Eselmarkt in Nouakchott

Viel haben wir bereits über diesen Ort geschrieben, aber es fehlt uns ganz eindeutig an rhetorischer Ausdruckskraft, in Fakt fehlt es wahrscheinlich sogar der deutschen Sprache selbst an Gewandtheit, an geeigneten Vokabeln, um das volle Ausmaß des sich dort täglich abspielenden Wahnsinns wiederzugeben.
DSC 0231so schrecklich kann ein Eselrücken aussehen… Dr. Gey behandelt die Wunden mit seltener Hingabe.

Ein Platz, von Gott vergessen, von verfallenden Fabriken umgeben, vom Müll der Zivilisation längst bezwungen, staubtrockene, aufgesprungene Erde, vom Sand gebildete Landschaft, die sich durch den steten heißen Wind ständig verändert und so vergänglich ist wie die Zeit selbst, sich jeden Augenblick neu erschafft und wieder zerstört, ganz so als ob sie nie gewesen; ein Leichtentuch aus Sand, ausbreitet über das Leid und die Not, aus Güte, versteckend das Grauen unserer Tage; gebildet von Myriaden von Helfern in Form kleiner Körnchen, fleissige, nimmermüde Soldaten, eins werdend mit der Materie, die Toten unter sich begrabend; wir erinnern uns der Worte eines sterbenden Indianers, wiedergegeben in unseren Geschichtsbüchern, der da über eine von der US-Regierung ausgesuchte Reservation für sein Volk so unsterbliche Worte fand als er sagte: ‚Nimm Steine, Asche und Dornen, dazu einige Klapperschlangen und Skorpione, wirf das Ganze auf Steine, mache die Steine glühend heiß, hetzte die Armee der Vereinigten Staaten auf die Apachen und Du hast San Carlos“. Ganz ähnlich ist es hier; nur haben die Esel die Stelle der Apachen eingenommen, und die Armee, dass sind die Halter deren, mit einem Mangel an Gnade ausgestattet gegen die Kreatur und gegen sich selbst – wäre es anders, sie könnten nicht existieren, nicht in diesem Umfeld, würden jeden Tag mitsterben, die Seelen ausgeliefert einem ungewinnbaren Kampf.

Wahrlich, dieser Platz wurde nicht von Gott geschaffen, war bestimmt schon vor der Schöpfung da, Genesis überdauert; Gott hat ihn wohl einfach so belassen, um als warnendes Beispiel zu gelten, wie sich die Dinge ohne seinen Eingriff entwickelt hätten….
 
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Was aber genau passiert hier? Am Eselmarkt werden Arbeitsesel verkauft, hunderte; sie sind meist aus den umliegenden Dörfern angekarrt, junges Leben, noch ahnungslos der Tortour, welche sie erwartet; ausgeliefert dann einem mörderischen Zeitdruck, einem Wettlauf, um ein paar Dollar – dem Gehörnten preisgegeben für eine handvoll Münzen. Bald werden sie in der Großstadt einen einsamen Kampf gegen sich selbst fechten, weit über die Grenzen des Erträglichen hinaus, geschlagen, verletzt, mit irrwitzigen Gewichten beladen werden sie sich Tag für Tag, von Sonnauf- bis Sonnenuntergang einer einzigen Herausforderung stellen – der zu überleben, irgendwie!

Der Eselmarkt repräsentiert einen Kreislauf; hier beginnt und hier endet es zumeist auch; werden nämlich junge, frische Tiere gebraucht, dann darum, weil die bisherigen der Aufgabe erlegen sind; gebrochen, verletzt, ausgelaugt, bringen sie als vielleicht letzte Bestimmung ihre Haltern hierher, denn finden diese einen ‚neue’ Arbeitskraft, bleibt der geschundene Körper, nun zum wertlosen Anhang geworden, oft einfach zurück. Ausgesetzt, nach einem Leben voller Leid, voller Kummer, voller Qualen – unbrauchbar, unbeweint. Vergessen, so wie das Gefühl des Mitleides, Empathie ein Flattern im Wind, eine zarte Blume, exponiert der gnadenlosen Wüstensonne. Niemand, der sich um die Sterbenden kümmert, der ihnen Wasser, Futter reicht, der sie pflegt, oder auch nur beachtet… Dieses Land kennt keine Vorsorge für seine Opfer, keinen Hafen; es ist wie ein aufgebrachtes Meer, wütend, ohne Rast und Ruh, schleudert es ständig seine Wogen gegen das rettende Ufer, macht es unerklimmbar; und es verzeiht keine Schwächen, keine Abnutzung, in einem ständigen Feldzug gegen die Gebrechlichen.
 
Die RespekTiere-Klinik hat den Eselmarkt als fixen Behandlungspunkt auserkoren; seit langem schon betreuen wir dort jeden Montag verletzte und kranke Tiere, völlig kostenlos für deren Halter ist diese medizinische Betreuung. Wie wichtig die Arbeit vor Ort ist zeigt sich nun mit aller Heftigkeit; vor drei Wochen war es nämlich zu Problemen gekommen, ein Eselhalter hatte sich bewert, weil der Doktor sich seiner Meinung nach zu sehr um einen weiteren Verletzten kümmerte, anstatt schon längst bei seinem Esel zu sein. Aus dem Streit wurde ernst, es kam zu einem Wortgefecht und schließlich sogar zu einem Gerangel zwischen den beiden Eselhaltern, worauf unser Dr. Dieng warnte: wenn nicht sofort Schluss wäre, würde er sich zurückziehen und nicht mehr hierher kommen, in eine Atmosphäre der Gewalt.
Gesagt, getan, Dr. Dieng packte seine Sachen, montierte das RespekTiere-Klinik-Schild ab und verließ den Ort  des Todes, einer doch zunehmenden Gefahr von Auseinandersetzungen vorsorglich ausweichend wollen.

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im linken Bild sind unsere neuen Aufkleber zu sehen, welche das Schlagen anpragern!  rechts sehen Sie die Folgen des Schlagens…

Mit ein Grund unserer nunmehrigen Reise war es den Streit zu schlichten und ‚normale’ Verhältnisse wiederherzustellen, zu wichtig ist die regelmäßige Präsenz eines Arztes. So besuchten wir schon am ersten Tag den Markt, um entsprechende Abklärungen zu machen und ein Übereinkommen zu erreichen.

 
Es sollte ein brennend heißer Tag werden, ein Tag wie so viele andere auch im Wüstenland; mit einem Unterschied: die Morgensonne war begleitet von jenem purpur-roten Schimmer am östlichen Horizont aufgestiegen, ein Funkeln, welchem abergläubischen Menschen die Ankündigung schlechter Nachrichten zugestehen. So waren wir mit dem Unwohlsein der Vorahnung im Bauch zum Marktplatz gefahren, im Wissen, dass die Konfrontation mit diesem Ort wohl unweigerlich auch unliebsame Erinnerungen aufwirft, in den unergründlichen Weiten der menschlichen Gehirnwindungen längst verloren gehoffte Gedanken, gut versteckt geglaubt in den hintersten Winkeln unserer Seele; doch die neuerliche Fehde, alleine das Berühren der kummergeplagten Erde, wird zweifellos die Macht in sich bergen jene Erinnerungen abzustauben, freizugraben. So ahnen wir bereits bei der Ankunft fürchterliches; dunkles Karma hängt wie in Nebelschwaden über der Umgebung, hier, wo Gevatter Tod als unbestechlicher Wächter den Neuankömmling zu begrüßen scheint, zähneklappernd, mit den Worten ‚Welcome to my paradise!’

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 Rundherum Schafherden, hunderte Tiere zusammengetrieben, Geschäftsleute, Bauern, Schlächter, Konsumenten (bitte beachten Sie die Formulierung, den Bezug auf das männliche, denn es gibt wahrlich keine Frauen hier); hinter gar nicht hohen Mauern findet das Töten statt, ohne Unterbrechung, der Boden vollgesaugt mit Blut, die Atmosphäre geladen von den rastlosen Geistern der Verstorbenen, die keine Ruhe finden und als seelenlose Wanderer zwischen den Welten hängen. Jeder Schritt wird zur Mühe, und unweigerlich blickt man sich sehr bald ständig um – man wird das Gefühl nicht los, etwas verloren zu haben, ist ständig auf der Suche; und tatsächlich ist hier etwas abhanden, etwas Epochales, das wohl nie mehr zurückzufordern ist: es ist die Unschuld, die Unschuld des menschlichen Geschlechtes, die Verbindung unserer Seelen zum Göttlichen, gekappt im Atemzug des Daseins (im Bild sehen Sie einen ausgesetzen Esel mit gebrochenem Vorderbein – seine Zukunft ist eine höchst ungewissen, unser Team versorgt Tiere in solch aussichtsloser Lage mit Wasser und Essen!
 
Beißender Geruch breitet sich aus, tote Tiere, nicht nur Esel, liegen verstreut am Straßenrand rund um das Gelände; ein Esel dürfte gerade gestorben sein, ein weiter verwest, sein Körper eins werdend mit dem Boden unter sich, seine Knochen freigewaschen, wie stumme Zeugen gewaltiger Ereignisse streckt sie ihre Masse anklagend gegen den Himmel; ein Dutzend weiterer Schädelknochen und Gerippe zeugen von vielen letalen Vorfällen. Nun fahren wir in das Gelände ein, und schon von weitem erkennen wir ungewöhnliche viele verletzte, zum Sterben ausgesetzte Tiere hinter dem Markt selbst. Ein Esel steht irgend wo zwischen den Eseltreibern, sein linker Hinterfuß ist angezogen; es fehlt beinahe der gesamt Huf, aufgelöst, von Bakterien oder Viren zerfressen, rohes, verfaulendes Fleisch zurück lassend. Und Schmerz. Und Kummer. Und Hunger, nicht endend wollender Hunger, nach Nahrung, nach Leben, nach Gerechtigkeit, nach Hoffnung. Hoffnung? Gibt es nicht, nicht hier. Zu heftig ist der Aufprall in der Wirklichkeit, zu hart hat die Ungerechtigkeit des Lebens, die Schreckensherrschaft des Monsters, des Tyrannen Mensch, zugeschlagen. Schreckensort für die gepeinigten Vierbeiner, aber nicht nur für diese, nein, auch in den Gesichtern der Despoten selbst spiegelt sich die Resignation, dieser alles einvernehmende Pessimismus, im Zustand der Verdammnis, wider, eine tiefe Depression, die längst Besitz von allem Irdischen ringsum ergriffen hat. Man fühlt sich so als ob knochige Finger nach dem Hals greifen, ihn fest umklammern, nach Luft jappend findet man sich wieder, vom Gefühl des sich Übergeben müssens einvernommen; man spürt es förmlich, wie sich tiefe Furchen in das eigene Antlitz zu graben beginnen, so gebannt harrt man der fast unnatürlich Situation. Der Schmerz fordert seinen Tribut, die Seele gibt, ohne je etwas zurück zu bekommen. Jede Sekunde hier saugt am eigenen Leben, lässt das Herz entweder langsam zerbrechen … oder es im selben Tempo zu Stein werden, unwiederbringlich. Nichts ist nach der Berührung mit dem Wahnsinn so wie es war, war man einst hier, und sei es auch nur für einen Augenblick gewesen – nichts mehr wird jemals so sein wie früher.

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bitte sehen Sie die Hufe des Esels im linken Bild – der Arme kann kaum noch gehen… beim rechten Esel hat sich eine hintere Hufe fast völlig aufgelöst…

Es fehlt die Kraft selbst für Tränen, die gnadenlose Sonne raubt sowieso jede Flüssigkeit im Atemzug des Entstehens; die Erde ist zum Totenbett geworden, wie viele Esel sind hier gestorben? Hunderte, Tausende, Hunderttausende; ihre Körper eins geworden mit der Erde auf der wir wandeln, nur noch Knochensplitter zeugen von deren Existenz; und selbst diese verharren nur kurz; Straßenhunde, mit ebenso schlechten Karten von einem ungütigen Gott ausgestattet, nehmen sich deren an, bevor letztendlich auch sie vom Schicksal, welches sich für alles tierliche Leben in menschlicher Gestalt verbirgt, getroffen werden; von tödlichem Fleisch, in sich versteckt giftige Köder, arsengetränkt; oder noch achaiischer, wenn Soldaten mit Gewehren auftauchen und sie einfach niederschießen, ihre Körper zurück lassend auf einem Feld ohne Ehre, einem Feld, auf welchen ‚Mensch’ sich längst seiner Maske entledigt hat und als leichenstarre Fratze in sinnentleerten Gewaltorgien ein Blutfest feiert….
 
Es gibt keinen Unterschied zu Städten des Krieges, dort wo Mensch gegen Mensch loszieht; und so ist es wenigstens noch eine Auseinandersetzung zwischen Artgleichen, mehr oder weniger ebenbürtigen, nicht aber gegen völlig wehr- und chancenlose – so wie hier, dann das sind Massaker am Leben selbst, wenn wir all diese Wesen einfach verhungern und verdursten lassen – und das so unfassbar Schreckliche daran: gibt es kaum eine Chance einzugreifen, auch nicht für jene, welche reines Herzens den Wahnsinn zu stoppen versuchen – denn: wohin mit den Opfern? Niemand kann deren Unterhalt bezahlen, niemand darf sie ohnehin entnehmen – denn dann würden sich ihre ‚Besitzer’ melden und enorme Summen verlangen; warum? Weil sie behaupten würden, diese Esel, die sie einfach ausgesetzt hatten und gegen ‚neue’, unverbrauchte getauscht, diese ärmlichsten Kreaturen auf Gottes Erden, sie wären ja vielleicht wieder zu Kräften gekommen, jetzt, wo sie nicht mehr arbeiten mussten…
 
DSC 0071Liebe LeserInnen, tappen wir jetzt nicht in die Falle, stempeln wir diese Menschen nicht ab; würden wir es tun, wir würden uns unglaubwürdig, ja lächerlich machen; wir haben es oft erwähnt, wer wagt ein Urteil abzugeben? Wir, die wir jeden Tag mit vollem Magen schlafen gehen, wir, deren Kinder nicht tagtäglich zu verhungern drohen, wir, die wir Zukunft haben können, wir sind dafür nicht prädestiniert. Vom hohen Ross herab konnte noch nie ein gutes Argument greifend sein, oder gar Dinge ändern. Keiner dieser Menschen ist gewollt grausam, in Fakt sind sie sogar sehr gefühlsbetont, trotzen der Schwere ihres Dasein mit Scherzen und Späßen untereinander, sind freundlich, zuvorkommen, neugierig, haben keinerlei Kluft aufgebaut zwischen sich und BesucherInnen wie wir es sind, BesucherInnen, welche offenbar auf so vielen Butterseiten des Lebens mehr gelandet sind als sie selbst – es herrscht keinerlei Verbitterung deswegen. Es ist grausam, es ist unmenschlich, es ist unzumutbar, eine Tragödie geradezu epochalen Ausmaßes, was mit den Eseln passiert; aber den Menschen hier die alleinige Schuld an der Misere zu geben ist müßig und schwach, wäre viel zu einfach. Sie sind so wie sie sind, seit unzähligen Generationen wurde die Tiere so behandelt, ist der ‚Gebrauch’ längst in Fleisch und Blut übergegangen. Sie sehen es nicht anders, tagtäglich, von Freunden, Brüdern, von Vätern, Großvätern; gefangen in der Hölle der eigenen Existenzen, auf sich alleine gestellt mit der Verantwortung für ganze Familien zu sorgen, eine alles überlagernde Bürde. Und schließlich: wir waren es, unsere Vorfahren, welche diese einst so stolzen Völker betrogen, belogen, bekämpft und ausgebeutet haben, ihre Ressourcen geraubt, ihre Ideale zerstört; wir sind es gewesen, welche ganz Afrika – die Wiege der Menschheit – in einen Zustand der Hoffnungslosigkeit getrieben haben; wir sind es gewesen, die den Wind gesät – und uns dann vor der Ernte gedrückt, den Sturm ihnen überlassen haben – denken Sie darüber nach, bevor Sie ein Urteil fällen. Es liegt nicht an uns zu richten, viel mehr ist es unsere Aufgabe den erhobenen Zeigefinger zu vermeiden und durch Vorbildwirkung Dinge ändern zu versuchen.
 
Noch nie gab es so viele verletzte und tote Esel am Marktgelände; immer war die Stimmung trist, selbst die überall sonst gleisende Sonne versteckt sich hinter den wahrscheinlich einzigen Wolkenschleier der Sahara, so als ob sie die Tragödie nicht bezeugen wolle; Staub liegt ständig in der Luft; eingefrorene Bewegungen, überall, wie im Warten auf die Apokalypse, im Warten auf eine Göttlichkeit, die irgend wann herabsteigen muss und dem Wahnsinn ein Ende bereiten wird.
 
Die RespekTiere-Klinik MUSS wieder hierher – und wird es auch! Wir setzen uns mit den Marktaufsehern zusammen, hören die ganze Geschichte, das Problem; der Aggressor hat sich zurückgezogen, ist aus dem Eselgewerbe ausgestiegen – somit ist der Weg frei für einen Neuanfang!
 
Und dieser beginnt schon zwei Tage später – und mit einem Paukenschlag! Ein weiterer wichtiger Punkt unserer Bemühungen vor Ort ist nämlich die Suche nach einem 2. Arzt, jemand mit eigener Praxis, der uns an einem oder zwei Tagen die Woche helfen sollte. Somit könnten wir noch mehr Esel behandeln, noch größere Reichweiten erzielen.
Und wir finden einen Veterinär, der geradezu prädestiniert scheint für unsere Anforderungen; er ist 48 Jahre alt, hat in Marokko und in Libyen studiert, arbeitet seit 92 als selbstständiger Tierarzt. Dr. Boubarca Gey ist nebenbei auch in Regierungsprogramme involviert, betätigt sich an Impfkampagnen für Rind und Kamel landesweit. Wir sitzen lange zusammen, ein Umstand, der einem Volk von ehemaligen Nomaden sehr wichtig scheint, den der Austausch verbindet Menschen  – wie viel Wahrheit liegt in dieser Redewendung! Würden wir mehr miteinander sprechen, wir mit verschiedenen Hautfarben, verschiedenen Religionen angehörend, verschiedenen Mächten zugeordnet, unter verschiedenen Flaggen ziehend, verschiedenen Sprachen sprechen, unseren Göttern, die doch immer die selben sind, verschiedenen Namen gebend, wie viel besser könnte sich unser aller Dasein auf diesem Planeten entwickeln, Planet Erde, der ungeachtet aller ethischen Unterschiede doch unser aller einzige Heimat ist???
 
Montag morgens werden wir Dr. Gey wieder treffen – zum ‚Probetraining’ am Eselmarkt!
 
Montag; eine allgemeine Aufregung hat den Eselmarkt ergriffen; unser Erscheinen löst echte Freude aus, strahlende Gesichter erwarten uns. Die meisten der Leute hier kennen wir von früher, es sind einfache, offene Menschen, Menschen ohne Berührungsängste; nicht so wie die ‚höhere’ Gesellschaft, welche uns ‚Ungläubigen’ oft mit Blicken straft, alles Westliche an uns zu verachten scheint – allerdings nur so lange, bis sie sich selbst ein genügend großes Vermögen angeschafft haben, um sich dann umso mehr mit den Errungenschaften des Westens zu schmücken….
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Dr. Gey beginnt mit seiner Arbeit; ein Esel wird gebracht, sein halber Rücken eine einzige Entzündung, aufgescheuert von schlecht sitzenden ‚Polsterungen’, mit großen Schlagwunden an den Seiten; wie diese Tiere überhaupt zurecht kommen, in einer Atmosphäre der Gewalt, derart gezeichnet, dazu eine verzehrende Hitze, die offenen Wunden belagert von Armaden von Fliegen, ist und bleibt ein Rätsel; das Überlebenswunder Esel!

Es ist tatsächlich der absolute Horror – schlimmer kann ein Esel kaum aussehen, der ganze Rücken blutig, dazu Wunden am Unterbauch an den Seiten, an den Kniegelenken. Wahrhaft, hier wird es schon zur Aufgabe an das Gute im Menschen zu glauben.
Doch der Doktor zieht noch einen anderen Esel vor; dessen Hinterbeine sind mit einer Flüssigkeit, einer Mischung aus Eiter und Blut, bespritzt, welche aus einer hässlichen Wunde, einem schweren Abszess im Beckenbereich, quillt. Der Farbton der nässenden Masse pendelt sich irgendwo zwischen eitergelb und blutrot ein; blitzschnell öffnet Dr. Gey das entzündete Fleisch, unterhalb einer Schwellung; dann führt er selbigen Schnitt auch noch oberhalb deren durch, wobei er nun Stücke von Mullbinden um seine Schere wickelt und so direkt in den Brandherd stößt; bald rinnt die Flüssigkeit nach unten hin ab, hinterlässt sichtbare Zeichen von Entspannung am gepeinigten Gesicht des Esels.

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Dr. Gey bei der Behandlung von kranken Eseln…               wir versuchen ihm dabei zu helfen wo wir nur können! 

Der Arzt arbeitet ruhig und sorgsam, lässt alles ausfließen, versiegelt die Einschnitte mit Desinfektion. Was sofort auffällt; er hat keinerlei Berührungsängste mit dem Esel, selbst als dieser heftig ausschlägt, reagiert er kaum, ruft nur einen weiteren Eselmarktarbeiter herbei der beim Festhalten hilft.
DSC 0241Dann versorgt der Arzt den schwer angeschlagenen; jetzt kommen immer mehr Eselhalter mit ihren Tieren, und wir sehen ein Medley aller Erkrankungen die man sich überhaupt nur vorstellen kann; schmerzhafte Penis-Entzündungen, die auch ‚unser’ Dr. Dieng so oft behandeln muss, Lungenentzündungen, Huferkrankungen, usw.; der Arzt hört alle Esel zusätzlich mit dem Stethoskop ab, ein Umstand, der uns sehr gefällt! Das erste Resümee:  Dr. Gey wirkt sehr gefasst und wissend in dem was er macht. Dazu erklärt er den Umstehenden seine nächsten Schritte, jeden Handgriff. Auch wird er nicht müde zu betonen die Tiere besser zu behandeln; zwischendurch bemerkt er immer wieder dass beinahe alle Esel hier krank wären, von sicht- und unsichtbaren Wunden geplagt – eigentlich sollte keiner der Tiere mehr arbeiten dürfen…
Mit all seiner so augenscheinlichen Erfahrung behandelt der Arzt in schnellem Tempo, klärt die Menschen über die Folgen des Schlagens auf – ein Punkt, der uns sehr wichtig ist und einen genau so hohen Stellenwert in unserer Philosophie besitzt wie das Helfen selbst – und gibt Anleitungen, wie die Wunden in Zukunft vom Halter weiter versorgt werden sollten. Er begutachtet die Tiere, meint dann erneut, hier wird es viel Arbeit benötigen, da fast alle der Esel wären krank, unter verschiedensten Erkrankungen leiden – natürlich, sind doch so viele hier Veteranen einer unfassbaren Zumutung…
 
Wir gehen eine Runde zu den Verletzen im Umfeld; auch diese behandelt er, für einige sieht er kaum Hoffnung (wir sehen die leider für gar keine…); andererseits aber bemerkt der Tierarzt, er würde – auf eine diesbezügliche Frage hin – keinen einschläfern, er will Tieren helfen, nicht sie töten. Was aber, und ich tu mir schwer das zu sagen, hier schon oft ein echter Gnadenakt wäre.
Es fehlt uns heute am Willen und auch an Kraft erneut die ganze Runde zu gehen, all die Toten zu sehen, allein der Geruch in der Luft macht wütend und desillusioniert alle Vorstellungen von einer gerechteren Welt.
 
Wir sind sehr zufrieden mit der Performance des Arztes; er scheint genau so ein Mann zu sein wie wir gesucht haben – kompetent, schnell, hilfsbereit, nett zu den Menschen, aber dennoch beharrend auf seine Vorgaben – super!
 
Ein paar Tage später lernen wir auch noch einen zweiten Arzt kennen; Dr. Hadrami arbeitet in einer Apotheke, er berät dort Anrufer aus entlegenen Gebieten, welche ihm die Krankheitssymptome ihrer Tiere per Telefon schildern; gegen einen Zusatzverdienst hätte er ebenfalls nichts einzuwenden, und so beraten wir auch mit ihm den Einsatz am Eselmarkt.
Gesagt, getan, auch er stellt sich dem Probetraining – und absolviert dieses gleich Dr. Gey mit Bestnoten!

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Dr. Hadrami in seinem Element…
 
Wir werden in den nächsten Tagen eine schwere Entscheidung treffen müssen; was uns aber trotzdem oder gerade deswegen dennoch freut: bereits die jetzige Situation entlockt uns einen Seufzer der Zufriedenheit – endlich, endlich gibt es wieder Hoffnung, gibt es ein Licht am Ende des Tunnels für den Eselmarkt: und das gleich in doppelter Verkörperung!!!! Wie von Geisterhand scheinen sich nun die trüben Wolken, Nebel, welche wohl immer nur in unserer Phantasie eine Chance auf Bestand haben konnten, langsam zu verziehen.
 
Esel in Mauretanien, wir sind so dankbar hier helfen zu dürfen – und so stolz auf Sie, dass Sie uns in diesem Feldzug gegen die Unmenschlichkeit derart tapfer und unbeugsam zur Seite stehen!!!!! Bitte erzählen Sie auch Ihren Lieben und Bekannten von diesem so ehrgeizigen Projekt – wir senden Ihnen natürlich nur zu gerne Broschüren und wunderschöne Esel-Flyer zu! 
 
Wir werden es nicht schaffen, bei allen Anstrengungen, den Eselmarkt in ein Paradies zu verwandeln, ein solches Ziel wäre pure Illusion – aber wir müssen und wir werden es bewerkstelligen, den Eselmarkt seines absoluten Schreckens zu berauben; wir werden es schaffen, allen Tieren dort die Hoffnung zurückzubringen, ihnen beweisen, dass ‚Mensch’ auch ‚menschlich’ agieren kann, und wir werden vielleicht nicht alle, aber so viele als möglich ihrer Wunden zu heilen. Warum wir da so sicher sind? Weil dies zu unserer Lebensaufgabe geworden ist….
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