von Kummer und Leid in Mauretanien

DSC 0098 (2)Es sei vorweg genommen – das Projekt ‚Esel in Mauretanien’, unsere mobile Klinik, hat sich längst als unverzichtbare Einrichtung inmitten eines Meeres des Tierleides etabliert! Und die Erfolge könnten schöner nicht sein – so arbeiten inzwischen drei Tierärzte an acht über die ganze Stadt verstreuten Stellen mitten im Zentrum des Eselgewerbes für eine möglichst umfassende medizinische Versorgung der Esel (Dr. Dieng an fünf Tagen die Woche, Sonntag bis Donnerstag, am Freitag und Samstag Dr. Gueye, und am Samstag Dr. Mohammed, welchen wir beim jetzigen Besuch ‚testeten’ und nun dabei sind, ihn in unser Team einzugliedern). Mit uns nach  Mauretanien waren zudem Dr. Matthias Facharani, die Koryphäe aus Bayerisch Gmain, und seine Assistentin, die promovierte Biologin Sylvia Reiter gereist. Zusammen schafften wir ein unglaubliches Arbeitspensum und wir werden in den nächsten Tagen einen eigenen Newsletter darüber verfassen, mit all den dabei erzielten Erfolgen und gespickt mit vielen Freuden, welche das Projekt nun enorm aufwerten werden! So zum Beispiel konnten wir über die Sylvia erstmals mit Hufpflege aufwarten und einige Dutzend der Esel könne sich bereits über ‚neue’ Hufe freuen; wie wichtig das ist, versteht sich von selbst: wären die Hufe der Tiere in ihrem Zustand belassen worden, allesamt würden diese Esel in den nächsten Wochen am Straßenrand stehen, ausgesetzt, dem Sterben überlassen, unfähig, die Anstrengungen des Alltages zu bewältigen. Bei aller Begeisterung über den so großartigen Fortschritt gab es aber auch wieder herzzerreißende Momente, die uns für immer in Erinnerung bleiben werden; von einigen dieser möchten wir Ihnen heute erzählen.

Müde und in Gedanken versunken, zufrieden, kehren wir von der Arbeit in unsere Unterkünfte zurück; der alte Peugeot von Alim, zerrüttelt und zerbeult, von den Elementen zernagt wie die Umgebung, Außenspiegel und Rücklichter nur durch die Mithilfe von Draht in der ihnen zugedachten Lage gehalten, bahnt sich seinen Weg durch die gefährliche Mischung aus Sand- und Asphaltstraßen mit bemerkenswerter Sicherheit. Wir sprechen kaum, jeder ist nun des Abends in seinen eigenen Überlegungen gefangen, ein trotz der kurzen Zeit des Zusammenwirkens bereits wirklich perfekt zusammen gespieltes Team am Einsatzort; doch kaum kommt man zur Ruhe, begibt sich der individuelle Geist auf eine Art Tauchstation, ganz allein und ohne Halt. Man sucht nach Antworten, für Fragen, die so oft nie gestellt; nach Lösungen, für Probleme die unlösbar scheinen. Nach Mut, wo der eigene sich schmerzhaft langsam aufzulösen beginnt, schmilzt wie Schnee in der Frühjahrssonne.

Vorbei geht die Fahrt an den oft nur telefonzellengroßen Hütten, aus Wellblech, Karton und Plastikteilen geformt, mit Eisentrümmern irgendwie in Form gehalten – Heim für Menschen, deren Zukunft in dem Moment zerbrochen ist, als sie das Licht der Welt erblickten…

DSC 0582Und plötzlich stehen da zwei Esel an einer Verkehrsinsel; einer davon in halbwegs gutem Zustand, doch der andere – seine Brust ist zerrissen, das Fleisch hängt in Fetzen vom ausgedörrten Körper; selbst am Kopf beginnt ein winziger und dennoch übermächtiger Feind den lebenden Leib zu zernagen, mikroskopisch klein, aber erst freigelassen ein unbesiegbarer Gigant in seiner Tödlichkeit.  Alim bremst scharf, und das Auto ist noch nicht zum Stillstand gekommen, sind wir auch schon auf der Straße. Was uns erwartet, wird uns verfolgen, wird in unsere Träume kriechen, wird Herrschaft über unseren Geist einnehmen – zumindest für eine Weile. Der Esel kann sich kaum mehr auf den Beinen halten, sein ganzes Dasein übersäht mit blutigen, offenen Wunden, tumorähnlichen Gewächsen, aufgerissenen Narben; ein lebender Toter; nur mit Müh und Not schaffen wir es ihn weg von der Straße zu bewegen, hin zum Verkehrsrand; Dr. Facharani bereitet blitzschnell seine Behandlung vor, Antibiotika, aber vor allem Schmerzmittel, dazu Vitamine und Hilfe gegen die mannigfaltigen Parasiten; im selben Augenblick des Nachdenkens wie das arme Tier in eine derart missliche Lage geraten war, bricht dieses aber urplötzlich zusammen. Da liegt er nun vor uns, wir, die wir ihm helfen wollten, nun unfähig noch einzugreifen; Gevatter Tod ist längst sein Begleiter, war lange vor uns an jener kleinen Straßenkreuzung; man spürt seine Anwesenheit; tatsächlich scheint er aus der sich langsam versammelnden Mengen von Menschen sanft zu lächeln; er ist heute nicht als Feind gekommen, verbreitet keine Angst; er ist hier, weil es Zeit geworden ist, die Uhr des Lebens abgelaufen, der Zeitmesser verliert sich in bedrückender Unendlichkeit. Der Esel starrt mit weit aufgerissenen Augen in die Masse von Leibern, seine haltlosen Pupillen fixieren kein bestimmtes Ziel; vielmehr ist es eine verzweifelte Suche nach dem Vermummten, ein Tasten nach dessen hilfreicher Hand; durch seinen gepeinigten Körper fließen Wellen von Krankheitsschüben, er wirft seinen Kopf mit voller Wucht gegen den Asphalt, drei, vier Mal; dann beginnt dieses entsetzliche Schnappen nach Luft, dieser Moment, wo man mit Bestimmtheit weiß, kein Arzt der Welt kann hier noch etwas ausrichten; Medizin auf verlorenem Boden, Uni-Wissen eingetauscht gegen das Ur-Wissen selbst. Dr. Facharani gibt dem Esel Beruhigungsmittel, Schmerzstiller; das arme Tier scheint sich etwas zu entspannen, seine Atmung wird flacher, es öffnet die Augen, in einem verzweifelten Versuch, das Lebendige irgendwie festzuhalten. Aber mit jedem Atemzug weicht das Leben weiter zurück, man sieht es förmlich wie es aus einen Nüstern kriecht und sich im Atem verflüchtigt; eins wird mit der Materie rundherum; ‚es gibt kein Streben, es gibt nur einen Wechsel der Welten‘, schießt es mir durch den Kopf; die Weisheit hat in diesem Moment nichts beruhigendes an sich, ganz im Gegenteil; eine kalte Hand fasst nach dem Herzen, ich fürchte sie zerdrückt es; atemlos sehen wir zu wie die Gesetze des Lebens ihren Lauf nehmen; ich habe das Sterben öfters beobachtet, doch jedes Mal auf ein Neues passiert es wie ein Hammerschlag. Es gibt keinen Gewöhnungseffekt, nicht für mich. Keine Normalität, die sich einschleicht, etwas Beruhigung versprechen könnte; vielmehr frei gewordene Gewalten, hilflos ausgeliefert, nur mit gebeugten Rücken und Tränen in den Augen, zusammengekauert, irgendwie erträglich gemacht.  Ein stummes Schreien nach Geborgenheit, da wo es keine Geborgenheit gibt; nirgends Deckung, ein weites Feld des Schmerzes. Sterben ist immer schrecklich, und es kommt nie der richtige Zeitpunkt dafür – es passiert immer zu früh; so viel hätte es noch zu sagen gegeben, noch mehr tröstende Worte und sanfte Hände hätten den Abschied leichter machen können.
 

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DSC 0624Es gibt keine Gewöhnung, niemals. Nein, der Vorgang nimmt Dich gefangen, kriecht in Deine Gedanken, martert deine Empfindungen; es gibt keine Erlösung, ist nichts Edles im Sterben, nichts magisches; es ist bloß die Formwerdung der Traurigkeit, die Entfesselung des Ur-Schmerzes, unfassbare Angst, frei geworden für die Ohnmacht des Zurückgebliebenen, frei geworden mit dem letzten Atemzug.
Hat man all diese Sachen so oft gesehen, dann findet man sich eines Tages unweigerlich wieder auf einer Weggabelung; die eine Seite führt Dich zur Abgestumpftheit, ein vernarbtes Gewebe, welches die Gefühle so wie wir sie bisher kannten dann nicht mehr zulässt; sie verbreiten zwar noch immer Schmerz, aber dieser fühlt sich an als ob er von weit her käme, wie ein Wandern auf Watte; der Preis für die Erleichterung ist dann aber ein immens hoher, denn mit Deinen Empfindungen verliert sich auch die Unschuld, die naive Lebensfreude, irgendwo im Nirgendwo der Welten.
Die andere Seite führt Dich geradewegs in den Abgrund, sie lässt Dich zerbrechen an jenen Dingen, denen Du Zeuge geworden bist. Es kommt der Tag für jede/n von uns, wo man sich entschieden muss welche Gabelung man nimmt; willkürlich wird diese Entscheidung fallen, und deren Effekt ist eigentlich nicht mehr als nebensächlich; beide Seiten nämlich werden Dich für immer verändern, werden Besitz von Deiner Seele ergreifen und Dich an einen Ort führen, welchen Du niemals besuchen hättest wollen.
 
Ein paar Tage zuvor war schon ganz ähnliches passiert; wieder waren wir auf dem Weg zurück zu unseren Unterkünften, als wir einen Esel am Straßenrand erblickten – offensichtlich bereits tot. Wir hielten dennoch kurz an, um nach dem Armen zu sehen. Unfassbar, wie die Menschenwelt teilnahmslos vorüber irrt, so als ob sie nichts gesehen; der Tod ist hier entmystifiziert, ein ständiger Begleiter, sodass das Sterben kein Aufsehen mehr erregt, selbst wenn es inmitten der Masse passiert.
Er lag einfach da, der Körper gestreckt, zum Zerreißen gespannt, Tetanus-infiziert. In der Mitte des Bauches ein faustgroßes Loch, entzündete Wundränder, der Herd der Infektion.
Der Esel war noch am Leben, starrte mit leeren Augen in eine Welt welche ihn niemals geliebt; Menschen trieb es vorbei, keiner blieb da stehen, auch nur für einen Augenblick – ein langsames Sterben in Einsamkeit, inmitten der Großstadt, unbemerkt, unbeweint.
Der Zustand: hoffnungslos. Ungläubig starren wir auf die Szenerie vor uns, unbegreiflich, dass es keine Hilfe gibt. Das hier ist eine Welt der Starken, der Gesunden; sie hat kein Herz, nichts über für die Kranken, die Schwachen; Selektion, gnadenlos. Die Ressourcen zu beschränkt, selbst für jene, die mehr Glück haben als dieses sterbende Wesen hier, in ihrer Fülle zu wenig um halbwegs gut über die Runden zu kommen.
Wir beschließen den Esel zu erlösen; würden wir es nicht tun, ihn hier noch länger derart leiden lassen, was wären unsere Ideale wert? Würden wir nicht unsere Überzeugung mit Füßen treten, würden wir einfach weiter gehen und nichts unternehmen? Natürlich, die Frage ist dann so einfach nicht zu beantworten, denn ist es nicht andererseits so, dass die Würde im Sterben gewahrt werden soll, gewahrt werden muss? Tut man dies, kommt man dem kosmischen Gesetz nach, indem man eine tödliche Injektion setzt? Greift man nicht in natürliche Prozesse ein, in einer Art und Weise, die ‚Mensch’ nicht zusteht? Aber andererseits: was von all dem was uns umgibt hat noch den Anspruch auf Natürlichkeit? Haben wir nicht, von einer so zerstörerischen Rastlosigkeit getrieben, bereits alles verändert, aus dem Lot gebracht? Sind wir, ist unsere ‚Menschlichkeit‘, nicht Schuld am Leiden dieses Esels, und ist es nicht unsere Pflicht, ihn nun daraus zu erlösen? Jede/r muss seine eigene Wahrheit finden, muss diese Gedankenspiele für sich selbst lösen; eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Innersten als unausweichliche Folge, geht es doch darum eine Tat zu setzen, welche keinen Notausgang bietet, kein Zurück; Konfrontation mit dem Gewissen, auf Biegen und Brechen, ein Nicht-wiedergutzumachender Schritt; jungfräuliche Seele, befleckt mit Blut, die eigene Unschuld des Daseins im Staub der Straße – entschiedet man sich gegen das Leid, gleichzeitig gegen das Leben, dann wird sie, die Unschuld nach der wir alle gieren,  nach diesem Tag für immer verschwunden sein, und sie kommt nie mehr zurück.
Ist der Entschluss der Sterbehilfe dann gefasst, wartet die nächste Frage:
Wie ausführen? Nouakchott ist trotz der Überschreitung der Millionen-Einwohner-Grenze ein Dorf geblieben, von Nomaden für Nomaden gemacht, jeder scheint jeden zu kennen. Wir wissen nur zu gut über die Mentalität hierzulande Bescheid, über die Gefahr, auch nur einen kleinen Fehler zu machen und damit die Zukunft des Projektes zu gefährden; ‚die weißen Menschen, welche ausgezogen sind um zu retten, jedoch nur den Tod brachten‘, so werden sie uns nennen, beobachtet uns jemand bei dem schrecklichen, doch so nötigen Vorhaben.
Also entscheiden wir den Einbruch der Dunkelheit abzuwarten, die Schwärze der Nacht beginnt ohnehin längst Besitz von der Umgebung zu ergreifen; wir werden uns in unsere Tücher hüllen, im Schutze der Finsternis den Einheimischen gleichend, und dann werden wir blitzschnell den Pakt mit dem Tod eingehen; er wird als Erlöser kommen, keine Frage.
 
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ein Sterben in Einsamkeit… …unbeachet und unbeweint
Zurück in der kleinen Herberge meint unsere rechte Hand vor Ort, Saleck, er würde lieber mit Dr. Facharani alleine zum Esel fahren, das würde viel weniger auffallen als unsere ganze Gruppe; er hat recht, und es fällt uns in diesem Falle nicht besonders schwer zurückzubleiben.
Dann nahmen die Dinge ihren richtigen Lauf; angekommen am Ort der Tragödie bemerkte Saleck unweit entfernt einige Esel angebunden vor einem kleine Haus; er ging dorthin und fragte, ob der Besitzer der Tiere denn wüsste wem der sterbende Esel gehören würde; ‚Mir’, antwortete der Mann. Und er gab sein Einverständnis zum letzten Akt, beobachtete mit unserem Team die letzten Atemzüge seines Schützlings; seines Schützlings, welchen er so grausam im Stich gelassen hatte, nach getaner Arbeit zum Sterben buchstäblich in die Wüste schichte; Dr. Fachrani führte den kalten Stahl der Nadel in die Vene des Todgeweihten, und einen Augenaufschlag später begab sich eine glasklare Flüssigkeit auf ihren Weg durch die Blutbahn des Schmerzverzehrten. Im selben Augenblick kehrte Friede in den geplagten Körper, die Atmung wurde flacher, entspannter; die leeren Augen füllten sich noch einmal mit Leben, dann stoppte der Herzschlag – der Esel war tot.

Die Sonne ging am nächsten Morgen auf über Nouakchott, so wie sie es seit Anbeginn der Zeit jeden Tag gemacht hat; langsam erwachte das Leben, füllten sich die Märkte und Wege; Hektik nahm Besitz von der noch kurz zuvor leeren Straße.
Nur ein kleiner Esel lag noch immer im Sand. Fast friedlich, idyllisch, schien er noch immer zu schlummern. Er würde sich heute nicht mehr erheben, würde es nie mehr wieder tun; er würde weiterschlafen, bis ans Ende der Zeit. Niemals wieder werden ihn Menschen furchtbare Gewichte aufbürden zu schleppen, niemals wieder werden Prügel sein Dasein begleiten. Der Arme war tot, und es war recht so.

Manchmal passiert Sterben ganz leise, begleitet nur vom Flüstern des Windes, kaum wahrnehmbar für die Umgebung.

 

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Besonders eifrige RespekTiere-Newsletter-LeserInnen erinnern sich vielleicht noch an unser Schreiben vor einigen Monaten; damals, im Zuge der letzten Mauretanien-Reise, sind wir an einer Wasserstelle auf einen Hund getroffen, weiß wie Schnee, der sich unter den dort versammelten Eselkarren versteckt hatte; sein ganzer Körper zeugte von der Brutalität des Straßenhund-Daseins, war überzogen von den Spuren gewaltsamer Ereignisse; ein Auge völlig blutunterlaufen, das andere dürfte er in einem Kampf verloren haben; überall Schrammen, sein linkes Hinterbein schien verletzt, er humpelte mit der wandernden Sonne um die Wette von Schatten zu Schatten.
Der trotzdem so Wunderschöne ziert seither das Titelbild unseres respekTIERE IN NOT-Flyers.

Das Leben ist zäh, unglaublich zäh; ich hätte damals nicht geglaubt, ihn jemals wieder zu sehen. Doch inshallah, so Gott will, fanden wir ihn nun an selbigem Platz erneut vor, dünner noch als beim letzten Zusammentreffen, weniger blutig zwar, aber vom Leben gezeichneter denn je. Und dieses Mal wollten wir ihm helfen; ganz sicher plagten Schmerzen sein Dasein, sein Fuß noch immer nicht im Einsatz, die Augen immer noch blutunterlaufen. Zumindest ein Antibiotikum sollte er bekommen, dazu Schmerzlinderer und Vitamine, etwas gegen die all umgreifende Räude und gegen Myriaden von Plagegeistern versteckt im Sand und sonst wo.
Aber, wie fängt man einen Hund, der von Menschen bisher niemals Gutes erfahren hat, ohne Betäubungsgewehr, überhaupt ohne Betäubungsstoff? Ich möchte mich hier nicht in Einzelheiten verlieren, aber nach einer bangen halben Stunden, eine Ewigkeit für ein angsterfülltes Wesen, gelang es uns mit Hilfe eines besonders mutigen Eselkarrenlenkers und mittels zwei um den Hals geworfener Stricke, gezogen jeweils in die Gegenrichtung, ihn zu fixieren; dann ein schneller Handgriff in seinen Nacken und schon konnte Dr. Facharani ans Werk gehen! Einige angstvolle Momente und noch mehr Injektionen später sollte der Arme wieder fei gelassen werden; die Menschen Afrikas, sie haben oft furchtbare Angst vor Hunden, mit ein Grund warum sie diese so oft so schlecht behandeln, und beim geringsten Versuch der Gegenwehr wird er plötzlich losgelassen; mit beiden Stricke um den Hals, auch wir selbst unfähig ihn zurückzuhalten, flüchtet er! Gott, was kann so alles passieren, er kann hängen bleiben, Kinder können ihn packen, die Stricke festwachsen… und der Hund läuft, uneinholbar für menschliche Füße … bis er plötzlich eine Kehrtwendung macht und zu seinem Platz unter dem Eselkarren zurückkehrt! Warum er das tat? Ich weiß es nicht, aber ich bin sooo dankbar dafür…
 

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Nun lassen wir ihm Zeit sich zu beruhigen; eine volle Stunde später greifen geschickte Hände blitzschnell zu und ein scharfes Messer wird unter die Stricke geschoben – der Arme ist wieder frei, nicht aber ohne sich vorher noch selbst auf die Zunge zu beißen und so auch noch zu bluten…
Dennoch, einige seiner Plagegeister werden ihn zumindest für einige Zeit in Ruhe lassen – und uns werden die unseren umso mehr plagen, endlich ein wirklich greifendes Projekt für die Hunde Mauretaniens auf die Beine zu stellen! Was uns hierfür erstmals sehr positiv stimmt, ist eine umwälzende Erkenntnis: Einige Männer an der Wasserstelle haben sich echt um den Armen gesorgt, und letztendlich konnten wir ihn nur durch die Mithilfe eines Eselhalters behandeln und die Stricke wieder lösen; es scheint als wäre das ‚Tabu Hund‘ in Auflösung begriffen, und mittlerweile gibt es doch viele Menschen in Nouakchott, welche sich vom ganzen Herzen um ihre Hunde kümmern! Jedenfalls: die direkte Hilfe des Eselhalters hat uns dermaßen überzeugt, dass wir ihm als Geschenk ein wunderschönes Radio sowie eine Sonnenbrille überreichten – als Zeichen dafür, dass Tierliebe immer ein lohnendes Unterfangen darstellt!
Wir werden ihn beim nächsten Besuch hoffentlich erneut sehen, gesünder als am heutigen Tage – inshallah, so Gott will!

Das Krokodil von Nouakchott, der letzte Überlebende aus dem unfassbaren Zoo von einst – wir haben vor Jahren darüber berichtet, wo die Einrichtung schon am Niedergang war, wo aber noch immer mehrere Vögel, Paviane, Äffchen, ein einsames Warzenschwein, ein sterbender Löwe, eine Hyäne unter schrecklichsten Bedingungen vegetierten; allesamt sind sie verstorben, bis auf das alte Krokodil, welches seit gut 40 Jahren ein Leben lebt, wo jedes Aufwachen eines in der immer wiederkehrenden Hölle ist, der Tod der bloßen Erlösung gleichkommt.
Anscheinend, so wird erzählt, hat das arme Tier fünf volle Jahre alle Lebensgeister heruntergeschraubt, lebendig begraben harrte es die ganze Zeit völlig ohne Nahrung und mit zu einer Pfütze verkommenen Lacke als Wasserbecken aus. Bis wir kamen und uns seiner annahmen – wir ließen Wasser liefern, das alte Becken neu ausmauern, den Zaun reparieren, und Futter bringen.
Dennoch, immer wieder passiert es, dass vor allem Kinder die lange Absperrung irgendwo durchbrechen, und in einem Anfall von Unmenschlichkeit das Reptil mit allem bewerfen was sie finden können. Unfassbar – alle Steine auf dem Foto wurden auf das Reptil geworfen; immer wieder entfernt der Wärter die Wurfgeschosse aus dem Gehege, nur um Wochen später erneut vor derselben Aufgabe zu stehen.
So ist das Kroko viel zu oft verletzt, beim letzten Besuch konnte es auf Grund einer Kopfwunde nur seitlich schwimmen, ein Auge zerstört; nun hat es eine neue Wunde, dieses Mal am Hals. Wieder flicken wir die Mauern, wie lange es hält wissen wir nicht. Aber heute besorgen wir auch Fleischabfälle, welche wir fein sorgfältig mit Schmerzmittel und Antibiotika füllen. Hochdosierte Vitamine runden die Mahlzeit ab. Auch einen neuen Schlauch besorgen wir, der alte löchrig wie die Grenze zu den Nachbarstaaten, und befüllen das Becken bis obenhin. Immer wieder quält uns die Frage ob es denn nicht besser wäre den Armen einfach einschlafen zu lassen, unmöglich, ihn von diesem Ort wegzubringen, aber ob die Ehrfurcht vor dem Leben, und sei es selbst ein solches wie das Krokodil hier führen muss, nicht doch der wesentlichste Teil unserer Arbeit sein muss?
Wir werden ihn jedenfalls niemals im Stich lassen, so viel ist sicher und dafür bürgen wir mit unsrem Namen. Wir werden mit Ihrer Hilfe auch künftig dafür Sorge tragen, dass wenigstens die Grundbedürfnisse des armen Tieres gestillt und für größtmögliche Sicherheit gesorgt ist. Einen hohen Zaun um das Gehege zu errichten, mit einer Eingangstür, die versperrbar ist – das wird der nächste Schritt im Projekt ‚Hilfe für das Krokodil von Nouakchott‘ sein. Bitte helfen Sie  uns helfen (Fotos rechts: c/o Sylvia Reiter)!
 

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Wir verbrachten wieder viel Zeit am Eselmarkt; über diesen Ort gibt es nichts mehr zu sagen, wir haben schon alles darüber erzählt. Nur so viel: unsere Arbeit dort ist eine so immens wichtige und sie hat wieder Früchte getragen, die Esel in den Händlerumzäunungen sehen um vieles besser aus als nach der Pause von damals (Sie erinnern sich vielleicht, wir hatten uns kurzfristig vom Markt zurückgezogen, nachdem es in einer Atmosphäre des Kummers zu Streitigkeiten der Eselhändlern untereinander gekommen ist und unser Dr. Dieng daraufhin seinen Einsatz abbrach. Beim letzten Besuch hatten wir dann einen weiteren Arzt gesucht, und in der Person des Dr. Gueye gefunden. Seither ist RespekTiere wieder einmal die Woche, an jedem Samstag, am Eselmarkt vertreten, Dr. Gueye behandelt dann über einen Arbeitstag hinweg die Verletzungen der Tiere.
 
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Wir wussten es immer, wir müssen wieder zurückkehren, ganz egal wie schmerzhaft die Umgebung ist. Genau hier brauchen uns die Tiere, und wir werden uns niemals vor dieser Verantwortung drücken. Auch beim Einsatz letzte Woche flammte ein Konflikt erneut auf; wieder gingen Männer aufeinander los, zu allem entschlossene Hände umklammerten Holzprügel, und nur das Herbei-Eilen beschwichtigender Personen konnte letztendlich einen offenen Ausbruch von Gewalt verhindern; worum es ging? Sylvia behandelte in einer der Buchten Eselhufe, der Besitzer wollte ihr so viel Platz als möglich verschaffen und verwies die vielen neugierigen Zuseher hinter die Begrenzung – allerdings, ein Mann wollte dem nicht Folge leisten, nur ganz knapp konnte eine Eskalation verhindert werden, die schwelender Spannung beruhigte sich überhaupt erst nach mehr als einer Stunde.  
 
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Wie wichtig der Einsatz der mobilen Klinik am Eselmarkt aber ist, lässt sich am besten anhand der Bilder erklären; immer wieder gibt es Esel, die an der Schwelle zwischen Leben und Tod wandern, ausgemustert, ausgetauscht, von der Arbeit gebrochen. Manche leiden unter schrecklichen Wunden, und ohne Behandlung würden sie wohl an diesen sterben.
Die Umgebung des Marktes gleicht noch immer einem Schlachtfeld; die Gefallen eines Krieges, in dem sie niemals eine Chance hatten, niemals bestehen konnten, liegen dort wo die Gräuel des Alltages ihre Hoffnung zerstörten. Überall, soweit das Auge reicht, sieht man die kleinen Anhäufungen, auf die Entfernung wirklich sie wie sanfte Hügel im mit Abfall übersäten Wüstensand. Zwischen Autoreifen und Plastiksäcken hatten sie ihr Leben ausgehaucht, immer qualvoll, ohne jede Möglichkeit zu einer Rettung; in Kummer erstarrte Leichen, grotesk entstellt, von Würmern überhäuft, von den Elementen zerfressen, von einer gnadenlosen Sonne gegerbt; an vielen Stellen zeugen nur noch ein paar von den Hunden abgenagte Knochen von ihrer ehemaligen Existenz, an anderen wurden ihre Körper mit Benzin übergossen und angezündet.
 
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Manchmal, wenn der Himmel schweigt, der Feuerball von Wolken verdeckt, dann pfeift der Wind sein eigenes Lied an der Stätte des Todes; nimmt man sich die Zeit und versucht zuzuhören, kann man seine Worte tatsächlich verstehen, wie er von Kummer und Leid erzählt, von all den Tragödien, die er im Laufe der Jahre bezeugen konnte; das Klagen des Windes formt sich dann zu einer Anklage, eine Anklage an die Mörder unserer Zeit, an die menschliche Unmenschlichkeit, an das so abgrundtief hässliche Gesicht der Tierquälerei.
Man verharrt einen Augenblick, völlig in sich gekehrt, gefangen von der traurigen Melodie, welche sich einen Weg in das Herz bahnt – und noch tiefer gräbt, sich unentfernbar einnistet in die Schatten unserer Seelen und dort für immer eine Heimat findet.

Ein Faktum sollte zum Abschluss nicht ungeschrieben bleiben, sollte uns zu überlegen geben – was hat unsere ‚Nutz‘tierhaltung mit den Eseln Mauretaniens zu tun? Die Antwort ist für viele eine schmerzvolle, eine, der man am liebsten ausweichen möchte; doch sie holt uns ein, immer wieder. Ja, der Tod eines Huhnes, eines Schweines, einer Kuh, in unseren Schlachthöfen ist mit derselben Tragik verbunden, wie das Ableben eines Arbeitsesels unter der gleisenden Sonne Afrikas; denn eines ist allen Wesen gemein: wir möchten leben, nichts als Leben, und halten uns bis zum letzten Atemzug am irdischen Dasein fest….
Mahatma Gandhi antwortete einst auf die Frage eines Journalisten, wie denn die ausufernde Gewalt in der Welt zu besiegen wäre, was jede/r von uns dazu beitragen könnte; er antwortete kurz und bündig: ‚Sie wollen das Ausmaß an Gewalt in der Welt verringern? Und was essen Sie?’…

Achtung, Achtung: heute Abend, Punkt 18 Uhr, geht das Radio RespekTiere wieder on-air! Thema der heutigen Sendung ist natürlich der Mauretanien-Einsatz, zu empfangen über die Radiofabrik auf 97,5 oder 107,7, oder nachzuhören im Netz unter cba.fro.at! Eine Wiederholung der Sendung auf der Welle der Radiofabrik gibt es am kommenden Samstag, um 9 Uhr vormittags!

 

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