Kälbermarkt St. Pölten

Fast täglich finden irgend wo in unserem Land Rindermärkte statt. Diese Plätze repräsentieren nicht viel anderes als moderne Sklavenumschlagsorte, nur werden hier anstelle von menschlichen Geknechteten tierliche für den allmächtigen Euro ihre Besitzer wechseln.
Nachdem wir in den letzten Monaten die Kälberversteigerungen in Zwettl und in Amstetten besucht hatten, fuhren wir diese Woche nach St. Pölten, in Niederösterreichs Metropole. St. Pölten ist in der Zwischenzeit zu einer modernen Hauptstadt herangewachsen, dementsprechend erwartungsvoll harrten wir der kommenden Veranstaltung – würde sich diese von jenen in den weiter entlegenen Gebieten unterscheiden? Würden die Menschen hier das Mitgeschöpf vielleicht mit zarteren Händen anfassen, angesichts der Nähe zum urbanen Zentrum von weniger groben Gemüt sein?
Gegen 9 Uhr vormittags betraten wir die kleine Halle; anders als etwa in Zwettl oder im salzburgerischen Maishofen präsentiert sich St. Pölten’s Tierversteigerungsarena als völlig veralterte, sehr kleine Bühne. Trotzdem warteten mehr als 350 Kälber in den Stallungen im Inneren des Gebäudes, allesamt an kurzen Stricken und Ketten gefesselt, auf ihren Auftritt im Oval, wo eine relativ kleine Menge an HändlerInnen und Ver- sowie EinkäuferInnen im rund der Tribünen bereits Platz genommen hatte. Auch eine Tierärztin, Angestellte des Veranstalters NOEGenetik, war während der gesamten Prozedur anwesend, was zumindest für das Verantwortungsbewusstsein des Veranstalters sprach; natürlich gibt es eine gesetzliche Verpflichtung hierfür, wenn es jedoch um Tiere geht so wissen wir alle, wird schwarz auf weiß sehr schnell zu einer Bandbreite von Dutzenden Farbschattierungen im Graubereich ausgeweitet …

Das Wirrwarr an Stricken als eine potentielle Verletzungsquelle…

Schon gleich zu Beginn, kaum hatten wir unsere Kameras ausgepackt, starteten die ersten Schwierigkeiten – mehrere Landwirte umringten uns, misstrauisch und mürrisch.
Bald erschien jemand Verantwortlicher, und nach einer Kopie eines Presse-Ausweises durften wir – rein der Pressefreiheit zu verdankend denn einer Duldung – unserer Arbeit nachgehen. So manche Bemerkung von Landwirt’s Seite möchten wir an dieser Stelle nicht kommentieren, und einen Bericht von einer derartigen Veranstaltung nur dann zu genehmigen, wenn man alles Passierte als ‚Gut‘ darstellt, widerspricht wohl jedem modernen Verständnis von Freiheit auf Wort und Bild…
Besonders der Besuch in Amstetten dürfte in der ‚Szene‘ für Aufsehen gesorgt haben; von allen Seiten hören wir, dass dort TierschützerInnen gewesen seine, die im Internet Berichte verbreiteten, welche nur die negativen Seiten solcher Versteigerungen aufgezeigt hätten; diese wären übertreiben gewesen, unwahr, und hätten den Bauerstand ganz schlecht weg kommen lassen…

Was hören wir nun wieder von den Problemen der Bauernschaft, dass diese in solch schweren Zeiten jede Unterstützung benötigen würde, nur ja nichts Negatives berichtet werden dürfe; aber nur ein Beispiel, welches die Interessen der Anwesenden wohl zu gut unterstreicht: der Milchbauer beklagt sich über den Preisverfall, meint, jenen, der mästet, betreffen die Schwierigkeiten nur sehr am Rande; jener der mästet aber, der sagt, Milchbauern jammern doch immer nur, eigentlich geht’s denen sowieso gut, aber der Fleischpreis, der ist im Keller…

Dass diese wie jene noch kein Fall für die Sozialhilfe sind, davon können wir alle uns oft genug überzeugen, wenn wir durch das Land wandern; wie viele Höfe gibt es, wo allein der Verbau der Scheune Kosten in der Höhe eines Einfamilienhauses verursacht haben wird…

Übrigens, auch fällt kein Wort darüber, dass man für landwirtschaftlich tierliche ‚Produkte‘, Fleisch oder Eier oder Milch gleichermaßen, mehr bezahlt bekommen wolle um damit den Tieren ein besseres Leben gewähren zu könnte; erinnern Sie sich? ‚A Faire Milch‘, man bezahlt 10 Cent mehr, welche direkt dem Bauern zu Gute kommen sollen, aber in keinem Wort erwähnt die Genossenschaft dabei, dass man mit einem erhöhten Preis auch für die Kühe bessere Bedingungen schaffen würde…
Nur der eigene Geldbeutel möchte gefüllt sein.

Viele der Kälber zeigen sich enorm unruhig, manche resigniert, andere todmüde; der Stress muss für die Tierkinder wohl ein gewaltiger sein. Die Tierärztin nimmt von einigen Blutproben, auf unsre Frage warum sie das tue antwortet sie, die Kälber stammen von Betrieben, wo Rinderkrankheiten aufgetaucht wären, sind also Risiko’patienten‘ und müssten vor einem eventuellen Verkauf nochmals untersucht werden. Die junge Frau zeigt sich ambitioniert, sehr wissend, mit der Materie vertraut; ob allerdings tierschutztragende Aspekte in der Halle umgesetzt werden, scheint als großen Minuspunkt dann weniger interessant. Allein das allgegenwärtige und nach dem Gesetz eigentlich verbotene ständige Schwanz-Umdrehen beim Treiben der Kälber fährt dem Betrachter sofort schmerzlich ins Gemüt. Der Boden, von der Veterinärin bestätigt, präsentiert sich viel zu glatt für die Kälber, kaum eines, dass auf dem Weg in die Arena nicht mehrmals ausrutscht. In derselben wird der Wert des Lebens in Körpergewicht bemessen, der durchschnittliche Preis für ein Dasein liegt in etwa bei 3 Euro/kg. Hauptsächlich wird hier so genanntes ‚Fleckvieh‘ versteigert, ein paar ‚blau weiße Belgier‘, eine Rasse, welche sich durch schnellen und hohen Fleischansatz auszeichnet, sind auch darunter. Die meisten der Kälber weisen ein Gewicht von um die hundert Kilo auf, es sind aber auch einige darunter, die mehr als 200 kg auf die Waage bringen. Manche der Tierbabys sind erst sechs Wochen alt, bekommen wir bestätigt.
Die allermeisten der angebotenen Tierbabys enden in der Mast, wo sie zwischen einem und eineinhalb Jahren auf bloßen Gewichtszuwachs gefüttert werden, unter möglichst wenig Bewegung, um nur ja die Fettzunahme nicht zu gewährenden. Wenn sie dann ihre letzte Fahrt antreten und beim Metzger ‚ogschlogn‘ werden, wie die Landwirte den Tötungsvorgang bezeichnen, wird rund 50 Prozent ihres Gewichtes zu Fleisch verarbeitet. Dieser Anteil ist bei der ‚Blau Weißen‘ Rasse um einige Prozentpunkte höher, erfahren wir.

der Boden in St. Pölten ist für die Kälber eine einzige Gefahrenquelle, weil viel zu glatt…



Die ersten Kälber werden inzwischen auf die wartenden Anhänger verladen. Nur wenige große Tierhandelsfirmen sind vertreten, wir zählen nicht mehr als vier große Tiertransporter. Der Rest ist mit kleinen Anhängern und PKW’s oder Traktoren angereist; machen der Hänger scheinen selbst gebastelt, einfache und ziemlich unfachmännisch gebaute Bretterverschläge auf ein Metallgerüst gesetzt – deren Verkehrstauglich zu überprüfen wäre wohl eine interessante Sache. Trotz deren so offensichtlich technischen Unzulänglichkeit werden auf wenigen Quadratmetern Platz vier, fünf, ja sogar sechs Kälber gezwängt; ob das dem Tierschutzgesetz entspreche, wollten wir wissen – die Antwort ist immer dieselbe: auf die wenigen Kilometer Heimfahrt ist wohl alles kein Problem…
Mehr als beanstandenswert ist die Tatsache, dass die Rampe in St. Pölten eine völlig ungeeignete darstellt. Sie ist den meisten Anhängern viel zu hoch, dutzende Kälber werden deshalb einfach über die Brüstung gezerrt; anderen scheint sie zu niedrig, bar jeder Flexibilität, so müssen die Kälbchen oft mehrere Stufen durch die Anwendung von mehr oder weniger Gewalt überwinden, bis sie in die wartenden Hänger verfrachtet werden können. Unsanft werden ihre Beine über Betonkanten geschleift, und es verwundert sehr, dass sich nicht mehr Tiere dabei verletzen. Auch gibt es in der Halle keine Boxen, was das Anbinden der Kälber als unumgänglich macht.
Einen Einspruch gegen diese so offensichtlichen baulichen Mängel zu erheben, wäre völlig sinnlos – das Versteigerungsgelände ist ein Relikt aus alten Zeiten und wird sehr bald einer modernen völlig neu erbauten Anlage weichen; keine Behörde in Österreich reagiert schnell genug, wenn in absehbarer Zeit sowieso endgültig geschlossen wird, davon ist wohl mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auszugehen. In den neuen Hallen wird es auch Boxen geben, welche das Anbinden von Kälbern unterbinden werden.

die Bewältigung verschiedener Stufen wird für die Kälber oft zur Tortur…


unsanft wir so manches Kälbchen in den Transporter berfördert…



Wir unterhalten uns mit einigen Landwirten; es ist keine Frage, unter diesen gibt es herzensgute, ehrliche Menschen, die sich auch um ihre Schützlinge kümmern. Natürlich ist deren Zugang ein anderer, natürlich werden jene, die mit der ‚Ware Tier‘ Geld verdienen, tunlichst darauf achten, nur ja keine nähere Beziehung zu denen aufzubauen, welche sie in wenigen Monaten unweigerlich dem Schlächter ausliefern. Selbstschutz liegt in diesem Vorgehen, sie ist ein ungeschriebenes Gesetz.
Eine Bäuerin wartet mit einem schweren Holzstock vor dem geöffneten Anhänger ihres Traktors; schon bald erscheint der Bauer selbst, zerrt ein Kalb hinter sich her. Der liebenswerte alte Mann ist ein Arbeiter, bestimmt immer gewesen; jemand, der die Gesetze der Natur achtet, über sie Bescheid weiß und mit den Jahreszeiten lebt, jemand, dessen Gesicht von harten Bedingungen und Feldarbeit geprägt ist. Dessen Gesicht jedoch auch Sanftheit ausstrahlt, ja sogar Gütigkeit. Er ärgert sich offensichtlich darüber, dass das Kälbchen so gar nicht weiter kommen möchte, wendet jedoch zu keinem Zeitpunkt andere Gewalt als Ziehen am Strick an, um es zu einer schnelleren Gangart zu bewegen. Ich erfahre von seiner Frau dass relativ viele dieser kleinen Wesen in den Ställen sterben werden, Krankheiten sind ganz und gar nicht selten; vor allem Durchfall, der aber noch relativ leicht zu behandeln ist, ist ein Problem – die Kälbchen müssen nun vom Milchaustauschgetränk auf feste Nahrung umgestellt werden, was so manches nicht gut verträgt. Sie hätten zu Hause 50 Tiere, vor Kurzem waren es noch 60, jedoch erlaubt das neue Tierschutzgesetz nur mehr eine geringere Anzahl von Rindern pro Box. Solche Dinge treffen den Bauernstand hart, meint sie nachdenklich. Nun mischt sich eine andere Bäuerin in das Gespräch; sie fände die Anzahl der Kälber, die pro Quadratmeter Bodenfläche transportiert werden dürfen, als viel zu niedrig; je mehr auf dem Transporter gedrängt werden, desto besser, weil die Tiere dann selbst in Kurven nicht mehr umfallen können…
‚Meine‘ Bäuerin ist inzwischen damit beschäftigt – nun sind bereits sechs oder sieben Kälbchen von ihrem Mann in den Anhänger verfrachtet worden – diese daran zu hindern das Fahrzeug wieder zu verlassen. Hierzu benutzt sie den Stock, immer wieder landet dieser an den Köpfchen oder den Flanken der Tierkinder; Gott sei Dank setzt sie das Holzteil eher sanft ein, niemals mit aller Gewalt, mehr als drohendes Vorzeichen, was passieren könnte, würde dieses Zur-Schau-Stellen ihrer Überlegenheit die Wirkung verfehlen…

auch der Stock kommt immer wieder zum Einsatz…


ein letzter Blick einer gestohlenen Kindheit…


Die Tierärztin bleibt während der gesamten Prozedur in der Halle, kümmert sich nicht um die Verladung; was eigentlich Schade ist, denn allein ihre Anwesenheit würde vielleicht genügen, um die Männer und Frauen zu mehr Vorsicht im Umgang mit den Tieren zu veranlassen.

Die Stimmung unter den Bauern uns gegenüber verschlechtert sich zusehendes, die Verladungen zu fotografieren gefällt den LandwirtInnen so ganz und gar nicht. Manchen verbalen Tiefschlag parieren wir souverän, und so lässt man uns immer wieder in Ruhe.
Letztendlich erhalten wir sogar eine Adresse von einem größeren Rindermäster, welcher uns einlädt, seinen Hof zu dokumentieren – dass wir Tierschutz-Journalisten sind, weiß er zu diesem Zeitpunkt aber natürlich noch nicht. Er wird es jedoch erfahren, denn wir werden ihn in den nächsten Tagen kontaktieren und mit dieser Tatsache konfrontieren; mal sehen, ob er auch dann noch dazu bereit ist, uns in sein Reich zu laden, was ganz sicher sehr interessant sein könnte! Sollte Sie, lieber Landwirt, diese Zeilen lesen – was wir als sehr wahrscheinlich annehmen – wir versprechen Ihnen vom Herzen, völlig objektiv zu berichten, dürften wir einen Einblick in Ihre Arbeit bekommen!

Es ist nun gegen 14 Uhr, die ‚professionellen‘ Händler beginnen mit dem Aufladen ihrer ersteigerten Tiere. Sie haben bis zum letzten Moment gewartet, wohl um den Preis möglichst tief zu drücken. Von diesen Kälbchen wird ein Grossteil die nächsten Tage nicht mehr erleben, sie werden sehr bald beim Metzger landen. Traurig und desillusioniert verlassen wir den Ort dieser Tragödie, welche von einem Großteil der Menschheit auf Grund zunehmender Verrohung leider gar nicht mehr als solche erkannt wird…



 

 

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