Mauretanien – die Reise (Teil 2)!

Reisebericht, Teil 2!

Die heute von uns besuchte Wasserstelle ist eine sehr große und viele Eselhalter verdienen dort ihr Geld, leider auch viele aus Mali – mittlerweile wissen wir nur zu gut was das bedeutet.

Dr. Dieng erklärt wieder viel, sehr informativ, er hat zudem merklich große Fortschritte in der Handhabung der englischen Sprache gemacht und bindet uns so direkt in die Gespräche ein. Alem, sein Helfer, ist zurückhaltend wie immer – er hat übrigens sein Studium abgeschlossen – und ist somit wohl der einzige ‚fertige’ Jurist, der als Tierarzthelfer an Esel-Wasserstellen arbeitet! So ist RespekTiere wohl die einzige Organisation weltweit, die gleich den eigenen Anwalt in einer mobilen Klinik mit sich führt 🙂
Während in den ‚Wintermonaten‘ eine trockene Hitze herrscht, ist es nun im August beinahe unerträglich schwül, ein Umstand, der Mensch und Tier sehr zusetzt. Tatsächlich lässt die enorme Luftfeuchtigkeit selbst das Atmen zu einem Akt werden, und unter den gegebenen – vergleichbar wohl nur mit jenen in einer Saune vorherrschtenden – Bedingungen wirkt sich jede Anstregung im doppelten Maße aus.
 
Dr. Dieng hat einen riesigen Knochensplitter aus einem Eselauge operiert, vom eigenen Jochbein des Tieres – der Knochenteil wurde bei einem Streit mit anderem Esel abgebrochen und drang irgendwie ins Auge ein….
 

Wir prämieren einen schönen, das heißt wundfreien, Esel; der Mann ist ganz begeistert von seinem Preis, einer Sonnenbrille und einer Kappe – später sagt ein anderer Eselhalter, ob wir den Preis nicht wieder wegnehmen möchten, der Ausgezeichnete sei jetzt schrecklich eingebildet auf Hut und – Esel!

An der heutigen Wasserstelle hat uns Dr. Dieng einen Esel mit geschwollener Prostata gezeigt, welcher seiner Meinung nach kastriert werden müsste; nur dann würde das Problem besser werden – der Arzt würde den Eingriff an Ort und Stelle unter lokaler Betäubung machen, wenn er nur die geeigneten Werkzeuge hätte. Das ist unser nächster Auftrag: medizinisches Equippment zu besorgen – vielleicht könen Sie uns dabei helfen?
 
 
Aufgrund der plötzlich so zahlreichen Fälle von Huferkrankungen weisen wir den Arzt an in Zukunft auch vermehrt Hufe zu kontrollieren und  zu säubern. Wir erwarten uns von einer diesbezüglichen Vorgehensweise eine starke Verminderung der immer präsenten Infektionsgefahr; auch Hufe zurechtschneiden wäre überhaupt kein Problem, meint der Doc, das könne er auch mit einem geeigneten Messer und zwei speziellen zusätzlichen Werkzeugen machen – wir versprechen ein richtiges Schneidwerkzeug zu besorgen (in der Zwischenzeit konnten wir ihm bereits Hufauskratzer zukommen lassen, Anm.!).
Bitte beachten Sie im Bild die so schrecklich deformierten hinteren Hufe des Esels – in einem Land wie Mauretanien wohl ein Todesurteil…

 

Zu der so häufige Augenkrankheit, welche bei Nichteingreifen zur Erblindung führt; Dr. Dieng behandelt diese mit sehr hoher Erfolgsquote. Er setzt ein Antibiotikum ein, welches in den allermeisten Fällen den gewünschten Heilerfolg bringt.
 
Durchfall und Lungenkrankheiten sind die schlimmsten Bedrohungen für die Esel in Nouakchott, bei beiden gibt es im Falle einer Früherkennung gute Heilchancen, wenn die Krankheit aber erst einmal zu weit fortgeschritten ist, ist die Erfolgsaussicht leider nur mehr minimal.
 
Dr. Dieng möchte dass wir in Zukunft auch Gipsbandagen bereitstellen, sodass er stets zwei oder drei solche Verbände bei sich hat. Man muss bei Frakturen sofort handeln, schon ein paar Tage später ist es meist zu spät; wie schön wäre es, könnten wir angesichts des Elends auch hier zumindest die ärgsten Schmerzen lindern….
 
Die fast alljährlich wiederkehrende Eselgrippe bereit uns auch noch Kopfzerbrechen. Der Hoffnungsschimmer – sie ist sehr gut heilbar, behandelt man nur schnell genug. Dann kann man die allermeisten Esel retten – aber: man muss 3 Tage lang eine Spritze mit Penicillin verabreichen – und das ist das Problem. Für die RespekTiere-Klinik bedeutet es, wir werden im Falle einer erneuten Epidemie die übliche Arbeit an den Wasserstellen aussetzen, um uns mit aller Kraft auf die Erkrankung konzentrieren zu können, sodass wir diese 3-Tages-Koninuität aufrecht erhalten. Heuer gab es, verglichen mit den letzten Jahren, wo eine enorme Anzahl von Todesopfern zu beklagen war, übrigens nur ganz wenige Krankheitsfälle – Grund: die Klimaveränderung! Eine klare Tendenz zu gemäßigteren Wetterverhältnissen ist erkennbar – wir werden sehen, wie die weitere Entwicklung verläuft; jedenfalls sind wir gewappnet für den Jänner und Februar, wo im Normalen die Spitzenwerte an Neuerkrankungen zu verzeichnen sind.
 
Tetanus ist ebenfalls ein zunehmendes Problem – die Spritze dagegen ist teuer, kostet etwa 5 Euro. Wir lassen unseren inzwischen fast überraschend guten Beziehungen spielen, und schon können wir die Summe auf ein erträgliches Maß reduzieren – 2,50 Euro.
 
Ich frage wegen der vielen Penisentzündungen, ein sehr häufig auftretendes Problem -bei deren Behandlung erzielt der Doktor gute Erfolge, meist ist dann für 1 Jahr Ruhe, oft sogar tritt eine 100 %-Erfolgsquote ein.

 

 
 
Bei Hunden ist das Hauptproblem die Tollwut; nicht die wenigen Bisse an Menschen. Nur wegen Tollwut gibt es die Tötungskampagnen, sagte die Bürgermeisterin, über die sich dann (vielleicht etwas überraschend) dem Vernehmen nach wirklich ein Großteil der Stadtbevölkerung aufregen, so auch Dr. Dieng. Wahnsinn, meint der Veterinär erschüttert, die Behörden lassen in diesem Falle alle Tiere niederschießen, egal ob kastriert, geimpft, zu jemanden gehörend, was auch immer – alle auf den Straßen angetroffenen Hunde werden getötet, ohne Ausnahmen. Ein in Nouakchott tätiger spanischer Jurist erzählt uns später, sein Hund hätte ein Verhältnis mit einer Hundedame gehabt; diese wäre mit ihrem Baby schließlich vor sein Haus gezogen, hätte die Nähe seines Rüden gesucht. Bis plötzlich Gendarmen auftauchten und Mutter und Kind mit Gewehrsalven niedermähten… 
Das Hauptproblem, welches zur starken Vermehrung der Straßenhund-Population führt, ist, wie Sie auch aus der Geschichte des Spaniers heraushören, folgendes: die fast immer unkastrierten ‚privaten’ Hunde, welche von den Menschen des Nachts auf die Straßen gelassen werden – sehr oft, siehe oben, auch  von den vielen europäischen  Gastarbeitern – eine Tatsache, welche diesen nicht zu Ehren gereicht!
Eine Impfung gegen Tollwut kostet rund 8 oder gar 9 Euro; aber auch hier spricht unsere geheime Quelle von rund 3,50 Euro, dafür würden wir sogar ein deutsches Medikament bekommen!
 
In Zukunft werden wir auf unseren wunderschönen Wasserstellenschilder, welche ausgewählte Plätze dann als RespekTiere-Mobile-Klinik-Einsatzort ausweisen, auch Dr. Dieng’s Telefonnummer notieren – sodass bei Notfällen jederzeit swchnelle Hilfe geboten ist!
 
Donnerstag, eine weitere Wasserstelle. Dr. Dieng ist wieder sehr konzentriert, macht aber trotzdem wie immer seine Scherze mit den Eselhaltern; einer z. B. klagt, er hätte wie sein Esel Schmerzen, vom Wasser aus dem Brunnen ziehen, warum hilft ihm keiner; da nimmt Dr. Dieng eine Spritze und läuft ihm hinter ihm her, will ihm Vitamine geben 🙂
Aus dem Nachbarhaus kommt ein Mann, er wirkt sehr nett, und fragt ob wir nicht auch seinen Hund behandeln könnten, er macht sich große Sorgen. Ich gehe mit ihm nachsehen, fürchte schlimmstes, weil ja für Hunde normalerweise so absolut gar nichts getan wird; und wenn dann mal ein Hundehalter von selbst um Hilfe bittet, dann liegt das arme Tier sicher bereits im Sterben…
Er geht mit mir zur Hundehütte, davor steht ein Tablett mit einigen Fleischstücken; zu essen kriegt der schon mal, wenigstens etwas (übrigens werden Haustiere in Nouakchott ausschließlich mit Essensresen oder (Fleisch-)Abfällen gefüttert; spezielles Tierfutter wie bei uns gibt es zwar auch mehr und mehr, doch ist dieses der Kaufkraft ausländischer GastarbeiterInnen vorbehalten). Dann holt er den Hund raus, ein schwarzweißer, wunderschöner, der auch gleich abzuhauen versucht; der Mann ruft ihn ganz freundlich und der Hund lässt sich, ein wenig verängstig durch den Anblick des bösen weißen Mannes, schwanzwedelnd am Kopf kraulen. Er schaut gut aus, denk ich! Und er mag sein Herrchen, ist auch zu mir freundlich. Er hat irgendein Hautproblem, ein paar rote Stellen, aber bestimmt nichts ernstes, so viel verrät mir mein Laienblick – ich freu mich sehr, nicht nur für den Hund, sondern vor allem, weil der Mann echt besorgt ist, wegen so einer ‚Kleinigkeit’; tatsächlich hatte ich ‚zumindest’ mit einem offenen Bruch oder dergleichen gerechnet… Ich verspreche ihm dass Dr. Dieng dann gleich kommen und sich um den Süßen kümmern wird!
 
Die Eselhalter sind sehr nett hier, es gibt ’nur‘ zwei, die ihre Esel schlagen, sagt der Wasserstellenbetreiber. Dr. Dieng stimmt zu, er habe es den beiden schon oft gesagt, aber die sind verrückt, meint er.
Wir machen uns daran Geschenke zu verteilen; Sonnenbrillen und Kappen sind die begehrtesten Artikel, ebenso Reflektoren, welche ein sehr tierfreundlicher Asfinag (österr. Autobahnbetreibergesellschaft)-Mitarbeiter extra von seinen Baustellen zusammen gesammelt hat – super sind sie, optimal geeignet für unbeleuchtete Eselkarren in der Nacht! Wir bedanken uns ganz herzlich bei dem Tierschützer, welchen wir in Kürze nochmals in einem speziellen Newsletter vorstellen werden!
Minuten später ist beinahe jedes menschliche Haupt auf der Wasserstelle mit einer Kappe geschmückt, der Anblick wirkt geradezu skurril, denn manche setzen diese einfach über ihr Kopftuch, oder – wenn sie eine zweite Kappe für einen Freund ergattern konnten, auch mal übereinander 🙂
 
Alem hat seine Lesebrille mit, ein Glas ist kaputt, ob wir ihm die in Österreich reparieren könnte. Werden wir!
 
Jetzt explodiert der Verkehr. Nicht zu fassen dass es nicht jede Sekunde kracht! Polizisten mitten im Chaos, warum eigentlich, fragt sich der unwissende Betrachter!? Außer ab und zu pfeifen tun sie nämlich nicht viel, nicht weil sie überfordert sind, nein, vielmehr weil sie die fast beängstigende Situation weder zu erschrecken noch zu interessieren scheint. Dennoch, was auffällt, nun werden in Nouakchott wenigstens ein paar Ampeln respektiert (noch vor Kurzem gab es nur eine handvoll Ampeln in der Stadt, welche von jedermann/frau völlig ignoriert worden sind), was ja auch schon mal ein Fortschritt ist. Allerdings hält dieser Respekt vor den Verkehrsregeln nur genau so lange, bis irgendwer die Nerven verliert und einfach losfährt, egal wie verstopft die Kreuzung dann auch immer ist. Ein Tun, welches zur Folge hat das bald alle Dämme brechen und sich der Verkehr im Tetris-System weiter bewegt…
Habib, einer unserer Helfer der ersten Stunden, ist ebenfalls in Noaukchott angekommen, er ist auf Heimaturlaub! Habib studiert in Deutschland, spricht unsere Sprache perfekt – und ist ein kleines Wunder! Er, und das ist eine Sternstunde für all unsere Bemühungen, ein Beweis, ein eigentlich legendäres Ereignis – ist nun seit einem Jahr Vegetarier!!!! Sie werden nun einwenden, na ja, ist ja schön, aber Vegetarier gibt es viele – doch vergessen Sie nicht, Habib ist Mauretanier, und hier ist die Vorstellung einer fleischfreien Ernährung so fremd wie ein Eisbär gefangen im Sandsturm der Sahara! In Fakt, wir – und auch das gesamt Team, welches uns inzwischen umgibt, Saleck, Dr. Dieng, Alem, Johanna von der GTZ, – würden sogar so weit gehen, zu behaupten, er ist vielleicht der allereinzige Vegetarier maurischer Ahnen! Und Habib sagt es auch, spricht offen über das fast Unvorstellbare; in einem Land, wo Tradition das Maß aller Ding ist, seinem Vater und seiner Familie gegenüber aufzustehen und diesen auf die Feststellung ‚Wenn Du nicht willst dass wir zu Deinen Ehren ein Schaf schlachten wenn Du zu Besuch bist, dann verletzt Du ganz erheblich unsere Gefühle’ zu antworten ’wenn Ihr aber ein Schaf schlachtet dann verletzt Ihr vielmehr die meinen, und erst recht die des Schafes’, ist mehr als mutig, es ist eigentlich ein epochales Ereignis…
 
Habib und ich warten in einer kleinen Dekofirma auf die von uns unlängst in Auftrag gegebenen Aufkleber gegen das Eselschlagen. Zeit, so viel wissen wir längst, spielt im Wüstenland eine geringe Rolle, Geduld eine umso größere, doch endlich bekommen wir sie ausgehändigt – super, die werden wir ab morgen auf sämtliche Eselkarren kleben können!!! In Zeichenschrift wird auf dem Aufkleber erklärt, dass man seinen Tieren keine Gewalt antun sollte, und wir erwarten uns davon eine weitere Besserung der Situation.
 
Was auch sehr auffällt – es gibt ganze Armaden von Bettlern, jedes Alters, Geschlechtes, Menschen mit allen möglichen Behinderungen; viel mehr als noch vor einigen Monaten, wohl auch ebenfalls eine Nebenerscheinung der enormen Steigerung des Preises für Grundnahrungsmittel. An jeder Straßenkreuzung stehen sie aufgereiht, betteln zum Teil auch sehr aggressiv – aber alle haben eine wirklich schlechte Karte gezogen, denn der Staat oder die Stadt, die haben so gar nichts übrig für sie übrig – es gibt kein soziales Netz, nicht einmal eine Andeutung dessen, sie bekommen keinerlei Unterstützung, es gibt kein Programm, keine Speisung, nichts…
 
Der Künstler Omar, er erzeugt aus Müll wunderschönen Eselkarren und malt unglaubliche Bilder – wir haben mit ihm ein langes Interview geführt und werden seine Kunst in einem extra Newsletter vorstellen – hatte uns bereits davon erzählt, und nun sehen wir sie selbst: Läden mit günstigen Lebensmittel – jede Person darf hier aber nur 2 kg kaufen – sind eine erste Annäherung an den Gedanken einer Armen-Unterstützung. Wie schon erwähnt, die Armut wächst und wächst, selbst in einem der ohnehin schon ‚ärmsten Ländern der Welt‘ zugehörigen Staat wie Mauretanien. Den Menschen – bis auf einge wenige Glückliche– geht es leider sehr oft sehr schlecht und es sind deshalb vor derartigen Läden immer lange Warteschlangen von Verzweifelten zu sehen.
Es ist offensichtlich: die Armutsschere, die klappt wie sonst überall auch in Nouakchott immer weiter auseinander; es gibt (ganz) wenige sehr Reiche, aber ganz, ganz viele, wahrscheinlich 99,9 % sehr arme – unfassbar arme – Menschen, bei einem weitgehenden Fehlen einer Mittelschicht.

 

 

Wir fahren Richtung Strand; dort gibt es viele Hühnerverkäufer und wir möchten das Schicksal der Vögel so gerne dokumentieren; aber die Standbesitzer wollen uns alle nicht fotografieren lassen. Hühner sind hier relativ teuer, sie kosten so um die drei, vier Euro; untergebracht sind sie in einigen Quadratmeter großen ‚Freigehegen‘, also auf Boden, rundherum Gitter. Sie sehen gemessen an den sie umgebenden Bedingungen nicht einmal so schlecht aus, ein Umstand, der wahrscheinlich in ihrem wie gesagt doch relativ hohem Preis begründet liegt, auch für Schatten wird gesorgt. Allerdings, kauft jemand ein Huhn, so wird es meist gleich vor Ort getötet, was heißt aus dem Käfig geholt und geköpft… Kauft es wer aus irgendeinem Grund lebend, dann wird es an den Füßen zusammen gebunden und dem Käufer kopfüber hängend übergeben.

 

aufgereiht in praller Sonne die Leichen der Geköpften…                            Schafköpfe, zum Verkauf angeboten,ebenfalls in praller Sonne 
Wir halten wir am Strand von Nouakchott, dort wo hunderte kleine Fischerboote liegen; der große Fischreichtum an den Küsten ist langsam zur Umkehrfalle für die einheimischen Fischer geworden, dann schnell hat das Ausland reagiert – riesige Schiffe aus allen Herren Ländern kreuzen am Ozean und schöpfen die ‚Vorräte‘ ab, lassen den Menschen vor Ort kaum etwas übrig. Dennoch, es ist immer wieder herzzerbrechend zu sehen, denn trotz dieser prekären Situation passiert das nahezu Unvorstellbare: nämlich dass Berge von toten Fischen in der Sonne verrotten, weil sie beim Fang einfach nicht der bevorzugten Gattung angehören! In einem Land wo Hunger allgegenwärtig ist, wo Mensch und Tier an die Grenzen des Erträglichen stoßen, jeden Tag auf ein Neues – dass selbst hier so verschwenderisch mit Reserven umgegangen wird, verwundert zumindest.
Wir gehen sogar kurz in den Ozean, das Wasser ist wunderschön, stellenweise tiefblau, aber äußerst gefährlich. Dies ist auch der Grund warum der Tourismus nicht greift, im Anblick von kilometerlangen breiten Sandständen fast nicht zu fassen, aber der Atlantik schlägt mit brachialer Gewalt über die Küste, wirft ihr immer wieder tosende Wellen entgegen, sodass das Schwimmen zur Kraftprobe wird. Jedes Jahr ertrinken viele Menschen, weil das Meer keinen Fehler verzeiht, und wagt man sich nur einige Meter zu weit hinaus, so verlangt es nach Tribut, welcher dann nur allzu oft in menschlichem Leben besteht.
Ein kleiner Wal verrottet am Strand, genau wie hunderte kleinerer Fische – wie gesagt, wir werden wohl nie verstehen wie bei so viel Not so viel Verschwendung passieren kann. Und so viel Umweltverschmutzung an einem so wunderschönen Ort.

 

 
Freitag, der vorletzte Reisetag; ich bin heute mit Habib unterwegs und der Tag beginnt wirklich schön, denn schon auf der ersten Wasserstelle, unserer ‚Mittwochs-Wasserstelle‘, finden wir fast nur gesunde Esel. Die Leute sind unheimlich nett, besonders nun, da sie uns ja schon lange kennen. Wir vergeben wieder Preise für besonders gut aussehende Esel. Die Ausgezeichneten freuen sich sehr, erzählen davon voller Stolz ihren Freunden – ein Umstand, der ein sehr gewollter ist 🙂 Wir verteilen Halfter, und erstmals die neuen Aufkleber, welche wir gestern machen haben lassen; sie zeigen in Bilderschrift dass man Esel nicht schlagen soll. Tatsächlich kleben wir sie mit den Leuten zusammen auf die Wasserfässer, gut sichtbar für jedermann/frau!

 

 
Auch auf den nächsten Kontroll-Wasserstellen ist die Situation ähnlich, und wir sind verständlicher Weise in sehr guter Stimmung.
Nun folgt die Sonntagswasserstelle – dort wo der Esel mit dem gebrochenen Vorderbein lebt. Als wir ankommen, erstarren wir mitten im Schritt – oh Gott, er liegt am Boden, offensichtlich tot! Kaum wagen wir zu atmen, bis plötzlich – ja, er bewegt ein Ohr, schnauft… er lebt noch, und wir fallen uns vor Freude in die Arme, nur um Sekunden später von der Wirklichkeit eingeholt zu werden; denn, wahrscheinlich ist diese Erkenntnis eine noch schlimmer…
Als das arme Tier aufzustehen versucht, knickt der ganze Fuß weg, was ihn aber nicht davor zurückhält sich gänzlich aufzurichten und wegzuhumpeln! Was diese Tiere aushalten, was das für Schmerzen sein müssen…
Aber was kann man tun, welche Optionen bieten sich? Dr. Dieng muss beobachten, wenn er merkt, dass der Esel abzumagern beginnt, dann muss er wohl reagieren. Der einzige Hoffnungsschimmer: wir haben schon viele Esel gesehen, die oft jahrelang neben den Straßen stehen, und da auch von verschiedenen Leuten gefüttert werden, einfach ein Gnadenbrot erhalten… Inshalla, so Gott will.
 
Kinder möchten fotografiert werden, ein Mann bittet uns sein Auto anzuschieben; ich möchte schon aussteigen, nach ‚europäischer Sitte‘ Hand anlegen, doch Habib sagt: ‚Zusehen und Lernen!‘ 🙂 Drei, vier, fünf mal, stößt er nun mit seinem Wagen, eigentlich den des Vaters, gegen die Stoßstange des Liegengebliebenen. Unter gnadenloser Sonne verläuft auch die Gnade mit dem Material in Bruchteilen im wahrsten Sinne des Wortes im Sand… Allah sei Dank, Rost ist hier eh kein Problem, denke ich mir still.

 

 
Dann fahren wir weiter – im Augenwinkel sehen wir einen Esel an einer weiteren Wasserstelle, mit einem schrecklichem Tumor am Unterbauch; ich bitte Habib stehen zu bleiben. Der Esel wurde von einem Auto angefahren, erfahren wir nun, die Schwellung kommt und geht, meint der Halter.
Plötzlich hält ein Auto; ein Mann regt sich offensichtlich über das Fotografieren auf, nimmt Habib zur Seite. Schließlich kommen die Beiden zurück, der Unbekannte hat sich als Zivilpolizist zu erkennen gegeben! Wir müssen mit aufs Kommissariat, weil wir das Land schädigen wollen, indem wir zeigen, wie schmutzig es hier ist, meint er!
Im selben Augenblick durchläuft das Szenarium meinen Kopf -, wenn das passiert, dann ist alles weg, Kamera, Fotos, womöglich auch das Laptop von zu Hause, alles könnte einer Beschlagnahmung zum Opfer fallen. Einfach darum, weil sich die Polizisten selbst oft nicht mit dem Gesetz auskennen und weil die Sachen ja nebenbei Wert haben!
Habib versucht den Beamten unsere Arbeit hier zu erklären, wie wichtig die ist, erklärt auf welche Art wir den Menschen und den Tieren helfen; nicht irgend etwas oder irgend wen schlecht machen ist unsere Aufgabe, sondern zu heilen! Körperliche und seelische Wunden! Doch alles Diskutieren bringt nichts, wir sollen vorfahren, die Polizisten dicht hinter uns. Habib hält bei ‚unserer‘ Wasserstelle, zeigt den Zivilen nochmals – unsere Arbeit besteht darin zu helfen, dazu brauchen wir auch Bilder, um zu sehen, an was die Tiere leiden, welche Krankheiten es gibt, usw.
Wieder fallen mir die Worte eines früheren Begleiters ein, der da sagte: ‚Nein, niemals zum Posten, außer Du willst alles beschlagnahmt sehen und dort ein paar Tage verbringen’…
Wir fahren einige Kilometer, die Beamten kleben wie zäher Kaugummi an unserer Stoßstange; so lange bis wir sie plötzlich, durch perfekte Fahrkünste Habib’s, im Verkehr verlieren; nächstes Jahr werden wir ein Buch über unsere Arbeit veröffentlichen; darin werden interessierte LeserInnen dann eine genauere Beschreibung eines solchen Ablaufes finden:)….

 ein Pferd, völlig fehl am Platz scheinend, verloren irgendwo in der Wüste…  ein Straßenhund mit einer schrechlichen Wunde im Gesicht

 

 Schafe und Ziegen finden sich fast überall…                                            halb blind, verletzt, Wunden an Körper und Seele…
 
Samstag, Tag der Abreise: Früh morgens holen wir Dr. Hadrami bei der Apotheke ab und wir fahren einmal mehr zu unserem Albtraum, dem Eselmarkt.
Am Weg hält uns die Polizei. Saleck sei bei Rot über die Kreuzung gefahren, meint der Beamte. OK, das mag stimmen, aber andererseits: das tut doch jeder hier!!!! Interessant ist vielmehr wie die ‚Bestrafung‘ abläuft: der Polizist deutet Saleck auszusteigen, dann geht der Beamte vom Auto weg, mit dem Rücke zu uns; Saleck kommt hinter ihm, legt ihm den Führerschein in die am Rücken verschränkten, nach oben offenen Hände – ein Geldschein ist auch dabei. Ohne Worte nimmt Saleck dann den Führerschein zurück, geht zum Auto, der Polizist tut als ob er uns nie gesehen, starrt in die andere Richtung und wir fahren weiter….
Gestern, so erzählt Habib, wurde er aufgehalten; er gibt die Papiere durch das geöffnete Fenster, es dauert lange, da fragt Habib: fehlt was? Der Polizist sagt darauf: ja, mir fehlt Geld, um ein Mittagessen für meine Familie zu kaufen….
Wir sind am Eselmarkt angekommen und Dr. Hadrami beginnt mit seiner Arbeit: es sei kurz gefasst – er macht seinen Job gut, super sogar; er fragt wegen aller Beschwerden, schaut genau, nimmt sich Zeit, fragt nach dem Essverhalten, usw., usw. Auch hat er keinerlei Scheu, nicht mal bei dem Pferd am Markt, welchem es nach einem Unfall mit einem Auto sehr schlecht geht – aber Gott sei Dank muss es im Gegensatz zu den Eseln nach so einem Zusammenstoß wenigstens nicht mehr arbeiten.

 

Der Arzt ist hochkonzentriert, behandelt jene Esel, welche Dr. Gey bereits zu Wochenbeginn betreut hat. Was uns an ihm sehr gefällt: es ist nicht nur dass er die Wunden zu heilen versucht, er sagt den Leuten auch wie sie in den nächsten Tagen verfahren müssen. Dem Esel mit dem Eiterherd am verlängerten Rücken, welchen Dr. Gey ebenfalls bereits behandelt hat, lässt er besondere Aufmerksamkeit zukommen; er drückt das Eiter aus der Wunde, reinigt diese, holt den Eselhalter, lässt ihn ganz genau zuschauen und sagt: So musst Du das nun jeden Tag machen, mindestens eine Woche lang.
Der Arzt ist ruhig, ein bisschen in sich gekehrt, aber offensichtlich ein Fachmann. Saleck und Habib teilen beide diese Meinung. Wir sind eineinhalb Stunden dort, er leert alle am Morgen gekauften Medikamente. Erst als alles aufgebraucht ist, sagt er kurz und kryptisch ‚jetzt müssen wir gehen’; wie es aussieht haben wir mit ihm und Dr. Gey zwei potentielle neue Tierärzte gefunden, welche die Wochenendlücke alsbald aufheben werden können! Jedenfalls war die Arbeit beider Veterinäre eine welche unsere Ansprüche wirklich erfüllen kann.

Bild 1 und 2 zeigt Dr. Hadrami bei der Arbeit, im Bild 3 sehen Sie Dr. Gey in seiner Ordination und im vierten Bild Dr. Dieng bei der Arbeit!

 
Wir fahren erneut zum Halfterprojekt, vorbei an hunderten aus Metall-, Holz- und PVC-Teilen zusammengebastelten Wohnhütten, tausende Menschen bevölkern die Straßen, es herrscht ein emsiges Treiben ringsum. Kinder spielen im Wüstensand, sie scheinen sehr glücklich, unbekümmert noch gegenüber tristen Wirtschaftsaussichten und einer inferioren Infrastruktur. Es benötigt wenig um zufrieden zu sein, schießt es uns durch den Kopf, eine funktionierende Familie, einen Platz zum Schlafen, viel zwischenmenschliche Berührungen und ein möglichst unverbrauchtes, kindliches Gemüt, unverdorben des übermächtigen Monsters Konsumgesellschaft. Die Frauen sind in ihre Arbeit vertieft, gut 15 Händepaare vernähen geschickt Stoffbahn um Stoffbahn, fügen die im Vornhinein angefertigten Stücke zu einem Ganzen – wunderschöne Halfter! Dieses Mal nehmen wir jeweils ein Muster mit.
 
Dann besuchen wir Omar in seinem Heim. Die von uns in Auftrag gegebenen Kunstwerke sollen fertig sein, bereit zum Abholen. Omar wirkt immer etwas wie auf Wolken, so wie Künstler nun mal so sind. Er hat alle Arbeit erledigt, wunderschöne Stücke – doch einpacken muss er sie erst, weil er ja nicht wusste ob sie uns gefallen! Wir verabreden uns für den frühen Abend, während dessen Habib, der Omar vorher nicht gekannt hatte, die Dutzenden Bilder und Kunstwerke bestaunt.
 
Noch immer haben wir unseren Aufgabenkatalog aber nicht vollständig erfüllt und langsam drängt die Zeit – wir holen Dr. Dieng von zu Hause ab, um ihm die neu ausgewählten Wasserstellen zu zeigen. 
Erstere findet er aber nicht ganz so gut, er meint es wäre dort zu wenig los, zu wenig Arbeit für die Klinik. So fahren wir in einen anderen Stadtteil namens Toujounin. Dort gibt es ebenfalls drei knapp zusammenliegende Wasserstellen und diese, so beschließen wir, werden der neue Arbeitsort für Dr. Dieng sein, die ‚Montags-Wasserstellen‘!

 

 
Am Rückweg halten wir bei unserer ‚Mali’-Wasserstelle, Dr. Dieng vermisst eine Pinzette – leider findet er sie nicht, aber was uns sofort auffällt: dort sind so viele Esel, heute, am Feiertag, die meisten allerdings zum Rasten; aber auch Wasser wird geschöpft; vielleicht sollten wir die Stelle für den Samstag in Betracht ziehen, da wäre dann auch genügend Zeit für allfällige Hufpflege!
 
Dr. Dieng erzählt ganz aufgeregt, nach den Berichten der französischen JournalistInnen in Radio und Fernsehen im Zuge unseres letzten Besuches haben sich ganz viele Leute bei ihm gemeldet, angerufen, e-mails geschrieben, auch auf der Straße sei er angesprochen worden- seine Tochter wäre so stolz auf ihn, auch wegen des Bildes in unserer neuen Esel-Broschüre.
Der Fernsehbericht hat Wellen geschlagen, der ausstrahlende Sender France24 ist als das afrikanische CNN bekannt und verfügt über entsprechende Reichweite!
 
Wir überlegen nun eine neuerliche Radiokampagne.
 
Am späten Nachmittag sind wir bei drei Frauen von der UN und der spanischen Botschaft eingeladen. Alle drei sind Vegetarierinnen, aus Überzeugung!!!! Und alle drei gratulieren zum Projekt, die UN-Frau meint sogar, und das empfinden wir als ganz besondere Ehre, wir sind das allereinzige NGO-Projekt in Mauretanien, welches wirklich Sinn macht und noch dazu gut läuft. Von allen Projekten worüber sie weiß würde sie ‚Esel in Mauretanien‘ am allermeisten empfehlen – wir freuen uns sehr über diese Worte, noch dazu ausgesprochen von jemanden, die es wirklich wissen muss!
 
Gegen 10 Uhr Abends bringen mich Saleck und Habib zum Flugzeug. Wir verabschieden uns herzlichst und ich betrete voller Stolz die Flughalle – zum einen, weil wir hier mit so großartigen Menschen zusammen arbeiten dürfen, zum Anderen weil ich mich wieder einmal davon überzeugen konnte, dass ‚Esel in Mauretanien‘ ein unglaublich tolles Projekt ist, eines, welches wirklich Veränderungen herbei bringt. Ich lasse mich in einen der derart unbequemen Sitze in der Abflughalle fallen, und mit der sinkenden Temperatur fällt nicht nur die angestaute Hitze von mir ab, sondern gleichzeitig auch das Stressgefühl, welches mich die letzten Wochen begleitet hatte; nun im Wissen, dass wir auf den absolut richtigen Weg sind, unter schwierigsten Bedingungen ein greifendes Konzept geschaffen haben – Dank Ihrer Hilfe, denn Sie sind es einmal mehr, Sie, denen unsere gesamte Hoffnung und Hochachtung gilt: allerherzlichsten Dank dafür, dass Sie immer da sind, wenn Tiere unsere Hilfe brauchen! Selbe Gedanken beschäftigen mich dann auch noch im Flugzeug, bis ich in einen tiefen, ruhigen Schlaf falle…

im Bild sehen Sie Nouakchott von oben. Eine Wüstenstadt wie sie ihresgleichen sucht. Die Vogelperspektive bietet einen unschlagbaren Vorteil: aus ihr ist das mannigfaltige Tierleid nicht erkennbar! Aber Tatsache, die man nicht sieht, bleiben trotzdem Tatsachen – und so dürfen wir unsere Augen nicht vor der Wirklichkeit verschließen, auch wenn diese manchmal mit aller Härter zuschlägt und uns nicht mehr zur Ruhe kommen lassen wird! Wir müssen dort helfen wo unsere Hilfe am meisten gebraucht wird – und mit dieser Einsicht verlassen wir Nouakchott mt lautem Motorengeräusch; allerdings, den Rücken kehren wir der Metropole nicht, werden wir nie mehr tun; hier liegt eine unserer Hauptaufgaben, ein Lebenswerk, und frühestens in jenem Augenblick wo die Esel Mauretaniens in eine gute Zukunft sehen, werden wir unser Engagement in diesem entlegenen Winkel der Erde beenden; ganz nach unserem Motto – until every cage is empty, erst wenn der letzte Käfig geöffnet ist – sei es ein Gefängnis aus Gittern oder eines des Herzens… 

 
Achtung, Achtung, Achtung! Die Veganmania-Tour macht am kommenden Samstag Halt in Bregenz – und RespekTiere ist dabei! Bitte besuchen Sie das Fest und unseren Stand, wie immer natürlich mit großer Fotoausstellung!
 
 
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