wie kann es sein..

Salzburg ist sehr stolz auf seine Natur – auch wenn diese im ewigen Kampf mit dem allmächtigen Wirtschaftswachstum mehr und mehr unterliegt und es sowieso nur mehr kleine Inseln derselben gibt.
Und selbst diese oft winzigen Inseln halten der Brandung nicht mehr viel länger stand, sind sie doch umgeben von einem Meer des imaginären Fortschrittsglaubens, dein Ozean, der ständig an ihren Rändern nagt…

So auch jenes Fleckchen Erde unweit der Stadt Salzburg, eines mehrere Hektar großen Auwaldes, welches sich im Besitztum einer sehr (einfluss-)reichen Adelsfamilie befindet. Umgeben von einem Machendrahtzaun, kann sich dort die Natur noch entfalten, fließen ungehindert Bäche, stauen sich die Wasser von Überschwemmungen, bevölkern hunderte Frösche die unzähligen Tümpeln und kleinen Seen. Gefallene Bäume dürfen noch vermodern, wieder eins werden mit dem Boden der sie einst nähert; Schilfhaine erfreuen das Auge, die Herbstluft durchzogen von den Rufen von Falke, Rabe und Wildente
Das Gebiet ist durchzogen von in die Natur gefügten Wanderwegen, die weniger als Wunden, denn vielmehr als Entdeckungspfade sich anpassen an ein Ganzes.
Hunderte Wildschweine gibt es gar, ganze Familien finden gerade zu ideale Bedingungen vor und jede/r SpaziergängerIn trifft auf sie – man braucht dazu kaum Glück, sie sind einfach präsent.

Es könnte ein Paradies sein, zu Füßen der Mozartstadt, ein Naturjuwel, welches stärker glänzt als alle Schmuckstücke an den Hälsen sämtlicher FestspielbesucherInnen zusammen.
Doch, wir wären hier nicht in Salzburg, würde die Idylle nicht eine trügerische sein; das Auwäldchen ist nämlich in Wahrheit ein Spielplatz, ein Spielplatz der Präpotenz, ein Spielplatz des Lustmordens.
Besagtes Adelsgeschlecht umsorgt die darin lebenden Tiere großzügig mit Mais und Rüben, füttert ständig – doch nicht uneigennützig. Mehrmals im Jahr verwandelt sich das Paradies in eine Hölle, der Mensch als Heger und Pfleger zum Satan – von nah und fern reisen sie dann an, in edlen Karossen, die Handlanger des Gehörnten, heraus geputz in Loden und Leder, allesamt schwer bewaffnet, und begeben sich todesmutig in die abgezäunte Höhle des Löwen – nur dass der Löwe hier als Pflanzenesser erscheint, fast handzahm, gewöhnt an den Menschen durch monatelange Fütterung..
Und dann beginnt das große Töten; die Au wird zum Kriegsschauplatz sondergleichen, oft mehr als einhundert Treiber durchqueren das kleine Wäldchen und führen die zu Tode verängstigte Tierherden direkt vor die hochglanzpolierten Flinten einer degenerierten Gesellschaft. Den ganzen Tag dauert das Massaker, es wird getötet und gelacht, getrunken, geschossen, verletzt, verwundet, die Hunde werden auf ihre Opfer gehetzt – für diese gibt es keinen Ausweg, die Zäune ringsum unüberwindliche Hindernisse! Es ist kein Schatten über dem Paradies, es herrscht finstere Nacht; ein Inferno, eine Apokalypse des Wahnsinns…

‚Jagd‘ Dezember 2009


Am nächsten Tag ist alles ruhig; es wird Wochen dauern, bis sich die wenigen Überlebenden wieder zeigen werden, lange erscheint es nun so als ob der Flecken Erde leer von Leben ist; nur abgebrochene Zweige und blutrote Pfützen hie und da zeugen noch einige Tage lang von den Geschehnissen der letzten Stunden…

So auch gestern; als Spaziergänger unterwegs durchqueren wir mit unseren Hunden das Paradies. Irgend etwas ist anders heute; Hektik liegt in der Luft, die Au ist erfüllt von Entengeschrei, viel lauter als sonst.
Der Verdacht beginnt sich zu regen, an einer Wegegabelung wo vor langer Zeit ein kleines Holzhaus errichtet worden war – unweit der Stelle, wo ein Hinweisschild verkündet, dass hier ein Mitglied des einst regierenden Habsburgergerschlechtes im letzten Jahrhundert seinen 1 000sten Rehbock geschossen hat… – parkt eine Autokolonne; den Nummerntafeln nach zu urteilen kommen sie von überall her, landesweit, und auch aus dem benachbarten Ausland sieht man Fahrzeuge – und was für welche – Millionenwerte abgestellt unter Bäumen in freier Natur, aufpoliert und statusbezeugend.
Wir möchten die Jägerschaft ausfindig machen, jedoch das große Töten scheint bereits beendet; das Geschrei der Wildenten nur wenige hundert Meter entfernt ist ein beinah unerträgliches, doch ist es nicht gestattet sich in diese Richtung zu bewegen, ‚verirrte Kugeln könnten sehr gefährlich sein‘, erfahren wir von einem wartenden Mann in feinster Kleidung, der völlig unbeeindruckt vom Morden nebenan eine Zeitung liest.
So wollen wir uns von anderer Seite nähern, was allerdings durch die so zahlreichen Wasserstraßen verhindert wird. Motorenlärm verkündet, dass sich die Gesellschaft nun ohnehin zum Sammelplatz bewegt. Also schlagen auch wir erneut diese Richtung ein … und wir trauen unseren Augen kaum: ein Wagen wie aus der Kaiserzeit ist dort geparkt, eine Karosse mit mehreren Dutzend Sitzplätzen, nach allen Seiten offen, ein Gefährt, welches offenbar genutzt wird um illustre Jagdgäste auf komfortabelste Art und Weise durch die Landschaft zu karren, ohne dass erlauchte Füße den morastigen Boden betreten müssen; bis hin zum Ziel, wo dann Aufstellung genommen werden kann, um ja kein Lebewesen zu versäumen, welches alsbald direkt vor die Zielfernrohre getrieben werden wird – oder kann man gar direkt vom Fahrzeug aus auf die Todesängstigen anlegen?

Als wir die Stelle erreichen hat die Versammlung längst Aufstellung genommen – hunderte tote Enten sind an Pfähle und Vorrichtungen gehängt, im rechten Winkel davon sind die JägerInnen zur Parade angetreten, ein feierlicher Anlass – was allerdings zelebriert wird, ist wohl nur der Untergang der Menschlichkeit!

Leider, im völligen Unerwartens einer solch obskuren, kultig anmutenden Situation, haben wir keinen Fotoapparat mit uns; schnell wollen wir einige Aufnahmen mit dem Mobiltelefon machen, allerdings ist der Tag bereits derart fortgeschritten, dass erste Schleier des beginnenden Abends das Fokussieren für die eingebaute technisch nicht hoch entwickelte Kamera schwer machen. Und sofort ein gellender Schrei aus der grünen Masse: Fotografieren verboten!
Während wir noch an der Technik herumhanteln, kommen zwei der Heger und Pfleger auf uns zu, beide in bestimmt sensationell teuren und wenig benutzen Umweltterroristen-Verkleidungen gehüllt. Sie nehmen Aufstellung vor uns, vor Arroganz triefend, mit den Hunden im Anschlag genau wie die Gewehre, und versuchen uns im Befehlston davon zu überzeugen, dass das hier eine geschlossene Gesellschaft ist und jeglicher ‚Besuch‘ ein unerwünschter wäre. Was folgt ist das übliche Geplänkel, natürlich kann uns dieser Mann kein Fotografierverbot in freier Natur auferlegen (solange keine Menschen, die das Ablichten nicht wollen, an den Bildern erkennbar sind), dennoch glaubt er sich in absoluter Befehlsgewalt.
Nach einigen Minuten der Streitkultur wenden wir uns an unsere Hunde und verabschieden uns mit den Worten: ‚Kommt, hier wurde heute schon genug gemordet‘ in Richtung Sonnenuntergang.
Hämisches Gelächter von Seiten des Satans, hier nicht in Schwarz sondern in Grün gekleidet…

hunderte tote Enten aufgepfählt…

Die Grundessenz des Ganzen lastet dennoch schwer auf unseren Seelen. Hunderte toter Wasservögel, angezüchtet nur zum Vergnügen einiger Ewiggestriger; deren Dasein ansonst vielleicht von Leere und Langweiligkeit geplagt, nur all zu oft von Selbstwertgehabe und Selbstdarstellung geprägt, ausgewiesen an Statussymbolen wie Mercedes Benz und Golfclub-Mitgliedschaft, nun mit ‚heute geh ma halt mal Leben auslöschen‘ als Sternstunde eines ansonst trostlosen Daseins aufgepäppt.

Wie kann es sein, dass diese MeuchlerInnen anderen Menschen vorzuschreiben versuchen wo diese Fotografieren dürfen und wo nicht? Geschlossene Gesellschaft gehört in geschlossene Räume (in diesem Falle wohl in solche die zusätzlich mit dicken Schaummatten ausgelegt sind und fest verschlossen), hält sie sich ‚draußen‘ auf, dann hat sie sich nach den Regeln und dem Anstand der Gesellschaft zu richten – von welcher sie nun mal ein winzig kleiner Bruchteil ist, und noch dazu ein immer weniger gern gesehener…

Wie kann es sein, dass diese Menschen Tiere, hunderte, tausende, anzüchten dürfen nur um sie danach mutwillig und unter grausamsten Umständen in einer Hetzjagd zu massakrieren? Die Toten jener finsteren Stunden dann auslegen und sich mit Scheinheiligkeit umgeben, die Hüte zücken, und Gebete murmelnd der ‚Ernte‘ danken? Und anderen Menschen verbieten wollen, dort anzuhalten?

Wie kann es sein, dass wir diese Menschen nicht mit derselben Ausgeschlossenheit strafen wie sie es bei uns tun? Wir sie oft nicht nur unter uns dulden, sondern sie auch noch sehr oft als führende Mitglieder akzeptieren, obwohl sie derart Blut auf sich geladen haben? Obwohl der Tod von hunderten Mitgeschöpfen an ihren Händen klebt, der Geruch des Todes sie umgibt? Sie mordlüsternd durch abgeschlossene Auwälder, nichts anderes als Gatterjagd ist es, streifen und auf alles schießen was sich bewegt?

Heute ist wieder eine gespenstische Ruhe eingekehrt in jenem kleinen Auwäldchen; doch es ist die Ruhe vor dem Sturm – die nächste Wildschwein’jagd‘ steht kurz bevor…

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