin zum Rollstuhl und natürlich auch eine Menge an Hundefutter – nach Nadrac, zu Rudi’s kleinem Caritas-Zentrum (aufmerksame RespekTiere-Newsletter-LeserInnen wissen, Rudi ist dort der rettende Engel für seine Mitmenschen; im Zentrum wird täglich für fast 100 Bedürftige gekocht, Kinder aus armen Nachbarschaften dürfen in der Hilfsstätte speisen, Senioren, von Vater Staat mit lächerlichen Pensionen nach einem harten Arbeitsleben schmählich im Stich gelassen, ebenso; und gut 20 bettlägrige Menschen wird täglich eine Mahlzeit direkt nach Hause ans Krankenbett  gebracht…).

Am Abend werden wir das so großartige Paar bei Frau Doina treffen, der ‚Mutter Theresa‘ Rumäniens, welche uns zum wiederholten Male ein heimeliges Quartier angeboten hat!

Die Fahrt verläuft ruhig und problemlos. In Neusiedl, in Österreichs äußerstem Osten, sind wir noch mit Doris und einer Freundin verabredet, die beiden einzigartigen Frauen haben wieder eine Menge an Dingen für uns gesammelt, welche sie mit auf dem Weg geben möchten. Einfach nur schön!

 

Foto: in Gedanken sind wir bereits auf das Kommende fixiert: ein bis an die psychsichen und physischen Grenzen gehender Einsatz erwartet uns!

Viel Zeit bleibt aber leider nicht, die Uhr zeigt nun bereits 3 Uhr Nachmittags, und so hat uns die Autobahn bald wieder. Es geht nun durch das sturmgepeitschte Pannonien, vorbei an der Hundertschaft an Windrädern, unermüdlich in Bewegung, immer im Versuch, den Wind einzufangen und zur Arbeit zu zwingen. Ja, auch dieser hat seine Freiheit längst eingebüßt, zum Sklaven der Menschheit degradiert, welche deren einzige Welt unentwegt verändert, gestaltet, ausbeutet und schändet…

Die ungarische Autobahn führt uns direkt zur rumänischen Grenze, und jetzt breiten sich langsam die Schatten der Nacht aus und verhüllen die Landschaft gnädig,  kaschieren die Wunden in der Umgebung, Zeugnisse des unbarmherzigen Siegeszug der Spezies Mensch. Schon leuchten uns die rot-gelb-blauen Banner Rumäniens entgegen, und kaum Verkehr behindert unser Vorankommen; der Grenzbeamte ist auch barmherzig, keine Kontrolle, nicht einmal einen Augenaufschlag widmet er uns. Wir sind zufrieden! :)

Gegen 22.30 Abends erreichen wir Frau Doina’s Heim, wo uns bereits ein freudiger Empfang erwartet, sowohl von der Hausdame als auch von Gigs und Gitti folgen feste Umarmungen! Eigentlich ist eine Fahrt hierher vielmehr zu einem Nach-Hause-Kommen geworden, derart geborgen fühlen wir uns im trauten Heim der herzensguten Frau!
 

Foto: die beiden Unentbehrlichen - Gitti und Gerald, von allen Gigs genannt, mit Tom beim späteren Verladen der Hunde!

Die Nacht sollte dann aber dennoch eine unruhige werden. Geplagt von Gedanken über das Kommende, schleicht sich der Schlaf bei allen Beteiligten sehr spät ein – und bereits am frühen Morgen, die Sonne wagt sich noch kaum hinter dem Horizont hervor, gilt es schon wieder aufzustehen; so gut wäre wenigstens noch eine kurze Weile im Bett gewesen, besonders in Anbetracht der Zeitverschiebung, welche uns eine weitere Stunde abnötigt, aber es hilft alles nichts – eine immense Aufgabe wartet doch auf uns! Mit müden Augen genießen wir eine eilige Tasse duftenden Kaffee, dann finden wir uns auch schon in den Transportfahrzeugen wieder. Der erste Weg führt uns in die von der Schweizer Organisation NetAP (Network for Animal Protection,
www.netap.ch) unterstützte Klinik von ‚Animals First‘ am Stadtrand; dort wartet bereits das hoch motivierte Team der Schweizer Partnerorganisation (welche einen derart großen Einsatz überhaupt erst möglich gemacht hat!), 2 TierärztInnen (Susanna und Patrick), plus 3 hoch professionelle Tierarztassisteninnen (Daniela, Soleme, Tamara), Nadja, als Helferin und Fotografin im Dauereinsatz, sowie die fantastische, für NetAp an vorderster Front im Dauereinsatz stehende 'Animals First'-Leiterin Dr. Noemi Kiss aus Temeswar selbst! Verstärkt wird die Vereinigung dann noch von 2 unersetzlichen rumänischen Tierschützerinnen, Alina und Christina, und alle gemeinsam begeben wir uns sogleich auf schnellstem Wege zu Fam. Opreas Asyl.

 
   
   

Fotos: vom ersten bis zum letzten Tag der Aktion - eine großartige Zusammenarbeit zwischen Pet Hope, NetAP und RespekTiere!

Der Tag sollte ein wunderbarer werden, mit beinahe hochsommerlichen Temperaturen gesegnet. Wie gut das ist, erklärt sich alleine aus der Anfahrtsstrecke; während der erste Teil der Anfahrt nämlich über die Stadtstraßen geht, biegen wir bald ein in die von Müll überlagerte Zufahrt zur Herberge - und diese verdient die Bezeichnung ‚Weg‘ nur im sehr abgeleiteten Sinne, müssen die geplagten Fahrzeuge doch einen wilden Ritt über Stock und Stein meistern. Würde es regnen, würde sich die Piste sehr schnell in einen Morast verwandeln, besonders der letzte Anstieg wäre wohl unmöglich zu bewältigen. Ausgewaschene Rinnen, tiefe Schlaglöcher und allerlei Geröll zeichnen die Strecke, vorbei geht es an entsetzlichen illegalen Mülldeponien, die die Landschaft grob verunzieren, wie Karzinome an der Ader der Natur nagen.

Dann sehen wir die Umzäunung von ‚Colt Alb‘, des Vereins der Fam. Oprea, vor uns, und einige Hunde, wohl erschreckt durch den Motorenlärm, laufen uns mit selbstsicherem Schritt auch schon entgegen. Bald betreten wir, nun bereits zum 4. Male innerhalb weniger Monate, eine andere Welt, in welcher sämtliche Vorstellungen eines modernen Lebens wie außer Kraft gesetzt erscheinen. Oft haben wir es beschrieben, aber immer wieder schockiert der Anblick eines Daseins, welches für MitteleuropäerInnen fern der Vorstellung liegt. Inmitten der gepriesenen Europäischen Union, die Fortschritt und Menschlichkeit für sich in Anspruch nimmt, mit heheren Zielen gesegnet, breitet sich wie ein alles verschlingender Ozean eine 3. Welt aus. Wie diese Menschen hier, Fam. Oprea und ihr Helfer, ein Auskommen suchen, umgeben von einer Hundert-Hundeschaft, ohne zugeleiteten Strom und ohne sämtliche andere Annehmlichkeiten einer ‚normalen‘ Gesellschaft, es mutet fast utopisch an.  Sie sind die ‚Im-Stich-Gelassenen‘, genau wie ihre Hunde selbst, von einer Zivilisation, welche sie geschlossen übersieht. Und nicht nur das, am liebsten möchte diese dann auch noch einen Vorhang über eine solche Stätte hängen, sie vor den Augen anderer verbergen, um die eigene Schuldigkeit zu kaschieren. Wohl nur aus einem Grunde, nämlich um das eigene Versagen im Umgang mit schlechter Bemittelten oder, aus welchen Gründen auch immer, Außenseitern, möglichst zu verbergen…

 

Frau Oprea wirkt ob der nahen Zukunft müde, angespannt, nervös. Wer kann es ihr verdenken – nun, da wir mit gesamter Mann/Frauschaft antreten, so viel Besuch hat es bestimmt seit vielen, vielen Jahren nicht gegeben. Angst und Sorge über das Wohlergehen ihrer Lieblinge hat Besitz von ihr ergriffen, vertieft die Falten auf der wettergegerbten Stirn. Aber sicher weiß sie, wir hoffen es zumindest, alle wollen nur das Beste für die alte Dame und die Ihren. Herr Oprea schleppt sich jetzt ebenfalls aus dem Haus, nur mithilfe von Gehilfen bewältigt er die wenigen Schritte bis zu seinem von den Elementen längst zerfressenen Sessel. Er scheint zunehmend an das Sitzmöbel gefesselt, kann sich kaum erheben, ist merklich abgemagert; ein Harnkatheder zeugt von seiner schweren Krankheit.
Auch dem Helfer haben alleine die letzten Monate ziemlich zugesetzt, er hat ebenfalls viel an Gewicht verloren, die Kleidung hängt wie in Übergröße von seinem hageren, ausgezehrten Körper. Mit leeren Augen blickt er in eine fahle Welt, eine Welt, die so gar nichts für ihn zu bieten scheint. Seine Präsenz ist derart erschütternd, dass man weinen möchte. Tatsächlich fällt es uns nicht leicht, ihn direkt anzusehen, irgendwie erträgt man den Blick des Gebrochenen kaum. Ein lebender Toter, mag jemanden in den Sinn kommen, ein Mann, der zwischen den Welten hängt, bereits die Rufe des Gevatter Todes vernimmt. Unfassbar traurig ist die Präsenz einer derartigen Verlorenheit, doch was nützt es? Wir sind hier um zu helfen, nicht um uns von trüben Gedanken ablenken zu lassen…

   
   

Bei all den düsteren Aussichten, JETZT sind wir hier, und JETZT startet eine Hilfsaktion, welche unfassbares zukünftiges Leid verhindern wird – das ist alles was im Augenblick zählt; wir müssen mit unserer Arbeit beginnen, schnell, denn leider ist zusätzlich zu der Schwere der Aufgabe ab der Wochenmitte auch noch Schlechtwetter angesagt – wie gesagt, bei längerem Regen wird die Zufahrt zur Herberge sich sehr schnell in eine Schlammwüste verwandeln und es uns dann mit großer Wahrscheinlichkeit unmöglich machen, mit den Fahrzeugen vorzufahren…

Patrick, der Jungtierarzt, beginnt sein Betäubungsblasrohr zu laden, seine Frau Nadja immer an seiner Seite. Wir leeren inzwischen unser Fahrzeug – kaum zu glauben, was der orange Sprinter alles in sich verbirgt, mehrere hundert Kilos an so dringend benötigter Hundenahrung, Kleidung für die alten Leute, Lebensmittel in Hülle und Fülle, angefangen vom Mehl über den Zucker bis hin zu den Konserven, sowie Hygieneartikeln – einfach fantastisch, was wir alles, von Ihnen gespendet, bringen dürfen!

 

Es gilt keine Zeit zu verlieren, und sofort als der Wagen entladen ist, starten wir ohne weitere Verzögerung mit dem Einfangen der Hunde. Die ersten schaffen wir unter Verzicht von technischen Hilfsmitteln, sie lassen sich nichtsahnend einfach hochnehmen – derarts sind drei, vier schnell verladen, aber dann wird das Unterfangen zunehmend schwieriger; die Hunde merken natürlich sofort, dass den Streicheleinheiten und den Lockungen immer ein schneller Zugriff folgt, und so nehmen sie bald mehr und mehr Abstand. Nervosität auf allen Seiten breitet sich aus, greift bald wie ein lähmendes Virus um sich. Nun muss immer öfters der Betäubungspfeil her, und Patrick macht seine Aufgabe ganz hervorragend. Ein Pfeil nach dem anderen trifft das auserwählte Ziel, der getroffene Hund läuft zwar in aller Hast davon, verängstigt durch den Piekser sowie durch das Einsetzen der Wirkung des Medikamentes, nur um aber bald langsamer und langsamer zu werden; die Bewegungen werden unkoordinierter, immer öfters stolpert der Getroffene, bis sich das arme Tiere schließlich in eine stille Ecke zurück zieht und bald tatsächlich einschläft.

Blitzschnell befördern wir die Patienten nun in die wartenden Boxen, verladen diese in den Van und ab geht es in die NetAp-Klinik, dem Himmel sei Dank bloß wenige Kilometer entfernt, wo die Ärztinnen schon auf uns warten! Während wir unterwegs sind, werden die Zurückgebliebenen schon die nächsten Hunde eingefangen haben, das Rad dreht sich und kommt hoffentlich erst dann zum Stoppen, wenn wir sämtliche der nicht kastrierten Tiere eingefangen haben. Es ist fantastisch mitanzusehen, zu erleben, von Stunde zu Stunde gelingt die Zusammenarbeit gleitender, und gegen Mittag sind wir bereits ein ziemlich eingespieltes Team. Nicht immer allerdings funktioniert jede Aktion auf Anhieb perfekt, manchen der Hunde lassen sich einfach nicht erwischen, weichen allen Versuchen wieder und wieder geschickt aus, und so müssen wir schließlich dicke Handschuhe überziehen, um uns vor Bissen zu schützen – wir werden sie in eine möglichst ausweglose Situation drängen und letztendlich fest zupacken! Ein Vorgehen, beileibe nichts für schwache Nerven, aber anders gibt es leider des Öfteren keine Chance… und wie wichtig die schnellstmöglichen Kastrationen möglichst vieler Hunde sind, wer mag es bezweifeln? Allein hier im Asyl, nach dem bitterkalten Winter, gibt es wieder mehrere Welpen, einige der Hündinnen sind zudem läufig! Es ist ein brutaler Wettlauf gegen die Zeit, ein Wettlauf, der unbedingt gewonnen werden MUSS, möchte man künftiges Leid größtmöglich abwenden…

 
   
   

Fotos: purer Einsatz, sonst wäre so ein Projekt nicht zu bewältigen!

Wie die alten Leute mitleiden – für sie bedeutet die gesamte Aktion natürlich einen ungeheuren Stress, und Frau Oprea sitzt bald müde in ihrem Sessel, schläft schließlich in der Mittagssonne ein. Wie die alte Frau da liegt, völlig ermattet, von einem gütigen Herrn in einen sanften Schlaf gewogen, man möchte sie umarmen und erst dann erwacht sehen, wenn all das hier geschafft ist.

Herr Oprea versucht hingegen die Augen offen zu halten, auch wenn ihm das schnell sichtlich schwerfällt – bei den allermeisten Hunden protestiert er, möchte sie sehr unwillig unserer Obhut übergeben. So viele Hunde seien gestohlen worden, von HundehändlerInnen entführt, meint er, von Menschen, welche mit den Tieren gute Geschäfte im Ausland machen. Vielleicht sind wir ja auch solche, wird er möglicherweise denken, er kennt uns ja nicht wirklich! Ob in seinen Vermutungen tatsächlich auch ein Körnchen Wahrheit steckt, oder ob derartige Dinge nur ein Unglaube ist, wir wissen es nicht – andererseits aber, die Tiere in teils wirklich bedenklichem Zustand, allesamt nicht solche, welche ‚im Ausland‘ für viel Geld verkauft werden könnten, diese Fakten lassen doch ernste Zweifel am Wahrscheinlichkeitsgehalt aufkommen. Gerüchte gibt es wohl ständig, sie sind die Achillesferse des Tierschutzes.

Nicht immer gehen unsere Zugriffe ohne Schrammen ab; Gigs zum Beispiel hat riesen Glück, er wird richtig fest in die Hand gebissen, und trotz der Schutzhandschuhe bleibt eine schmerzhafte Schwellung zurück. Auch Babsi bekommt Zähne zu spüren, eine Hündin erwischt meine Wade und zeichnet auf dieser zwei blutige Schrammen. Später trifft das Schicksal noch andere, Tamara und Daniela, die hoch professionellen Tierarzthelferinnen, zum Beispiel, oder auch Alina, das Herz der Aktion; aber gröbere Wunden werden sich bis zur Beendigung des Einsatzes daraus, es sei vorweg genommen, dem Himmel sein Dank nicht ergeben!

Bei fast brütender Hitze, das Thermometer zeigt am Nachmittag 27 Grad, arbeiten wir effektiv und pausenlos, und so dürfen wir uns am späten Nachmittag über die ersten von den Doktoren Susanna, Patrick und natürlich Noemi Kiss perfekt ausgeführten 25 gelungenen OP’s freuen!

 

Dann sitzen wir noch ein Weilchen zusammen, unterhalten uns über den wunderbaren Auftakt, bis wir endlich todmüde zurück in unsere Herberge zu Frau Doina fahren – wo die so Wunderbare bereits ein duftendes Abendessen gezaubert hat…

Der Morgen beginnt trüber als zuletzt; dunkle Wolken ziehen auf, geben eine erste Vorwarnung auf das Versprechen der Wettervorhersage – es soll Regen kommen, ab heute Mittag! So gilt es abermals keine Zeit zu verlieren, wir begeben uns nach einem herrlichen Frühstück sofort in die Klinik. Dort ist das Team schon versammelt, und gemeinsam verladen wir die gestern operierten Hunde in unsere beiden Autos. Der erster Blick auf die PatientInnen beim Öffnen der Kliniktüren, das wissen wir auch aus Bulgarien, ist immer begleitet von hektischer Nervosität, denn so viel könnte schließlich schieflaufen; Gott sei Dank ist über Nacht aber alles gut gegangen, sämtliche Tiere erfreuen sich guter Gesundheit, die Eingriffe fantastisch gelungen. Nur bei einer Hündin hat es gestern Probleme gegeben, doch die so großartigen TierärztInnen sind nach langer Berufserfahrung auf alle Vorkommnisse bestens vorbereitet. In der Tat, es macht richtig Freude, mit einem derart hervorragenden Team zusammen arbeiten zu dürfen – einfach nur wunderbar!

 
   

Foto rechts unten: nicht nur Patrick, auch der Rest des Teams beherrscht das Blasrohr; hier Tamara!

In Fam. Opreas Herberge entlassen wir die Hunde wieder in die Freiheit. Ähnlich wie bei den Projekten in Bulgarien suchen sie nun zuerst einmal ihr Heil in der schnellen Flucht, doch schon nach einigen Minuten kommen die ersten wieder zurück. Warum auch immer, einige der Hunde sind nach dem Eingriff – welcher ja ohne Zweifel ein ziemlich traumatisches Erlebnis für sie sein muss – sogar wesentlich zugänglicher als zuvor. Sie, die sie zuerst oft sehr scheu waren, schleichen schwanzwedelnd plötzlich von sich aus heran, nur um die eine oder andere Streicheleinheit abzuholen.  Ich kann wirklich nicht sagen warum das so ist, aber ich habe es oft mit eigenen Augen bezeugt, und es wäre eine riesen Freude, jene Feststellung irgendwann einmal psychologisch begründet zu wissen…

Heute offenbaren sich uns aber auch viele Verletzungen und Erkrankungen der eingefangenen Hunde; die Vierbeiner sehen auf den ersten Blick zwar relativ gesund aus, doch nach der tiermedizinischen ‚Visite‘  stellt sich heraus, sie leiden an verschiedensten Problematiken. Tumore, wahrscheinlich geschuldet dem oftmals schrecklichen Speiseplan, angefangen vom in Wasser getränktem, teilweise schimmeligen Brot, gestreckt mit irgend einer Brühe, versetzt mit Fleischteilen, deren Verfallsdatum ganz sicher viel zu oft überschritten ist, sind häufig zu sehen. Einer Hündin muss ein Auge entfernt werden, ein Glaukom hatte sicher zu ständigen furchtbaren Kopfschmerzen geführt; ein Rüde leidet an einem Hodentumor, die Hoden auf die Größe von Kartoffeln angeschwollen, die Gebärmutter einer Hündin ist unter Eiter; die diversesten Erkrankungen des Verdauungstraktes zählen dabei zu den harmlosesten Varianten, die Herausforderung für die Veterinäre ist eine immense.

 

Foto unten: die Mittel zur Nahrungsversorgung der Hunde sind bei Fam. Oprea oft sehr beschränkt - eine gesunde Ernährung hält der Speiseeplan daher selten bereit; gerade deshalb sind unsere Futterleiferungen so immens wichtig!

Die Räude konnte nach unserem letztjährigen Einsatz zum großen Teil ausgemerzt werden, dennoch gibt es in einer solchen Umgebung natürlich immer ein paar Hunde, deren Körper von den Spuren des Milbenbefalles gezeichnet sind. Rund um das Oprea-Gelände haben sich zudem viele Straßenhunde angesiedelt, mehr oder weniger geduldet von der Sippschaft innerhalb der Einzäunung. Herein wagen sie sich nicht, selbst bei geöffneten Toren, bestimmt würde ein solcher Schritt einem Selbstmordkommando gleichen. Die Masse der HeimbewohnerInnen würde sie nicht in ihrer Mitte dulden. Diese Hunde sind dann allesamt extrem scheu, wir können sie zwar mit den Räudetabletten versorgen, ummantelt mit Köstlichkeiten, denen sie niemals wiederstehen könnten; doch betäuben und kastrieren, das geht nicht, weil sie bei einem Treffer aus dem Blasrohr sofort das Weite suchen und im undurchdringlichen Gestrüpp ringsum untertauchen würden. Es wäre eine Vergeudung des teuren Medikamentes, mit Null Erfolgsaussicht. Nebenbei, auf Grund des allgemein sehr schlechten Gesundheitszustandes wäre eine zusätzliche Belastung durch einen eventuellen Eingriff dann oft auch gar nicht vertretbar.

   

Abseits des Geländes finden sich auch tote Hunde; ob diese aus der Herberge stammen oder völlig wildlebende gewesen sind, wir wissen es nicht.

 

Der Zustand des Asyls ist nach wie vor ein beängstigender, die Situation für die menschlichen BewohnerInnen eine unfassbar triste. Sie kennen bestimmt noch die Bilder von Herrn Opreas Wohnraum, welchen er mit 30 der Tiere teilt. Ein Leben auf wenigen Quadratmetern, auf einer Matratze am Holzgestell, ein alter Ofen und einem Dutzend von langjährigem Einsatz gezeichneter Töpfe (wie gut, dass wir viele neue bringen konnten…); Frau Opreas Zimmer sehen wir nicht, dafür aber eine sanitäre Anlage, deren Benützung für mitteleuropäische Standards gewohnte Menschen nur mit viel Überwindung möglich wäre. Wie der alternde Helfer wohnt, wir möchten es eigentlich gar nicht so genau wissen; jedenfalls verfällt sein Äußeres zusehends, alleine seit unserem letzten Besuch scheint er um Jahre gealtert, zeigt sich völlig ausgelaugt und gebrochen.  Wie diese Menschen hier ihr Dasein bestreiten, es ist nur schwer zu begreifen; es ist eine Welt gezeichnet von bitterster Armut, inmitten von Bergen von Schutt und Schmutz. Ein Paradies für Ratten, aber selbst deren Existenz ist eine schwierige, viele tote Tiere, wohl von den Hunden erwischt, totgebissen und liegengelassen, bezeugen diese Vermutung…

   

Wir bringen auch drei Welpen raus aus der Misere, besonders die Kleinen haben inmitten des Wahnsinns kaum eine Überlebenschance. Für einen davon, eine herzallerliebste Hündin, findet Babsi auch schnell ein zu Hause - am Abend werden wir die Möglichkeiten abwägen, wie der Welpe nach Einhalt der 21-Tage-Frist nach den entsprechenden Impfungen, nach Österreich kommen könnte!

Aus dem Nichts taucht eine vom Leben geprüfte Hündin auf, fast haarlos, von der Räude schwer gezeichnet. Sie scheint zudem krank, fangen können wir sie allerdings nicht. Es bereitet uns schließlich eine riesen Freude, dass wir ihr wenigstens eine Räudetablette, eingewickelt in eine Leckerei, verabreichen können.

Patrick, der Tierarzt, welcher sich bei diesem Einsatz an erster Front um die Betäubung mittels Blasrohr kümmert, zeigt sich heute in bester Treffsicherheit. Praktisch jeder ‚Schuss‘ sitzt, und so kommen wir mit dem ‚Verliefern‘ der betäubten Hunde kaum nach. Unsere Hauptaufgabe besteht ab heute – gestern mussten ja noch keine Hunde zurückgefahren werden - aus einem Wechselspiel von Zurückbringen und Abholen. Besonders in Anbetracht der Tatsache, dass die mit den OP’s beschäftigten  Ärztinnen und Tierarztassistentinnen eine geradezu sensationelle Arbeit in unglaublich schnellem Tempo machen, ist der Transport eine stark beanspruchende, ermüdende Arbeit; die durchwegs großen, schweren Hunde müssen in die Boxen und diese dann samt des Inhaltes über oft weite Strecken getragen werden, über Stock und Stein und schließlich über die Stiegen in der Praxis  – dazu kommen wir ob der rasanten Geschwindigkeit der VeterinärInnen kaum nach, ständig neue Hunde zu bringen, so blitzschnell geschehen die Eingriffe! Ständig muss ein Hund betäubt, geschoren, markiert, anästhesiert usw. werden, aus den Transportboxen gehoben, auf den OP-Tisch verfrachtet, mit Infusionen versorgt werden; später muss man dann peinlich genau darauf achten, dass den Hunden noch eine Tablette gegen die Räude verabreicht wird, wobei der richtige Zeitpunkt des ‚in den Rachen Steckens‘ ein eng abgegrenzter ist – die PatientInnen sollen zwar unter Einfluss des Narkosemittels stehen, müssen aber andererseits auch wieder schon so weit wach sein, dass sie die Tablette selbstständig schlucken; richtig erwachen dürfen sie selbstredend nicht, ansonsten wäre es zu gefährlich, ihre Münder zu öffnen und das Medikament zu verabreichen! Obwohl, ganz so darf der vorhergehende Satz nicht stehen bleiben, denn es wird sich bald herausstellen, auch das funktioniert ganz gut, das ÄrztInnen-Team hat für alle Gegebenheiten das probate Mittel!

   

Foto: links, ein schwererer Fall von Räude; rechts: die 'Räudetablette' muss verabreicht werden!

Bald haben wir so viele Hunde gefangen, dass der Platz im Zentrum eng wird; nun beginnt ein nicht endend wollendes Umherschlichten der Transportboxen, um ein optimales Ergebnis zu erzielen, keine Öffnungsklappen verstellt sind und immer eine freie Sicht auf jedes Tier gewährleistet bleibt – damit man eventuelle Probleme in der Aufwachphase sofort erkennt. Schwerarbeit pur, und nur durch das Zusammenwirken so vieler hoch engagierter TierfreundInnen und der umsichtigen Koordination Alinas (übrigens die Präsidentin von Pet Hope, einer lokalen Tierschutzorganisation) möglich…  

Am Ende des Tages blicken wir auf mehr als 30 Eingriffe zurück, zusätzlich sind  28 Hunde bereits rücküberführt in die Herberge! Die Müdigkeit ist nun eine nicht zu verleugnende, und so freuen wir uns auf nichts mehr als auf eine heiße Dusche – und auf Frau Doina’s immer besonders liebevoll zubereitetes Abendmahl!

Der nächste Tag beginnt leider mit der erwarteten Enttäuschung – es regnet in Strömen! Ob wir tatsächlich überhaupt etwas arbeiten können? Es wird sich alsbald herausstellen…

 

Gigs und Gitte müssen uns heute leider verlassen, auf die beiden warten zu Hause in Österreich Verpflichtungen. Allerdings, entgegen den ursprünglichen Plänen einer frühen Abreise möchten sie noch beim Zurückfahren der Hunde mithelfen – wie großartig das ist, denn zum einen sollten die Armen schnell wieder aus den kleinen Boxen kommen, zum anderen ist dies, wir haben es bereits erwähnt, eine sehr anstrengende und schwere Arbeit. Auch die Verfügbarkeit eines zweiten Transportfahrzeuges ist in Wahrheit nicht mit Gold aufzuwiegen, ansonsten müssten – und werden es ab morgen tun - wir wohl die meiste Zeit des Tages mit der Verfrachtung verbringen!

So steigt ein Teil des Teams zu uns in die wartenden Autos, und los geht es in Richtung Asyl. Eine gespannte Stimmung beherrscht die Atmosphäre, wissen wir doch von der Schwierigkeit der Durchquerung des Weges ab der befestigten Straße. Und wir werden nicht enttäuscht… Schon die erste Kurve abseits des Asphaltes und hinein in die ausgewaschenen Rinnen lässt  Böses erahnen. Dennoch gelingt die Zufahrt letztendlich ein bisschen problemloser als erwartet, obwohl sich die Reifen alsbald, nun von einer dicken Schlammschicht überzogen, sichtlich schwer tun, Halt zu finden. Dann kommt der besagte Anstieg, Gigs in der Führungsposition; wir halten ein wenig Abstand, und sind damit gut beraten! Schon rutscht der Nissan-Bus zurück, ein weiterer Anlauf verschlimmert die Situation. Schließlich geben wir auf – wir lassen die Fahrzeuge auf der geraden Strecke zurück, tragen die Hunde in ihren Boxen über den Hügel zurück in ihr zu Hause. Natürlich aber würde so ein Vorgehen bei allen zurückzubringenden und abzuholenden Tieren eine irrsinnige Kraftaufwendung erfordern, besonders bei Menschen, welche jetzt schon gezeichnet sind von der Schwere der Aufgabe der vergangenen Tage. So sondieren wir die Lage; es gibt auch eine zweite Zufahrt, mit tiefen Schlaglöcher und ausgewaschenen Furten durchzogen, aber dort scheint der Untergrund selbst härter zu sein. Diese Strecke wurde wohl irgendwann zumindest planiert, sodass sie obgleich der tiefen Pfützen nicht einen derart tiefen Morast zulässt – ok, wir werden es versuchen, bei der nächsten Fahrt, mit mulmigen Gefühlen allerdings, im Wissen der Gefahr, wenn wir dort stecken bleiben, versinkt mit dem Fahrzeug im selben Augenblick – die Piste ist einspurig - die Hoffnung auf eine Befreiung aus der misslichen Lage. Nur, wir haben keine andere Wahl!

 

Foto: der Wagen von Gigs bleibt im Schlamm stecken - nur mit Mühe können wir ihn wieder aus dem Matsch befreien!

Fam. Opreas Herberge gleicht ebenfalls sehr bald einer Schlammwüste, eine unwirtliche Umgebung durchzogen von Eisenschrott- und anderen Abfällen. Ist das Areal selbst bei Sonnenschein schon trist genug, wirkt es bei Schlechtwetter wie das Abbild eines schlimmen Traumes. Verrostetes Metall, zerfallendes Holz, der Boden mit Tierknochen übersät, Schlamm und Schmutz, tote Ratten, dazwischen überall Hunde, die Schutz vor der Witterung suchen, Menschen in Agonie gefangen, all das prägt ein Bild in den Kopf, welches man nur allzu gerne schnellstmöglich vergessen möchte. Nur, der Versuch gelingt nicht; und selbst wenn doch, in besonders zerbrechlichen Momenten zaubert das Gehirn den Eindruck wieder hervor und quält die Gedanken…

Foto: außerhalb des Geländes finden sich die Überreste vieler Tiere, auch jene von Hunden...

Patrick, der Tierarzt, ist trotz der widrigen Bedingungen in seinem Element – und so können wir uns bald über 9 betäubte Hunde freuen, Hunde, welche in Zukunft keine Kinder mehr zeugen oder in die Welt setzten werden, in ein Dasein, dass, welche Schande, nichts für sie übrig haben würde…

Zurück geht es zur Klinik, wir allesamt nass bis auf die Knochen; schnell werden weitere Hunde verladen, und schon geht es wieder zur Herberge. Nach dem Entladen gilt es aber leider auch Abschied nehmen von Gigs und Gitti, wir werden sie die nächsten Tage ganz bestimmt sehr vermissen. Es sind zwei fantastische Menschen, die uns da so oft begleiten; sie opfern ihre Zeit, belasten ihre Finanzen, sammeln beständig alles Nützliche, nur um Mensch und Tier in schlechter Lage behilflich die Hand zu reichen. Ich bin irrsinnig stolz, solche Menschen zu meinen besten Freunden zählen zu dürfen…

   
   

Fotos: Gigs und Gitti im Dauereinsatz!

Patrick hat inzwischen weitere Hunde betäuben können, doch die Umstände werden nun immer widriger. Dennoch trifft erneut ein Pfeil, doch bevor die Betäubung wirkt, schafft es der Arme, sich unter einem tonnenschweren Container zu verkriechen. Wir können ihn darunter zwar sehen, versuchen ihn mit den Händen zu erreichen, aber schaffen keinen Zugriff – zu tief steckt der arme Kerl zwischen Metall und schmutziger Erde fest! Jetzt kommt Hektik auf, wir sollten den Hund bergen, unbedingt, denn die einsetzende Kälte, gepaart mit der Nässe, würde für den schlafenden Patienten schnell zur Gesundheitsgefahr. Eine Unterkühlung passiert rasch, guter Rat ist teuer. So legen wir uns schließlich in den Matsch, schaffen es mit dem Kopf unter den Eisenbehälter, aber die Schultern sind zu breit. Hastig fragen wir nach Schaufel und Krampen, graben bald wie in Trance in die steinharte Erde. Dann bricht auch noch der Stil der Spitzhacke, wir setzen die Arbeit mit bloßen Händen fort. Der Erfolg scheint unmöglich, doch wir geben nicht auf. Zentimeter für Zentimeter graben wir uns ein, Babsi versucht in die Enge vorzudringen. Erfolglos. Wieder graben wir, noch einmal, fast schon mechanisch, bald schlammüberzogen, wird ein weiterer Rettungsversuch gestartet.

Schließlich schaffen wir das nicht mehr Geglaubte; ich kann den Hund am Rücken irgendwie packen, ziehe ihn ein kleines Stück, rutsche mit den Beinen nach, und plötzlich gelingt es tatsächlich ihn festzuhalten. Der Betäubte bekommt vom Ganzen nichts mit, schläft bereits tief und fest. Ich arbeite mich zurück ins Freie, Stück für Stück – und letztendlich ein letzter Ruck – mit freudestrahlendem Gesicht geht es zurück in die Freiheit, mit mir der Schlafende! Die Erleichterung ist eine riesengroße, nun können wir beruhigt den Weg zurück zur Klinik antreten!!!

   
   

Fotos: alle Bilder dieser Serie copyright Salome Heid!

Für das Außenteam ist nach der ‚Ablieferung‘ eine kurze Pause angesagt, es gilt die Kleidung zu wechseln und ein klein wenig Kraft zu schöpfen. Barbara und ich fahren zurück zu Frau Doina, der Herzensguten, mit im Gepäck haben wir für sie - eine Hündin! Frau Doina hat übermorgen Geburtstag, und weil wir wissen, sie möchte gerne wieder tierliche Gesellschaft neben den Katzen, Hühner und Schweinen, die durch ihren Garten trollen, was liegt näher als diesen Wunsch zu erfüllen? Und wir haben uns für eine besonders Süße entschieden, eine mittelgroße Hündin mit langen Haaren und unfassbar ergreifenden Blick: kurzum, eine solche, in die man sich auf der Stelle verlieben muss!!!

Ja, und die Wahl dürfte tatsächlich eine gute gewesen sein, denn auf Anhieb scheint sich die Liebe in Frau Doina’s Reich zu Hause zu fühlen – wer aber würde das nicht? :)

 

 Foto: die wundervolle Frau Doina, mit ihrer Enkelin Anna sowie Struppi!

Die wunderbare Frau hat uns auch schon wieder ein Mittagessen gekocht, und nach einem schnellen Kaffee und der ansatzweisen Trocknung der regennassen Kleidung geht das Wechselbad der Gefühle an diesem Tag auch schon wieder in die nächste Runde! Die Sonne hatte sich gerade hinter dem Horizont hervorgewagt, aber genau in jenem Augenblick als wir den Wetterwechsel überhaupt erst registrieren, beginnt es leider erneut zu regnen. Es hilft nichts, wir holen die beiden TierarztassistentInnen Daniela und Tamara sowie Tierärztin Susanna ab, und zusammen mit Alina, der guten Seele des Einsatzes, geht es wieder ins Asyl. Als wir dort ankommen, bricht der Himmel, ein Inferno aus Regentropfen, dicht an dicht, macht uns die Arbeit umso schwerer. Wie sollen wir unter diesen Bedingungen Hunde einfangen, jetzt, wo sich wirklich alles, was kreucht und fleucht, in großer Hast befindet, nur um einen halbwegs trockenen Fleck zu finden?  Zuerst suchen wir entlang des Außenzaunes nach jenen Hunden, welche offensichtlich im Heim nicht willkommen sind; es handelt sich dabei um zum größten Teil kranke und verletzte Tiere, von der Hundertschaft der AsylbewohnerInnen ob deren Zustandes nicht geduldet! In einem von den Elementen zerfressenen Container finden sich schließlich zwei besonders arme Individuen; jene Hündin, welche wir gestern zum ersten Mal zu Gesicht bekamen, geschuldet der Räude fast ohne Fell, und eine zweite, deren lange Haare völlig verfilzt wie bleierne Fremdkörper an ihr kleben. Beide Hunde sind in besonders schlechtem Zustand, beide benötigen dringend Hilfe – und beide haben in der riesigen Metallbox Schutz gesucht, ein Umstand, der uns in dieser Situation sehr entgegen kommt! Wie gesagt, im Freien wäre es fast unmöglich die getroffenen Hunde im Wirrwarr der Umgebung wiederzufinden, aber hier  in dem begrenzten Raum – eine perfekte Wendung des Schicksals!!! Tatsächlich gelingt es uns den schmalen Zugang halbwegs zu blockieren, und Daniela kann mit dem Blasrohr schnell zwei Treffer landen! Während eine Hündin, jene mit den Fellklumpen, fast augenblicklich zusammensackt, versucht die Räudegeplagte zu entkommen. Zwischen den Füßen der Frauen hindurch schafft sie es tatsächlich irgendwie ins Freie, wo ich aber auf sie warte und sie im letzten Moment am Nacken packen kann – sie wehrt sich nach Liebeskräften, versucht, die Hand zu beißen, aber geschwächt wie sie nun mal ist, lassen ihre Kräfte bald nach. Wie gut, denn ich hätte sie auch kaum länger festhalten können, wäre ihre Gegenwehr nicht zunehmend erlahmt…

 

So schön, dass wir die beiden einfangen konnten, wie dringend sie doch die Hilfe der ÄrztInnen brauchen… Später bekommen sie alle möglichen Medikamente, angefangen von Antibiotika über Augensalbenpräparate, die Fellklumpen werden vom geplagten Körper rasiert! In den nächsten Tagen wird es ihnen durch diese Gaben sehr viel besser gehen, verspricht die Veterinärin! Wie wir hoffen, dass sich ihre Worte in der Realität erfüllen…

Noch immer aber wollen wir nicht den Tag beenden. Es regnet nun in Strömen, Donnergrollen verheißt nichts Gutes, und urplötzlich geht der ohnehin Regen in ein schweres Prasseln über. Dicke Tropfen, wohl die Vorstufe zum Eis, fallen vom Himmel, ein echtes Unwetter beherrscht die Szenerie. Erinnern Sie sich, der große, alte Mann aus dem Norden, wie schien er doch längst besiegt! Aber Todgesagte, so sagt das Sprichwort, leben länger – Kältestarre Körper erleben sein Comeback am eigenen Leibe! Herr und Frau Oprea ist die Anspannung ins Gesicht geschrieben, Hektik, hie und da durchzogen von beinahe Hysterie, für die beiden gestaltet sich der Einsatz jeden Tag mehr zur Nervenzerreißprobe. Sie, die seit Jahren keine Menschenseele auf dem Grundstück geduldet haben, sehen sich plötzlich tagtäglich umringt von einem halben Dutzend TierschützerInnen, immer auf der ‚Jagd‘ nach ihren Lieblingen. Wir können mitfühlen, aber in diesem Falle gibt keine Alternative. Anders würde, sicher wie das Amen im Gebet, sehr bald eine neue Welpenschwemme einsetzen, würde das Unglück ein Prolongiertes sein.

Selbst im Haus versuchen wir nun Hunden habhaft zu werden; einige davon sind inzwischen wirklich aggressiv, fast ein Wunder, dass bisher nur sehr wenige Beißattacken passiert sind…

   

Unter dem Haus, in jenen Kellerräumen, von welchen wir schon bei den letzten Einsätzen berichtet hatten, finden sich ebenfalls viele Hunde. Wie schwer es ist, dort im Dunkeln mit dem Blasrohr einen Treffer zu laden, und nicht nur einmal müssen wir in den wenig mehr als halbmeterhohen Raum kriechen, um einen letztendlich Getroffenen zu bergen – was uns dabei zusätzlich Kopfzerbrechen bereitet, ist die Tatsache, dass immer mehrere Hunde in der finsteren Enge untergekrochen sind, und wir nicht ausschließen können, von diesen in der sehr beklemmenden Situation angegriffen zu werden!

Der doch gefährliche Einsatz hat sich aber dann sehr gelohnt; mit vier weiteren Hunden treten wir den Rückweg an, nass, müde, abgekämpft, aber glücklich ob des Erfolges! Und der multipliziert sich dann auch noch, denn allesamt sind diese PatientInnen mit zusätzlichen gesundheitlichen Problemen behaftet – hätten wir sie nicht mitnehmen und in Folge behandeln können, ihre Schmerzen wären in vielen Fällen bald unerträglich geworden!

Gegen 6 Uhr abends verlassen wir die Klinik – das NetAp-Ärzteteam arbeitet noch weiter an medizinischen Aufgaben, wo wir nun aber viel mehr im Weg stehen würden! Die Schweizer ‚Abordnung‘ war auch gestern nachts nochmals zurück in die Klinik gekehrt, Dr. Kiss hatte sie nach einer letzten Kontrolle gerufen: eine Hündin musste notoperiert werden, ihr Bauchraum mit Gas gefüllt…
Je länger man im Tierschutz zu tun hat, einen desto höheren Stellenwert nimmt im Allgemeinen die Kunst der VeterinärInnen und deren AssistentInnen im eigenen Gedankengut ein. Es ist einfach unfassbar, was diese Menschen schaffen, welchen Unterschied ihr Dasein ausmacht. Wenn sich dann auch noch welche, wie in unserem Falle die gesamte 'Belegschaft', ehrenamtlich an derartigen Kampagnen beteiligen - Kampagnen, welche ohne eine solche Hilfe fast unmöglich umzusetzen wären - dann verenigen wir uns umso mehr in tiefer Demut. 

 

Foto: die so fantastische Tierärztin Susanna untersucht den herzensguten Nero!

Am Weg zurück zu Frau Doina halten wir bei einem in Temeswar gastierenden italienischen Zirkus. Der hat Löwen, Tiger, Flusspferde mit sich, sogar ein Krokodil! Allerdings, wie fast erwartet, wird uns der Zutritt verweigert – wir müssten hierfür eine Eintrittskarte lösen. So schleichen wir noch um das Gelände, erhaschen einige Blicke auf die Trostlosigkeit, können ein paar Bilder machen (welche wir für die übernächste Woche geplanten Kundgebungen gegen den Wildtiere mitführenden Zirkus Krone in Bayern gut gebrauchen werden), und ziehen uns im am eigenen Körper schmerzvoll erlernten Wissen der immer wieder unter Beweis gestellten Unberechenbarkeit der ‚Mitglieder der fahrenden Gesellschaft‘ zurück…

 

Frau Doina’s neuer Lebensbegleiterin geht es ganz hervorragend; sie wirkt entspannt, scheint ihr neues zu Hause schon völlig angenommen – wie schön!!!! Noch immer neigt sich der Tag nicht dem Ende zu, gilt es doch wichtige Schreibarbeiten zu erledigen; doch dann freuen wir uns darauf, noch eine Tasse heißen Tee mit Frau Doina zu genießen, und später fast noch mehr - nach diesem doch sehr, sehr anstrengenden Tag - auf die Wärme des wartenden Bettes!!! 

Der nächste Morgen beginnt erneut nicht erfolgsversprechend; schwere Regenschauer haben die Nacht über angedauert, den Boden noch mehr in einen Morast verwandelt. Zwar haben die Niederschläge zur frühen Stunde aufgehört, aber düstere Wolken überziehen weiterhin den Himmel, aus welchen es schon bald erneut zu regnen beginnt. Wie wird sich heute die Piste hin zum Asyl präsentieren? Ob wir sie überhaupt noch befahren können?

Im Kastrationszentrum ist die Mann-/Frauschaft bereits versammelt und fiebert trotz der widrigen Umstände dem Einsatz entgegen. Nun, da die Endphase des Projektes anbricht, möchten wir natürlich noch einmal alles geben, möglichst viele Hunde der OP unterziehen! Heute ist eine zusätzliche lokale Tierschützerin mit großem Eifer mit dabei, Diana, welche wir schon von einem vergangenen Einsatz kennen: sie war auch beim so erfolgreichen Kampf gegen die Räude ein unentbehrliches Mitglied des damaligen Teams!

   

Fotos: Diana und Christina, zwei unentbehrliche Stützen von Pet Hope!

Das Auto ist schnell mit den gestern Operierten beladen, jene, die schwerere Eingriffe benötigten – viele Tumore wurden entfernt und allfällige außertourliche Wehwechen kuriert – sollen aber noch einen Tag in der Obhut des Tierkrankenhauses bleiben. Besonders wegen des schlechten Wetters machen wir uns in diesen Fällen Sorgen, denn Nässe gepaart mit Kälte und vor allem Schmutz sind die größten Feinde ausheilender Wunden.

Kaum als wir das Asyl erreichen, öffnet der Himmel seine Schleusen erneut, die Wetterbedingungen gestalten sich ob der Elemente als extrem schwierig. ‚Colt Alb‘, ‚White Fang‘, wie sich Fam. Opreas Hundeheim nennt, verwandelt sich zusehend in eine unwirtliche Öde, und weil sich deshalb die Hunde mehr und mehr in möglichst geschützte Plätze zurückziehen, wird es von Minute zu Minute schwieriger ihrer habhaft zu werden. Auch die Bereitschaft der Hausbesitzer uns zu dulden schwindet, der Stress und die Aufregung der letzten Tage haben deutliche Spuren auf ihren Gesichtern hinterlassen. Um es nochmals zu erwähnen, man darf in solchen Situationen nicht nach mitteleuropäischen Maßstäben messen, diese Menschen hier haben sich über die Jahre hinweg mehr und mehr zurückgezogen, völlig enttäuscht von ihren Mitmenschen. Sie fühlten sich von allen alleine gelassen, und von denen, die Hilfe versprachen, betrogen. Und natürlich, die menschliche Gesellschaft in einem solchen Ausmaß über einen derart langen Zeitraum hinweg bringt naturgegeben neue Problematiken mit sich. Zudem müssen wir alle Räume untersuchen, überall verstecken sich ja Hunde. Die Privatsphäre existiert unter den gegebenen Umständen kaum, sie ist eine ausgesetzte, für eine ganze lange Woche.  Aber nichts desto trotz, die alten Leute halten sich gut, im Innersten wissen sie selbstverständlich, dass die Kampagne unbedingt nötig war und ist.

 

Foto: Alina, Frau Oprea, Tom und der Helfer, mit den Schützlingen!

Aber nicht nur ihnen drückt der massive Zugriff von TierschützerInnen, die, wenn auch im Versuch möglichst viel Gutes zu tun, sämtliche Räumlichkeiten und Ecken durchsuchen, aufs Gemüt, auch für die Hunde ist die Situation keine leichte. Nervosität hat sie ergriffen, mehr und mehr, und so bellen sie oft ununterbrochen, manche zeigen vermehrte Aggression.

Während die TierarztassistentInnen mit dem Blasrohr unterwegs sind, HelferInnen getroffene Tiere nicht aus den Augen lassen (bei der Ansammlung von Zivilisationsmüll am Gelände gibt es tausende Versteckmöglichkeiten), besteht unsere Hauptaufgabe heute in den Fahrten von und zur Klinik. Die Piste hält entgegen den Befürchtungen doch ganz gut, einige brenzlige Augenblicke gibt es dennoch – zum Beispiel, als uns in der 'Wildnis' ein anderer Van entgegenkommt, von wo her auch immer, und ein Ausweichmanöver praktisch nicht möglich ist. So gestaltet sich das aneinander Vorbeifahren an der eigentlich einspurigen Strecke zur Millimeterarbeit, immer in Gefahr abzurutschen und das entgegenkommende Fahrzeug dabei zu rammen…

 

Foto: 'Colt Alb' arbeitet mit einfachsten Mitteln, eine Herausforderung für Mensch und Tier - hier die Futterküche, im Bild links der gebrochene Helfer - wir werden speziell ihm auch beim nächsten Einsatz wieder Kleidung und andere Artikel mitbringen!

Eine Schreckensnachricht gibt es aus der Klinik, wo wir inzwischen drei Welpen untergebracht haben;  die Kleinen zeigen Symptome von Pavo, jener furchtbaren Hundekrankheit, welche bei Infektion vor allem für junge Tiere viel zu oft tödlich endet. ‚Unseren‘ dreien wird es besser ergehen, wir sind davon überzeugt!

Noch immer nicht hat der für die verheerende Seuche verantwortliche Virus, übertragen über die Nasen- und Maulschleimhaut, seinen Schrecken verloren, Legionen von Hunden sind ihm seit Anbeginn der Domestizierung zum Opfer gefallen…

Der Regen wird nun immer stärker, dennoch gelingt es uns erneut einige Hunde einzufangen; 9 werden es bei Abbruch der Aktion sein! Dann sind alle Beteiligten völlig durchnässt und wir brechen ab. Nach vorsichtigen Schätzungen dürften nun nicht mehr als 5 bis 10 der bei den Opreas beheimateten Hunde nicht kastriert sein, ob wir die alle erwischen, der morgige Tag wird es weisen!

Eine besonders herzergreifende Episode möchte ich Ihnen nicht vorenthalten – wir konnten heute eine Hündin einfangen, welche sich immer in Begleitung einer anderen, bereits kastrierten, vor uns zeigte. Als wir den Einsatz abbrechen wollten, bemerkten wir, diese treue Partnerin hatte sich in den Wagen hineingeschmuggelt, wollte ihre Freundin im Transportkäfig nicht im Stich lassen, unbedingt begleiten… Schweren Herzens mussten wir sie schließlich aus dem Wagen bringen, spätestens übermorgen aber wird sie ihre Wegbegleiterin wiederhaben!

 
  Foto: unfassbar, die treue Freundin! Wer hier keine Träne verdrückt...

Den Abend beenden wir mit der obligatorischen Kundgebung; wieder werden staunende PassantInnen mit Gevatter Tod konfrontiert, der vor einem Transparent mit der Aufschrift ‚Stop Killing Stray Dogs‘ Platz genommen hat, gemeinsam mit in einer Tierschützerin in Hundemaske. Ein einsetzender Platzregen beendet dann den Auftritt, nach mehreren diesbezüglichen Verhaftungen in Rumänien diesmal mit friedlichem Abgang! :)

 
   


Der Wecker läutet wieder wie immer viel zu früh; obwohl das Erwachen selbst sowieso schon weit vorher passiert ist, Gedanken den Geist nicht zur Ruhe kommen lassen wollten, fällt das endgültige Aufstehen trotzdem schwer. Die Müdigkeit hängt längst wie ein Gewicht aus purem Blei an den schmerzenden Knochen, und nur ein dampfender Kaffee schafft es, den Kreislauf letztendlich wieder in Schwung zu bringen. Hätten wir hier nicht die so wunderbare Frau Doina, sie kümmert sich wie eine liebende Mutter um uns, all die Anstrengungen der vergangenen Tagen würden noch wesentlich heftiger Tribut fordern…

Wir finden uns bald wieder im Sprinter, auch an dem treuen Fahrzeug ist die Herausforderung nicht spurlos vorübergegangen. Im Innenraum klebt der Schmutz der vielen Einsätze, auch einige Schrammen waren  nicht zu verhindern, die Karosserie von einer Schlammmasse verunstaltet.

   
   


Das Team aus der Schweiz erwartet uns bereits. Sofort werden wieder Hunde verladen, einige der PatientInnen, jene mit zusätzlichen Verletzungen und Erkrankungen, müssen aber noch einen weiteren Tag in der Klinik verbringen. Tatsächlich müssen wir später auch zwei aus dem Asyl abholen, rück-überführen, sie haben sich leider die OP-Wunden blutig geleckt…

Leider meint es das Wetter erneut nicht gut mit uns; schon von der Frühe weg ziehen immer wieder gewittrige Schauer über das Land, längst in Matsch getaucht präsentiert sich die Landschaft. Nur mit etwas Mühe und Geschick gelingt es uns überhaupt, die Fahrzeuge über die Piste hin zu Fam. Oprea zu lenken.

 

Foto: das linke Auge der Wunderhübschen musste leider entfernt werden...

Je länger die Aktion dauert, desto angespannter wird die Atmosphäre; die Hunde sind übernervös, immer wieder versuchen einzelne die TierschützerInnen zu attackieren. Und nicht nur die, einige –meist gehandicapte - Tiere selbst werden des Öfteren angegriffen. Wie schrecklich, ein alter, fast zahnloser Schäferhund ist so ein Opfer, mehrere Male stürzen sich seine MitbewohnerInnen auf ihn, und nur unser schnelles Eingreifen rettet ihm schließlich bei einem weiteren, dieses Mal besonders entsetzlichen Überfall das Leben. Der Arme trägt auch Bisswunden davon, nicht zuletzt deswegen packen wir ihn in eine Box und bringen ihn auf schnellstem Wege in die Klinik. Jetzt wird auch immer offensichtlicher, wie viele der Hunde in schlechtem Zustand sind; immer wieder finden wir welche, die schwer angeschlagen ihr Dasein bestreiten. Würden sie nicht behandelt werden, ganz bestimmt würde ihre Lebensuhr sehr bald den letzten Tick tun! Ein schwarzer Rüde, er dürfte schon recht alt sein, konnte sich bisher ständig den Versuchen ihn zu betäuben entziehen. Heute gelingt es aber, ihn in eine Box zu lenken, wo es dann ein Leichts ist, das Blasrohr gezielt einzusetzen. Patrick macht seinen Job wie immer hervorragend, und als der Arme schließlich schläft, offenbart sich uns alles Unglück dieser Welt – es manifestiert sich in Person dieses geschundenen Individuums vor unseren Augen! Der Kranke hat kaum mehr Haare am Körper, ist abgemagert, von einem Hodentumor geplagt. Überhaupt, dass so viele der Tiere an Krebs erkrankt sind, lässt uns beinahe fassungslos zurück. Es gäbe wohl tatsächlich kaum mehr Hoffnung, nicht für dieses Häufchen Elend vor uns und auch nicht für die anderen, wären wir nicht vor einigen Monaten auf diese Herberge gestoßen. Über kurz oder lang hätte das große Sterben eingesetzt, und auch so sind über den Winter hinweg wohl viele gestorben; jedenfalls waren beim letzten Einsatz um Weihnachten noch fast 150 Hunde vor Ort, nun, zu Frühjahrsbeginn, dürften es nicht viel mehr als 120 sein… Was wäre wohl passiert, hätte sich niemand um ‚Colt Alb‘ gekümmert? Ich fürchte, es wäre zum Ort des Todes geworden, ein unaufhaltsames, langsames Sterben hätte eingesetzt, Besitz ergriffen von den Lebewesen hinter den Asylmauern. Übrig geblieben wäre nicht mehr als eine Randnotiz in der Gesellschaft. Falls überhaupt, denn die Frage ist, hätte irgendjemand überhaupt von der Katastrophe mitbekommen? Wahrscheinlich schon, eines Tages, aber erst dann, wenn es zu spät gewesen wäre…

Wieder setzt strömender Regen ein; irgendwie gestaltet sich die Szenerie gepaart mit der Kälte und der Nässe fast unwirklich, an jeder Ecke, hinter jedem Strauch bellende Hunde, aufgeregte Menschen, welchen die Betreuung wohl längst über den Kopf gewachsen war, dazwischen ein paar TierschützerInnen, klatschnass und immer ruhiger werden, jede/r einzelnen von uns längst Gefangene/r der jeweils eigenen Gedanken.

 

Doch noch möchten wir nicht aufgeben; immer noch ein weiterer Hund soll eingefangen werden, denn wer weiß, wie lange es dauert, bis wieder ein derart großer Einsatz geplant werden kann?

Ich möchte Sie verschonen mit allzu vielen einzelnen Schicksalen, wie zum Beispiel jenes eines mittelgroßen Hundes, der – zwar vom Pfeil längst getroffen – einfach nicht einschlafen möchte; er kann sich kaum mehr auf den Beinen halten, versucht weiterhin sein vermeintliches Heil in der Flucht, und selbst eine Mauer gebildet aus mehreren Menschen kann ihn nicht aufhalten. Er stürzt und strauchelt, inmitten der überall herumliegenden Risikofaktoren wie scharfkantigen Steinen, Glasscherben, Zivilisationsmülles, erhebt sich wieder, setzt sein Flucht fort, wird aufgrund seines für die MitbewohnerInnen sehr sonderbaren Verhaltens von diesen angegriffen. Wir gehen sofort dazwischen, dennoch muss letztendlich ein zweiter Versuch mit dem Blasrohr vonstattengehen, aber selbst nun entfaltet das Betäubungsmittel nicht seine volle Wirkung. Der mutige Patrick packt den Armen am Ende direkt am Nacken, weil er einfach nicht einschlafen möchte, und befördert ihn auf diesem Wege mit viel Gefühl in eine wartende Box.

 

Geschehnisse wie diese, sie zehren sehr an der Substanz; sie verfolgen den müden Geist bis in die späten Nachtstunden hinein, ein Abschalten wird fast unmöglich. Ich habe es oft erwähnt, doch je älter ich werden, desto bewusster wird mir: ja, man schafft es, diese Traurigkeit zu überdecken, sich abzulenken, seinen Weg fortzusetzen. Aber Verdrängung bedeutet nicht gleichzeitig Vergessen, und irgendwann, vielleicht eines fernen Tages, vielleicht auch schon morgen, werden sich diese Bilder aus den hintersten Winkeln des Gehirns wieder ihren Weg in die Realität bahnen. Wie wir am Ende des Tages damit umgehen werden, die Zeit wird es weisen. Ich für mich persönlich glaube fest daran, wir verfügen in unserem Innersten über zwei Gefäße für die emotionale Gefühlsebene, welche abwechselnd mit guten und mit belastenden Erlebnissen gefüllt werden. Der Inhalt dieser beiden Behältnisse sollte sich bestmöglich die Waage halten; tut er das nicht, überfordern wir die eine Hälfte, solange, bis die Waagschale kippt, und spätestens ab diesem Zeitpunkt wird man vor einer gewaltigen Herausforderung stehen - nämlich jener, auch weiterhin die Balance im Leben zu halten.

Am späteren Nachmittag beenden wir den Einsatz endgültig; wir haben beschlossen keine Hunde mehr zu fangen, zurück in die Klinik zu fahren und dort die Arbeit weiter fortzusetzen. Im Zentrum gibt es nämlich jede Menge zu tun, schließlich sind gut 16 PatientInnen vor Ort! Morgen werden wir dann als Abschluss zumindest  die meisten der Hunde zurück bringen (jene mit schwereren Krankheiten oder wo umfassendere Eingriffe notwendig geworden sind, bleiben noch bis Montag, manche, so stellt es sich später heraus, müssen sogar über Wochen hin weiter behandelt werden, zum Beispiel im Falle zweier Chemotherapien), leider in eine ungewisse Zukunft, aber nichts wird uns davor abhalten, alles zu geben, damit diese möglichst, möglichst positiv ausfällt!

 

Wir durften heute übrigens auch zwei Katzen von Frau Doina zur Sterilisation bringen, wofür wir den TierärztInnen sehr dankbar sind! Und eine weitere, unfassbar gute Nachricht gibt es: wir haben ein neues zu Hause für die besonders arme, räudegeplagte Hündin von gestern gefunden, sie wird in einigen Wochen nach Österreich reisen dürfen!!!!

Übrigens ist dieser Tag ein großer – Frau Doina, der gute Engel, hat Geburtstag, ihr 71.! So sitzen wir am Abend trotz aller Möglichkeit noch etwas zusammen und erwärmen uns an wunderbaren Geschichten.

   

Samstag, der Tag der Abreise! Nach einer erneut kurzen Nacht gilt es noch einige der Hunde rückzuführen. Nun, da sich die Kampagne langsam dem Ende zuneigt, fahren wir bloß zu dritt – es müssen heute ja keine Hunde mehr gefangen, sondern nur welche nach Hause gebracht werden. Ja, Sie mögen nun vielleicht einwenden mögen, was ist das denn für ein zu Hause? Es ist das einzige das sie haben, so die kurze, traurige, aber alleinig wahre Antwort. Solange sich nicht mehr Menschen entscheiden, Hunde wie jene von Colt Alb zu adoptieren, solange Hunde vom Züchter gekauft werden, obwohl in anderen Ländern Legionen ein furchtbares Dasein leben, einen furchtbaren Tod sterben, solange sich Regierungen nicht zu echten, effektiven Hilfsprogrammen aufraffen, solange wird es keinen Ausweg aus der Misere geben. Drehen wir es wie wir wollen, es ändert nichts an der Tatsache, dass diese Problematik eine der schlimmsten Schanden der Menschheit  darstellt. Wir können unser Versagen kaschieren, von größeren Herausforderungen faseln wie zum Beispiel der Flüchtlingskrise, dennoch, egal wie sehr wir uns im vermeintlichen Fortschritt in lichte Höhen erheben werden, all das ist null und nicht im Angesicht des Hochverrates an jenen Geschöpfen, die wir einst der Wildheit entrisse und zu unseren Gefährten machten. Haben sie nicht unsere Tierherden beschützt, unsere primitiven Behausungen, unseren Aufschwung aus der Barbarei in eine Zivilisation erst möglich gemacht? Haben wir all das vergessen, nun, da wir uns allmächtig fühlen, ihre Dienste vielleicht nicht mehr so dringend benötigen? Wie können wir von Kultur und Zivilisation sprechen, von Aufklärung und vor allem Menschlichkeit, wenn wir die ‚besten Freunde‘ des Menschen derart behandeln?  ‚Die besten Freunde‘ des Menschen, alleine diese Formulierung entlarvt unser hässlichstes Gesicht, der grausame Umgang mit ihnen stellt einen Spiegel in unserer Seele dar.

 

Wir brauchen Luzifer nicht in unseren Ängsten heraufbeschwören, nein, der Gehörnte lebt in uns drinnen, und die Bestie hat Besitz von uns ergriffen - sie ist bei Gott noch längst nicht zu Erliegen gekommen. Oft wird in verschiedenen Zusammenhängen von ‚Gottes vergessenen Kindern‘ gesprochen – wir brauchen sie nicht zu suchen, nein, denn auf den Straßen und Müllhalden dieser Welt leben sie, und sie laufen auf vier Beinen…

Frau Oprea empfängt uns; sie, sichtlich erleichtert, dass alles so gut gegangen ist, ein so großer Erfolg erreicht werden konnte – tatsächlich wurden rund 70 Hunde kastriert und rund 30 weitere auf verschiedenste Krankheiten behandelt!!! – und gleichzeitig tief gerührt. Sie und die Ihren, wir haben sie nicht vergessen, sind zurückgekommen, einige von uns nun schon zum 4. Mal, und wir werden auch in Zukunft kommen, denn die Arbeit hier, die ist noch lange nicht fertig getan. Dieses Versprechen ringt sie uns ab, und sie wird sich darauf verlassen können, schon bald wieder das Brummen des orangen Lieferfahrzeuges zu hören.

 

Foto: copyright Salome Heid!

Nichts, aber auch gar nichts, wird uns davon abhalten, bald wieder mit einer großen Wagenladung voll Hundenahrung zu kommen; wir sind eine große Verantwortung eingegangen, und, Gott ist unser Zeuge, wir werden uns dieser würdig erweisen – Dank Ihrer Hilfe! Bitte helfen Sie uns zu helfen, die Hunde von Frau Oprea, die Tiere dieser Welt, sie brauchen uns, und zwar jede/n einzelne/n!!! Nur zusammen können wir diese Welt und ihre düsteren Schandflecken zu einem besseren Ort für uns alle gestalten, so viel ist sicher.

Der Weg nach Hause ist ein weiter; wir denken an Frau Oprea und die Ihren, aber auch an unsere TierschutzfreundInnen aus Temeswar; überhaupt an alle jene, die an Ländern wie Rumänien, Bulgarien usw. an vorderster Front für die Tiere kämpfen. Sie haben die wirklich schwerst denkbare Aufgabe; während wir im Resteuropa zwar auch mit Problematiken in diesem Zusammenhang belastet sind, vor allem an der psychischen Belastung derartiger Einsätze leiden, kommen wir doch immer wieder zurück in unsere noch immer heile Welt, können abschalten, und hin und wieder ist da auch jemand, der unser Tun gutheißt, sogar stolz auf uns ist. Jeder Mensch, es ist gewiss, genießt auch mal ein Schulterklopfen oder ein paar nette Worte. 
Im Osten aber, da gibt es derartige Bekundungen kaum; im Gegenteil, alle jene, die sich in ihrer Freizeit um Tiere kümmen, oft ihr letztes Geld für die Armen geben, diesen wird auch noch das soziale Netz entzogen und sie werden immer weiter in die Außenseiterrolle gedrängt. Wie stark müssen diese Menschen sein, wir können sie nur zutiefst bewundern... Danke, dass es Euch trotz all diesen Widrigkeiten gibt, Ihr seid einfach großartig!!!

Fotos: nicht nur wir, auch der Transporter braucht nach dem Einsatz eine Grundreinigung! :) Wir putzen den gesamten Innenraum mit dem Dampfstrahler, dann muss noch eine Schicht keimtötendes Desinfekt aufgetragen werden - zu groß ist die Gefahr, Hundekrankheiten mitzuführen... Zu guter Letzt, nach drei Stunden intensiver Arbeit, geht es in die Wasschstraße, um auch noch die kontaminierte Erde vom Unterboden zu entfernen...


 

Foto: diese Hunde brauchen uns - und wir werden keine Sekunde nachlassen, ihnen alle Hilfe zukommen zu lassen, die uns möglich ist!!!

 



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