Esel in Mauretanien – das Interview mit unserem Chefarzt! Achtung: riesige Fotoausstellung!

Heute möchten wir Ihnen ein Interview mit Dr. Oumar Dieng präsentieren, seines Zeichen Hauptarzt unserers Projektes ‚Esel in Mauretanien‘! Geführt wurde das Gespräch vor Ort von unserer Mitarbeiterin, der wunderbare Frau Mag. Barbara Bitschnau.


An fünf Tagen der Woche arbeitet  Dr. Dieng als leitender Tiermediziner mit Leib und Seele bei unserem mauretanischen Eselsprojekt. Wir trafen uns im Herzen Nouakchotts, der Hauptstadt des Wüstenstaates – in der Nähe des wilden und bunten Trubels des Hauptmarktes – um über seinen Beruf, seinen Alltag und über die Zukunft des Projektes zu sprechen.
Wir schnappten uns das erstbeste Taxi, das uns in der allmählich nachlassenden Oktoberhitze schnellstmöglich ins Zentrum bringen sollte. Ziel der Fahrt: ein ruhiges und schattiges Café. Nach wenigen Minuten war klar: ein Ding der Unmöglichkeit! Wie es schien, wurde ein Fußballspiel in jeder kleinsten Ecke dieses Stadtteils lautstark übertragen, doch immerhin fanden wir ein schattiges „Platzerl“, an dem wir unseren Café begleitend zum Interview genießen konnten.

Gleich zu Beginn stellte sich schon mal die Frage: Wenn man in Mauretanien aufwächst, wie kommt man dazu Veterinärmedizin zu studieren bzw. wo studiert man überhaupt – denn die einheimische Universität in Nouakchott bietet diese Möglichkeit nicht. Dr. Dieng erklärte mir, er hatte in Tunis studiert, doch, so meinte er, „das Lustige an der ganzen Sache war, dass die ganze Sache eigentlich nicht meine Idee war. Ich wollte mich eigentlich für Humanmedizin einschreiben. Allerdings: wer mit welchem Notendurchschnitt an welcher Uni bzw. welches Fach studieren durfte, das lag in den Händen des mauretanischen Ministeriums. Und so kam’s dazu, dass ich mich in Tunis ganz der Veterinärmedizin verschrieben habe, denn für Humanmedizin reichten meine Noten nicht. Unter uns gesagt: Mir passt das ganz gut… so wie es gelaufen ist.“

Fotos erste Reihe: Dr. Dieng bei der Arbeit; Dr. Dieng und Dr. Facharani; Fotos Reihe zwei: Dr. Dieng an der Wasserstelle, Dr. Dieng am Markt

Jetzt lag aber auch auf der Zunge, wie man als junger mauretanischer Mediziner zu einem österreichischen Projekt dazustößt? Auch das bedarf einer Erklärung, denn: so viele Österreicher gibt es hier gar nicht, die davon wissen! Wie sich herausstellte, war es auch ganz wer anders, der ihn zu uns brachte: „Michelle, eine Mitarbeiterin der US-Botschaft, war in eben dieses Eselsprojekt involviert. Sie kam eines Tages auf mich zu und meinte, ich solle mir das Konzept mal ansehen bzw. dem hauptverantwortlichen Veterinärmediziner über die Schulter schauen und dann halt mal mit anpacken. Tja und wie es scheint bin ich heute noch bei dem Projekt; habe zwar mittlerweile auch meine eigene Praxis, aber ich bin RespekTiere nach wie vor treu geblieben.“

Seit sieben Jahren gibt es das Projekt „Esel in Mauretanien“, seit sieben Jahren durchleben die Verantwortlichen in Österreich alle Höhen und Tiefen, die ein solches Unternehmen mit sich bringt. Aber wie sieht der leitende Tierarzt die Initiative, wie beurteilt er dessen Fortschritt? Immerhin ist es ja er, der fast täglich live dabei ist, der mir am meisten erzählen kann.

Fotos erste Reihe: Dr. Dieng im Einsatz; mit der Biologin Sylvia Reiter aus Bad Reichenhall; Fotos Reihe zwei: die Arbeit wird nie wenigier; Dr. Dieng inmitten der Eselhalter, welche ihm natürlich sehr dankbar sind

„So wie so viele andere Projekte auch, basiert dieses auf dem Prinzip « wir » und « ihr ». Wenn diese beiden Parteien, d.h. die Mediziner und die Arbeitgeber, gleichermaßen aufeinander bauen können, wird das Projekt nicht nur weiterhin so erfolgreich sein, sondern sich in Zukunft weiter ausbauen. „Wir“ leisten Qualitätsarbeit, „ihr“ garantiert uns einen sicheren Arbeitsplatz mit angemessenem Gehalt – so steht einem zukunftsträchtigem Weg nichts im Wege.

Das Projekt läuft bereits gut, unser Team hat an den Wasserstellen sehr viel Arbeit zu verrichten. Auf die sieben Jahre, die es uns gibt, dürfen wir stolz sein; doch ein Unternehmen sollte man stets als „am Anfang stehend“ betrachten – so wird einem immer vor Augen gehalten wieviel Ausbaupotential noch vorhanden ist bzw., in unserem Fall, wieviel es in Richtung Tierschutz hier in Mauretanien noch zu tun gibt.“

Fotos erste Reihe: Dr. Dieng, Dr. Facharani, Tom; Dr. Dieng beim Beschriften einer ‚unserer‘ Wasserstellen; Fotos Reihe zwei: ein schwer verletzter Esel, Dr. Dieng lernt von der Hufschmiedin Irmi die richtigen Handgriffe

Apropos Tierschutz…da wollte ich mal nachhaken…doch als ob Dr. Dieng meine Gedanken lesen konnte erklärt er: ‚Es gibt keine Demokratie hier. Folglich keine Menschenrechte. Wenn wir nicht mal diese haben, gibt es auch keine Tierrechte. Das heisst, man muss hier klein anfangen – wie zum Beispiel mit unserer mobilen Klinik, die ohne Zweifel ein großer Erfolg ist. Dadurch, dass unser Team tagtäglich präsent ist, kennen wir die meisten Eselbesitzer und können durch gutes Zureden eine Sensibilisierung, ein Nachdenken und manches Mal sogar ein komplettes Umdenken bewirken.

Fotos erste Reihe: Dr. Dieng operiert einen Splitter aus einem Auge; Antibiotika ist im Dauereinsatz; Fotos zweite Reihe: die Bedingungen im Feldeinsatz sind manches Mal geradezu spektakulär; Dr. Dieng mit Eselhaltern und unserem neuen Wasserstellenschild

 

Seit November haben wir neue Wasserstellen im Einsatz, bei welchen ich beispielsweise viele altbekannte Leute wiedergetroffen habe – dies stellt einen tollen Ansatz dar, wenn man Großes bewirken will, denn ich habe bereits im Vorfeld das Vertrauen dieser Leute.

Generell gilt zu sagen, dass die Leute das Projekt annehmen – woher wir das wissen? Weil sie beginnen, sich um ihr Tier zu kümmern! Die Unfallzahlen beispielsweise (Esel, die von Autos angefahren werden), aber auch die Anzahl der Wunden, welche von den Schlagstöcken stammen, gehen zurück!“

Während ich in Windeseile sämtliche Notizen in mein Heftchen schmierte und bereits beim Kritzeln ahnte, dass diese Hieroglyphen anschließend kaum bis gar nicht mehr zu entziffern sein würden (ein Segen auf die Technik, die mir das gesamte Interview aufzeichnete!), sprach Dr. Dieng unbeirrt weiter und mit ihm der vom Fußball hingerissene TV-Kommentator.

Der Herr Doktor und ich gaben uns alle Mühe, diesen immer lauter werdenden Störenfried verbal zu übertönen und schön beim Thema zu bleiben. Der nächste Kernpunkt, den ich von ihm erläutert haben wollte: Zukunftsaussichten des Projektes. „Natürlich ist es immer das oberste Ziel zu verbessern, immer mehr zu erreichen“, erklärte Dr. Dieng nach einem kräftigen Schluck Café. „Um das Projekt weitläufiger zu machen, könnte man in Betracht ziehen außerhalb Nouakchotts zu arbeiten, d.h. andere Regionen, andere Städte anzustreben.  Man könnte jedoch auch in Zukunft, wenn die finanziellen Mittel vorhanden sind, neben den Eseln auch herumstreunende Hunde behandeln.

Fotos erste Reihe: Dr. Dieng im Interview mit einem französischen Radiosender; selbst schwerere Operatioen führt der Arzt vor Ort durch; Fotos zweite Reihe: Babyesel bei der Behandlung, erwachsene sowieso!

Des Weiteren wäre eine kleine Klinik mit fixem Standpunkt, die gerade das Nötigste für Untersuchungen, Operationen und Stallungen bietet, interessant. Die Tiere könnten nicht nur unter hygienischeren Umständen behandelt werden, sondern wir könnten ihnen auch die Möglichkeit bieten in einem ruhigen Klima unter Beobachtung zu genesen.“

Zum Thema Zukunftsmusik fiel mir noch ein, dass wir mit einem der Verantwortlichen des Projektes über diverse Schulprojekte gesprochen haben, also warf ich dies als Zwischenfrage ein, um die Meinung des Arztes zu hören. Und siehe da, der Herr Doktor ist begeistert! „Eine derartige Kampagne wäre vor allem in den Außenbezirken gut – im Stadtzentrum, bei den reicheren Familien, wissen die meisten Kinder schon viel mehr über Tierschutz; nicht zuletzt, weil sie sich regelmäßig in Europa aufhalten. Die junge Generation sind ein wichtiges Zielpublikum – wenn man ihnen den richtigen und vor allem einen respektvollen Umgang mit Tieren von der Wiege an anerziehen würde, stünden wir heute nicht vor so viel menschenerzeugtem Tierleid: Jene Esel, die wir zu Gesicht bekommen, leiden häufig an Übermüdung, da sie zu schwer und zu lange arbeiten müssen, an Abszessen, kleineren und größeren offenen, infizierten Wunden; natürlich sind auch oft gröbere Fälle dabei. Viele der zu behandelnden Tiere leiden an den Folgen von Autounfällen. Wenn derartige gravierende Verletzungen nicht sofort behandelt werden, ist es entweder zu spät oder die Tiere leiden unter falsch zusammengewachsenen Knochen, gebrochenen Beinen, Hüften, etc. Natürlich probieren wir alles Denkbare, bleiben in Kontakt mit dem Besitzer, schauen und erkundigen uns nach dem Tier, doch in vielen Fällen kommt die Hilfe leider zu spät. Dies kann verhindert werden, indem man die Leute informiert wie sie mit ihren Eseln umzugehen haben.

Foto: Dr. Dieng Fernsehstar – hier bei Aufnahmen für eine Doku des Senders France24!

Man kann jedoch Gott sei Dank behaupten, dass der Großteil aller Fälle behandelbar ist.“

Es war der Punkt gekommen, an dem ich eine Frage in den Raum werfe, die mir selbst immer wieder in Europa gestellt wird. In einem Land, das zu den ärmsten Ländern der Welt zählt und viele Bewohner um ihr eigenes Überleben kämpfen, wie nehmen diese ein Projekt an, welches sich in erster Linie dem Tierschutz widmet?

Mich interessierte, ob Dr. Diengs Antwort mit meiner konform geht…. und sie tut es: „Dadurch, dass das Projekt auch dem Menschen selbst hilft – immerhin tragen  wir ja mit der Rettung der Tiere zu seinem monatlichen Fixeinkommen bei – ist die Bevölkerung sehr positiv darauf zu sprechen. Aber nicht nur von Eselbesitzern bekommen wir Lob; auch uns unbekannte, zufällig vorbeispazierende Menschen halten an, um uns bei der Arbeit zuzusehen, uns zu motivieren und uns das Beste zu wünschen.“

In meinem Kopf beginnt Logik zu arbeiten – warum werden die Esel so schlecht behandelt, wenn sie doch die einzige Einnahmequelle für die Eselhalter sind? Dr. Dieng ist überzeugt, dies hinge einzig und allein mit der Erziehung zusammen. Die meisten Eselhalter sind Analphabeten, hatten kaum bis gar keine Schulbildung genossen. Sie sind sich der Folgewirkungen nicht bewusst, sie rechnen schlichtweg nicht, was es heißt einen Esel zu verlieren, der sie 40000 MRO gekostet hat. „Das ist dann halt nun mal so!“

Fotos: Dr. Dieng behandelt Augenverletzung; Dr. Dieng und Tom

Abgesehen von dem großen Leid bei Eseln, hatte Dr. Dieng bereits die Straßenhunde angesprochen. Von Interesse war natürlich nun, was er zu diesem Thema noch zu sagen hatte: „Es gibt viel zu viele herumstreunende Hunde hier in Nouakchott. Die Tiere werden vor allem von Kindern provoziert, solange, bis es zu Unfällen kommt.

Die mauretanische Regierung finanziert eine einmal jährlich stattfindende Kampagne, die unterschiedlich lange andauert, welche es sich zum Ziel gesetzt hat, so viele Streuner wie möglich zu töten, um die Anzahl einzudämmen. Warum so brutal? Weil es die sicherste, billigste und einfachste Methode ist.

Wir könnten hier zum Beispiel einschreiten, sollten finanziellen Mittel vorhanden sein, und uns um die Sterilisation der Hündinnen kümmern. Somit würde deren Anzahl langfristig ebenfalls verringert werden. Aber auf humane Art und Weise.“

Wenn man einem mauretanischen Veterinärmediziner so zuhört, fragt man sich: Warum haben gerade Esel und Hunde einen derart schlechten Stellenwert in dieser Gesellschaft? Für Europäer, die einen nicht vergleichbaren Bezug zu Tieren haben, liegt diese Frage auf der Hand.

„Im Gegensatz zu den Hunden, sind die Esel nicht unbedingt schlecht angesehen. Schlecht behandeln heißt nicht automatisch schlecht ansehen. Wie bereits erwähnt, der Umgang mit ihnen ist in Zusammenhang mit der Bildung der Menschen zu sehen. Die Mehrheit der Mauretanier sehen Hunde hingegen als unrein an; diese Ansicht ist religiös bedingt. Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass dieses Tier immer noch ein von Gott erschaffenes Wesen ist!

Ich würde mir generell eine Änderung bezüglich der Beziehung zwischen Mensch und Tier in Mauretanien wünschen. Die Beziehung soll auf dem Prinzip „Geben und Nehmen“ basieren. Wir Menschen pflegen das Tier, kümmern uns darum, sorgen für gute Lebensbedingungen. Im Gegenzug arbeitet es (gut) für uns: ob als Lasttier, als Milchtier, als Wächter.

Der Abschluss unseres Interviews wird vom letzten Schluck des mittlerweile lauwarmen Kaffees und einer  verblassenden TV-Stimme begleitet (perfektes Timing!). Die letzte Frage bezieht sich auf jene Tierliebhaber, die dieses Projekt finanziell unterstützen. Was hat Dr. Dieng Ihnen zu sagen?

„Ich möchte Sie im Namen des gesamten Teams aufmuntern weiterzumachen – das Projekt hat bereits und wird noch mehr Großes bewirken. Die Leute und natürlich die Tiere sind uns und Ihnen für die unschätzbare Hilfe mehr als dankbar – so soll es auch bleiben!“

Achtung, Achtung – wichtiger Hinweis! Passend zur Thematik durften wir im Einkaufszentrum ‚Globus‘ im bayerischen Freilassing (Grenzstadt zu Salzburg) eine grosse Fotoausstellung errichten, mit vielen, vielen Bildern und jeder Menge an Infos über das Projekt ‚Esel in Mauretanien‘ sowie über unsere Initiative respekTIERE IN NOT! Die Ausstellung finden Sie im riesigen Foyer beim Zugang der Getränkeabteilung – geöffnet 14 Tage lang täglich, auch am Sonntag, von 8 Uhr bis 20 Uhr, bis einschliesslich 1. Dezember!


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