Gestrige Treibjagd in Baron Melnhof’s Auwald

Es sollte ein herrlicher Wintertag werden. Letzte Nebelreste flüchteten über die Tümpel und Teiche unseres wunderschönen Auwaldes hinweg, wie unsichere Schatten, verfolgt von der zaghaften Wärme, welche eine langsam aufgehende, einsame Wintersonne zwar versprach, aber doch nicht halten würde können. Das Land, unser Land, unsere Heimat , war getaucht in die schönsten Farben des beginnenden Morgens, purpur anmutendes Rot, durchzogen von schimmernden gelblichen Tönen und nur hie und da ein letzter schwacher Fadenstreif von sich langsam auflösendem Schwarz. Schemenhaft entwirrten sich mit fortschreitender Stunde die Umrisse des Lebens; wie unbesiegbare Krieger des Waldes ragten die kahlen Bäume dem Himmel entgegen, trotz des jahreszeitlich bedingten Verlustes ihrer Blätter wirkten sie immer noch unantastbar und majestätisch.
Glitzerndes Weiß bedeckte den Boden, die leichten Schneefälle der Nacht hatten ihre Spuren hinterlassen, herrlich weiche Watte zu unseren Füßen.
Es war ein Morgen wie jeder andere auch, ein Versprechen für die Zukunft, ein Tag gefüllt mit so vielen neuen Eindrücken, so viel zu lernen für uns Wildschweinkinder. Wahrlich, ein Morgen wie jeder andere – und dennoch lag etwas Unheilvolles, gewalttätiges, in der kalten Morgenluft. Noch war die Bedrohung nicht einzuordnen, mein kindliches Gemüt überfordert mit den tanzenden Schneeflocken rund um mich.

Wir tollten durch das fallende Weiß, vergnügt und voller Leben. Mein Vater beobachtete uns, doch seine Mine zeigte nicht den puren Stolz, war nicht gezeichnet von Kraft und Mut und Freude wie sonst. Vater musste längst wissen – irgend etwas war anders heute… Nur ich konnte seine Regungen nicht deuten.

Und auch meine Mutter äugte anders als sonst durch den dichten Wald, angespannt, ich konnte sie fast fühlen, ihre Vorahnung. Heute sollte sich das große Geheimnis vor mir entfalten, doch davon wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nichts. Ich hatte mich immer gefragt warum es denn so wenige Alte unter uns gab, doch nie sollte ich je eine Antwort erhalten. Statt dessen wechselte die Sippe, sobald ich auch nur ein Wörtchen davon sprach, das Thema, blickten die Muttertiere besorgt zu Boden, so als ob ich ein Tabu gebrochen hätte, einen furchtbaren Zauber beschworen. Doch ich bin ein Kind, und des Kindes Sorgen sind kurze – es gab so viel zu tun für mich, wollte meine Umwelt erkunden, musste andere Tiere kennen lernen, musste nach Gedankenbildern schnappen, welche nur in meinem Köpfchen existierten, in der Erde nach alten Wildschweinschätzen graben. Schnell waren sie verdrängt, diese unheilvollen Gedanken, die doch nur so viel Schmerz versprachen – bis zu diesem Morgen, an dem alsbald so vieles anders sein sollte als sonst…

Das hier war unsere Welt, unser einziges zu Hause; hier wurden wir geboren und nirgends anders wollten wir je leben. Unsere Welt schien uns unendlich weit, eine riesige Insel, ein ganzes Reich, ein Kontinent; begrenzt nur vom Pfeifen des Windes, vom tobenden Fluss zu unserer Rechten und auf der gegenüberliegenden Seite von jenem endlos grauen Band, welches wie eine gierige Schlange alles Leben unter sich zu erlöschen gedachte; und tatsächlich, es fraß das Land, speite dabei abertausende lärmende Karossen aus, deren Abgase das Land verpesteten und immer getrieben schienen von nimmersatter Ziellosigkeit, kommend und gehen. Davor allerdings hatte ‚Mensch‘ mit kalten Drahtgeflechten unser Land umzäunt, wie eine schimmernde Woge, und nur er selbst sollte Zutritt haben. ‚Mensch‘ hatte uns zu Gefangenen unserer selbst gemacht, uns eingesperrt und gleichzeitig von allem anderen ausgesperrt. Selbst unseren Brüder und Schwestern im Gebiet außerhalb war der Weg zu uns verwehrt, abgehalten von leblosem Metall. Vater und Mutter erzählten uns Geschichten von manchen Wildschweinen, die den Weg aus unserem goldenen Gefängnis geschafft hätten, eine Flucht ins Unbekannte; niemals waren sie zurückgekehrt und so war alles, was mit ihnen passiert sein musste, nur Legende; während die Einen vom Auffinden des Paradieses sprachen, wussten andere von grässlichen Dingen, die mit den Wenigen geschahen, zu berichten. Doch was kümmerte es uns; wir, die wir hier frei waren, frei zumindest in unserer kindlichen Welt…
 
Immer wieder waren wir in meinem jungen Leben diesen seltsamen Menschenwesen begegnet, hässliche, oft übelriechende Riesen auf zwei Beinen. Wie oft wohl hatten wir die Straßen des Waldes überquert und da sind sie vor uns gestanden, mit ihren Kindern, mit Freuden, den Weg entlang trottend. Schwach und hilflos sahen sie aus, vor Angst erstarrend, selbst wenn wir Kleinen auf sie zukamen. Wir fanden es immer lustig sie zu erschrecken, doch unsere Eltern drängten uns sofort zurück in das schützende Dickicht, den seltsamen Wesen aus den Augen.
Unsere Eltern hassten sie, sie seien gefährlich, hörten wir immerzu. Sie sind schwach und langsam, doch gebt Acht auf ihre Hände – sie können greifen, können bewegen, können töten, so schnell wie der Blitz. Sie haben keinen Respekt vor der Natur, nicht vor den Bäumen und nicht vor uns, die wir einst ihre Brüder und Schwestern waren. Sie haben sich hinweggesetzt über die Gesetze des Daseins, haben ihren eigenen Gott getötet und dessen Widerpart, einst klein und schmächtig, in ihrer Mitte geduldet und ihn gefüttert mit ihrer Grausamkeit. Sie haben ihn so lange genährt, bis er schließlich geplatzt ist, in Milliarden von kleinen Teilen, und in jeder ihrer Seelen hat einer dieser Teile ein neues zu Hause gefunden. Und sie füttern ihn weiter, verachten ihn zwar, aber wollen nicht wahrhaben, dass sie inzwischen zu ihm selbst geworden sind, seine Brut, sein Samen.

Sie müssen trotzdem Götter sein, dachte ich, sich verwandeln könnend und wie Drachen der Legende entsteigen – denn so wie wir sie sahen, von Angesicht zu Angesicht, könnten sie ja kaum einen Wurm töten…
Dennoch gab es Einige unter den seltsamen Wesen die ich sogar wirklich mochte; diese, stets grün gekleidet, kamen immer wieder in unseren Wald und brachten feinste Sachen für uns; Delikatessen, warmes Stroh, duftendes Heu, Mais, Äpfel und manches Mal sogar Zuckerrüben. Und die Eltern warnten uns auch vor diesen freundlichen Zweibeiner; sie sind die allerschlimmsten, sie, die durchtrieben sind von der Lust am Töten; die vorspielen uns zu lieben, sprechend von ‚Hege‘, und die dennoch längst unrettbar infiziert sind von der Krankheit des Mordens.
Wir maßen den Worten der Alten keine große Bedeutung zu, denn ängstlich in unseren Augen waren sie geworden, ängstlich und träge. Wir Wildschweine, und besonders wir Kinder, wir waren doch die wahren Könige des Waldes, ja und selbst die grünberockten Wesen zollten uns Tribut, gaben uns zu essen; warum wohl? Weil sie uns fürchteten, da wir doch um so vieles schneller sind als sie, um so vieles stärker, begabter, verbundener mit Mutter Natur.

Irgend etwas war unterschiedlich an diesem Tag; selbst die Sonne schien den Umständen Tribut zu zollen, denn anders als anfänglich erwartet, schaffte sie nicht die Schleier des kalten Morgens zu durchdringen; ganz so, als wollte sie ihr Antlitz verstecken, nicht Zeuge werden von dem was kommen sollte.

Und plötzlich schien der Wald zum Leben zu erwachen. Die Bäume, wie stumme Geister einer längst vergangenen Zeit, verkündeten als erste den beginnenden Wahnsinn. Ihre abgeworfenen Zweige krachten unter hunderten Beinen, so als wollten sie uns warnen. Noch lachten wir, erkannten nicht die Gefahr. Vater erstarrte, er, der niemals Angst hatte, schien in dieser Sekunde vor Angst gelähmt. Und dann öffneten sich die Schleusen einer Hölle, einem Abgrund, der sich jeglichem Versuch einer Beschreibung schlichtweg entzog, so schrecklich sollten die nächsten Stunden werden. Sie waren hier, diese zweibeinigen Wesen, und mit ihnen waren ihre Handlanger gekommen, Vierbeiner, die einst unsere Brüder waren, bevor ‚Mensch‘ ihren Willen brach und sie zu seinen Knechten machte. Ich hasste sie, oft genug hatte ich sie schon gesehen, wie sie hinter Menschenfamilien herliefen und sich zu benehmen versuchten wie ihre großen Vorbilder. Oft genug jedoch büxten sie diesen aus, liefen in den Wald und versuchten uns gar zu jagen, fett und schwerbeinig vom trägen Leben unter ihren Meistern. Wir haben die meisten von ihnen stets ausgelacht und nur ganz wenige forderten uns, ließen uns ängstlich Schutz bei den Eltern suchen, bis diesen sie vertrieben mit wütendem Schnauben und stampfenden Füßen. Vater hatte mich stets gelehrt keinen Groll zu empfinden – sie sind wie wir, mente er, vor Legionen Generationen geboren im Wald, doch vom Zweibeiner entführt, aufgenommen und gedemütigt, Untertan gemacht. Sie sind nicht schuldig, sind gebrochen, entzweit von ihrem Dasein. Wir müssen ihnen verzeihen, Mitleid haben, wenn sie einst zurück kehren werden in den Wald, befreit von der Herrschaft des Despoten.
Und nun waren sie hier, und nicht als Freude, als Rückkehrer, als Um Verzeihung bittende – sie waren hier als tobende Vorhut Luzifers Gnaden…

Die Zweibeiner folgten, lärmend, schreiend, unseren Gott der Stille verachtend; wie eine Mauer stürmten sie auf uns zu, gekleidet in roten und grünen und gelben Farben, Farben so schreiend, dass sie uns fast blendeten. Vater und Mutter wussten, was zu tun war; unterzutauchen, den Schutz unserer Brüder, der Bäume und Sträucher, suchend; doch wie von Sinnen waren wir, hörten ihre Worte nicht mehr; stürmten los, weg, wollten dem Wahnsinn irgend wie entkommen – und stürmten direkt in ein Inferno aus Donnern und Blitzen…

Da standen sie vor uns, grünberockte Meuchler, eine Mörderbande ohne Gewissen; ihre Gesichter erstarrt, ihr Geist längst der Natur entronnen; im Laufe der Jahrhunderte war für sie selbst die Berührung des Windes unangenehm geworden, das Erfrischende des Regens zur Qual; sie spürten nicht mehr die Befreiung der Kälte auf ihrer Haut, denn sie hatten Angst bekommen vor der Schöpfung, vor einer Welt, die sie selbst schufen. Eine Welt ohne Ehre, ein Dasein beraubt elementarster Gefühlsregungen; Geld und Macht ist ihre Krankheit, und der Drang, selbst zu Gott zu werden umnebelt ihre Gedankenwelt.
Johlend schleuderten sie uns giftige kleine Metallkugeln zu, wie unsichtbare Insekten, Mücken, die den Wald durchkreuzten – auf der Suche nach Fleisch, unserem Fleisch. Und sie fanden ihr Ziel – ich sah aus erschreckten Augen meine Brüder und Schwestern fallen, getroffen von diesen Kugeln. Ich werde nie das Geräusch vergessen, welches der Zusammenprall von Gewehrkugel und Körper verursacht. Wenn Haut durchdrungen, Muskel zerfetzt, Leben geraubt wird; wenn das Licht in den Augen erlöscht, wenn Rinnsaale von austretendem Blut die Erde beflecken; ja, ich konnte es hören, wie Mutter Natur seufzte, der Boden zu unseren Füßen genährt mit dem Blut Dutzender und Aberdutzender der Unseren. Wie sie schrieen, panikerfüllt, eine Symphonie aus Angst und Schmerz und Leid.

jägerliche Absonderheit, die vielleicht einer psychiatrischen Hilfe bedarf – den Mund mit einem Holzpflock aufgespreizt…


Und plötzlich waren die fallenden Schneeflocken zu Tränen geworden, das Weiß zu unseren Füßen ein Meer der Hoffnungslosigkeit. Es färbte sich langsam rot, eine Masse blutiges Etwas. Ich hörte die Maschinen der Menschen, riesige geländegängige Fahrzeuge, wie sie sich durch das Dickicht fraßen. Ihre Hunde, selbst dem Wahnsinn nahe, wie sie nach den toten Leibern meiner Brüder und Schwestern schnappten; wie sie sich in die Körper jener verbissen, die noch wimmernten, schwerst verletzt, unfähig den riesigen Zähnen auszuweichen. Wie die Grünberockten lachten, ihre Gewehre luden, eine weitere Welle der Vernichtung aussandten; ein Heer von Dienern, winzig kleine Kugeln, die nach Kontakt mit uns Tieren gierten, und deren Berührung immer den Tod brachte.

die Häscher sammeln die Opfer ein; sie sollten an diesem Tag 199 Mal zum Einsatz kommen…


Ich sah sie sterben, alle die ich geliebt hatte, meinen Vater, meine Mutter, meine Brüder und meine Schwestern, meine Verwandten, meine Freunde; sah meine Heimat in Blut ertrinken, jens Land, welches bis zu diesem Morgen ein Ort des Friedens gewesen war; still und demütig. ‚Mensch‘ hatte es innerhalb von wenigen Stunden verwandelt, hatte daraus Luzifers Spielplatz kreiert.

Für die meisten von Euch Menschen war es wohl ein Tag wie jeder andere; für mich aber ist heute mehr gestorben als meine Familie, meine Freunde; für mich ist ein Traum untergegangen im blutigen Schnee des Auwaldes; ich hatte geträumt von Brüderlichkeit, von Einigkeit unter den Wesen – es wäre ein so schöner Traum gewesen.

Ich, der ich zum beginnenden Morgen noch ein Kind war, unschuldig, vor wenigen Monaten geboren, wurde im Wimpernschlag des Augenblickes meiner ganzen Welt beraubt; sie wurde ausgelöscht, unwiederbringlich; das Paradies zum Ort der Verdammnis gemacht…

Die Kälte der Nacht weckte mich; noch immer lag ich zusammengekauert in jener Rinne, die mein Vater für mich gesucht hatte; er selbst wollte zurückkehren auf das offene Feld, wollte meine Geschwister in Sicherheit bringen. Sie hat ihn getroffen, in der Seite, jene von einem jungen Mann abgefeuerte Kugel; ich sah ihn zusammenbrechen, grunzend, vor Schmerz tobend; sah seinen mächtigen Körper sterben, seine Augen erlöschen; der junge Mörder hatte meinen Vater getötet, und er stand am Feld und lachte; andre Menschen klopften auf seine Schulter, ihre Gesichter entstellt, ihre Münder vor Mordlust triefend.
Nicht nur mein Vater ist dort im blutgetränktem Schlamm gestorben und im fallendem Schnee begraben worden; meine Seele starb an seiner Seite…

Der Wald war nun leer und stumm. Es war so ruhig, dass ich meinte, selbst der Wind musste von den Kugeln der Jäger durchsiebt worden sein Ja selbst die Bäume hatten ihre Sprache verloren, überzogen von der Kälte der Nacht, in sich gekehrt, tief betroffen von den Ereignissen, welche sie Stunden zuvor bezeugen mussten. Und auch das Gras hatte jede Kraft verloren, erstarrt zu Eis, mutlos wie ich.

Mensch, Du bist das schlimmste aller Raubtiere, unumstritten; Dein Hunger ist immer noch nicht gestillt. Deinem Einfallsreichtum in der Ausbeutung alles Lebens auf dieser unserer einzigen Erde sind keine irdischen Grenzen gesetzt, und auch nicht Deinem Bestreben, den Planeten mitsamt aller Mitgeschöpfe zu unterjochen, auszubeuten, auszurotten. Du bist heute nach Außen hin zwar zutiefst beschämt über den Holocaust des 2. Weltkrieges, über Judenmord und Menschenvernichtung im Dritten Reich, fühlst Dich aber gleichzeitig nun erhaben dieser Dingen, längst darüber stehend; denkst, Du hättest finstre Zeitalter hinter dir gelassen; träumst gar von Kultur, sinnierst über Zivilisation. Doch die Wahrheit ist eine andere, eine schmerzhafte – und Du kennst sie, doch willst sie Dir nicht eingestehen. Denn mit Gewissheit ist die Bestie in Deinem Inneren noch immer nicht zum Erliegen gekommen, sie tobt weiter in Dir, Gut gegen Böse, eine epische Schlacht, Jesus versus Gabriel, der Erzengel der zum Satan wurde – und jene Seite wird gewinnen, die du am meisten fütterst. Du versuchst den Wahnsinn des Krieges unter Deinen Völkern zu begreifen, Dein Morden, Dein Gieren, Dein Zerstören zu verstehen, versuchst zu begreifen, was Dich, Mensch, das scheinbar höchste aller Wesen, antreibt, unaufhaltsam, treibt wie Blut in den Adern, unaufhaltsam gepumpt von nimmermüden Herzen. Es ist Dir bewusst, Du hättest der Schöpfung höchste Stufe erklimmen können, doch tatsächlich hast du einen anderen Weg gewählt, hast vorgezogen deren tiefster Fall zu sein.
Und im selben Augenblick, noch während Du über Deine Beweggründe nachdenkst, setzt Du den Wahnsinn an einer gänzlich anderen Front, dieses Mal gegen völlig Wehr- und Schutzlose, unvermindert fort. Ist der Krieg unter Menschen wenigstens noch ein Krieg unter seinesgleichen, gibt es keine Rechtfertigung für die Schmach der Jagd. Egal, zu welchen Leistungen auf kultureller oder geistiger Ebene Du Dich noch aufraffen wirst können, sie werden klein und nichtig sein im Angesicht dessen, was Du Dir gegenüber dem Tier zu Schulden hast kommen lassen.

Ich, der Schreiber dieser Zeilen, sitze nun in meinem kleinen Zimmer und hämmere die Worte mit tränenden Augen in die Tasten.
Ich erinnere mich daran, wie sich die Mörder nach getanem Werk an jener beschaulichen Lichtung versammelten, angetrunken von Mordlust und dem mitgebrachten Alkohol. Wie sie dort standen, wie kleine Kinder, nun, nach dem Ablegen ihrer Waffen wieder zu Mensch geworden. Wie sie ehrfurchtsvoll wisperten, Gefühlsregungen vermeidend, still und vorsichtig, vielleicht um nur ja nicht das eigene Gewissen zu wecken; wie sie ihre Hände wuschen, die Zeichen des blutigen Handwerks loszuwerden versuchten; wie das Blut langsam dem Wasser Tribut zollte, sich mehr und mehr mit dem kalten Nass vermischte und schließlich verblasste, ganz so, als sei nie etwas passiert; dachte daran, wie dieselben Hände, die hier so hemmungslos töteten, abends zärtlich die Gesichter der eigenen Kinder streicheln würden; nichts ahnend von der Grausamkeit ihrer Väter würden sich diese in die Arme der Meuchler schmiegen; Geschichten hören vom Verlaufe des Tages, ausgespart jeglicher Gräuel, von der Notwendigkeit der Jagd; Geschichten die nichts weiter sind als Ammenmärchen, Erfindungen, Kaschierungsversuche der eigenen Fehlbarkeit, der hemmungslosen Barbarei.

erzählt Vater oder Mutter Jäger dem Kinde auch davon, wie das Blut die Erde befleckt?


Von aufgerissenen, panikerfüllten Augen?


von gebrochenen Knochen, zerfetzten Leibern?…


Knisternde Feuer erhellten die beginnende Finsternis, und die Kälte kroch in die Knochen, wie ein gütiger Geist, der die Erinnerung einzufrieren versuchte;
Jagdhornbläser stimmten ihre Instrumente, umgarnten später jede Aufzählung der Mordopfer der einzelnen Gattungen mit wohlklingenden Melodien; doch keine dieser Klänge sollte es schaffen, die Schwere des Herzens zu durchbrechen.
176 (!!!) Wildschweinkinder hatten an diesem verdammten Tag sterben müssen, wurden hinweg geschlachtet in kalter Mordlust. Mehrere Mütter und ein Vater; dazu 2 Füchse, eine Ente (deren Tod mit lautem Gelächter gedacht wurde), sieben, acht Rehe und einiges Dammwild – insgesamt 199 Todesopfer…

Wir waren hier im Jagdrevier des Baron Mayr Melnhof, der uns als stumme Zeugen und ‚zufällige Passanten‘ per Handschlag begrüßte. Mit überlegenem Lächeln meinte der Baron die Auslegung von ‚nur‘ einem halben Dutzend Wildschweinen, sowie einigen Rehen und einem Fuchs sei eine Referenz an akzidentelle Zaungäste, welche die Präsentation aller 199 Opfer vielleicht ‚in den falschen Hals‘ bekommen könnten; darum haben man sich entschlossen, nur diesen kleinen Teil der Toten repräsentativ für alle anderen zu umstellen und in diesem Zuge in einer feierlichen Zeremonie im Kreise der Jägerschaft der erfolgreichen Jagd zu gedenken (wie hätte sie auch ‚nicht erfolgreich‘ sein können, ein blosses Massaker an hoffnungslos Eingekreisten?…). Nicht zuletzt als Ehrerbietung an die Tiere – Worte voll triefenden Hohn…
Die Todesschützen sollten noch ausgezeichnet werden, 17 Jäger vor Ort und nahezu 100 Treiber hatten den Auwald in eine Städte des Grauens verwandelt – Zutritt war übrigens während des Tages verboten worden, Wachpersonal mit klaren Anweisungen an allen Eingängen des Todeskessels positioniert. Ein Jäger sollte 20 Tierkinder ermordet haben, ein anderen 10, einer sieben, usw.
Der Preis dafür? Für ein Wildschweinkind war ein Kopfgeld von einer Flasche Rotwein ausgestellt, für eine Mutter eine Kiste, für einen Vater 2 Kisten…

Waidmanns Mord…


eine urtümliche Sekte, deren Mitglieder Blut an den Händen kleben haben…

Dann, nach der mittelalterlich anmutenden Feierlichkeit im Feuerschein, ein nahezu okkultes Ereignis, brausten Dutzende Geländewagen zurück in die Öffentlichkeit, entführten ihre Besitzer weg von der Stätte des Grauens zurück in die Anonymität; Fahrzeuge, die ungestraft unsere Umwelt vergiften, aber den Stand des Jägers untermauern, das Image aufrecht erhalten – um jeden Preis. Kennzeichen aus dem In- und Ausland, Gäste seiner Hoheit, Speichellecker an seinem adeligen Gesäß. Er genießt seinen Status, offensichtlich, lässt sich feiern unter Seinesgleichen, fast wie ein Popstar, aber mehr noch wie ein gütiger Meister seiner Untertanen.

Ich sitze in meinem Zimmer und denke an den Herrn Baron; während mein Kopf schmerzt von der Erinnerung, gedankenschwer, ein weiteres Stück des Herzens abbricht wie zerborstenes Glas, sitzt er wahrscheinlich zufrieden vor seinem Fernseher, im Kreise seiner Lieben; er, der die Macht und das Geld hätte, Großes zu tun, ein Vorbild in einer vorbildlosen Welt zu sein, ist zum Henker mutiert, zum Herren des Todes, sein Schatten ein Knochenmann mit Sense.
Das Glück, ja es ist ein Schmetterling; es kann auf Dir landen, Augenblicke verharren, Dich im nächsten Moment jedoch verlassen und nie mehr wiederkehren; und selbst ein Hochwohlgeboren kann sich urplötzlich wieder finden am Boden der Realität, als Gleicher unter Gleichen. Was ist dann geblieben, nichts als Schleimspuren von jenen, die sich in seinem Lichte zu sonnen versuchten. Darüber sollte er nachdenken, bevor es zu spät ist.
Gütigkeit und Nächstenliebe, das sind bleibende Werte; sind Eigenschaften, aus Stein gehauen, bereit, Denkmäler zu schaffen.
Es ist seine Entscheidung…

Er und Seinesgleichen haben mich und Meinesgleichen dazu gemacht was wir nun sind: Getriebene, Rastlose; ruhelose Geister, die mit müden Augen mondhelle Nächte schlaflos verbringen, gefangen in einer Gedankenwelt, die von jenen kreiert wurde, deren Taten wir bezeugen.
Wir sind müde geworden, und Verständnis entgleitet uns zusehendes. Doch wer sind wir, um zu richten? Und nicht richten wollen wir. Unsere Arbeit ist das Aufzeigen, die Thematisierung des Wahnsinns, welchen wir unter unseren Mitlebewesen tagtäglich veranstalten. Was uns aber dann zur unumstößlichen Tatsache führt: Herr Baron hat verstoßen gegen das Gesetz des Schöpfers, der da einst mit knochigen Fingern 10 elementarste Gebote der Menschheit in Steinplatten kratze; ‚Du sollst nicht töten‘, steht dort in Granit gemeißelt, unverrückbar, für alle Zeiten unauslöschlich.
Das wissen auch Herr Hochwohlgeboren und Seinesgleichen; und sie töten trotzdem weiter, und nicht aus Hunger, aus Notwendigkeit, nein, sie Töten aus purer Lust am Töten; füttern zuvor noch jene in vorgetäuschter Fürsorge, wollen im Mitmenschen ein Bild erwecken vom Heger und Pfleger, doch ihre Intention ist eine ganz andere; sie nähren jene, nur um sie später zu massakrieren gedenken.

Es mag sein, sein Verhalten ist legitimiert durch von Menschenhand geschriebene Gesetzte; Verordnungen, die jene begünstigen, immer begünstigt haben, die Begütert sind; seine Haltungsweise ist jedoch nicht legitimiert durch das Gesetz Gottes, das Gesetz der Natur.
Letztendlich wird sich auch der Herr Baron seiner Verantwortung stellen müssen, kann auch er seiner Vorsehung nicht entrinnen; und er möge vorsichtig sein, denn er wird niemals wieder alleine auf dieser Erde wandeln. Hinter jedem Baum, unter jedem Stein, ja, selbst im vorbei fließendem Wasser werden sich die Seelen jener drängen, die er und die Seinen getötet haben; er wird sich immer öfters umdrehen wenn er des Weges geht, ständig im Gefühl beobachtet zu sein; und er wird sich nicht täuschen, denn mit Argusaugen verfolgen sie seine Bewegungen und die Macht der Toten ist eine nicht zu unterschätzende…

 

 

 

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