Gipfel Pferdezuchtverband

Gestern war es nach mehreren vergeblichen Versuchen endlich doch noch so weit – der ‚Gipfel’ zwischen den Tierschutz-VertreterInnen und dem Pferdezuchtverband fand in Bischofshofen bei Salzburg statt!

Mehr als 20 Menschen verschiedenster Organisationen folgten dem Aufruf und beteiligten sich an den Gesprächen. Tatsächlich fanden sich Mitglieder der Tierschutz- und Tierrechtsvereine Aktiv für Tiere, dem Sternenhof (beide aus dem benachbarten Bayern), von RespekTiere, Tierverbunden, der Pfotenhilfe Lochen und Animal Spirit am Treffpunkt ein. Auch eine sehr engagierte lokale Tierärztin war erschienen, sowie VertreterInnen aus der Pferdezucht und selbstverständlich der Geschäftsführer des Salzburger Pferdezuchtverbandes, Dipl. Ing. Wieser.

Es sei vorweg genommen: die Diskussion fand in sehr kommunikativer Art und Weise statt, bewusst wurde von beiden ‚Seiten’ Abstand von gegenseitigen Vorwürfen und Vorurteilen genommen. Und das war gut so!

Nach dem sich die Teilnehmerschaft kurz vorgestellt hatte, ergriff Dipl. Ing. Wieser das Wort. Er beschrieb einführend Struktur und Funktion seines Verbandes. Natürlich stand die Problematik an den Pferdeversteigerungsplätzen bald im Vordergrund, und es folgten sinnreiche Diskussionen über deren Ablauf.

Über die Jahre hinweg hat sich rund um das meist diskutierte Auktionsgelände in Maishofen eine Art geduldeter Schwarzmarkt entwickelt, welcher dem Pferdezuchtverband zwar selbst ein Dorn im Auge ist, diesen aber aus bestimmten Gründen völlig machtlos dagegen im Regen stehen lässt. Machtlos deshalb, weil nur die Auktionshallen und –gebäude dem Zuchtverband angehören, der Parkplatz ‚draußen’ zum öffentlichen Gelände gehört. Somit enden die Grenzen der Befugnisse dann auch genau dort. Eingreifen müssten hier die Bezirksverwaltungsbehörde, Polizei (wenn Anzeigen erfolgen) und öffentlicher Dienst. Was bisher aus unverständlichen Gründen völlig verabsäumt worden war – auch der Fiskus müsste hier seine Interessen waren, passieren die Geschäfte doch ganz bestimmt auf ‚rechnungsfreier’ Basis….

Fast die gesamte Problematik offenbart sich letztendlich aber tragischer Weise hier am Trenn-Punkt Auktionsgelände-öffentlicher Raum, denn besonders die Tiere, welche nicht Teil der offiziellen Versteigerungen sind, präsentieren sich in der Regel in schlechtem körperlichen Zustand; in den Auktionshallen selbst versuchen die VerkäuferInnen naturgemäß den möglichst besten Preis für ‚ihre’ Tiere zu erhalten und mehr als das: es gilt einen Ruf als erfolgreiche/r ZüchterInnen zu ergattern oder auszubauen, sich einen Ehrenkodex zu erarbeiten. Die Tiere ‚außerhalb’, auf öffentlichem Grund, unterliegen keinerlei Kontrolle. Ändern könnte sich die Situation ab dem 1.7.2009, weil ab dann alle Pferde über Papiere verfügen müssen.

Als Möglichkeit wurde unter anderem das Anbringen von Hinweisschildern mit eindeutigen Verbots-Aufschriften genannt, welche der Pferdezuchtverband als ‚gute Idee’ akzeptierte. Auch läge es im Sinne des Verbandes, wenn Tierschutzorganisationen speziell auf diesen ‚Schwarzmarkt‚ ihre Augen richten würden.

Einen weiteren wichtigen Punkt stellte die Tatsache dar, dass Fohlen viel zu jung von der Mutter getrennt und verkauft werden; es wurde ein Beispiel aus dem letzten Jahr erwähnt, wo ein Fohlen im Alter von nur drei Monaten den Besitzer wechselte. Herr Wieser bestätigte, dass keine Pferdchen unter einem Alter von ca. 6 Monaten verkauft werden sollten; er wird sich hier um einen Lösungsweg bemühen.

 

Zu einigen Zahlen: 2008 wurden auf den fünf für den Pferdezuchtverband maßgeblichen Versteigerungen insgesamt 662 Pferde verkauft, davon 240 Hengstfohlen, 226 Stutenfohlen, der Rest Jährlinge und andere Alterstufen.

Genauer aufgeschlüsselt wurde 104 Noriker-Stuten, 174 junge Noriker-Hengste und 141 Noriker-Stutenkinder, verkauft. Dazu gesellten sich dann 9 Haflinger-Hengstfohlen, 15 Haflinger-Stutfohlen sowie eine Haflinger-Stute. Nach Schätzungen gingen von besagten Fohlen ca. 160 direkt in die Schlachthöfe.

17 oder 18 Transporte fuhren von den Versteigerungen geradewegs ins Ausland, nach Deutschland, Dänemark, Tschechien und Italien. Die Anzahl der tatsächlichen Auslandstransporte liegt aber weit höher, weil viele einen Zielort irgend wo am Weg angeben, dort dann einen Zwischenstopp machen und die lebende Fracht erst ab dem Zeitpunkt der Weiterfahrt als ‚Export’ deklariert wird. Eine Vielzahl der Auslandstransporte geht direkt zu den italienischen Tötungsanstalten.

Jede Verladung ins Ausland MUSS vom Amtstierarzt kontrolliert werden, benötigt dementsprechende amtstierärztliche Zertifikate (Ursprungszeugnis mit einer Meldung welche über Traces erfasst wird). Aus internen Quellen wissen wir aber – pro Transport sind dabei immerhin ca. 25 Euro zu entrichten (lt. Auskunft des Zuchtverbandes; andere Quellen hatten von 50 Euro pro PFERD gesprochen) – dass die Pferdehändler nur all zu oft ohne diese Papiere die Reise in den Tod antreten, ganz einfach um Zeit und Geld zu sparen. Somit entfällt dann auch die Kontrolle durch amtstierärztliche Organe und weil man sich ohnehin schon in der Illegalität befindet, ‚ist es dann eh auch egal wie der Zustand und die Versorgung der Schlachttiere ist’.

Bei uns gibt es in etwa 11 000 Noriker-Pferde, 4 800 davon sind Zuchtstuten. Im Jahr 2008 gab es 807  Norikerfohlen-Geburten, 390 hiervon kleine Hengste, 417 Stuten.

 

Herr Wieser schätzt, dass ungefähr 20 % der gezüchteten Pferdekinder definitiv für die Fleischgewinnung getötet werden. Die Dunkelziffer darf allerdings noch weitaus höher als diese ohnehin beängstigende Prozentzahl angenommen werden, sind in dieser Schätzung doch nur Tiere enthalten welche ohne Umwege auf direktem Wege von der Alm über die Versteigerung in den Schlachthof kommen.

 

Es gibt in Salzburg rund 1 480 NorikerzüchterInnen, dem gegenüber stehen 380 HaflingerzüchterInnen.

 

Der Tierschutz fordert eine Beschränkung der Zucht, wenn schon auf ‚perfektes Aussehen’ – wie immer das definiert wird – so viel Wert gelegt wird, dann sollte nur mit jenen Tieren gezüchtet werden dürfen, welche diesen Kriterien wirklich entsprechen. Die ‚Deckung’ einer Stute mit einem eingetragenen Hengst schlägt sich übrigens mit 160 Euro zu Buche, wovon dem Zuchtverband 100 Euro, dem/der BesitzerIn des ‚Deckhengstes’ 60 Euro bleiben. Übrigens beträgt die ‚Abfohlrate’, also die Anzahl der tatsächlichen Geburten, nicht mehr als 58 %.

Aufgabe des Zuchtverbandes sei es in erster Linie bestimmte Pferderassen zu erhalten.

Da nur ein begrenzter Genpool vorhanden ist, d. h. relativ wenige reinrassige Tiere zur Verfügung stehen, muss strengst auf die Zuchtlinien geachtet werden. Andererseits aber entwickeln ca. 10 % der Geburten Fehlstellungen oder andere ‚Ausschlusskriterien’, welche sie für die Erhaltung des reinen genetischen ‚Materials’ unbrauchbar machen; diese Fohlen sind weder für die Zucht noch als Freizeitpferde zu gebrauchen, ihr Tod ist somit eine Sicherung für den Fortbestand der Rasse selbst. Es obliegt nicht dem Zuchtverband in die Entscheidung der Anzahl der ‚Deckungen’ der Stuten seiner Mitglieder einzugreifen.

So wird es weiterhin traurige Wirklichkeit bleiben, dass die Losung sehr vieler PferdezüchterInnen  – ‚die Stute darf nie leerstehen’ (also keinen Nachwuchs im Bauch haben) – als das Kredo schlechthin gilt!.

 

Ob der Zuchtverband seine Mitglieder kontrolliert, dort nachschaut, ob die Haltungsbedingungen tierschutzgerecht passieren?

Dies sei nicht Aufgabe des Verbandes, dafür gibt es ein Tierschutzgesetz und dessen Vollzugsorgane. Auch sei die Tatsache nicht zu unterschätzen, dass immer mehr Menschen – Nachbarn oder besorgte Tierliebhaber – dazu neigen, ‚Vorfälle’ zu melden, was andererseits ‚schwarze Schafe’ sehr schnell entlarvt. Außerdem stelle sich diese Frage sowieso nicht, denn jede/r ZüchterIn möchte schöne und gesunde Pferde präsentieren.

Würde mehr auf Quantität geachtet anstelle der ‚Qualität’, dann würden sich betreffende Landwirte von selbst disqualifizieren, weil niemand sich dann für deren Pferde interessieren würde.

Diese Rechnung allerdings geht so sehr wahrscheinlich nicht auf; würde es sonst Billiganbieter irgend welcher Art geben? Werfen wir z. B. einen Blick auf die Schweinezucht: hier entscheidet sich der Landwirt irgend wann einmal für seinen Weg. Während der eine darauf achtet, die Tiere gut zu halten, um qualitativ hochwertiges Fleisch an die Abnehmer liefern zu können (gibt es diese tatsächlich, stellt sich beim objektiven Betrachten der tristen Situation in Österreichs Schweineställen die nicht unberechtigte Frage), achtet der andere darauf sehr wenig – er ‚produziert’ unter minimalsten Bedingungen, um möglichst geringe Kosten in möglichst viel Fleisch umzuwandeln – für welches er zwar vielleicht am Kilopries gerechnet weniger Geld bekommt, aber durch die hohe Menge diesen ‚Verlust’ wieder ausgleicht. Nicht ganz so anders könnte das auch im ‚Pferdegeschäft’ sein, und das vor allem wenn dieses mehr und mehr in Richtung ‚Fleischproduktion’ läuft.

 

Noch eine kontroverse Tatsache, welche an dieser Stelle passt: der Verband bewirbt ja mit all seinen Möglichkeiten den Absatz von Fohlenfleisch. Er rechtfertigt dieses Vorgehen mit der Behauptung, dies sei ein Maßnahme im Sinne des Tierschutzes, weil dadurch – sollte tatsächlich ein nennenswerter einheimische Markt für Pferdefleisch entstehen – die Transporte ins Ausland wegfallen würden. RespekTiere reagierte darauf mit Protesten und Kundgebungen, warf den Pferdezüchtern vor, bloß neue Absatzmärkte erschließen zu wollen –  auf Kosten des Mitgeschöpfes. Eine neue Marktchance würde unserer Meinung nach über kurz oder lang dazu führen immer mehr Tiere zu schlachten, denn eine der einfachsten marktwirtschaftlichen Regeln lautet: Angebot und Nachfrage regeln den Handel. Glauben Sie tatsächlich, würde der Absatz in Österreich steigen, dass damit auch nur ein Tier weniger den langen Weg in die Hölle der italienischen Schlachthöfe antreten müsste? Niemals! Es wäre nur ein Zusatzgeschäft für Pferdezüchter, man würde mehr ‚produzieren’, weil der Absatz ein sicherer wäre – hätte man dann ja auch noch eine weitere Möglichkeit die Tiere zu verkaufen. Diese Maßnahme würde allerhöchstens den Preis für Pferdefleisch anfänglich in die Höhe treiben, zumindest so lange bis gewissenlose Geschäftemacher Lunten riechen und auf den Zug aufspringen würden. Eine Billigproduktion könnte die Folge dieses Spiels sein, welche die ohnehin traurige bestehende Situation noch wesentlich verschlimmern würde.

Andererseits: Herr Wieser wies darauf hin, dass in Österreich sehr viel Pferdefleisch gegessen werden würde. Laut der Statistik Austria schlägt sich das in folgenden Zahlen nieder: rund 450 Tonnen Pferdefleisch importierte die Alpenrepublik 2007. Was nun? Warum fahren dann italienische Frächter einheimische Fohlen in den Tod, wenn der nationale Bedarf durch ausländische ‚Produkte’ gedeckt werden muss? Lange wurde auf dieser Zahl herumgeritten, doch ein genauerer Blick auf jene Seite der Statistik Austria lässt gänzlich andere Beweggründe als ‚bloß’ die Gier nach dem Fleisch der Tiere vermuten; es gibt weitere, ebenso niedere, Motive: stimmt, es sind 444 Tonnen Pferdefleisch angeführt, welche nach Österreich eingeführt worden waren. Was Herrn Wieser aber nicht aufgefallen war – oder er nicht beachtete – ist die Tatsache, dass im selben Zeitraum auch 25 797 Tonnen Rindfleisch und sage und schreibe 160 547 Tonnen Schweinefleisch importiert worden waren, und 2 242 Tonnen Schaf und Ziege! Was sagen uns diese Zahlen? Es handelt sich dabei um reine Subventions- und Gegengeschäfte, denn im selben Atemzug erwähnt die Statistik Austria auch den Fakt, dass der Selbstversorgungsgrad bei Rindfleisch in Österreich bei 147 % liegt, bei Schweinefleisch bei 101 % und bei Pferdefleisch bei 128 %!

Österreich exportiert demnach 625 lebende Pferde zum Schlachten ins Ausland, importierte andererseits aber auch 11 Tiere für den selben Zweck.

Es ist ebenso Tatsache, dass Österreich trotz einer Selbstversorgungsrate von 290 % (!!!) fast 8 500 (!!!) Tonnen Innereien einführt. Das alte Spiel um Macht und Geld, um Subventionen, Prämien, Steuerersparnis.

 

Die VertreterInnen der Zuchtverbände betonten immer wieder ihre Anschauung, dass beide ‚Parteien das selbe wollen’, im selben Boot säßen; beide wollen den Tierschutz verbessern, für die Pferde Gutes erreichen.

Wo allerdings die Trennlinie zwischen TierschützerInnen und ZüchterInnen liegen, offenbarte sich nur kurz darauf – richtig ‚heiß’ wurde die Diskussion nämlich, als Fragen nach dem Töten aufgeworfen wurden; wie kann man seine Tiere, die – wie ZüchterInnen behaupten – man vom Herzen liebt (‚Ich würde mir für meine Pferde den Finger abhacken lassen’) – später essen? Diese Fragestellung blieb allerdings unbelohnt, entfachte eine emotionale Diskussion, die wie so oft mit den Worten ‚das gehört hier nicht her’ erstickt wurde. Schade darum! So setzte sich der Anschein fest, dass ‚bequeme’ Dinge gerne besprochen werden würden, während ‚Unangenehmes’ lieber draußen zu bleiben hatte. Leider, denn der bis dahin hochwertige Diskussionswert erhielt nun doch einen Dämpfer.

Ja, es entstand der Eindruck, dass das Aufwerfen solcher Fragen an sich ein Quertreiben sei, eine Art Provokation. Wie gesagt, dass ist wirklich schade!

 

Trotzdem: das Fazit bleibt, dass an gemeinsamen Lösungswegen gearbeitet werden kann, dass der Pferdezuchtverband bereit ist über Probleme nicht nur nachzudenken sondern diese auch abzustellen. Dem Zuchtverband sind die Anliegen des Tierschutzes offenbar wichtig und allein diese Tatsache lässt Hoffnung für die Zukunft schöpfen.

 

Wir möchten nicht missen, zum Schluss noch folgende Feststellung zu platzieren: mit dem Herrn Wieser hat der Pferdezuchtverband offensichtlich genau den richtigen Mann für die Aufgaben der Organisation gefunden. Herr Wieser ist sehr kommunikativ, scheut sich nicht Zahlen und Fakten zu nennen, Probleme offen anzusprechen; er geht einen ‚geraden’ Weg, strahlt Ehrlichkeit und Vernunft aus und flüchtet sich niemals in leeres Gerede. Er gibt Fehler offen zu, sagt, wenn er etwas nicht so genau weiß, sucht das Gespräch, ist offen und dankbar für Ratschläge und vermittelt den Eindruck, unsere Interessen in diesen Angelegenheiten zumindest verstehen zu wollen – und das allein ist schon viel mehr als man von Schweine-, Hühner- oder Rinderzüchtern je behaupten wird können!

 

Es werden weitere diesbezügliche Treffen erfolgen. Nun werden wir das Besprochene einer Reifeprüfung in der Praxis unterziehen, die nächsten Auktionen abwarten, und danach, mit frischen Eindrücken, erneut das Gespräch aufnehmen. Ein herzliches Dankeschön gilt an dieser Stelle dem Pferdezuchtverband für die Bereitschaft zum Austausch und der so engagierten Mag. Andrea Hagn für die Vermittlung (und Festsetzung des Termins für die Gesprächsrunde) zwischen den sich in den letzten Monaten mehr und mehr zu verhärten drohenden Fronten J

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