7. Kastrationsprojekt in Breznik - der große Bericht!


Zaghaft, ganz vorsichtig noch, zeigte sich die Sonne am über weite Stellen wolkenverhangenen Firmament. Sie verhieß ein kleines Versprechen, leise Hoffnung, ganz so, als ob es die Götter eventuell doch noch gut mit uns meinen würden – entgegen den vergangenen Tagen sollte der heutige nämlich zumindest trocken bleiben, wenn auch mit sehr gedämpften Temperaturen: eigentlich ein ideales Reisewetter, vielleicht ein gutes Omen für das, was die nächsten Tage folgen könnte... und wahrhaft, ein gutes Omen sollten wir brauchen, nun, da uns die Ostautobahn wieder fest in ihrem Griff hatte – waren wir doch wieder unterwegs, dieses Mal über Rumänien nach Bulgarien, zu einem Punkt mehr als 1400 Kilometer entfernt von zu Hause: Breznik rief, bereits zum 7. Mal in Folge würden wir die kommenden Tage damit verbringen, möglichst viele Straßentiere einzufangen, um dieser einer immens wichtigen Operation zu unterziehen, welche dann die einzige Möglichkeit darstellt, unvorstellbares künftiges Tierleid zu verhindern...

 

Wir hatten fast nicht mehr daran geglaubt, dieses Jahr noch eine derartig groß angelegte Kampagne starten zu können; so viel Arbeit rundherum, so viel zu tun, die Zeit zum Faktor geworden, ein Faktor, der nicht immer das zulässt, was Unaufschiebbar scheint; denn ‚Unaufschiebbar‘ ist doch in Wahrheit alles, alles was getan werden muss, um die Not der Tiere zumindest zu mildern... Nur leider verfügt das Jahr nur über 365 Tage, der Tag nur über 24 Stunden und die Stunde nur über 60 Minuten...


6 Mal waren wir jetzt schon in Breznik gewesen, dort unweit von Pernik, einer 75 000 Einwohner-Stadt gut 50 Kilometer von Sofia entfernt. Breznik ist eine kleine Ansiedlung, rund 10 000 Menschen bevölkern das Städtchen und seine Nachbargemeinden, aber genau deswegen hatten wir den Platz dereinst gewählt – denn hier, da können wir im Gegensatz zu zum Beispiel Sofia mit unseren doch leider beschränkten Mitteln wirklich einen Unterschied ausmachen! Da, wo noch nie jemand zuvor, und noch nie jemand anderer bisher, eine solche Kampagnen gestartet hatte, wo das Straßentierproblem aber prozentuell bestimmt kein geringeres ist als in den Metropolen! Hier können wir den Menschen zeigen, wie unfassbar wichtig Tierschutz in all seinen Facetten ist, hier können wir mit gutem Vorbild vorangehen, einem Beispiel, welches bemerkt, gesehen und vielleicht dann sogar eines Tages kopiert wird! :)

 
   
   

Fotos: Rumänien-Impressionen!

Rund 600 Hunde und Katzen haben wir in den letzten Jahren in Breznik kastriert, und hätten wir das nicht getan, es wären inzwischen wohl hunderte Straßentiere erschossen, vergiftet, überfahren, verhungert und anderswertig zu Tode gekommen. So aber (an-)erkennen die Menschen zunehmend unsere Bemühungen, und die allermeisten der von uns als zeugungsunfähig markierten Streuner leben seit dem Start der Kampagnen unangetastet in der Gesellschaft. Ist ein Tier nämlich mit der Kennzeichnung versehen, dann erachten die Menschen es auch als grundlegend gesund und dementsprechend wird es nicht verfolgt. So einfach scheint das, und in Wahrheit ist es auch so...

Nicht zuletzt verhindern die Kastrationsprojekte deshalb nicht nur Leben, sie retten ein solches auch, immer und immer wieder.

 

Foto: unser Banner gehisst vor dem Kastrationsgebäude!

Einmal mehr, fast schon im Monatstakt, durchqueren wir also wieder die pannonischen Ebenen; Günther ist wieder der Reisebegleiter, er, der schon so oft an vorderster Front mitgearbeitet hat! Die Autobahnen Ungarns präsentieren sich heute ganz nach unseren Wünschen angenehm verkehrsarm. Nur einmal, an einer Baustelle, welche die Zusammenlegung von zwei Spuren auf eine zur Folge hat, gibt es einen kurzen Stau, aber ansonsten erreichen wir mehr oder weniger störungsfrei die rumänische Grenze. Es ist jetzt schon früher Abend, aber trotz der fortgeschrittenen Stunde ist es draußen angenehm warm. Tatsächlich zeigt das Thermometer unerschrocken 19 Grad, aber als sich die Sonne langsam hinter das düster und düster werdende Firmament zurückzieht, fällt das Quecksilber erwartungsgemäß recht schnell in den einstelligen Bereich. Gegen 18 Uhr abends erreichen wir unsere erste Destination dieser am Ende hoffentlich erfolgreichen Reise. Frau Doina, der gute Engel von Temeswar, weiß gar nichts von unserem Kurzbesuch, wir wollten ihn nicht vorab verraten, weil sie ansonsten – wir kennen sie inzwischen gut genug für eine solche ungewagte Analyse - ganz sicher in großen Stress gekommen wäre, um uns mit einer üppigen Mahlzeit zu empfangen! :)

 

Foto: Frau Doina, Tom, Günther und Struppi!

So stehen wir einfach vor der Tür, die Überraschung ist eine dementsprechend freudige! Ja, wir haben auch ein lang versprochenes Geschenk mitgebracht; vor Monaten hatte die gute Frau nämlich davon erzählt, einen Häcksler für kleinere Gartenabfälle und Äste zu erstehen, und Günter war es nun tatsächlich gelungen, ein solches Gerät aufzutreiben! Wie schön, dass wir der Lieben einmal wirklich helfen konnten, nun, nachdem sie so oft unser rettender Anker so vieler Fahrten gewesen ist! Struppi begrüßt uns ebenfalls überschwänglich, sie, die wir aus dem Kastrationsprojekt bei Fam. Oprea nun auch schon wieder vor gut 8 Monaten in dieses wunderbare Zuhause gebracht haben gedurft!!!

   

Wir finden uns bald wieder, eine Tasse duftenden Kaffee in den nun schon etwas klammen Händen, in tiefgründigen Gesprächen versunken. Es gilt, zusammen den Tod des so großartigen Pater Bernos zu bedauern, und ich bin ganz sicher, irgendwo da oben hat er uns mit seinem ihm eigenen Lächeln zugesehen und dabei eine leise Träne von den Wangen gewischt…

Doch dann müssen wir auch schon wieder aufbrechen; noch liegen gut 2 Stunden Fahrt vor uns, wir wollen wir noch Rudi’s kleines Caritas-Zentrum in Nadrac erreichen. Für dort haben wir natürlich wieder eine ganze Menge an Kleidung. Dingen des täglichen Bedarfs sowie Hundefutter eingepackt, füttert der Gute doch als wohl einziger Mensch des gottverlassenen Ortes die Straßenhunde der einstigen Metropole…

 

Die Fahrt vergeht wie im Fluge; die neue Autobahn tut ihr übriges beim ungewohnt schnellen Vorankommen, und bald erscheint die Abzweigung Richtung Nadrac; von nun an geht es hinein in die vielbesagte ‚Einbahn des Lebens‘. Bis zu den Füßen der Karpaten wird uns der schmale Weg führen, eine Sackgasse über gut 20 Kilometer hinweg, in der beim Erreichen der Destination der Verlauf der Zivilisation endet!

   
 

Foto: das in die Jahre gekommene kleine Caritas-Zentrum, mit dem süßen Straßenhund, der auf Rudis Essensmenü wartet! rechts: so viele Güter konnten wir wieder bringen!
unten: Tom, Rudi und Günther, dahinter Marius!

Gegen halb 10 Uhr abends sind wir letztlich am Zielort; Rudi und sein Sohn Marius erwarten uns, wie immer mit Tränen in den Augen. Welche Wiedersehensfreude! Wie sehr uns die beiden im Laufe der Jahre ans Herz gewachsen sind!

Für eine Tasse Tee und herzerwärmende Gespräche muss noch Zeit sein, dann aber freuen wir uns sehr auf die weichen Betten, und schnell fallen wir in einen traumlosen Schlaf.

Kaum geht die Sonne auf, läutet auch schon der Wecker; er gibt ein beständiges Bellen von sich, der eingestellte Klingelton bringt den Körper aus vielmaliger Erfahrung sofort in Schwung: Kläffen bedeutet schnellstens raus aus den Federn, es gibt heute viiiiiel zu tun!

Rudi und Marius warten bereits mit einem üppigen Frühstück, doch bevor wir uns darüber hermachen, gilt es noch den Sprinter zu entladen. Eine ganze Menge haben wir wieder mitgebracht, von den so dringend benötigten Medikamenten bis hin zur Kleidung ist wieder alles dabei. Sogar ein Laptop wechselt den Besitzer, das kleine Caritas-Zentrum ist seit einem Computerschaden vor einem Jahr ohne Netzzugang geblieben…

Auch Hundefutter wechselt den Besitzer, versorgt doch Rudi ganz nebenbei auch immer die Straßenhunde, welche sich um das Gebäude angesiedelt haben. In freudiger Erwartung sehnen diese übrigens bereits unsere Berührung herbei, im Wissen, sie erhalten nach deren Erhalt immer ganz besondere Leckereien! :)

 


Das Zentrum harrt einer dringenden Sanierung. Der Zustand des Gebäudes hat sich in den letzten Monaten rapide verschlechtert, seit mehr als 40 Jahren steht das Haus nun und nicht zuletzt aufgrund der Wetterkapriolen, die inzwischen fast jede Region weltweit betreffen, präsentiert es sich zunehmend von den Elementen zernagt. Tatsächlich ‚zieren‘ grobe Risse die Wände, an vielen Stellen hat die eindringende Feuchtigkeit hässliche Flecken hinterlassen. Oft treten diese Wasserrückstände gleich neben den Stromleitungen aus, was wohl für zusätzliche Brisanz sorgt. Bereits beim letzten Mal haben wir auch schon über die Stützmauer berichtet, die nun völlig von vom Berg herabkommenden Wassern unterspült ist und sich gefährlich weit zur Seite neigt – gerade dort, wo täglich Dutzende Kinder und bedürftige PensionistInnen vorbeimüssen, am Weg, ihre täglichen Mittagsmenüs abzuholen, welche Rudi und sein Team für mehr als 100 hilfsbedürftige Menschen bereiten!

Unterstützung ist versprochen, die Gemeinde hat die Grundrenovierung dem Himmel sei Dank zugesagt; die Bauarbeiten sollten auch alsbald beginnen, aber – wir sind hier eben in Rumänien, und da passieren die Dinge nicht immer exakt nach Plan…

 

Die Uhr zeigt nun bereits nach 9, wir müssen dringend weiter; es liegen noch gut 800 Kilometer zwischen uns und dem Ziel des heutigen Tages, ein kleines Motel in der Nähe von Breznik – wo unser Kastrationsprojekt nun schon zum 7. Mal in Folge stattfinden wird!

Das Navi errechnet für die Strecke knappe 8 Stunden – ein Wert, es sagt die Erfahrung, der bei weitem nicht einzuhalten sein wird, schlängelt sich doch der Weg durch enge Pässe und meist schmale Landstraßen!

 

Der Himmel meint es gut mit uns, nach der frostigen Nacht kommt bald die Sonne hervor, und das Thermometer soll auf gut 20 Grad steigen! So verabschieden wir uns mit einer festen Umarmung, wie immer wischt sich Rudi verschämt seine Tränen aus dem Gesicht. Und auch unsere Wangen zeigen Spuren von Flüssigkeit, ein Fakt, den wir wissentlich übersehen und ganz auf coole Männer machen!

 

Alsbald ist Nadrac dann nur noch eine Fußnote dieser Reise; das Städtchen verschwimmt im Rückspiegel, verschwindet schnell aus der Sicht. Jetzt ist der Blick vorwärtsgerichtet, es geht durch die wunderschönen Berge, die mitreißende Landschaft breitet sich wie ein bunter Teppich vor uns aus. Überall finden sich Kühe, Pferde, nahezu allesamt leider auf kurzen Pflöcken angebunden, mit wenige Bewegungsfreiheit ausgestattet – aber wenigstens im Freien, schießt es uns durch den Kopf! Schafherden ziehen durch das Gebiet, bewacht von riesigen Hütehunden; irgendwo im Schatten schläft der Schäfer, im 100 %igen Vertrauen auf seine vierbeinigen Gefährten werden seine Gedanken wohl bei der Liebsten sein!

 

 

Am Weg in Richtung Süden besuchen wir wie jedes Mal das kleine Felsenkloster, gehauen in eine steile Granitwand, ein stiller Ort des Friedens, des Nachdenkens; ein solcher also, wo wir schnell noch ein Gebet in Richtung Himmel senden: mögen die Götter mit uns sein alles gut gehen auf der beschwerlichen Reise…

 

Am Parkplatz hat ein Tiertransporter Halt gemacht; der dreistöckige Anhänger ist vollgeladen mit Schweinen. Dicht aneinandergedrängt harren die Armen dem was kommen wird; ganz sicher, sie wissen es, es wird die erste und letzten Reise für sie sein, ein Ausflug ohne Wiederkehr, direkt in den Rachen der Hölle. Es ist ein sehr beklemmendes Gefühl die Armen zu fotografieren, ja, es bereitet tiefen Schmerz zu erahnen, dass sie in den nächsten Stunden ihr bestimmt trauriges Dasein, von Todesangst geplagt und von einer Welle der Gewalt überrollt, in irgendeinem schmutzigen Schlachthof aushauchen werden – weil irgendwo anders, in einem sauberen Restaurant, irgendjemand denkt, ‚es muss heute Fleisch sein‘ – und dabei übersieht, dass die Sauberkeit nur den Tod und das Verderben kaschiert, und die pure Angst, die er/sie als einzige Gerechtigkeit mit isst…

 
   
   

 Je weiter wir nach Süden vordringen, desto enger werden die Straßen; mühevoll bahnt sich der Sprinter seinen Weg, die 129 PS dringend benötigt für die schwere Last. Durch die Berge geht es manchmal nur mehr im Schritttempo, etwa wenn ein LKW vor uns fährt und das Überholen unmöglich oder wenn der Verkehr nahe den wenigen Städtchen plötzlich dichter und dichter wird. Gepaart mit der beginnenden Hitze sowie der seelischen Belastung – eine unfassbare Anzahl von toten Tieren, vor allem Hunde, liegen mit starren Augen am Straßenrand, Blutlacken trockenen in der Herbstsonne – ergibt sich eine enorme Anstrengung für Körper und Geist.

Erst gegen 17 Uhr sind wir an der bulgarischen Grenze, dort, wo früher die Fähre eine zusätzliche Bürde für die Reisenden darstellte, überspannt heute eine riesige Brücke die Donau. 6 Euro kostet die Überfahrt, genug, aber verglichen mit den 50, welche noch vor wenigen Jahren für das Schiff zu berappen waren, eine eher angenehme Summe!

 

Überall finden sich Hunde am Straßenrand, lebende wie tote; es ist kaum vorstellbar, welche Tierdramen sich tagtäglich abspielen auf den Wegen des Ostens. Bleibt man für eine kurze Rast stehen, erscheinen sofort einige dieser Ausgestoßenen, ausgehungert, meist unfassbar scheu gegenüber Menschen; aber der Hunger zwingt sie in unsere Nähe, es ist wahrhaft eine Schande, was wir an den ‚besten Freunden des Menschen‘ angerichtet haben… und nicht Abstand davon nehmen, dieses grässliche Verhalten fortzusetzen!

Natürlich füttern wir die Armen, aber mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein, und nicht einmal das, kann ein solcher Versuch der Nächstenliebe dann nicht sein…

 
   
   

Bald ist es stockdunkel; jetzt wird die Fahrt noch gefährlicher, gibt es doch über weite Strecken hinweg keine Beleuchtung, nicht einmal Straßenbegrenzungen. Zusätzlich wächst an vielen Stellen die Vegetation in den Fahrweg hinein, das Asphaltband selbst verdient dessen gebräuchlichen Namen nun kaum noch; zerborsten präsentiert es sich, mit Schlaglöchern übersäht, von Frost und Regen ständig bearbeitet, aufgebrochen.

Gegen 10 erreichen wir Sofia, die Schöne. Ein Meer aus Lichtern begleitet uns, jetzt haben wir nur noch 25 Kilometer vor uns. Plötzlich kommt die Autoschlange aber, trotz der späten Stunde, zu Stehen – ein Stau, um diese Nachtzeit, kostet uns weitere, mindestens 30 Minuten. So erreichen wir das Motel dann erst gegen 11, todmüde. Gleich vor der Schlafensstätte wird uns nochmals jäh bewusst wie wichtig die kommende Arbeit sein wird: unten aus dem Tal ertönt ein fortwährendes Hundegeheule, wie es wohl nur von vielen, vielen Kehlen verursacht werden kann…

 

Noch gilt es einiges aufzuarbeiten, aber gegen halb 1 fallen wir in die wartenden Betten, eine unruhige Nacht sollte es zudemwerden! Dies ist zum einen geschuldet der Vorahnung auf die folgenden, ganz bestimmt äußerst beschwerlichen Tage, zum anderen auch dem kleinen Motel, wo die günstige Rate ihren Preis verlangt… das Surren von irgendwelchen Motoren die ganze Nacht hindurch ist dabei nur eines von mehreren Mankos, auch das von der Parkplatzbeleuchtung einfallende Licht, nicht auszublenden, tut genau wie die allgemeine Lärmkulisse innerhalb der Hotelanlage sein Übriges, um immer wieder aus dem Schlaf hochschnellen zu lassen…

 

Der Morgen kommt dann doch und viel zu früh. Die Temperaturen, tagsüber war es spätsommerlich warm, sollten in der Nacht auf unter Null gesunken sein, und da die Heizung in den Räumen nicht funktionierte, macht die Kälte den müden Knochen mehr zu schaffen als wir es uns wünschen würden. Das fortschreitende Alter fordert seinen Tribut, keine Frage!

Schon finden wir uns wieder am Weg in das betagte tierärztliche Gebäude von Breznik; einmal mehr konnten wir es leihen, es wird uns für die jeweiligen Kampagnen vom Bürgermeisteramt kostenlos zur Verfügung gestellt (natürlich nutzen die PolitikerInnen das Tun auch für ihre Zwecke; welche Stadt sonst noch weist ein eigenes Kastrationsprogramm auf, noch dazu eines, welches dann die Stadtvätern und –müttern keinen Cent kostet?).

Rumi ist bereits vor Ort, beginnt schon mit den Ausstattungsaufgaben – sie, die unermüdliche Kämpferin, unsere wahrlich unentbehrliche rechte Hand in allen Bereichen! Ohne solche Stützen wäre ein derartiges Projekt unmöglich umzusetzen, weder rechtlich und arbeitstechnisch zu schaffen. Sie ist übrigens mit Lyubo gekommen, welchen wahrscheinlich die meisten eifrigen RespekTiere-Newsletter-LeserInnen ebenfalls schon kennen. Auch er war nämlich bei allen bisherigen Einsätzen dabei, als unwahrscheinlich geschickter und unfassbar mutiger ‚Hundefänger‘ hat er seine Unentbehrlichkeit oft genug unter Beweis gestellt. Der Gute beherrscht das Betäubungsgewehr wie kein zweiter, und sehr viele der über 600 bisher kastrierten Straßenhunde würden noch heute weiter Welpen zeugen, wäre Lyubo nicht an unserer Seite!

 

Zusammen fahren wir dann gleich in eine kleine Ortschaft am Ende der Welt; dort wohnt Rumis Mutter, nur, weil sie die hiesigen Hunde versorgt, welche ansonsten keinerlei Betreuung hätten. Trotz ihres Alters harrt sie deshalb an einem Ort aus, der ähnlich wie Nadrac viel mehr in der Vergangenheit weilt als im Hier und Jetzt. Aber auch er ist aussterbend, von den einstigen wohl über 100 BewohnerInnen sind nur mehr 15 geblieben, die Gebäude ringsum verfallen und leer. Es gibt keine Möglichkeit einzukaufen, Brot bringt ein Bäcker einmal die Woche mit dem Auto. Für den Rest sorgen die hauseigenen Gärten, was die Natur hergibt und was Freunde, Familie und Bekannte bei gelegentlichen Besuchen bringen…

Wir haben nur kurz Zeit, die Arbeit ruft; die Abholung der Transportkäfige für Hunde, bei Rumis Mutter eingelagert, passiert schnell und effektiv. Uns dienen die Gitterkästen beim Einfangen der Straßentiere und später nach der OP zur Erholung und sicheren Verwahrung der PatientInnen. Die Zeit bis, und dann wieder nach der OP, werden die Hunde oder Katzen darin verbringen müssen, nach 24 Stunden fahren wir sie dann wieder zurück in ihre angestammten Reviere. Befreit von der Last, je wieder für Nachwusch sorgen zu müssen…

   
   

Zurück im kleinen Saal wartet schon Dr. Diana Rangelowa, kurz ‚Didi‘ genannt, auf uns; auch mit ihr verbindet RespekTiere eine langjährige Freundschaft, sie, die von der wohl besten Tierärztin gelernt hat (Sie erinnern sich vielleicht noch an Marietta, mit ihren kaum 30 Jahren und schon über 30 000 durchgeführten Eingriffen, welche bei den ersten Kampagnen unsere Tierärztin war), und nun selbst eine Koryphäe im Straßentier-Kastrieren ist! Noch so jung an Jahren bringt sie bereits soooo viel Erfahrung mit, zudem beherrscht sie ihr Handwerk wie kein/e Zweite/r! Reni ist auch wieder mit dabei, Maria hilft, und selbstverständlich Vania, extra jeden Tag aus dem mehr als eine Stunde entfernten Sofia kommend, und gleich den anderen eine unsagbar wichtige Stütze des ganzen Projektes – auch sie ist von Anbeginn an dabei!

Bald kommen auch schon die ersten Menschen mit ihren Haustieren; leider müssen die meisten der gebrachten Hunde noch immer an der Kette leben, doch alleine, dass sie selbstständig zur Kastration gebracht werden, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Nichtsdestotrotz sieht man nun auch in Breznik Hunde an der Leine, die zum Gassigehen ausgeführt werden – vor nur wenigen Jahren eine absolute Unvorstellbarkeit!

Jeder dieser Hunde hatte wohl schon zig-mal Nachwuchs gehabt, Welpen, für die im harten Alltag Bulgariens kein Platz ist. Welpen, deren Dasein oft schon wieder erloschen war, bevor sie überhaupt wirklich zu leben begonnen hatten…

 

 

Bereits am Vormittag erscheint ein Journalist von einer lokalen Zeitung. Er möchte gerne über das Projekt berichten, führt auch gleich verschiedenste Interviews. Eines davon ist sogar mir gewidmet, schon am nächsten Tag erhalte ich dazu den Internet-Link. Was genau geschrieben wurde, weiß ich allerdings nicht – der Artikel ist in kyrillischen Buschstaben verfasst!

Unter diesem Link können Sie das Interview (zumindest theoretisch :)) nachlesen: https://zapadno.com/2017/10/13/австриецът-томас-в-брезник-ако-някой-и/

 

Fotos: Rumi und Tom im Gespräch mit JournalistInnen!

Lyubo, Günther und ich machen uns nun auf den Weg; als erstes führt uns der Pfad ins Stadtzentrum, wo wir wie erwartet gleich mehrere Hunde antreffen. Leider sind sie allesamt furchtbar scheu, wohl aus schlechter Erfahrung Menschen gegenüber, aber letztendlich gelingt es uns dennoch, zwei davon zu fassen und hin zum OP-Saal zu geleiten. Die anderen werden wir im Laufe der kommenden Tage wiederholt füttern, um ihr Verhalten vielleicht dadurch ruhiger und nahbarer zu erleben!

Die Zeit vergeht wie im Flug; es ist ein Hetzen von einem Ort zum nächsten, nicht überall sind wir erfolgreich. Aber dennoch, der Behandlungsraum beginnt sich langsam zu füllen!

   

 

Überall am Weg sehen wir, wie in ganz Bulgarien zu beobachten, Herden von Schafen oder Ziegen, die über weitflächige Landstriche ziehen; immer sind sie dabei sorgsam bewacht von hütenden Menschen und ihren großen Schäferhunden. Auch viele Kühe grasen auf riesigen Flächen, obwohl einige davon dann wieder an Ketten oder langen Stricken angepflockt sind, welche ihnen bloß eine minimale Bewegungsfreiheit zugestehen; besonders die Pferde sind diesem Schicksal hilflos ausgeliefert, eines davon zum Beispiel - auf unserem Weg vom Motel zum OP-Saal sehen wir es jeden Tag – muss 24 Stunde auf diesen wenigen Quadratmetern aushaaren, ausgesetzt den Elementen, der brütenden Sonne gleichermaßen wie Wind und Wetter. In diesen Punkten müsste längst ein Umdenken stattfinden, würde man meinen, aber an solch brutalen und grausamen Methoden scheint die Tradition immer noch entgegen aller Vernunft den Verstand zu besiegen.

 

Am Nachmittag fahren Lyubo und Vania irgendwohin in die Berge, dort, wo Vania eine kleine Hütte besitzt. Natürlich füttert sie selbst an dem entlegenen Ort mehrere Straßenhunde, und eine davon, eine wunderschöne Hütehündin, gelingt es tatsächlich einzufangen.

Währenddessen lenken Günther und ich den Sprinter zur Abfallhalde; dort haben wir in der Vergangenheit immer Streuner finden müssen, doch dieses Mal sollten wir keine erspähen – warum auch immer. Der Ort selbst ist ein Zeugnis der Verlorenheit der menschlichen Seele. Außerhalb von Breznik gelegen, auf einem der umliegenden Berge, nur über fast nicht befahrbare Feldwege zu erreichen (unmöglich bei Regen oder Schnee), wird der gesamte Zivilisationsmüll einfach in eine ausgehöhlte Kuppe eingelagert. Wind und Wetter entführen fortwährend Plastikreste und andere Abfall aus der Senke und tragen die hässlichen Spuren der Zivilisation bis weit in die umliegende Landschaft hinein.

Roma-Frauen dursuchen die Abfallberge nach verwertbaren Materialen, wie zum Beispiel Plastik, während einige Männer, in zerrissener Kleidung und bei schlechter Gesundheit, um einen aus selbigen Müll notdürftig zusammengebauten Tisch traurigen Geschichten nachhängen. Sie verraten uns später, tiefer in dieser Welt, irgendwo im nächsten Tal, wären sehr viele heimatlose Hunde, dorthin sollten wir fahren. Werden wir auch, aber ob der fortgeschrittenen Stunde wohl erst in den folgenden Tagen.

 
   



Beim alten Schlachthof finden wir Mesto wieder, einen uralten riesigen Hund, welchen wir schon vor Jahren kastriert hatten. Wie jedes Mal freut er sich auf gar rührende Weise uns zu sehen, folgt unseren Schritten und wird natürlich reichlich für seine Hingabe belohnt! :)

 

Foto: Lyubo mit dem wunderbaren Mesto!

Auch in den verfallenen Ruinen, wo sich sonst immer Hunde aufhielten, finden wir heute keine. Dafür aber unten am Stadtrand, bei den schrecklichen Blocks, und diese sind extrem scheu; kein Wunder, die Schandtaten an ihnen sind Legende, oft, meist, einfach nur darum begangen, weil die BewohnerInnen der Anlage sich durch deren Gebell gestört fühlten. Es gab, vielleicht erinnern Sie sich, dort einmal einen Hund, welcher von einem ständigen Zittern erfasst war, ganz so als sonst nur jene Hunde, welche Staupe überlebt hatten und nun von sogenannten ‚Staupeticks‘ geplagt werden. Warum er die neurologische Störung hatte? Weil er sich einst in den Block hinein verirrte, für Augenblicke war er wohl der Verlockung dort Essbares zu finden erlegen; wo ihn aber schließlich ein Mann über mehrere Stockwerke hinweg hetzte und fing, nur um ihn dann aus dem geöffneten Gangfester zu werfen – aus der 4. Etage…

Leider können wir keinen aus der Meute fangen; aber auch hier gilt: durch die Fütterung werden sie langsam zutraulicher, die Chance steigt, dass wir sie dann morgen oder übermorgen fassen können. Wenn nicht, dann muss das Betäubungsgewehr ran – obwohl auch damit die Erfolgsaussichten eher gering sind, denn es gibt in der Umgebung abertausende Versteckmöglichkeiten, welche genutzt werden, um die Betäubung unangetastet auszuschlafen!

 

Foto: überall tauchen Hunde auf, es ist wirklich unfassbar...

Letztendlich arbeiten wir bis fast 21 Uhr im Saal; punktegenau 20 Kastrationen sind schließlich passieret, wobei noch vier Hunde und 3 Katzen bis morgen Früh auf die OP warten müssen. Der letzte Patient ist ein großer Jagdhund, welcher an einer schweren Infektion der Hoden leidet. Fast ein halbes Kilo hat das kranke Testikel, aber es ist nicht sein einziges Problem. Der Halter erzählt stolz, die klaffenden Wunden an den Seiten und am Auge wären von einem Wildschwein verursacht worden, mit welchem der Arme gekämpft hatte… Ob das Wildschwein den Kampf überlebt hätte? Ein nahezu psychopathisches Lächeln, fast bemitleidend, ist die Antwort. Jäger, was seid Ihr bloß oft für ein armseliges Volk…

Fotos: ein Jäger bringt seinen Hund; dessen Testikel sind beängstigend angeschwollen, sein Auge tief verletzt durch das Hetzen auf ein Wildschwein...

Erneut wird die Nacht eine kurze; die Uhr zeigt bereits 1 Uhr morgens, bis endlich alle Arbeit erledigt ist und wir zur Ruhe kommen. Nur fünfeinhalb Stunden später läutet aber der Wecker des Telefons schon wieder den neuen Tag ein, und es bleibt nicht einmal Zeit für eine Tasse Kaffee – die Hunde und Katzen im OP-Saal warten bereits auf die morgendliche Versorgung!

So sind wir ganz schnell wieder im Gemeinderaum von Breznik, der seinerseits übrigens wohl auch schon wesentlich bessere Zeiten erlebt hat; aber hier passt es dennoch gut für uns, es ist trocken, ruhig, wir bekommen Strom mittels Verlängerungskabel, zudem ist eine Stelle mit fließendem Wasser vorhanden. Eine Toilette gibt es auch, allerdings im stockdusteren Keller, wo ein Kübel mit Wasser bereitsteht – die Spülung funktioniert nicht, aber Ansprüche zu stellen wäre an einem solchen Ort dann vollkommen fehl am Platz.

 

Kaum haben wir den Arbeitstag eröffnet, taucht erneut eine Journalistin auf, dieses Mal eine vom Fernsehen. Sie hat einen Kameramann im Schlepptau, und beginnt sofort unser Team zu interviewen – wunderbar, auf diese Art und Weise erfahren ganz viele Leute von den RespekTiere-Kampagnen, und nebenbei noch vom Tierschutz allgemein, denn wir dürfen immer auch Tipps und unsere Anliegen an die hoffentlich zahlreichen ZuseherInnen weitergeben!!!

 

Starke Rücken- und Kopfschmerzen plagen mich dieser Stunden; so kann ich schließlich am eigenen Leib erfahren, wie gut das Schmerzmittel wahrscheinlich auch für die Hunde wirkt – Dr. Diana verabreicht es mir mittels einer nur ganz leicht schmerzhaften Injektion, und tatsächlich fühle ich mich bald viel besser!

 

Kurze Zeit später fahren Lyubo und ich los, um zwei gestern operierte Hunde an ihren Stammplatz zurückzubringen. Dort füttern wir natürlich auch die immer anwesenden Straßenhunde, manche davon völlig ausgehungert. Später geht es ein Stück hinauf in die nahen Berge, dort, in völliger Alleinlage, ist ein kleines Restaurant. Ein Notruf hatte uns erreicht, eine große Hündin würde einige Babys in der Umgebung versorgen. Noch am Weg, bei einem Hotel (in Fakt jenem, wo wir sonst immer geschlafen hatten, wo aber dieser Tage kein Zimmer mehr zu bekommen war), wollen wir nach einem anderen Streuner sehen – und tatsächlich, er liegt dort in einer extra für ihn aufgestellten, aber leider ziemlich armseligen, Hundehütte und schläft tief und fest. Wir müssen froh über diese ‚Unterbringung‘ sein, denn noch vor 2 Jahren war der Arme auch schon dort beheimatet gewesen, über viele Jahre hinweg – und der hing dabei, selbst in seiner völligen Abgeschiedenheit und Einsamkeit, an einer Kette. Bis er davon befreit worden ist…

   

 

Einige Male in Folge hatten wir ihn in den letzten Tagen einzufangen versucht. Leider schlugen die diesbezüglichen Unternehmungen immer fehl. Unfassbarer Weise gelingt es uns heute, so tief war sein Schlaf, so gefangen in den Träumen von einer besseren Welt, unbemerkt einen Transportkäfig am Hütteneingang zu platzieren. Blitzschnell hebt Lyubo nun von hinten den Bretterverschlag hoch, und bevor der Rüde es sich versieht oder überhaupt aufwacht, ist er auch schon in der Box gefangen!

   

Beim Restaurant angekommen, finden wir die gesuchte Hündin schnell. Auch ein großer Rüde ist bei ihr, weicht nicht von ihrer Seite. Wir füttern beide, anfassen lassen sie sich jedoch nicht. Während Lyubo versucht Vertrauen zu den beiden aufzubauen, erkunde ich die Umgebung. Und tatsächlich, in einem kleinen Keller, höre ich ein leises Gewimmere! Schon sind sie vor mir, 7 wunderschöne Babyhunde, so klein, dass sie kaum die Augen geöffnet haben!

Foto: Lyubo beim Versuch die Hündin einzufangen...

Das Problem ist nun, wir müssen rausfinden, ob die Babys schon von selbst essen, denn wenn nicht, dann können wir die Mutter nicht kastrieren - sie würde später als unabwendbare Folge zu wenig Milch für ihre Kleinen produzieren.

   
   

So fahren wir schnell zurück zum OP-Saal, dort haben wir nämlich auch Welpennahrung, und gemeinsam mit dem tapferen Günther im Auto geht die Fahrt zurück. Die gute Nachricht: die Welpen essen mit Begeisterung, selbstständig! Nun können wir also überlegen, wie wir die Mutter einfangen könnten! Nach dem Festmahl für die Hunde genehmigen wir uns aber erstmal einen heißen Becherkaffee; erneut bei strahlendem Wetter – der Tierschutzgott meint es wahrlich gut – sitzen wir auf einfachen Holzhockern im Freien, als ein junger Mann auf uns aufmerksam wird. Er spricht ganz gut Englisch, und so erfahren wir, er arbeitet als Tierarzthelfer bei einer ortsansässigen Milchfarm, wo das blutige Weiß für eine sehr bekannte internationale Milchmarke produziert wird. Im Zuge einer früheren Kampagne hatten wir dort schon einmal versucht Einlass zu bekommen, aus purem Interesse, aber wir wurden damals sehr unfreundlich vertrieben. Jetzt aber ergibt sich plötzlich wie aus dem Nichts eine neue Chance, und die ergreifen wir! Da der Gute sich an unserer Arbeit sehr interessiert zeigt, geben wir das Interesse gerne zurück. Tatsächlich bekommen wir seine Telefonnummer, plus ein ‚Date‘ am morgigen Tag, direkt am Ort der Milchproduktion! Schau ma mal, wie wir ÖsterreicherInnen gerne sagen, was dabei rauskommt…

 

Es geht zurück in den OP-Saal; an mehreren Stellen stoppen wir, um PatientInnen aus früheren Kampagnen mit Hundenahrung zu versorgen – wie schön ist ein derartiges Wiedersehen, mit unvergleichlichen Glücksregungen versehen!

Da – ein Husky kreuzt die Straße – wir hatten ihn gestern schon bemerkt. Es gelingt uns wirklich, wenn auch etwas überraschend, seiner sehr schnell habhaft zu werden, welch wunderschöner Hund! Fast von selbst steigt er in unseren Bus, jetzt heißt es besonders eilig zurück zum Einsatzzentrum zu rasen.

 

Nur kurze Zeit später allerdings erscheint dort ein wütender Mann. Er springt aus seinem riesigen BMW, herrscht das Team unfreundlichst an und stellt sich als der ‚Besitzer‘ des Hundes vor. Eine Kastration käme überhaupt nicht in Frage, nur Augenblicke darauf bringt er den vermeintlichen Patienten ins Auto und nach einigen heftigen Flüchen ist er auch schon wieder weg… soooo schade, denn solange er den Hübschen völlig frei seine Runden ziehen lässt, wird dieser für ungewollten Nachwuchs sorgen. Leider ist diese strohdumme Barriere noch immer in derart vielen Köpfen verankert, es ist manchmal zum aus-der-Haut-fahren… Ein weiteres Beispiel für die Volkskrankheit dafür ist schnell gefunden: wir halten an einer Reparaturwerkstätte; dort sind mehrere Hunde versammelt und betteln um Essen. Allesamt sind sie in erdenklich schlechtem Zustand, einer hinkt ganz fürchterlich, aber auf unsere immer nette Frage, ob wir die Armen mitnehmen dürften, hören wir nur Flüche und gar Drohungen als Antwort…

 

Am späteren Nachmittag finden wir wieder eine Straßenhündin; sie lässt sich auch schnell einfangen, allerdings werden wir dabei von einer in der Umgebung wohnhaften Roma-Familie beobachtet. Die Menschen fragen nach dem Grund unseres Tuns, und als sie den erfahren, bieten sie uns überraschender Weise an, eine Hündin aus ihrem Garten mitzunehmen! Einziger Wehmutstropen: sie muss heute schon wieder zurück!

Im OP-Saal leisten die HelferInnen um Dr. Didi wirklich Großartiges; wie viel Arbeit bei einer derartigen Frequenz anfällt, man glaubt es nicht! Es gibt kein Murren, kein Stöhnen, kein (österreichtypisches) Jammern, es wird einfach getan was getan werden muss. Wirklich, es kann nicht anders beschrieben werden als eine wahre Freude und eine große Ehre, mit solchen Menschen gemeinsam Dinge bewegen zu dürfen!!!

 

Immer wieder bringen auch heute Menschen ihre Tiere vorbei; manche davon auf unkonventionelle Art und Weise, wie zum Beispiel mehrere Leute, welche Katzen in Plastiksäcken befördern…

   


Lyubo, Günther und ich besuchen einen weiteren von uns kastrierten Hund; der verbringt sein Leben leider wie so oft in Bulgarien an einer Kette, und diese ist so kurz ausgefallen, dass er es kaum unter das Dach seiner einfachen Hütte schafft. Außerdem ist der Arme völlig ausgehungert. In solchen Fällen ist es schwer die Nerven zu bewahren; aber Streit mit den HalterInnen anzufangen, das wäre nutzlos und zudem äußerst kontraproduktiv. Es brächte niemanden weiter, würde nur Gräben schaffen, die schnell unüberwindlich werden könnten. Keine Frage, nur andauerndes Zureden kann eine solche Fessel lösen. Hier bieten wir eine längere Kette an, das ist wohl das beste und bedauerlicher Weise auch das einzige was wir im Augenblick tun können. Nur so, wie auch jetzt passiert, dürfen wir dann andere Hunde – die es immer und überall gibt – aus dem Areal mitnehmen, solche, die merkwürdiger Weise wieder aus dem einen oder anderen Grund frei laufen dürfen.

 

 

Am frühen Abend führt uns der Weg zu einem Bauernhof, einen solchen, wie es abertausende in der Region gibt. Beherrscht vom Verfall, von Schmutz und Elend, beherbergen diese Orte neben den ausgemergelten ‚Nutz‘-tieren auch jede Menge Katzen, Hunde sowieso. Ein halbes Dutzend oder mehr davon sind immer an kurzen Ketten an allen Ecken und Enden der Gehöfte zu finden, als lebende Alarmanlage, dazu laufen deren Welpen und andere Jungtiere frei herum. Immer ist das Elend unübersehbar; hier aber scheint es ganz besonderen Halt gefunden zu haben! Ein Kettenhund, an einem alten Anhänger gefesselt, ist sehr zutraulich, bittet um ein paar Streicheleinheiten. Er schafft es gerade ein kleines Stück unter das ohnehin durch und durch löchrige Gefährt, dann hält ihn die Eisenfessel brutal zurück. So lebt er tagein tagaus, den harschen Elementen schutzlos ausgeliefert. Ein weiterer ist derart aggressiv, dass wir nach kurzen Momenten weitergehen, weil wir fürchten, er bricht sich durch das ständige Entgegenspringen den Hals an der eisernen Fessel…

Ein Junge erscheint, auf einem Pferd; das Tier ist schweißnass, im harten Galopp war es wohl über weite Strecken geritten worden. Dazu verunstalten eiserne, schwere Scheuklappen sein so schönes Gesicht, eine rostige Trense schneidet tief in seinen Mund. Wo sich ein blutiger Abrieb über die ganze Lippe ausbreitet, so einschneidend, dass das Fleisch offen liegt...

 
   
   


Auch jetzt sind wir einigermaßen überrascht; nach einem kurzen Telefonat mit dem Vater hören wir tatsächlich, wir dürften morgen wiederkommen und ALLE Hunde zur Kastration mitnehmen!!! Erneut: Schauen wir mal, denn die Dinge ändern sich oft sehr schnell, manchmal aus nicht zu verstehenden Umständen resultierend, aus Umständen, die sich der persönlichen Einflussnahme entziehen… insbesondere in einem Land wie Bulgarien!

 

Es wird nun bereits dunkel, als wir die Hündin zu der Roma-Familie zurückbringen; es fällt uns sehr schwer, denn kaum angekommen, landet die Frischoperierte bereits wieder an der Kette. Es ist schrecklich ernüchternd, welchen Stellenwert viele Menschen ihren besten Freunden zumuten, aber andererseits: in welcher Misere leben sie selbst? Das Haus steht vor dem Zusammenbruch, das Dach kaputt, der Putz fehlt, das Mauerwerk bröckelt. Die Fenster sind teilweise kaputt, die zerbrochenen Scheiben einfach mit Plastiksäcken überklebt. Nun ist auch die Familie anwesend, mindestens 6 Menschen teilen sich nicht mehr als 35, vielleicht 40 Quadratmeter…

 

Schon wieder ist es dann 20.30, als wir den OP-Raum für den Tag abschließen. Wie immer mit einem kurzen Gebet, mögen auch morgen noch alle PatientInnen, welche die Nacht über dort ausharren müssen, gesund und munter sein…

 

Der Tag beginnt, ich wiederhole mich und langweilige Sie hoffentlich nicht damit, wieder viel zu früh; noch liegen dicke Nebelbänke über den sanften Tälern, doch die Sonne wird sich bald behaupten und das ganze Land dann schnell in feine Farben tauchen.

Didi hat ihren Arbeitskollegen mitgebracht, einen sehr engagierten jungen Arzt namens Konstadin Hadjikinov. Auch HelferInnen sind gekommen, allesamt von der berühmten Katzenklink in Plowdiw, Bulgariens zweitgrößte Stadt, wo Didi fest angestellt ist. Das dortige Kastrationszentrum wird von der ‚Streunerhilfe Bulgarien.ev betreiben, gemeinsam mit der Welttierschutzgesellschaft (WTG). Dort werden übrigens zu 99 % Streunerkatzen sterilisiert, Hunde eher selten; dafür gibt es viele andere Vereine, außerdem sind Katzen in der Stadt in wesentlich größerem Ausmaß unterwegs. Das Katzenproblem im Allgemeinen, so viel steht fest, ist ein riesiges, und die deutschstämmige Organisation leistet seit Jahren Großartiges, einen wahrlich unentbehrlichen Anteil auf dem Sektor.

 

Foto: die beiden so großartigen Tierärzte Dr. Diana Rangelowa und Dr. Kostadin Hadjikinov

Maria ist wieder mit dabei, dazu kommt heute auch Elitsa vorbei, eine beherzte Tierschützerin, welche ebenfalls die meisten unserer letzten Projekte mit aller Kraft mitunterstützt hat! Andere freiwillige HelferInnen gibt es zusätzlich, und so sind wir wieder ein großes Team, bereit für große Aufgaben. Mehr als 40 Tiere haben wir nun bereits der Behandlung unterzogen, an zwei Tagen, und diesen Wert gedenken wir heute weiter zu erhöhen.

Zuerst aber werden wieder die PatientInnen von gestern versorgt, einige bringen wir auch schnell in ihre angestammten Reviere zurück. Einer Hündin jedoch, einer herzallerliebsten, geht es nicht wirklich gut. Tatsächlich verschlechtert sich ihr Zustand sogar rapide, was genau das Problem ist, wir wissen es nicht! Didi leitet daher ein spezielles Programm für sie ein, die Arme bekommt verschiedenste Medikamente, wird den ganzen Tag über bestens versorgt. Infusionen schenken neue Lebenskraft, dennoch sollte es bis zum Nachmittag dauern, bis sie endlich, endlich bereit sein wird, ein bisschen zu essen und ein paar Schritte zu gehen. Sie wird heute den meisten Tag über draußen bleiben, Infusionen bekommen, zugedeckt, und von nettesten Menschen abwechselnd im Arm gehalten werden – ununterbrochen, über gut 10 Stunden hinweg! Und: sie wird nie wieder auf der Straße leben müssen, zumindest so viel sind wir ihr schuldig

 

Wir entscheiden, die Hündin vom Restaurant am Berg zu holen; die Welpen essen bereits selbstständig, und zu groß ist die Gefahr, sie wird bald wieder schwanger sein. Nicht zuletzt ist doch der Rüde immer bei ihr, und alleine deshalb ist eine erneute Gravidität so sicher wie das Amen im Gebet. Es sei vorweggenommen, wir können sie tatsächlich einfangen. Nur der Weg dahin, er ist ein beschwerlicher, mit vielen, vielen Mühen versehen. Sie wehrt sich auch furchtbar, beißt um sich, was die Sache nicht einfacher macht. Betäuben mittels Gewehr geht nicht, denn die umliegenden Wälder, die bieten tausendfachen Schutz – nie würden wir sie finden, wenn sie erschreckt vom Pfeil das Weiten sucht; was dann unweigerlich nach jedem abgegebenen Schuss passiert…

 

Später rufe ich den jungen Mann von gestern, jener, der in der Milchfarm arbeitet. Ja wirklich, er ist immer noch einverstanden mit dem Besuch, und so passiert es schließlich, dass wir –Günther, er und ich - durch die Hallen gehen. Er, wir möchten absichtlich keinen Namen nennen, ist sogar von der Führungsebene, und so gestaltet sich die eine Stunde der Besichtigung mehr als lehrreich. Den Kühen geht es dort auch nicht so schlecht, wir hätten uns wirklich Schlimmeres erwartet. Aber keine Kuh hängt an der Kette, alles sehen sie gut genährt aus und die Kälber sind – zumindest jene älter als 4 Wochen – in der Gruppenhaltung, also wenigstens nicht einsam. Ja, natürlich, der Schmutz ist ein Problem, ausmisten dürfte nicht die oberste Priorität besitzen, und auch die Melkmaschinen – wo jeweils 20 Kühe im Stand stehen, 3-mal täglich gemolken werden, und wo Dutzende davor warten an die Reihe zu kommen – sind wahrlich nicht schön anzusehen; aber erwähnt werden sollte, die Kühe gehen völlig freiwillig hinein, der Balken öffnet und schließt automatisch, und während die ‚Abgefertigten‘ zurück in die Stallungen trotten, rücken die nächsten nach – ohne jeden Zwang. Bestimmt gibt es in der Herangehensweise von Seiten der TierhalterInnen kaum einen Unterschied, ob die Farm nun in Österreich, in Deutschland oder eben in Bulgarien betrieben werden würde. Es befindet sich eine einzelne kranke Kuh am ‚Hof‘, deren Schicksal wird sich in kommenden Tagen entscheiden; allzu lange wird hier bestimmt keine Gnadenfrist gewährt, schließlich geht es wie überall in der Tierausbeutungsindustrie bloß ums Geld. 4 bis 5 Jahre alt würden die Tiere werden, dann sind sie ausgepowert – was ihr Ende im Schlachthof bedeutet. Der Grund ist die Höchstleistung, zu der sie getrieben und durch Energiefutter gebracht werden; im Durchschnitt geben die Kühe um die 34 Liter Milch, manche bis zu 70, am Tag. Ein Halsband verrät ihren körperlichen Zustand dem Computer, die ‚Milchleistung‘, wo sie sich gerade befinden, wann und wie oft sie gemolken werden. Im künstlichen Gehirn findet sich ein genauer Befund über jede einzelne Milchkuh, die Technik ist längst zum bestimmenden Faktor in der Tier-Industrie geworden…

 
   
   
   


Letztendlich verlassen wir nach gut 90 Minuten den Ort; unser ‚Führer‘ verabschiedet sich mit einer Umarmung, er ist ein guter Mensch. Dennoch ist seine Arbeit eine grausame, Herr über so viele Leben, die immer auf schlimmste Art und Weise enden.

Im Auto ist es danach ziemlich still; wir sind nachdenklich, nachdenklicher als zuvor, und irgendwie ist es gut, dass wir keine Zeit zum Überlegen haben, weil uns doch die eigentliche Arbeit ganz dringend ruft!

 

Im Behandlungssaal treffen andauernd neue PatientInnen ein; Detelina, die zuständige Frau von der Gemeinde, verrät uns, inzwischen rufen fast wöchentlich Menschen im Amt an, um sich zu erkundigen, wann denn die nächste Kampagne stattfindet. Wer hätte das vor wenigen Jahren je für möglich gehalten? Ein Umdenken setzt ein, und WIR haben es hervorgerufen!!!

Lyubo, Günther und ich fahren in die entlegenen Dörfer, um nach der dortigen Situation Ausschau zu halten. Sooo viele Hunde bevölkern die Straßen, einfach überall tauchen sie auf. Was wäre, würden diese Projekte im Sand verlaufen, um wie viel größer wäre das Problem in Breznik, wo es ohnehin einen derartigen Stellenwert hat?


Der Weg führt uns zurück zu jener Farm, wo wir gestern das Versprechen erhalten hatten, wir dürften die Hunde kastrieren, und zwar alle. Wir hätten es nicht geglaubt, aber tatsächlich fahren wir kurz darauf mit vier Hunden im Auto zum OP-Saal, und morgen dürfen wir wiederkommen! Die mitgebrachten Hunde sind sehr scheu, aber unfassbar gutmütig. Zwei transportieren wir in einem Käfig, sie zeigten sich schon bei der Farm unzertrennlich. Es ist ein Rüde und ein Mädchen, höchstwahrscheinlich sind sie Geschwister, wobei der Hündin kurz vor der Läufigkeit steht. Nur eine Woche später wäre sie vermutlich schwanger gewesen, hätte addiert zum Pool der Hoffnungslosigkeit!

 

Immer gibt es einige Hunde, deren Schicksal den Menschen im Einsatz aus irgendeinem Grunde besonders nahegeht. Man muss ständig versuchen möglichst sachlich zu agieren, aber manchmal geht das einfach nicht. Viele von Ihnen werden mir bestimmt aus eigener Erfahrung zustimmen! So müssen wir wohl wieder einige der PatientInnen nach Österreich bringen, meist jene, welche nach der OP so ganz und gar nicht den Saal verlassen wollen und dann oft tagelang in der Früh schon vor dem Tor auf uns warten…

 

Ein solcher ist auch Tom; seit dem Beginn der Kampagne hatten wir versucht ihn einzufangen. Der Hunger trieb ihn ständig in unsere Nähe, immer aber vor dem endgültigen Zugriff wurde sein Misstrauen größer und er entschwand wieder in die Anonymität der einsamen Straßen und Plätze, entschwand in den Schutz der Hinterhöfe. Heute jedoch war er bis zum OP-Saal gefolgt; das diesen in sich beherbergende Gebäude ist mit einem Zaun umgeben, und so schließen wir schnell das Zufahrtstor. Tom - dieser Name sollte ihm von den bulgarischen TierschützerInnen gegeben werden, weil sie meine besondere Aufmerksamkeit für ihn erkannt hatten - versuchte letztendlich in eine Ecke zu entkommen, unter dicken Dornenbüschen, doch von dort gab es keinen Ausweg. Wir konnten schließlich, zwar mit viel Mühe, aber doch, eine Leine um seinen Hals legen und ihn in eine wartende Box befördern. Warum ich derartige Gefühle für ihn hegte, vom ersten Augenblick der Begegnung an? Vielleicht weil er fast exakt so aussieht wie mein Sunny zuhause, der ebenfalls aus Breznik und ebenfalls aus dem Kastrationsprojekt stammt!

 
   

Eine Episode dazu: irgendwann erscheinen zwei Roma-Jungen im Vorhof. Sie sind sehr interessiert am Tun, wir zeigen ihnen deshalb auch den OP-Saal; dort entdecken sie Tom. Er sei ihr Hunde, meinen sie nun, und sie wollen ihn zurückhaben. Ob dem so ist, wir wissen es nicht; was wir allerdings mit Sicherheit wissen, Hunde sind für sie meist nicht mit selben Augen betrachtet, wie es viele andere Menschengruppen tun. Auch hier dürfte dies der Fall sein; hätten sie auf Tom beharrt, wir hätten ihn anstandslos zurückgegeben (zurückgeben müssen), aber die Jungs lassen sich letztendlich doch ziemlich einfach überreden, ihm diese große Chance, eines echten Zuhauses zu bekommen, nicht zu verbauen.

Es sollte ein langer Tag werden. Selbst um halb 10 operieren die beiden VeterinärInnen noch, und überhaupt erst kurz vor 11 sind wir zurück im Motel. Dort gibt es Streit mit den Betreibern, die Zimmer sind teilweise in wirklich unakzeptablen Zustand, die Heizung funktioniert in vielen nicht, einige Scheiben sind zerborsten, usw. Jetzt soll der Kurs bei der Bezahlung auch noch derart unvorteilhaft berechnet werden, dass wir nicht anders können – ein Wort folgt auf das andere und schließlich fahren wir selbst zu dieser späten Stunde noch zum Automaten, um dann mit einheimischer Währung die verlangte Summe zu berappen…

 

Nach 6 Stunden Schlaf beginnt der Arbeitstag von Neuem. Die kurze Fahrt nach Breznik ist im Lichte des Morgens besonders schön. Der Herbst hat längst Einzug gehalten, daran können auch die überdurchschnittlichen Temperaturen während des Tages nichts ändern. So erstrahlt die Landschaft in sanften Tönen, Gelb und Rot vorherrschend, die Bäume getaucht in den so prächtigen Farbtopf der Natur, an manchen Stellen zwar noch nebelverhangen, aber mit der Gewissheit, dass sich dieser sehr bald lichten wird.

Schon erwarten uns die Hunde und Katzen mit viel Gebell und Miauen. Der Wasserkocher ist aufgesetzt, und bevor wir noch den ersten Kaffee zubereiten, werden schon die einzelnen Hunde aus den Transportboxen gebracht und Gassi geführt. Eine zweite Hand erledigt inzwischen die Reinigung der Käfige. Dem Himmel sei Dank sind wieder alle Tiere wohlauf, dank der magischen Hände von Dr. Diana und denen des gesamten so fantastischen Teams.

 

Nun starten wir auch wieder mit den Versuchen Hunde einzufangen; viele werden es heute leider nicht sein, der Tag ist mehr oder weniger reserviert für ‚Haustiere‘, also solche, die deren HalterInnen vorbeibringen. Und der Andrang ist erneut ein großer! Endlich, endlich, endlich ist es passiert, ein großflächiges Umdenken, anders ist das Faktum nicht zu erklären, dieses Mal werden wir wohl fast 50 % der PatientInnen aus privaten Händen übernehmen.

 

Natalie, ihr Freund – die beiden sind höchst engagierte TierschützerInnen aus Sofia - und ich fahren mit deren Wagen eine Inspektionsrunde durch die kleine Stadt. An einem Imbisstand entdecken wir mehrere Hunde, sowie auch Katzen. Sie alle warten auf eine gütige Hand, jemand, der ihnen wenigstens einen Bissen Nahrung überlässt. Einer der kleinen Hunde ist ein Patient von gestern, es geht ihm den Umständen entsprechend ganz wunderbar. Nur, er ist wieder gefangen im Kreislauf des Überlebens. Wie schwer das fällt, wie heftig diese Erkenntnis an der Seele nagt! Doch wo ist die Alternative? Wir können nicht alle platzieren, alle mitnehmen. Je mehr ich darüber nachdenke, desto schrecklicher erscheint es mir, dass immer noch so viele Menschen im ‚Goldenen Westen‘ Hunde von Züchtern für viel Geld kaufen; auch wenn dies vielleicht radikal klingen mag, aber eigentlich müsste längst ein Verbot in Gesetzesform verfasst sein: solange es derart viele Straßenhunde gibt, Ausgestoßene der Gesellschaft, die so dringend nur ein bisschen Wärme und einen Platz zum Schlafen suchen, solange müsste die Zucht von Hunden untersagt sein, keine Frage, keine Alternative, keine Ausnahme… Und die ZüchterInnen selbst, sie müssten ihr ‚Handwerk‘ auch ohne den Druck von außen zu überdenken wissen, ob eine solche Art von Erwerbstätigkeit nicht doch eine ungeheure Last, eine definitive Mitschuld an der Misere, in sich birgt. Jedermann/frau, der/die jemals hier im Osten war und ein wenn auch nur kleines Herz für Tiere hat, wird dem beipflichten, beipflichten müssen!

 

Foto: Kastrationsprojekte - damit es nicht noch mehr Welpen gibt, die keine Chance auf ein zu Hause haben...

Tatsächlich gelingt es uns, eine kleine Hündin zu fassen. Oh, wie schmerzhaft ist deren Anblick! Sie ist über und über voller Kletten, Flöhe und Zecken bevölkern ihre Haut dermaßen, dass es scheint ihr karges Fell würde sich beinahe von selbst bewegen! Dazu ist sie ausgehungert, entsetzlich dünn… sie werden wir nicht mehr zurückbringen in ihr angestammtes zu Hause, welches doch nur der Ort der Hoffnungslosigkeit war! Nein, sie wird sobald ihre Papiere fertig sind, zu uns nach Österreich oder Deutschland kommen...

Lyubo und ich bringen die drei Hunde zur armseligen Farm zurück; leider, entgegen den Versprechungen, dürfen wir keine weiteren von dort mitnehmen. Das ‚warum‘ bleibt uns verschlossen, und so bewahrheitet sich das ‚Schauen wir mal‘, der leise Vorbehalt gegen schnell Gesagtes, einmal mehr…

Ganz schweren Herzens fahren wir wieder zum OP-Saal. Besonders mein Inneres blutet – einer der drei Hunde war mir in der kurzen Zeit unserer Bekanntschaft derart ans Herz gewachsen, dass der Trennungsschmerz meine Stimmung im gleichen Augenblick seiner ‚Freilassung‘, seiner Rückführung in die abstrakte Welt des Leides, zu Boden fallen lässt. Wie ein furchtbarer, ehrloser Verräter fühle ich mich, als wir ihn aus der Box entlassen, er kurz stehen bleibt, sich nochmals umarmen lässt und dann von seinem Halter an der Kette weggezerrt wird. In solchen Momenten erscheint das Licht des Tages bedeutungslos, die Schönheit der Jahreszeit, selbst der Sinn des Lebens verliert beträchtlich an Reiz.

 

Am Nachmittag fahren Rumi, Lyubo, Günther und ich zu alten Bekannten, irgendwo in irgendein kleines der umliegenden Dörfer; Wessi, eine ehemalige Französischlehrerin, und ihre Schwester wohnen dort am Rande der Welt, entlegen des Stromes der Geschichte. Die beiden Wunderbaren begleiten uns ebenfalls schon durch alle Projekte hindurch. Sie, weit über 70 Jahre alt, leben in einem zerfallenden Haus, aber sie richten sich ihr Leben nach den Umständen. Obwohl sie nur zwei Räume bewohnen, wo dann die Badewanne neben dem Kühlschrank neben dem Bett neben dem uralten elektrischen Heizstrahler steht, strahlen sie pure Lebensfreude aus – im normalen zumindest, denn heute sind beide krank…

Aber wieder haben sie Hunde und Katzen zum Kastrieren ‚gesammelt‘, sie, die eine große Anzahl deren beherbergen, jeder/m Obdachlosen Quartier anbieten. Vier Katzen sind es diesmal, eigene und solche von Nachbarn, und eine Hündin, welche wir in den OP-Raum bringen. Wie immer geben uns die so netten Frauen üppigen Reiseproviant mit auf den Weg.

 
   

Günter und ich gehen zu dem kleinen Laden am Ende der Straße, um Brot für das Team zu holen; die ganzen Tage über bestand unser Menüs aus dem einfachen Mahl, die aufgeschnittenen Gebäckscheiben garniert mit Margarine, Tomaten, Paprika, Soja-Aufstrichen, Marmelade, usw. Vor dem Geschäft spricht uns ein Mann an, er hätte einen Hund eingefangen, ihn dort am Baum angeleint. Der Arme steht ganz verloren in der Wiese, freut sich jedoch sehr darauf, von uns in Empfang genommen zu werden. Er ist ein ganz ein Lieber, folgt breitwillig zum Saal, lässt sich dort problemlos in eine Box drängen. Es ist ein Rüde, der sich nach der unmittelbar nach seiner ‚Einlieferung‘ erfolgten OP bemerkenswert schnell wieder erholt. Schon wenige Stunden später können wir ihn deshalb freilassen, müssen wir auch, es ist der letzte Tag der Kastrationen, und morgen sind wir dann leider nicht mehr hier! Der Süße läuft allerdings nicht zurück in sein altes Leben, er bleibt einfach vor dem Gebäude, lässt sich da von allen streicheln, genießt die ihm erwiesene Aufmerksamkeit. Und findet so sehr schnell seinen Weg in unsere aller Herzen!

Fotos: unfassbar schwere Arbeit: das OP-Team ist im Dauerstress, sogar - im bild rechts unten - mit Stirnlampe wird weitergemacht, wenn die Dunkelheit wie jeden Tag viel zu schnell kommt...

Die alte Dame vom Block unten kommt vorbei; lange schon hat sie ihr Umfeld für verrückt erklärt, alleine darum, weil sie sich immer um die Hunde vor den Gebäuden gekümmert hat. Verboten ist es ihr längst Nahrung für die Hungrigen auszulegen, sie tut es trotzdem. Nebenbei wandert sie täglich hinauf zur Mülldeponie, um ein klein bisschen ‚Taschengeld‘ durch das Sammeln von wiederverwertbaren Dingen zu ergattern. Heute erzählt sie uns eine schreckliche Episode: die Hunde am Ort der Naturschändung wären alle kürzlich verfolgt und ermordet worden, auch jene, die wir in dem anschließenden Tal aufsuchen sollten… Jetzt ist es traurige Gewissheit, wir brauchen nicht mehr darüber nachzudenken, warum wir denn keine angetroffen hatten!

Was zusätzlich traurig stimmt: sie bringt einen kleinen ihrer eigenen Hunde mit sich, möchte, dass jemand aus dem Team die Krallen des Winzlings schneidet. Als der aber nicht stillhält, panisch reagiert, wird sie wütend und schlägt ihn gar – woraufhin Rumi ihr sagt, wenn sie nochmals Gewalt anwenden würde, dann wäre sie hier kein gern gesehener Gast mehr.

 

Der Tag war ein langer, nun aber neigt er sich dem Ende zu. Dabei müssen wir heute auch noch den Saal ausräumen, putzen, die Transportboxen reinigen und verladen, alle Tiere zurückbringen. So brechen Lyubo und ich wieder auf, es geht zu Tonis Hundehotel, jenem Ort, wo sehr viele der lokalen TierschützerInnen ihre Schützlinge unterbringen; meist jene, welche auf die Weiterfahrt nach Mitteleuropa warten. Wir dürfen 6 Hunde zur Herberge entführen, alle sollen sie alsbald nach Österreich – zuvor jedoch gilt es zu Hause schnellstens Plätze für sie zu finden!

 
   
   

Tonis Hundehotel ist zum Bersten voll; wie kann es auch anders sein? Wie die gute Frau, Inhaberin einer kleinen Bäckerei, all die Arbeit schafft, all die Ausgaben handhaben kann, es grenzt fast an eine Wunder… Auch Tom muss nun hierbleiben, und auch von ihm trenne ich mich unfassbar schwer. Er sieht wie bereits erwähnt ganz so aus wie mein Sunny – verhält sich auch genauso… und mag nicht in die Ansammlung so vieler Hunde. Aber es bleibt im Moment keine andere Wahl, ist zudem ja auch nur für 2, 3 Wochen. Ebenfalls bleibt die Situation trotz dieses Wissens dennoch herzzerreißend beim Abschied, besonders wieder bei jenen Hunden, zu denen man eine ganz spezielle Beziehung aufgebaut hat; allesamt vermitteln sie den Eindruck, sie waren so froh endlich einen Menschen für sich gefunden zu haben, glaubten fest an das Versprechen einer neuen Bindung, und nun bringt gerade diese Person sie in ein – wenn auch gutes – Hundeheim…



Lyubo vergießt bittere Tränen; der kleine schwarze Dennis, er muss ebenfalls hierbleiben, er, den Lyubo in seiner Heimatstadt aufgefunden und nun seit einigen Wochen bei sich gehabt hatte. Auch Dennis dürfte von nun an ständig in der Hoffnung gelebt haben, er würden nun für immer ein eigenes, echtes zu Hause bei ‚seinem‘ Menschen haben -  weil er doch, wie alle, aber er ganz besonders, ein sooooo unfassbar guter Hund ist!

   

Zurück im Saal sind die anderen längst mit den Aufräumarbeiten beschäftigt. Ein Blick in die Liste verrät: in nur vier Tagen sind uns ganze 96 Operationen gelungen, allesamt gut ausgegangen und viele der Patient konnten ein neues zu Hause finden, bzw. wurden ihren HalterInnen wieder übergeben. Das Team hat hervorragende Arbeit geleistet, es war eine Kampagne frei von jeglichen Streitigkeiten, ja selbst von leichten Dis-Harmonien – die ja leider im normalen unter TierschützerInnen viel zu oft passieren – ein durch und durch einträchtig funktioniertes Projekt neigt sich dem Ende zu! Es ist nun 19 Uhr, als wir ein letztes Gruppenfoto schießen, dann erfolgt die Verabschiedung. Allesamt fallen wir uns in die Arme, hochzufrieden mit dem Passierten, voller Tatendrang und voller Wiedersehensfreude für das nächste Mal. Sie wissen, die Zeit nach dem Kastrationsprojekt ist bloß jene vor dem möglichst bald nächstem…

Foto: aufräumarbeiten fast abgeschlossen...

Es folgen aber noch schlimme Momente. Wir müssen nun jenen Rüden zurücklassen, welchen uns der Mann beim kleinen Greislermarkt übergeben hatte; er, der so allerliebst ist, insgeheim vielleicht gehofft hat, endlich würde sich wer für alle Zeiten um ihn kümmern. Er, der seine Liebe so breitwillig verteilte, der Herzen im Sturm erobert hatte! Nun kommt der grausame Verräter wieder zum Vorschein, und als wir ihn im Rückspiegel noch immer im Heuballen vor der ‚Klinik‘ warten sehen, ist es ein Stich ins Herz. Nein, ständig lässt sich so etwas nicht aushalten, jedes Mal stirbt ein kleiner Teil der Seele mit dem vermeintlichen Vertrauensbruch. Was wird am Ende des Tages von dieser noch übrigbleiben? Eine bittere Vorahnung davon erfahre ich genau in diesem Moment.

 

Foto: der so Liebe bleibt zurück (im Bild links liegt er am weißen Strohsack)...

Für uns ist der Arbeitstag aber lange noch nicht zu Ende; kaum im Hotel kommt Lyubo vorbei, er, der über 20 Hunde bei sich beherbergt, mit einem Gehalt von nicht einmal 200 Euro, braucht jede Unterstützung. So übergeben wir ihm gut 200 Kilogramm Hundefutter und drücken ihn nochmals fest an uns – dann sitzt er im Auto, tief gerührt, wie wir selbst es sind; und bricht auf, zu sich nach Hause, gut 4 Autostunden entfernt…

Eine Stunde später klopft Toni an die Zimmertür; es ist uns eine große Freude auch ihr einige hundert Kilo an Hundefutter übergeben zu können. Ihre Station ist so eminent wichtig für derart viele Menschen und Tiere, nur einen kleinen Teil davon zurückzugeben können, ein bisschen Hilfe zu spenden, was kann es Schöneres geben?

 

Inzwischen hat sich eine ganze Menge an Verantwortung für respekTIERE IN NOT ergeben; wären wir nicht an derart vielen Stellen zugegen, überall dort wäre die Welt ein noch trostloserer Ort. Sie sehen, wie wichtig nicht zuletzt Futterspenden sind; sie helfen, nicht nur im kleinen Maße, sie helfen wirklich, nämlich nicht mehr und nicht weniger als zum Überleben!

 

 

Heute müssen wir besonders früh los. Noch im Dunkel brechen wir auf nach Zimnitsa, einem kleinen Dorf gut 400 Kilometer östlich von Sofia; Wir wollen Vania, die Herzensgute, in Sofia abholen, sie wird uns zu Frau Tzenka und ihren Katzen begleiten (die Allermeisten von Ihnen werden Frau Tzenka und ihr Katzenparadies kennen; RespekTiere unterstützt die Pensionistin seit vielen Jahren, und ohne diese Hilfe wäre eine Fortführung der Herberge nicht möglich). Leider stoppt uns der Verkehr schon auf dem Weg zur Metropole, genau wie unsere MitstreiterInnen es prophezeit hatten. Der Frühverkehr ist ein unfassbar intensiver, eine endlose Blechschlange quält sich jeden Morgen dem Moloch entgegen. 15 Kilometer geht es beinahe im Schritttempo dahin, dann führt uns das Navi auch noch auf die falsche Spur. Schließlich geben wir den Versuch auf, die Daten neu in das Gerät einzutippen, die Technik bereitet uns eine schwere Niederlage. Der vereinbarte Treffpunkt stimmt nicht mit der Zieleingabe überein, lässt sich auch nicht neu bestimmen.  So kehren wir einfach um, in der Hoffnung, dass wir den Ort – das National History Museum – bei der Herfahrt bereits im Augenwinkel gesehen hatten – und tatsächlich finden wir das Ausstellungsgebäude sehr schnell, wir waren die ganze Zeit nicht mehr als 10 Minuten davon entfernt gewesen. Statt des geplanten 7.30-Uhr-Termins ist es nun aber bereits knapp vor 10, und wie bemerkenswert, Vania hat die ganze lange Zeit ausgehalten.

Bald sind wir dann endlich wirklich auf der Autobahn – die ihren Namen über weite Strecke so gar nicht verdient, denn obwohl zeitweise sogar sechsspurig, stellt deren Unebenheit eine echte Herausforderung für Fahrzeug und Insassen dar. Das andauernde Rütteln erinnert stellenweise an eine Waschrumpel, der Vergleich ist fast schmeichelhaft für die tatsächlichen Bedingungen!

 

Vorbei geht es an großflächig landwirtschaftlich genutzten Flächen, die sich mit sanften Hügeln und ausgedehnten Wäldern abwechseln. Obwohl die Region ebenfalls nur spärlich besiedelt ist, wohnen hier dennoch wohl die meisten Menschen Bulgariens. Es gibt auf der Strecke mehrere Großstädte, wie zum Beispiel die zweitgrößte Stadt der Republik, Plowdiw (mit fast 350 000 EinwohnerInnen), oder etwa Stara Zagora, weiter östlich an nahen Schwarzen Meer Varga, dennoch verwöhnt die längste Zeit hinweg die schöne Natur das Auge. Noch dazu strahlt die Sonne erneut in ihrer ganzen Pracht vom Himmel, heute kratzen die Temperaturen sogar an der 30-Grad-Marke, sie steigen auf fast unfassbare 28 Grad!

Apropos spärliche Besiedelung: Bulgarien hat übrigens neben seinen zahlreichen ethischen und vor allem sozialen Problemen auch noch mit einem ungewöhnlichen Bevölkerungsschwund zurechtzukommen. Anders als in den meisten Staaten der Welt schrumpft die Anzahl der BewohnerInnen ganz dramatisch. Besonders nach dem Fall des Kommunismus und der folgenden Öffnung wanderten viele Menschen in den geglaubt ‚Goldenen Westen‘ ab, und zählte die Nation Mitte der 80er-Jahre noch beinahe 10 Millionen Mitglieder, beläuft sich die Anzahl nun auf knapp 7 Millionen. Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass sich dieser Trend gar noch fortsetzen wird – für 2050 ist eine Einwohnerzahl von 5,2 Millionen prognostiziert. Wenn man nun weiters bedenkt, dass die Staatsfläche mehr als 110 000 Quadratmeter umfasst und dass fast 80 % der Menschen in den Städten leben, kann man einigermaßen ermessen, wie wohltuend menschenleer sich weite Flächen präsentieren…

Gegen 13 Uhr nachmittags erreichen wir unser Ziel; Frau Tzenka kommt uns freudenstrahlend entgegen, die Zeichen der Zeit haben an ihr nicht so sehr genagt wie an uns. Tatsächlich sieht sie seit dem Kennenlernen vor einigen Jahren immer ziemlich gleich aus, was aber nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass es ihr nicht gut geht. Später werden wir erfahren, sie muss alsbald für eine Woche ins Krankenhaus, später vielleicht noch länger, und genau deshalb ist heute auch eine Freundin anwesend. Die gute Frau wird von Katzenmutter Tzenka im Moment eingeschult, sie muss wissen wie sie die Samtpfoten zu versorgen hat, wenn sie später alleine im Haus sein wird! Aber das ist das Schöne: Frau Tzenka hat endlich tatsächlich jemanden gefunden, der – besser die – im Bedarfsfall einspringen kann! Dies war so lange ihr größtes Problem, ein Problem, mit welchen so viele Tierschutz-VorreiterInnen zu kämpfen haben – nämlich halbwegs geeignete NachfolgerInnen für ihr Lebenswerk zu finden…

 
   
   
 

Noch sind nicht allzu viele Katzen anwesend, doch geht man durch Tzenkas Zaubergarten und sieht genau hin, findet sich hinter jedem Busch, auf jedem Baum und selbst zwischen den Kürbissen im Gemüsegarten mindestens eine davon, immer gut bewacht von der herzallerliebsten Hofhündin.

Ich glaube ganz fest, sie, die Süße, fühlt sich bereits selbst als Katze, wie sonst könnte sie so liebevoll mit den Stubentigern umgehen? Sagte ich Stubentiger? Das sind diese hier nicht wirklich, allesamt dürfen sie sich in aller Freiheit bewegen, können selbst entscheiden, wann sie die Sicherheit der extra für sie bereitgestellten Räume genießen und wann sie auf der Suche nach Abenteuern unterwegs sein möchten. Und sie sehen durchwegs prächtig aus im wachsenden Winterfell; gut, die ganz Alten, auch davon leben viele hier, da gibt es die eine oder andere mit einem Leiden, aber im Großen und Ganzen geht es den wundersamen Tiere augenscheinlich gut!

Wir entladen das mitgebrachte Katzenfutter, sowie die für Frau Tzenka an uns gesandte Geschenke – wie sie sich freut, wir richten allen SpenderInnen dafür den allerherzlichsten Dank aus!

   

Dann sitzen wir bei einer Tasse duftenden Kaffee, hören die dringendsten Probleme der Katzenmama. 20 ihrer Schützlinge sind seit längerer Zeit nicht zurückgekehrt, was sehr ungewöhnlich ist. Sie macht sich große Sorgen, zudem das schreckliche Gerücht die Runde macht, Menschengruppen wären immer auf der Jagd nach den Tieren; deren Felles und manchmal auch deren Fleisches wegen…

Ein Nachbar hätte Hühner; um diese zu beschützen, stellt er Fallen auf, schnappende und schlingenden. Natürlich unterscheiden die Morddinger nicht zwischen tatsächlichen Räubern und den Katzen, und so, obwohl der Mann dies bestreitet, werden wohl auch einige diesen furchtbaren Tod ins Auge sehen. Machen kann man dagegen so gut wie nichts; würde sie sich mit dem Anwohner anlegen, die Folgen könnten furchtbar sein. Noch dazu, wo der die volle Unterstützung des Bürgermeisters genießt, und Bürgermeister spielen in diesem Teil der Welt oft ungeahnte Macht aus; sie unterstützen nebenbei in einer patriarchisch geprägten Gesellschaft meist die Männer und deren archaische Anliegen, nicht zuletzt, wenn dann auch noch allesamt, wie in diesem Falle, Jäger sind…

Vania muss zurück zur nächsten größeren Stadt, nach Yambol. Nur von dort fährt ein Bus in die Hauptstadt, und sie muss ihr Heim rechtzeitig erreichen, weil man zu Hause nicht so gerne sieht, dass sie für die Tiere unterwegs ist. So erledigt sie all ihre so vielfältige Hilfe für die Mitgeschöpfe lieber im Geheimen, um allfälligen Streit zu vermeiden.

Was täten wir in diesem Land ohne die Unterstützung von Menschen wie Rumi oder Vania? Nichts, absolut gar nichts könnten wir ausrichten, gerade deswegen sind wir auf unsere ‚Kontakte‘ soooo unglaublich stolz!!!!

Foto: Günther, ein unentbehrliches Mitglied des Teams!

Am Weg nach Yambol durchqueren wir eines der vielen, vielen Romadörfer im Land (der Anteil der Bevölkerung mit Roma-Abstammung liegt offiziell bei etwas über 8 Prozent; inoffiziell dürfte er aber viel höher sein); die Eindrücke bleiben wohl ein Leben lang hängen, es ist eine ‚Dritte Welt‘ mitten in der vielgepriesenen Europäischen Union. Unfassbare Müllmengen tun in der Seele weh, zwischen den verfallenen Behausungen leben Mensch und Tier in einem Inferno aus Schutt, Dreck und Gestank. Überall Straßenhunde, in denkbar schlechtem Zustand, Katzen, wohin das Auge blickt, angepflockte Pferde, Esel und sogar Schweine. Wir machen ein paar Bilder, aber sofort werden die Menschenmassen an den völlig kaputten Straßen und Wegen aufmerksam, schimpfen und lärmen in unsere Richtung. Es ist nicht ratsam sich an Plätzen wie diesen auf eine Diskussion einzulassen, und so verlassen wir den Ort wieder. Stiller als zuvor, es ist nicht zu glauben, unter welchen Umständen bestimmte ethische Gruppen und immer dann leider auch viele, viele Tiere – als Unschuldigste der Unschuldigen – leben, nein, es ist ein reines vegetieren, müssen.

 

 

   
   


Gegen Abend fahren wir dann zurück zu Frau Tzenka; wir wollen einmal mehr die Ankunft der ersten Gäste für das bevorstehende Abendessen miterleben, die tatsächliche Fütterung werden wir leider versäumen, denn die findet immer erst gegen halb 7 statt. So lange könne wir aber nicht warten, müssen wir doch heute noch eine gewisse Strecke zurückfahren, weil es morgen nach Serbien geht! Die Reise dorthin, ohne jede Frage, wird eine sehr beschwerliche und lange, und wir werden über jede Stunde froh sein, die wir heute noch einsparen können!

Wieder, obwohl wir nun schon oft hier waren, finden wir die Adresse lange nicht; so ist es dann bereits 17.30 Uhr, als wir eintreffen. Jetzt haben sich schon viele Katzen versammelt, so um die 30 etwa, die es sich rund um die Fütterungsstelle gemütlich gemacht haben. Welch wunderschöner Anblick! Katzen in allen Größen und Farben, lang- und kurzhaarige, liebesbedürftige, zurückhaltende, sehr freche und etwas introvertierte! :)

 
   
   


Frau Tzenka versorgt diese erste Gruppe mit ein paar der von uns mitgebrachten Leckereien. Die Hündin isst mit der Gruppe mit, natürlich. Jetzt erscheint auch jener Kater – eifrige RespekTiere-Newsletter-LeserInnen erinnern sich vielleicht noch – welchen wir im letzten Sommer angetroffen hatten. Damals war er noch ein Baby, und sein Überleben stand wahrlich auf des Messers Schneide. Seine Hinterbeine gelähmt, dazu litt er in jenen Tagen auch an Durchfall und Schnupfen. Doch der Tierarzt leistete Großes, und heute ist er in die Katzengruppe völlig integriert. Ja, seine Hinterfüße kann er nicht mehr gebrauchen, aber er verschwindet bei vermeintlicher Gefahr genauso schnell wie seine gesunden FreundInnen ins schützende Dickicht, bewegt sich fast so elegant wie diese. Nie wieder wird er richtig laufen können, aber er hat das Handicap offensichtlich bestmöglich akzeptiert und damit leben gelernt. Wir freuen uns riesig ihn so zu sehen!

Dann droht die Sonne langsam hinter den Horizont zu verschwinden. Wer Bulgariens Straßen kennt, weiß, es ist nun höchste Zeit aufzubrechen. So fallen wir uns nochmals in die Arme, ein Versprechen auf ein Wiedersehen wird abgegeben, und dann geht es los, zurück Richtung Stara Zagora, wo wir schon im Vorfeld ein Motelzimmer reserviert haben. 12 Euro wird uns die Nacht kosten, das Zimmer nicht ungemütlich – was will man mehr? Ein paar Stunden Ruhe, Kräfte sammeln, dem Geist eine Pause gönnen, und das Morgen wird ein Gutes sein!

 

Ach ja, es gibt die wunderbarst mögliche Nachricht des Tages! Gestern noch habe ich vom Verräter in uns gesprochen, davon, dass man immer wieder Hunde zurücklassen muss, welche einem so sehr ans Herz gewachsen waren. Wir berichteten von jenem Patienten, der beim Zusperren des OP-Raumes noch außerhalb wartete, im Vertrauen, wir würden ihn aus seiner Hölle befreien. Noch im Rückspiegel konnten wir erkenne, wie er gottverdammt alleine und verlassen noch immer auf jenem Platz stand, wo wir uns verabschiedet hatten, insgeheim bestimmt hoffend, wir würden alsbald umkehren und ihn doch noch abholen; als sich diese leise Zuversicht dann aber mehr und mehr als trügerische erwies, blieb er todtraurig und schwer enttäuscht zurück, im Stich gelassen von den vermeintlichen FreundInnen, in sich gekehrt und desillusioniert.

 

 


Ja, und dann raubte uns der Gedanke den Schlaf; nach Mitternacht noch musste ich Rumi anrufen, mit der Bitte, ob am nächsten Tag nicht doch jemand nochmals nach Breznik zurückfahren könnte um nach ihn zu sehen, ihn vielleicht sogar in Tonis Hundehotel mitzunehmen – falls Toni einwilligen sollte. Würde sie, so versprach ich, werden wir ein zu Hause finden…

 

Und siehe, da, Rumi wurde von selben Gedanken gequält! UND: DIE VERRÄTER IN UNS WURDEN ZUMINDEST FÜR DIESE NACHT EINES BESSEREN BELEHRT, AUSGETRICKST UND GÄNZLICH BESIEGT!!!

Tatsächlich, Reni, die großartige, sie fuhr von Pernik ins entfernte Breznik, und siehe da, sie fand den Süßen. Wie wunderbar ist diese Geschichte, sie nährt die Hoffnung auf das Unmögliche, gibt unendlich Kraft für Kommendes. Ich bin beim Schreiben dieser Zeilen einfach nur überglücklich!!!!

 

Der Tag beginnt wie bereits zur Gewohnheit geworden mit leichten Nebelschleiern, die sich aber schnell lichten. Dann beherrscht wieder der Feuerball den sattblauen Himmel. Die Nacht war eine gute gewesen, zumindest für mich, zum ersten Mal während der Reise schaffte ich es, wenn auch knapp, schon kurz nach Mitternacht ins Bett. So strecke ich mich um halb 8 Uhr ein letztes Mal und dann klopft auch schon Günther. 5 Minuten später sitzen wir gemeinsam im so fleißigen Sprinter, dessen Motorhaube von nun an immer in Richtung Heimat zeigen würde.

Heute liegt ein langer Weg vor uns; wir wollen nach Novi Sad, Serbien, die letzte Station dieses bisher so wunderbar verlaufenden Einsatzes. Bis dahin sind es viele Kilometer, so gilt es keine Zeit zu verlieren. Alles läuft auch großartig, nur die Metropole selbst, nach gut 3 Stunden Fahrtzeit erreicht, nötigt uns wieder einige Zeit ab. Doch auch das macht nichts aus, so sehen wir wenigstens einiges von der Stadt (die Autobahn führt geradewegs in sie hinein und verliert sich dann im Gewirr)!

Schon kurz nach Sofia beginnt die herrlichst vorstellbare Landschaft. Massive Felsformationen türmen sich hunderte Meter hoch auf, es geht durch wilde Täler und einzigartige Schluchten. Die Bäume sind bereits in tiefe Herbstfarben getaucht, machen den Anblick noch einnehmender. Auch der Verkehr meint es gut mit uns, und trotz der schlechten Straßen sind wir kurz nach Mittag bereits an der serbischen Grenze. Noch auf bulgarischen Grund und Boden gibt es eine letzte Raststation; eigentlich wirkt das Gebäude viel mehr abbruchreif, wir fürchten schon, der Betrieb wurde wohl längst eingestellt, doch dann entdecken wir einige umherlaufende Hunde. Sie werden tatsächlich von der Wirtin gefüttert, und allesamt schauen sie – bis auf die wohl unvermeidlichen Parasiten in ihrem Fell – gut aus, manche davon sind sogar ein bisschen dick! :) Leider gibt es in dem Rudel Welpen, was dann heißt, Kastrationen hat es hier bestimmt nie gegeben.

 

Wir möchten uns einen Kaffee genehmigen. 1 Euro für die Tasse überrascht uns etwas, die normalen Preise in dieser Gegend sind nicht über 50 Cent. Das Innere der Wirtschaft wirkt wie eine Bahnhofshalle aus den 20er-Jahren. Grobe Holztische und einige Stühle, dazu ein flimmernder Fernseher auf einem wackeligen Eisengestell, darüber riesige Lüftungsventilatoren, wie man sie ansonsten nur aus den alten Hollywood-Schinken kennt. Bloß ein paar Männer sitzen rauchend an den Tischen, hängen Gedanken an eine bessere Zeit nach. Die Toilettanlagen entsprechen dem erwarteten Bild, und wäre die Notdurft nicht eine große, man würde sie wohl gewiss zu meiden versuchen!

 

 

Unfassbarer Weise queren wir den serbischen Grenzübergang im Handumdrehen; keine fünf Fahrzeuge vor uns, die Zollkontrolle fällt äußerst simpel aus, und schon sind wir in Serbien! Die Überraschung ist noch nicht zu Ende – tatsächlich führt eine ganz neue Autobahn direkt von der Grenze weg! Noch vor ganz kurzem sind wir hier gewesen, mühten uns stundenlang über einsame und gebrochene Verkehrswege, und nun das! Nicht einmal die Mautstelle ist noch in Betrieb, und so nutzen wir wohl als eines der auserwählten ersten Fahrzeuge überhaupt die neue Asphaltbahn, völlig gratis! Weiter geht es wie gewohnt; die Landschaft einfach atemberaubend schön, so schade – wenn in diesem Augenblick für uns auch ein Glücksfall wegen des schnelleren Weiterkommens – dass man diese nun durch eine alles vereinnahmende Betonschlange durchtrennt. Und sie somit auf alle Zeiten ihre Natürlichkeit beraubt…

Ab und dann müssen wir die Autobahn verlassen, immer wenn es durch den Berg gehen soll, denn die Tunnels sind noch nicht fertig gestellt; aber jedes Mal führt der Weg bald wieder zurück, und bereits am späteren Nachmittag sind wir in Belgrad! Dort gibt es kurzen Stau, der uns jedoch im Endeffekt keine halbe Stunde Zeit kostet; nun ändert die Landschaft urplötzlich ihr Bild, wir sind in der Vojvodina, jene Region, die Unabhängigkeitsbestrebungen hegt. Sie, die Kornkammer des Landes, möchte nicht länger für alle anderen, ansonsten ärmlichsten Gebiete, die Kosten tragen. Wir werden sehen, wie sich die Sachlage in einigen Jahren präsentiert. Ob sich die serbische Hochmütigkeit, welche noch immer in den Träumen eines Großserbiens gefangen ist, eine allfällige Loslösung gefallen lassen wird? Schwere Zeiten und eine weitere innere Zerreißprobe werden wohl jeden solcher Versuche begleiten.

Allerdings, die neuen Autobahnen sind ein sicherer Beweis dafür, wird Serbien bestimmt bald ein Mitglied der EU sein – am Beispiel Kataloniens sieht man jedoch, selbst eine derartige Mitgliedschaft – wo alle gleiche unter Gleichen sein sollten - ist kein Bürge für den Zusammenhalt!

 
   

Fotos: leere Autobahn in Serbien, ganz neu errichtet!

Schier unendliche Felder breiten sich nun aus, Getreide und Mais, Kartoffeln und Sonnenblumen, das sind wohl die Stützen der überbordeten Landwirtschaft!

Die Temperatur liegt nun zeitweise bei 28 Grad, eigentlich ein Sommertag!

Ja, und unser Glück ist noch nicht zu Ende; schon bei Einbruch der Finsternis erreichen wir Novi Sad, finden jenes Motel, welches wir schon des öfteren auf den Reisen benutzt haben, sehr schnell und Gott sei Dank sind auch zwei Zimmer verfügbar! Warum wir gerade diese Herberge ausgesucht hatten? Weil die Zimmer einfach riesig sind, alles sauber, ruhig, nett – und die Kosten dafür bei nur 11 Euro liegen…

 

Am späteren Abend fahren wir in die wunderschöne Innenstadt der Metropole. Dort ist ein wahres Kunststück einen geeigneten Parkplatz zu finden, ganz Serbien scheint sich in Novi Sad aufzuhalten. Schließlich gelingt es uns doch, wenn auch weit außerhalb des Zentrums. Aber nach all den langen Autofahrten tut ein bisschen Gehen ja eigentlich sehr gut, und wir registrieren den Fakt ohne echte Gemütsregung. Wir haben ja auch noch eine wichtige Aufgabe zu erledigen, jede unserer Einsatzfahrten muss ganz einfach mit einer Kundgebung gegen das Töten von Straßenhunden enden. Welcher Platz würde sich besser eignen als ein Ort, wo sich die gesamte Gesellschaft zu versammeln scheint?

Tatsächlich präsentiert sich besonders der Bereich der ausladenden Fußgängerzone mit seinen Dutzenden Lokalen menschenüberfüllt; unglaublich, selbst zu der fortgeschrittenen Stunde an einem Wochentag sitzen noch hunderte PassantInnen in den überall aufgestellten Stühlen und genießen die laue Abendluft – um 21 Uhr hat es noch ganze 23 Grad Celsius! Zum ersten und einzigen Male während der lange Reise besuchen wir nun auch ein Restaurant – aber kein ‚normales‘, es findet sich in der überreichen Auswahl nämlich sogar ein vegetarisch-veganes! Dort sind wir zwar die einzigen Gäste, dennoch, der Inhaber versichert uns, die meiste Zeit über wäre die kleine Gaststätte voller Leben. Der Vegetarismus und in seinem Gefolge der Veganismus lässt sich also auch in Serbien nicht aufhalten!

Ein Sandwich basierend auf einer Reiswaffel mit allerlei Gemüse belegt mundet gar fein!

Das Zentrum ist einfach atemberaubend. Die Plätze neu gepflastert, die Gebäude renoviert, alles in sanftes gelbes Licht getaucht, dazu die großartige Atmosphäre. Wir saugen die Stimmung auf, genießen einfach die gegebene Ruhe nach all den Anstrengungen.

Dann gilt es noch Arbeit zu tun; mitten in der Menschenmenge findet sich Gevatter Tod wieder, ein Transparent schreit dem Publikum ‚STOP KILLING STRAY DOGS!!!‘ entgegen. Große Aufmerksamkeit ist uns gewiss, hochgestreckte Daumen werten wir als sehr erfreuliches Zeichen! Immer wieder bleiben Eltern mit ihren Kindern stehen, erklären den Zweck der ausgefallenen Darbietung. Einfach nur schön! Schließlich nähern sich 2 Männer, sie bieten an das Transparent mitzuhalten. Ich glaube wirklich, die Einstellung der Masse, in vielen Teilen der Welt, hin zu den Tieren ändert sich zunehmend… geben Gott, dies sei kein Wunschdenken!!!

 
   

Trotz des einfach nur idealen Zimmers sollen wir in der Nacht wenig Ruhe finden; allerlei Gedanken, trübe wie erfreuliche gleichermaßen, lassen den Geist einfach nicht abschalten.

Obwohl es zum ersten Mal die Möglichkeit gab, ganze 8 oder sogar 9 Stunden zu schlafen, sollen es letztendlich kaum 6 werden. Müde sitzen schließlich am frühen Morgen im RespekTiere-Mobil, einen mehr als würdigen Abschluss vor Augen: wir werden Frau Brukner, die Wunderbare, besuchen, jene Frau – Sie wissen es bestimmt – welche eine ganze Region mit ihrem unvergleichlichen Wirken verändert hat. Wer sie nicht kennt, und das werden nicht viele sein, die Engelsgleiche aus der Schweiz hat einst gemeinsam mit ihrem serbischen Mann einen Gnadenhof gegründet, in einer Welt, die Gnade kaum verstand, die deren wörtlicher Bedeutung – zumindest auf Tiere angewandt – keinerlei Gewicht zugestehen wollte. Was sie in 30 Jahren, unter den unwirtlichst vorstellbaren Bedingungen, schaffte, sucht auf diesem Planeten nach seinesgleichen. Der Hof, inzwischen mehr als 17 Hektar groß, ist ein Zufluchtsort für jegliche Tiere, und ‚Zufluchtsort‘ kommt in all seiner Wortdimension dem Genannten nicht einmal nahe; angefangen von den Insekten, den Vögeln, den Reptilien, bis hin zu ehemaligen Straßenhunde und so zahlreichen freigekauften ‚Nutz’tieren, alle haben sie hier ein Zuhause gefunden, ein solches, dass mit nur einer einzig möglichen Formulieren halbwegs gerecht beschrieben werden sollte: es ist ein Garten Eden, ein Dorado, ein auserwählter Kosmos, genauso, wie es Jesus zu seiner Wiederkehr versprochen hat! Keine Auszeichnung kann dem Schaffen von Frau Brukner gerecht werden, sie ist es, die alle Mutigen, Schaffenden, Kämpfenden, Unermüdlichen, Großartigen, weit in den Schatten stellt – sie ist es, die vergleichbar mit Niemanden sonst aus der Trostlosigkeit und Misere eine Wunderwelt gestaltet hat. Eine Wunderwelt, welche jede/n BesucherIn in den Bann zieht und das Gesehene nie wieder vergessen lässt. Sprechen sie eine Minute mit der so bemerkenswerten Frau, hören sie die Geschichten über die Schützlinge, genießen Sie den Frieden – und danken Sie Gott, dass er Menschen wie sie geschaffen hat, als Beispiel, wie seine Schöpfung hätte sein können, wie er sich diese vorgestellt hätte.

Wären wir alle wie sie, wir würden uns nicht nach dem Paradies nach unserem Tod sehen – denn wir würden sowieso jeden Tag in ihm unser Leben verbringen!

 
   
   
 

Wir könnten ewig hier bleiben, und ich könnte ewig Lobeshymnen auf Monika Brukner verfassen, Stoff dafür gäbe es für viele, viele dicke Bücher; nichtsdestotrotz, wir müssen weiter. Nach einer innigen Umarmung und tausend Dankesgebete dafür, dass wir einmal mehr für eine Stunde in diese Märchenlandschaft eintauchen durften, sind wir wieder am Highway. Die Straßen Serbiens, man lehnt sich wohl nicht weit aus dem Fenster mit der Unterstellung einer völligen EU-Finanzierung- ob sich diese eines Tages bezahlt macht, die Zeit wird es weisen – sind zum großen Teil in sehr, sehr gutem Zustand, die Autobahnen fast frei von Verkehr (zumindest an diesem Tag), und so erreichen wir bald die ungarische Grenze. Dort endet unser Glück jäh, denn obwohl gar nicht so viele Fahrzeuge vor dem rot-weiß-grünem Balken auf eine schnelle Durchfahrt hoffen, soll die Zeit bis dahin eine endlose werden. Bei fast brütender Hitze, es hat erneut an die 27 Grad, passiert die Abfertigung äußerst langsam, wir verlieren zu guter Letzt bald 2 Stunden – auf einer Strecke von vielleicht 150 Metern…

Durch Ungarn fahren wir dann ohne Zwischenstopps; Günther muss rechtzeitig zu Hause sein, und er hat ja auch noch einen bedeutend längeren Weg vor sich; denn während ich bei meinen Eltern wohlbehütet übernachten werde, muss er die Fahrt bis zu sich nach Salzburg fortsetzen.

Durch Wien kommt der Verkehr abermals zum Erliegen, und so erreichen wir meinen Geburtsort dann erst bei völliger Finsternis. Ein schneller Kaffee noch, und Günther setzt die Reise fort, ich beginne den so unfassbar guten Mercedes Sprinter auszuräumen, gleich auch notdürftig zu reinigen.

 

Eine wunderbare Einsatzfahrt nimmt ihr Ende, eine Reise, wie sie nicht erfolgreicher, umfassender und schöner hätte sein können. Bevor es in Kürze nach Mauretanien geht, beherrscht nur ein Gedanke das Gemüt – es gibt nichts, absolut nichts Schöneres auf dieser Welt als mit Menschen die Zeit zu verbringen, deren Taten die Worte übertreffen, und gemeinsam Tieren helfen zu können – dank Ihnen, die all das erst möglich machen!!!

 





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