Bulgarien-Einsatz, Teil 2!

Wir fahren in eine kleinere Stadt, tief im Herzen Bulgariens. Von dort aus hat uns ein Hilferuf einer jungen Studentin erreicht; die Tapfere erzählt, auf der hiesigen Veterinär-Universität passieren unsagbare Verbrechen an Tieren und für Niemanden scheint der Tatbestand von Interesse. Ja, selbst Nachweise sind erbracht worden und in die Öffentlichkeit gelangt, die dann aber allesamt von der Uni-Leitung abgeschmettert wurden, und manches Mal, wie im Falle der völlig illegalen Inhaftierung und anschließenden Experimentation von und an Straßenhunden – für deren Einfangen angeblich Angehörige sozial benachteiligter ethischer Minderheiten bezahlt worden waren – soll die Affäre mit kleinen Summen an Strafzahlungen beglichen worden sein – ohne jegliche weiteren Konsequenzen für die Verantwortlichen. Versuchs-OP’s, wie zum Beispiel das Abtrennen von Gliedmaßen,  gäbe es neben Hunden natürlich an allen Nagetieren, an Fröschen, aber auch an Kühen, Pferden, Schweinen und anderen Großtieren.

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Foto: Bulgarien, die idyllische Seite; wir werden in den nächsten Tagen auch eine andere, weniger anmutende, kennen lernen…

Das Tierhaltegebäude an der Uni ist ein etwas unscheinbarer großer Block, allerdings gut gesichert; wir überlegen eine stichhaltige Ausrede um in das Zentrum des Wahnsinns zu gelangen, aber vorher beschließen wir noch einen Bauernhof zu besuchen, der ebenfalls zur Uni gehört und wo die StudentInnen hingebracht werden um an den dortigen Tieren ihre mehr oder weniger vorhandenen Fertigkeiten zu erproben. Wie genau die Verbindungen zwischen Uni und dem Gelände sind, das gilt es noch zu prüfen, jedenfalls beinhaltet die riesige Anlage mehrere große Kuhställe, eine Schweinefarm, Ziegen- und Schafhaltung und sogar Kaninchen in den bekannt winzigen Käfigen!

Dutzende Arbeiter bewegen sich am Gelände, beäugen die Fremden auch sehr argwöhnisch, sprechen uns aber dennoch nicht an. Wir tun so als ob es das normalste der Welt wäre sich hier aufzuhalten, allerdings, die Kamera verstecken wir so gut es geht.

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Die Kühe sind in – zumindest für westliche Verhältnisse – besorgniserregendem Zustand; ‚unsere‘ Studentin meint, die würden ansonsten noch viel schlimmer aussehen, dann, wenn sie monatelang im Stall an gnadenlos kurzen Ketten zum bloßen Aufstehen und Niederlegen verdammt herniederliegen, ohne jegliche Möglichkeit artgerechte Verhaltensweisen auszuleben.. Heute dürfen sie ein Freigehege nutzen, weil die Ställe selbst gereinigt werden. Allerdings hinterlassen manche der Tiere trotzdem einen wirklich erbärmlichen Eindruck, ausgemergelte Körper, ganz so, wie man es sonst von jenen entsetzlichen Bildern aus Afrika kennt; abgemagert bis auf die Knochen, mit abgebrochenen Hörnern und leeren Augen, vor Hunger schreiend. Jede unserer Bewegungen folgend, immer in der Hoffnung, wir würden Essbares bringen – eine Hoffnung, die wir leider bitter enttäuschen müssen…  Irgendwo am Gelände gibt es, mehr ungewollt wahrscheinlich, Wasser für sie, ständig sprudelnd aus undichten Hähnen. So bilden sich kleine Seen, die einst lebensrettende Flüssigkeit nun grünlich-braun, von wuchernden Algen bewohnt; die Umgebung solcher Pfützen versinkt im Schlamm, bildet so einen riesigen Gefahrenherd für leicht brechende Rinderbeine. An einer anderen Ecke sehen wir Kälber in lächerlich kleinen Iglus, offensichtlich gerade geboren, nach der Mutter weinend. Eine Stallanlage ist offen, frisch gesäubert, doch die nähere Betrachtung verrät den Wahrheitsgehalt in den Aussagen der Studentin; die Liegefläche extrem klein, die Kühe müssen unweigerlich mit dem halben Rücken und den Hinterbeinen im Kotschacht liegen. Die Säuberung selbst hat nur an der Oberfläche funktioniert, dort wo der Beton gebrochen ist staut sich nach wie vor eine Flüssigkeit aus Urin, Abwasser, Milch und anderen Körperausscheidungen – ein Keimherd sondergleichen. Mitten im Stall findet sich zudem ein einzelnes Kalb, warum es hier ist wissen wir nicht. Jedenfalls lebt es in einem körpergroßen Käfig, und ich übertreibe nicht – tatsächlich, wenn es unseren Schritten folgt, sich dabei umdrehen möchte, benötigt es für die Prozedur eine gestoppte halbe Minute, einfach weil die Kleine nicht der ganze Körper in einem Zug wenden kann sondern diesen Vorgang nur in Teilen schafft – zuerst den Kopf, dann die Vorderbeine, dann den Rücken und schließlich irgendwie auch die Hinterbeine…

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Die Tür zu den Kaninchen-Käfigen ist fest verschlossen; allerdings besteht sie nur aus einem Gitterschutz, wo man dann, zwar mit großer Mühe aber doch, die Hand durchstrecken und auf diese Art mit ein wenig Geschick wenigstens ein paar Bilder der armen Tiere machen kann um der übrigen Welt zu zeigen wie furchtbar solche Haltungsweisen sind. In elender Hitze vegetieren sie darin, aufeinandergestapelt wie leblose Ware, einem furchtbaren Leiden ausgesetzt – herzzerreißend.

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Wir gehen zu der Schweinefarm, wo man sich an einem Wachposten vorbeischmuggeln muss, der aber glücklicherweise in Lethargie gefangen scheint. Die Anlage gleicht einer Festung in der Festung, von einem gut 2 Meter hohen Eisenwall vollständig umgeben. Überall darin finden sich Straßenhunde, eine Mutter mit ihren beiden Welpen kommt auf uns zu. Sie ist an einem Auge blind, der Fuß dick geschwollen, unter Eiter, die Brust entzündet, dunkelrot. Dazu plagen sie Flöhe und Zecken und wohl allerlei andere Plagegeister. Wir reichen ihr unsere Nahrungsvorräte, sie verschlingt das Angebotene regelrecht. Dann liegt sie, trotz der offensichtlichen Schmerzen zufrieden, im Gras, nur die Parasiten lassen sie immer wieder hochschrecken. Andere Hunde sind nicht so mitteilsam, sie fürchten sich vor uns – aus gutem Grunde wohl misstrauen sie Menschen. Ein einst wunderschöner, nun jedoch völlig verwahrloste Hütehund ist an einer kurzen Kette gefesselt, er lebt so schon seit Jahren, weiß die Studentin. Als er uns sieht beginnt er herzzerreißend zu schreien, verlangt nach Streicheleinheiten, die wir gerne geben. Er sollte mit uns kommen, beschließen wir im selben Moment!

Zurück zu den Schweinen – die Stallanlagen sind völlig leer, allein das ‚Warum‘ bleibt ein Geheimnis, für den Moment zumindest. Allerdings geben die zerbrochenen Fenster einen furchtbares Bild auf das Inneren frei, mit den kleinsten eisernen Jungfrauen – jenen unfassbaren weltweit verbreiteten Folterinstrumenten der Schweineindustrie – die der Geist sich vorstellen kann.

Draußen finden wir einen Abfallhaufen; der Geruch verrät, hier verwest ehemaliges Leben; und tatsächlich, ohne auch nur im geringsten Maße versteckt zu sein liegen dort stapelweise die Körper von Ferkeln, solcher, die die Prozedur der Mast in den nahen Konzentrationslagern nicht überlebt haben. Daneben finden sich Körperteile, vor allem Füße, von verendeten Tieren.

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Fotos: tote Ferkel zu hauf; rechts: die kleine Hündin, die entzündete Brust ist deutlich erkennbar – das Gesicht der mutigen Studentin haben wir zu ihrem Schutz unkenntlich gemacht!

Nun entdecken wir auch den Grund warum die Stallungen leer sind – im weitläufigen Gelände, nochmals von zusätzlichen eisernen Mauern umgeben, wurde von der Außenwelt völlig versteckt – die Wälle sind abermals gut zwei Meter hoch, dazu aber mit grünen Schlingpflanzen teilweise fast völlig überwuchert, unscheinbar gemacht – eine komplett neue Anlage errichtet, mit drei riesigen Hallen! Allerdings so gut gesichert, dass wir so wie wir ausgerüstet sind keinen Zugang finden würden; noch dazu, wo überall Menschen herumlaufen!

Der arme Kettenhund gehört einer Familie die auf dem Gelände wohnt, nur einen Steinwurf vom Geknechteten entfernt; von dort werden wir schon argwöhnisch beobachtet, was nicht gut ist, hatten wir doch in Betracht gezogen den Armen einfach loszubinden und mit uns mitzunehmen! Letztendlich entschiedet die Demokratie in der Gruppe, und die spricht sich für eine konfliktfreie Lösung aus, auch auf die aus bitterer Erfahrung resultierende Warnung hin, dass, geht das Ansuchen schief, man dann den Hund gar nicht mehr frei bekommen wird können.. Nichts desto trotz, wir werden versuchen ihn zu kaufen; Rumi geht zum Haus rüber, doch, man stelle sich vor, die Halter meinen tatsächlich, sie würden den völlig verschmutzten Hund derart lieben, dass sie ihn unter keinen Umständen hergeben möchten. Warum er an der Kette sei? Weil er sowieso nicht laufen mag, so fühle er sich viel besser….Es ist zum Aus-der-Haut-fahren, welchen Schwachsinn manche Menschen von sich geben und wahrscheinlich oft auch noch selber glauben! Schweren Herzens packen wir uns nun zusammen; wir bringen die so mutige (angehende) Tierärztin noch nach Hause, und dann geht es zurück zum Highway, wo wir wohl auf Grund der so belastenden Eindrücke eine ziemlich schweigsame Rückreise nach Sofia antreten. Leider haben wir es zur Uni selbst nicht mehr geschafft, die ist nun längst geschlossen – aber: aufgeschoben ist nicht aufgehoben, zu brisant ist das Thema, zu schwerwiegend die Vorwürfe, und so harrt das tägliche Verbrechen seiner Veröffentlichung auf breiter Basis…

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Fotos: Willkommen in der Steinzeit des Tierschutzes – Kettenhunde finden sich überall…

Erst gegen 10 Uhr abends erreichen wir unsere Schlafstätten; da es gilt Erlebtes schnell in Worte zu fassen, wird es erneut weit nach Mitternacht bis wir endlich doch noch Ruhe finden.

Der neue Tag beginnt heute etwas später, erst gegen 7 müssen wir die gemütlichen Decken des Nachtlagers zurückschlagen und Vorbereitungen für die wartenden Aufgaben treffen. Heute gilt es zwei ganz wichtige Dinge zu lösen; zum einen werden wir einen orthodoxen Orden besuchen, wo vielen bedürftigen Menschen tagtäglich aus der Misere geholfen wird; hierfür erhielten wir von Herrn Beiskammer aus dem oberösterreichischen Egglsberg großzügige Unterstützung, und genau den für diesen Zweck zur Verfügung gestellten Betrag galt es, in dessen Sinne einzusetzen; wir informieren uns daher ausführlich über die Bedürfnisse des Hortes und erfahren, dass dort 85 Menschen, vor allem Mütter mit ihren Kindern, aber auch rund 10 ältere Personen, welche ihre Wohnung verloren, kaum über Einkommen verfügen und unweigerlich Obdachlos geworden wären, eine dauerhafte sichere Bleibe in der Not finden konnten; zudem versorgt der Orden dann nach gut 200 Menschen ‚extern‘ mit täglichem Essen, ein Faktum welches erahnen lässt welcher unfassbar wichtigen Aufgabe man hier nachkommt! Im Augenblick wären dauerhaltbare Lebensmittel ganz wichtig, hören wir, und kaum eine Stunde danach finden wir uns beim Power-Shopping in einem riesigen Supermarkt einer deutschen Einkaufskette wieder. Es nötigt uns wirklich fast 2 Stunden ab um die richtigen Sachen zu finden, aber dann stehen wir mit drei prallst gefüllten Einkaufswagen an der Kassa – ein Anblick, welcher für die auserwählte Kassiererin wohl der personifizierte Albtraum sein muss!

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Tatsächlich, endlos legen wir Lebensmittel – Nudeln, Reis, Kaffee, Tomatenmark, Speiseöl, Kartoffel, Kraut, Müsli, Haferflocken, Zucker, Salz, Marmeladen, dazu Sirupe und allerlei Konserven, für die Kinder natürlich Schokolade und Waffeln in Großpackungen, Spielsachen, Bälle, Seifenblasen, Kaugummi und Chips, usw. – im Werte von hunderten Euro auf, und die Betreuerin atmet sichtlich durch als wir uns dann die Einkaufswagen vor uns herschiebend langsam in Richtung Ausgang begeben 🙂

DSC 0423  Am Parkplatz angekommen werden wir sofort von Roma-Kindern umringt, welche uns, natürlich mit völlig verständlichen Hintergedanken, nur allzu gerne helfen all die guten Sachen in den Wagen zu befördern.
Der Weg zum Mutter-Kind-Haus ist dann kein weiter und bevor wir uns recht entsinnen, sind wir unter kräftiger Mithilfe der beschenkten Menschen dabei, die Lebensmittel in die Küche zu schaffen. Die Kinder sind besonders fleißig, und deren Glanz in den Augen lässt die unseren mit Wasser füllen…
Das Gotteshaus ist ein gar wunderbarer Bau, mit mehreren Ebenen und einem einsehbaren großzügigen Innenhof; die vielen Katzen dort, darunter auch erst wenige Wochen alte Katzenbabys, erfreuen unser Herz aber dennoch wenig, bezeugt der Nachwuchs doch, dass dem Tierschutz – und ein Kastrationsprogramm ist ein diesbezüglicher Wert schlechthin – selbst im Zentrum der Nächstenliebe kaum Bedeutung beigemessen wird, und das im sicheren Wissen – weil täglich damit konfrontiert – wie viel Leid relativ einfach verhindert werden könnte…

Für die menschlichen Hilfsbedürftigen, davon können wir uns felsenfest überzeugen, wird aber im Gegensatz dazu sehr gut gesorgt; die BewohnerInnen der Anlage haben hier ihren Frieden gefunden, diese Einsicht verrät die Atmosphäre, der Blick in die Küche, wo gerade in aller Gemeinschaft ein Mittagessen zubereitet wird.

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Im sehr netten Gespräch mit der Heimleiterin erfahren wir dass noch eine Gruppe vom Leben bisher bitter enttäuschter Menschen, vor allem Roma-Zugehörige, für den Orden eine Farm betreiben, knapp außerhalb des Ortes; das interessiert uns natürlich sehr, klingt es doch ganz ähnlich wie – erfahrene RespekTiere-LeserInnen werden sich sofort erinnern – jenes Projekt, welches der wunderbar Pater Berno im rumänischen Temesuara betreibt. Tatsächlich dürfen wir die Farm ansehen, eine junge Frau erklärt sich bereit mit uns dorthin zu fahren, uns den Weg zu zeigen.

Die Zufahrt hat allerdings ihre Tücken, der asphaltierte Weg versinkt ob der letzten Regenfälle im Schlamm; Rumi, eine hervorragende Fahrerin, muss vor den Bedingungen kapitulieren, und ein kurzer Moment der Unachtsamkeit wird sofort unsanft bestraft – wir stecken im Schlamm fest, der Versuch das Auto mit vereinter Kraft aus der klebrigen Masse zu ziehen schlägt erwartungsgemäß fehl, hat vielmehr sogar gegenteilige Wirkung: die Vorderräder graben sich nur noch tiefer in den Sumpf! Ohne Hilfe werden wir hier festsitzen, chancenlos gefangen, so viel steht fest! Gott sei Dank ist unsere ‚Reiseführerin‘ mitgekommen, und sie ruft auf der Farm an – jemand wir kommen und uns rausziehen! Ich wollte schon selbst Hilfe holen, aber die junge Frau warnt mich gerade noch rechtzeitig – 28 große Hunde bewachen nämlich die Anlage!

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Foto: hoffnungslos im Schlamm gefangen…

So warten wir dann doch lieber beim Auto, und sehr bald schon erscheinen drei Männer und eine Frau; gemeinsam gelingt es dann auch ziemlich schnell den Wagen und uns aus der misslichen Lage zu befreien – allgemeines Durchatmen ist angesagt! Alle zusammen quetschen wir uns nun in den Wagen und mit sicherem Instinkt steuert ein Paar der helfenden Hände über den schwammigen Weg in Richtung Bauernhof. Dort angekommen wagen wir im ersten Moment kaum unsere sicheren Sitzplätze zu verlassen; das Land ist übersät mit Müll, viele erwachsene Menschen und noch mehr Kinder sitzen um einen Tisch im Freien, gespeist von einer Feldküche, ein halbes Dutzend Hunde hält sich irgendwie auf den Beinen, und allesamt wirken sie, ob Mensch oder Tier, schwer vom Leben angezählt. Wir werden allerdings ohne jeglichem Argwohn empfangen, ganz im Gegenteil; so als wären wir schon immer hier gewesen oder würden zumindest alle paar Tage vorbeikommen, integriert man uns in die laufenden Gespräche und ein besonders netter Mann im besten Alter erklärt sich sofort bereit uns am Hof herumzuführen. Allfällige Vorurteile, ich schäme mich dafür auch nicht wirklich frei von deren zu sein, verflüchtigen sich ganz schnell in die Bedeutungslosigkeit.

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Überall blitzen Kinderaugen hervor, und trotz der Unordnung, des Schlammes und des Mülls rundherum wirken die Kleinen – im Gegensatz zu den meisten der Hunde – dennoch nicht schmutzig oder gar verwahrlost. Noch immer wird gekocht, und dass die Katzen fortwährend aus den Töpfen Teile der Mahlzeiten klauen, wird höchsten mit schrillen Schreien beantwortet. Für die Hunde stellt sich selbige Angelegenheit dann offensichtlich nicht so gütig dar, da fliegt schon mal der eine oder andere Gegenstand in deren Richtung, sobald sie den vor sich hin köchelnden Nahrungsmitteln zu nahe kommen…
Wir werden in die Stallungen geführt, der Weg dorthin gleicht einer Odyssee durch ein Meer aus aufgestapelten Müll und Schmutz; aber, obwohl der Schweinestall uralt und den Vorstellungen von Landwirtschaft der modernen Zeiten wohl nicht mehr stand hält, alle Buchten sind mit Stroh eingestreut und zusätzlich verfügen die Tiere über einen weitläufige Freifläche, welche im Moment zwar im Schlamm versinkt, dennoch von den meisten der ihren für ein Sonnenband genutzt wird.
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Die Kühe sind mit den übrigen Hunden auf der Weide, nur ein paar Kälber verbringen den heißen Tag im Stall – eines davon an einer Kette ganz kurz angebunden. Auch zwei kleinere Wasserbüffel sind innerhalb des verfallenden Gebäudes, die beiden sind völlig zahm. Als wir zum Fenster reinschauen begrüßen sie uns freundlich und als unser Tourführer die Hand nach ihnen ausstreckt, lassen sie sich mehr als willig liebkosen. Ein Pferd ist angebunden, diese Tiere werden alleinig zur Personenbeförderung herangezogen, nicht für Lasten – was ihr Schicksal wahrscheinlich leichter macht. Hühner haben Freilauf, Enten und Gänse ebenfalls, eingesperrt ist dann wieder unverständlicherweise ein großer Truthahn und eine Graugans. Auch ein Dutzend und mehr Tauben fristen ihr Leben hinter Gittern, als wir nach dem Warum fragen, erfahren wir ‚weil sie den Kindern gehören‘…

Ein Hund verbringt sein Dasein dann auch noch im Zwinger, allerdings ein einziger, doch davon hat er als Individuum natürlich nichts – Grund: er jagt Hühner! Warum er unter diesen Voraussetzungen nicht abgegeben wird, können wir nicht erfahren.

Wir werden in den Wohntrakt geführt, der sich in einem eigenen Gebäude im 2. Stock befindet. Nach den Eindrücken vom Außerhalb doch etwas zu unserer Überraschung präsentiert sich das Innere auffallend sauber; eine unbedingte Regel im Haus besagt die Räumlichkeiten nicht zu verschmutzen, sie beinhaltet auch, die Schuhe vor dem Zutritt gegen Hausschuhe zu wechseln. Immer umringt von Müttern mit ihren Kindern erfahren wir dass es natürlich auch zu Spannungen im Zusammenleben so vieler Menschen, noch dazu Angehörige verschiedenster Ethnien – ein Mann mit Familie kommt zum Beispiel sogar aus dem Irak – auf derart isoliertem Terrain kommen kann; allerdings hat die Gemeinschaft Mittel und Wege gefunden diese immer glimpflich abzulaufen lassen. Auch der fast tägliche Besuch des Priesters wird sein Übrigens tun um Sachverhalte von vornherein nicht entgleisen zu lassen.

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Fotos: die Hunde haben ein schlechteres Los als die Katzen, nach Ihnen wird dann und wann auch schon mal geworfen um sie vor dem zubereiteten Essen zu vertreiben… Schweine im Stall und in den Freiflächen; Fotos unten: einfache Freiküche; der Wunderschöne ist bereits 15 Jahre alt…

Wir verlassen den sonderbaren Ort, der zuerst so abstoßend auf uns gewirkt hat, beim Gespräch mit den Menschen jedoch viel von seinem anfänglichen Schrecken verloren hat. Tierschutz ist hier (noch) ein Fremdwort, aber diese Menschen sind trotzdem mehr am Weg dazu als viele Mitglieder der High Society in der Großstadt, so viel steht fest. Was uns zu der Annahme verleitet? Ja, die Hunde sehen zwar schlimm aus, schmutzig und ungepflegt, werden dann und wann sogar wenig sanft vertrieben, aber sie sind in die Gemeinschaft dennoch zumindest integriert; Katzenbabys gibt es überall, aber auch das hat neben der nicht existenten Empfängnisverhütung einen zweiten Grund: in Sichtweite der Farm nämlich, da entstand eine ganz neue Wohnsiedlung, etwa 200 Meter entfernt. Von dort würden immer wieder Tiere gebracht, einfach über die Zäune des landwirtschaftlichen Gutes geworfen, erfahren wir… und gerade aus dieser Ecke kommen dann paradoxerweise immer wieder Vorwürfe, auf der Farm würden Tiere gehortet werden…

Wir schaffen es unser Auto durch die Schlammwüste zu steuern und weiter geht die Fahrt, nun zum Treffen mit einem Fahrer, der die Hundeboxen für den Kastrationsplan bringen soll. Gemeinsam nähern wir uns Pernik, einer über 100 000 EinwohnerInnen zählenden Großstadt rund 40 km von Sofia entfernt, wo dann schon Didi auf uns wartet, ihres Zeichens ebenfalls eine Studentin im Abschlussjahrgang der Tiermedizin. Auch sie wird die nächsten Tage beim anstehenden Projekt helfen und wie wichtig ihr Beitrag sein soll, werden wir alsbald erfahren! Wieder einmal beweist sich die Redensart, wonach die Welt im Tierschutz eine kleine ist, denn tatsächlich kenne ich Didi schon von früheren Zeiten, wo wir – die/der eine oder andere von Ihnen, liebe LeserInnen, wird sich vielleicht noch erinnern – dem Tierschutzverein Dai Lapa beistanden, der in einem völlig verfallenem Ort versuchte möglichst viele Hunde zu retten!

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Foto: ein Bild mit hohem Symbolcharakter; in jener Siedliung wird den Hunden am feindlichsten begegnet…

Wir fahren in eine kleine Stadt im Umfeld, der ausgewählten Stätte der Tat. Hier gibt es rund 5 000 EinwohnerInnen, als Hauptort mit 34 kleinen Gemeinden ringsum ist diese Zahl dann allerdings eine relative. Uns interessiert die Anzahl der Hunde nebenbei sowieso deutlich mehr, und deren gibt es dann unglaublich viele… Hier soll also unser Kastrationsprojekt stattfinden, und allein der erste Eindruck bestätigt, wir sind genau am richtigen Ort!

Es war, und auch das sollte nicht unerwähnt bleiben, ein langer aber erfolgreicher Prozess der Vorarbeit nötig (welchen alleine Rumi geleistet hat) um alle nötigen Genehmigungen einzuholen und vor allem einen geeigneten Saal zu finden, um das Projekt überhaupt erst durchführen zu können. Es ist schließlich gelungen, dennoch steht auch heute alles wieder auf der berüchtigten Schneide des Messers, denn plötzlich ist der Gebäudeverantwortliche im hoffentlich wohlverdienten Urlaub – das Problem: nur er hätte Zugang zu dem Saal und ohne den Schlüssel würden wir nicht rein können, erfahren wir von nicht gut gelaunten BeamtInnen…. Es sollte anders kommen, mit viel Feingefühl und der augenblicklichen Sendung (manchmal sind die modernen Zeiten mit ihren unfassbaren Möglichkeiten der Datenübermittlung doch ein wahrer Segen) sämtlicher Vereinsdaten von RespekTiere zur Behörde taucht der Schlüssel doch noch irgendwo auf und wir erhalten letztendlich im Herzschlagfinale grünes Licht.

Auf dem Weg halten wir an Toni’s kleinem Tierheim; die großartige Tierschützerin hat eine wunderschöne Herberge für Hunde am Stadtrand errichtet, wo immer wieder Straßenhunde Aufnahme finden und dann auf die Weitervermittlung in den noch immer goldenen Westen warten. Das herrliche Grundstück ist von einem Rindenzaun umgeben, dahinter erblüht ein Paradies aus Blumen und verschiedensten Kräuter sowie Nutzpflanzen, umgeben von den großzügigen Gehegen für die Hunde. Toni selbst führt eine Bäckerei, doch ihr ganzes Herz gehört der Sache der Tiere. Lange können wir uns leider nicht aufhalten, einige Liebkosungen und der der Zuladung von Kartonagen als Unterlagen für die für die KastrationspatientInnen verwendeten Hundeboxen später, spüren wir wieder den rissigen Asphalt und die hunderten so ost-typischen Schlaglöcher unter unseren Sitzflächen.

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Foto: Toni’s Asyl vor den Stadttoren – wie eine Festung, aber eine der Nächstenliebe!

Endlich sind wir am Ziel angekommen; der Saal sollte dann kein Saal sein, sondern ein riesiges, ziemlich verfallenes Gebäude, allerdings noch genutzt von der Stadt, eine eigentümliche Atmosphäre verbreitend. Tatsächlich strahlen die alten Mauern Ehrwürdigkeit und sogar Geborgenheit aus, eine innere Wärme macht den Ort zu etwas Besonderen…  Besagter Raum ist dann eigentlich die Eingangshalle, zwar mit zerborstenen Scheiben, aber mit einem (einfachsten) OP-Tisch und anderen tierärztlichen Einrichtungen versehen! Gott sei Dank, hier werden wir gut arbeiten können!

Wir beginnen mit den Vorbereitungen; Rumi konnte auch einen Transporter organisieren, welcher uns die benötigten Hundeboxen aus der Hauptstadt bringt. Schnell sind diese dann ausgeladen, durchgeputzt  und aufgestellt, mit den Kartons als Unterlage ausgestattet.

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Foto: der Tod ist auch auf Bulgarien’s Straßen, wenn auch nicht ganz so deutlich wie beispielsweise in Rumänien, ein ständiger Begleiter…

Der nächste Schritt ist das Auffinden von Hunden, welche wir morgen früh einzufangen beginnen werden um sie schließlich zu kastrieren. Es ist heiß heute, zu spät-nachmittäglicher Stunde, und so befinden sich die meisten der Tiere wahrscheinlich irgendwo im Schatten. Dennoch, wie bereits erwähnt, schon ein erster Eindruck vermittelt die Dringlichkeit der Situation – überall finden sich Hunde, in für diese kleine Stadt doch beängstigend großer Anzahl. Besonders um die aus kommunistischer Ära stammenden äußerst trist wirkenden Wohnsilos ist die Ansammlung riesig, es finden sich dabei auch etliche Hunde mit Verletzungen, hinkende, ehemals an Staupe erkrankte. Allesamt sind sie viel zu dünn, von den Menschen schwer geduldet, immer wieder mit Steinen und Wurfgeschoßen beworfen, und in ständiger Gefahr bei weiterer Vermehrung einfach von irgendjemand vergiftet, erschlagen oder erschossen zu werden. Allein diese Tatsache rechtfertigt eine sofortige Handlung, denn hält sich die Anzahl der Straßenhunde halbwegs konstant, dann können solche Gewaltausbrüche im Keim erstickt werden…nur dann aber…

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Wir teilen uns um eine größere Reichweite zu erzielen; die wunderbare Vanja und ich wandern durch verwachsene Flächen, wuchernde Sträucher welche auf Müll zu gedeihen scheinen; durchbrochen wird die Triste von zerfallenden Gebäuden, Zeugen einer besseren Vergangenheit. Den Elementen preisgegeben, nach dem Niedergang des Kommunismus und dem Wegfall verstaubter Ideologien verdammt zum Relikt einer verklärten Vergangenheit.

DSC 0554 Wir bahnen unseren Weg zurück zur Hauptstraße, verlieren dabei etwas die Orientierung; dort angekommen versuchen wir erst die Richtung zu bestimmen, als ein Wimmern an unsere Ohren dringt – ein Hundebaby liegt an der zugewachsenen Bushaltestelle, ganz allein, vom Schicksal bitter im Stich gelassen; wie es dorthin gekommen ist, können wir nur vermuten; wahrscheinlich aber haben Kinder die ganze Familie entdeckt und dieses eine Mädchen dazu auserkoren für kurze Zeit ihr lebendes Spielzeug zu sein. Das Baby, noch blind und mit Nabelschnur, nicht älter als 2, 3 Tage, musste den Kindern später langweilig geworden sein, so haben sie es einfach abgelegt, wie ein nicht mehr gewolltes Stofftier… Natürlich nehmen wir diee Kleine mit, was wir letztendlich mit ihr machen sollen, wissen wir allerdings noch nicht genau – gilt es doch als sehr unwahrscheinlich einem derart kleinen Wesen ein Überleben zu sichern. Ihre Mutter oder allfällige Geschwister können wir leider nicht entdecken.


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Foto: Hundebaby und Leihmütter bzw. -väter; Bild ganz unten: Didi beim Nach-dem-Füttern-Bauchreiben, um die Kleine zum Urinieren zu bewegen

Später treffen wir unsere Mitstreiterinnen, sie waren erfolgreich und haben schon eine kleine Hündin mit sich! Didi, die angehende Tierärztin, entscheidet, sie wird trotz vollbesetzten Haushaltes versuchen dem Säugling ein warmes zu Hause zu geben – unfassbar, wie sich diese Menschen einsetzen, für jedes Leben kämpfen; zum x-ten Male an diesem Tage kann ich nur voller Bewunderung mit dem Kopf nicken….

Wir fahren zu einem Geschäft, kaufen Babymilch und dazu Nass-Futter, mit welchem wir morgen die Hunde anlocken möchten. Dann geht es zu Didi, wo uns schon ihre Schwester erwartet – den kleinen Haushalt teilen sich die Mädchen mit zwei großen Hunden, einem Pflegehund und ihren Katzen – und jetzt auch noch mit dem Welpen! Sofort bereiten wir Milch zu, Rumi hat ein Fläschen mit Sauger mitgebracht – und tatsächlich, die Süße beginnt sofort zu trinken! Sie können erahnen wie wir uns gefreut haben! In Didi’s Händen wird die Zukunft der Armen liegen, und eine Nacht mit wenig Schlaf erwartet sie!

Erst gegen 11 sind auch wir in unseren Räumlichkeiten, wo für Rumi und Vanja wohl noch die tägliche Hausarbeit wartet und auf mich der Computer, um über WLAN eingegangene E-Mails zu bearbeiten.

Früh am nächsten Morgen brechen wir wieder auf; in Pernik ist der Treffpunkt mit der wunderbaren Didi, und auch Marieta, die Tierärztin, erwartet uns! Sie ist eine jener Menschen, die man vom ersten Augenblick an einfach mögen muss. Mit großer Ausstrahlung gesegnet, mit ihrer einnehmenden unnachahmlichen Art hat sie die Menschen um sich wohl immer schnell auf ihrer Seite, und es ist erneut Rumis Verdienst, dass wir mit einer derart fantastischen Mannschaft an den Start gehen dürfen!

Ein kurzer Zwischenstopp noch bei Toni’s Paradies, wir nehmen von dort den vor wenigen Wochen bei ihr gelandeten Svetlo mit, der ebenfalls kastriert werden muss. Svetlo ist ein ganz wunderbarer Hund, und wir werden für ihn ein zu Hause in Österreich finden. Er dürfte als Welpe an Staupe erkrankt sein, jedenfalls funktioniert eines seiner Hinterbeine nicht richtig, was seiner Fröhlichkeit aber keinen Abbruch tut.

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Foto: Svetlo, der Glückliche – wenn Sie diesen Newsletter lesen wird er schon in unserer Mitte sein!

Die Leute der Stadtverwaltung sind nun ebenfalls schon beim Haus; sie werden jeden unserer Schritte genau begutachten, allein deshalb hoffen wir inständig auf einen möglichst reibungslosen Ablauf – wir möchten doch gerne, nein, wir müssen, wieder hierher kommen, denn wenn das Projekt nachhaltig sein soll, müssen wir kontinuierlich daran arbeiten, über mehrere Hundegenerationen hinweg  – nur so gibt es eine letztliche Chance auf Erfolg!

Noch bevor wir mit der eigentlichen Arbeit beginnen könne, gibt es schon wieder Aufregung; eine Frau kommt von draußen herein, sie hat ein Katzenbaby mit sich, gerade alt genug um die Augen zu öffnen. Auch dieses unfassbar süße Wesen ist einfach ‚entsorgt‘ worden, und zwar direkt vor unseren Augen, auf ‚unserem‘ Gelände! Es hat sich inzwischen herumgesprochen dass wir hier die nächsten Tage verbringen werden, und natürlich wissen die Leute wozu wir gekommen sind; deshalb ist es wahrscheinlich, dass jemand gehofft hat wir werden den kleinen Kater rechtzeitig finden, jemand, der/die den kleinen Kerl vielleicht der Unberechenbarkeit eines Lebenspartners entziehen wollte. Allein dieser Gedanke, trotz der schrecklichen Tat des Aussetzens, gibt dennoch Hoffnung, dass die Empathie in unseren immer mehr gefühlsresistenten Körpern nicht völlig verloren gegangen ist…
Jedenfalls, nun gilt es zwei hungrige Wesen zu füttern, welche beide so knapp nach der Geburt schon wieder zum Sterben verurteilt waren… wir werden unser Bestes tun, um die Babys erfahren zu lassen, es gibt auch Menschen welche jedes Leben lieben und bis zum allerletzen Atemzug darum kämpfen!

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Fotos: das unfassbar süße Katzenbaby… und seine Leihmütter (Rali, Rumi’s Tochter, die jetzt schon längst in die großen Tierschutz-Fußstapfen der Mutter tritt; die wunderbare Vanja, Detelina Videnova von der Stadtbehörde; Didi, der ganz gewiss eine große Zukunft ganz im Sinne der Tiere bevorsteht…)

Bitte lesen sie in wenigen Tagen alles über das große RespekTiere-Kastrationsprojekt in Bulgarien!

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