wenn eine ’stark gefährdete’Tierart buchstäblich unter die Räder kommt…

…und jede/r sieht weg?!

An der Bundesstraße B35 im schönsten Eck des niederösterreichischen Weinviertels zwischen Krems und Hadersdorf am Kamp schmiegen sich Weingärten an Weingärten, und anders als sonst wo beinhaltet das Bild einer an sich immer tristen Monokultur wohl nur bei dieser mystischen Uraltpflanze eine beinahe Idylle; tatsächlich verführt die Gegend zum Träumen, und nicht umsonst ist der Fremdenverkehr hier neben dem Wein ein treibender Wirtschaftsmotor. Natürlich, in der kalten Jahreszeit ist es dann vorbei mit der Romantik, wenn Grau- und Brauntöne dem zweifelnden Auge keinerlei Abwechslung zu bieten imstande sind, und setzt dann auch noch Regen ein wird die Umgebung beherrscht von einer nahezu erdrückenden Melancholie.

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Entlang der relativ kurzen Straße von nur ca. 10 Kilometern, zu beider Seits, haben Ziesel ihr zu Hause gefunden, eine Nagetiergattung, welche in früheren Jahren so zahlreich vertreten war, dass manche Gemeinden sogar eine sogenannte ‚Schwoafalprämie‘ – also einen gewissen Betrag für jeden als Beweis der Tötung gebrachten Schweif – bezahlten. Nicht zuletzt die Verfolgung als Ackerschädling, aber auch andere Faktoren wie die Umgestaltung des natürlichen Lebensraumes hat dazu geführt, dass die Anzahl der allerliebsten Tiere schnell ins Bodenlose fiel, die Gattung über Jahre hinweg sogar als ausgerottet galt!

Ziesel, zur Familie der Hörnchen gehörend, gibt es eigentlich in ganz Südosteuropa, Österreich bildet dabei die westliche Verbreitungsgrenze; das Nagetier ist auch in Ungarn, Rumänien, Bulgarien, der Ukraine, in Polen und Griechenland, in der Türkei und im ehemaligen Jugoslawien heimisch, allerdings sind die Vorkommen überall lokal zentriert und auf kleine Flecken beschränkt – und selbst diese teils winzigen Überlebensinseln befinden sich durchwegs deutlich im Niedergang.

Österreich bildet dabei keine Ausnahme; heute gibt es zwar wieder einige Bestände, vor allem konzentriert auf vier Ballungszentren in Niederösterreich, wobei jenes um Krems ein wichtiger Teil deren ist. Auf Grund der intensiven Landwirtschaft, Zersiedelung und des Verschwindens von Trockenrasen sind sie dennoch überall vom Aussterben bedroht; das Ziesel steht auf der Roten Liste der gefährdeten Tiere, als ‚Stark gefährdet‘ eingestuft. Was im Beamtenwortlaut dann folgendermaßen klingt: es ist mit einer zumindest 20 %igen Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass die Art bei gleichbleibenden Bedingungen in den nächsten 20 Jahren ausstirbt…

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Foto: ob allein der Einsatz socher Schilder die Gefahr für die geschützen Tiere minimiert? Die Antwort auf diese Frage findet sich nur allzu oft am Straßenrand…

So wurde das Ziesel in die EU Fauna-Flora Habitatrichtlinie aufgenommen, was dann nicht mehr und nicht weniger  bedeutet, als dass
die Mitgliedstaaten mit Vorkommen des Ziesels eigene Schutzgebiete ausweisen und für einen günstigen Erhaltungszustand der Art Sorge tragen müssen.

Zusammengefaßt heißt die Agenda mit aller Deutlichkeit: Nach europäischem Naturschutzrecht gehört das Ziesel zu den streng zu schützenden Tierarten von gemeinschaftlichem Interesse, für dessen Erhalt besondere Schutzgebiete ausgewiesen werden müssen. Dem Ziesel ist ‚akuter Schutzbedarf‘ bescheinigt.

Heute ist es so, und das Faktum ist ein sehr erfreuliches, dass die Ziesel vom Zusammenleben mit den Menschen manchmal sogar profitieren, zum Beispiel durch die Duldung an Golfplätzen oder durch die modern gewordene Begrünung von Weingärten, aber andererseits viel öfters, durch Verbauung, Zersiedelung und Zerschneidung ihrer Vorkommensgebiete, durch ebendiesen einer enormen Gefährdung ausgesetzt sind. Auch ist die brutale Nachstellung nicht eine Sache des Gesterns, immer wieder hört man von besonders gewissenlose ZeitgenossInnen – im Falle des Erdhörnchens in erster Linie von LandwirtInnen – welche sie mit Schlingen zu fangen trachten oder deren unterirdische Baue mit Wasser fluten. Auch Gift kommt zum Einsatz, weiß der Naturschutz zu berichten. Welche Schande, gilt es doch als erwiesen, dass die kleinen Populationsgrößen etwa in der Landwirtschaft keinerlei Schaden anzurichten fähig sind…

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Um diese Feststellung zu untermauern, sei hier ein Beispiel angeführt: es gab während einer zweijährigen Untersuchung nur einen einzigen gemeldeten Schadensfall, an einem Rübenacker – und selbst dieser Tathergang ist sehr umstritten, denn im folgenden Jahr meldete der gleiche Bauer einen weiteren, dann an der inzwischen gepflanzten Gerste…

Was die Untersuchungskommission aber eindeutig vermerkte und uns ohnehin bewusst ist: bei einem verstärkten Auftreten von Schäden wäre bei einem bisher als positiv eingestuften Rückhalt der Bevölkerung mit einem schnellen Umschwung der Stimmungslage zu rechnen. So, nach den Worten, ‚wurden uns heuer Fälle bekannt, in denen sich Landwirte schon über die bloße Anwesenheit der Tiere beschwerten und etwa in einem erst seit kurzem wieder etwas besser besetztem Gebiet (in der ausgedehnten Brachenlandschaft bei Ollersdorf) meinten „na kaum sind wieder ein paar mehr da, da werden sie auch schon wieder frech“. Weitere Landwirte in anderen Gebieten sagten (mit einem Unterton, der künftig Schlimmes befürchten lässt, Anm.) „bei dieser Dichte geht es ja noch, aber mehr sollten sie nicht werden“. Also ergänzte die Kommission den Bericht um eine wohl nicht weit hergeholte Mutmaßung: ‚Sollte die Populationen zunehmen, ist mit einer illegalen Tötung der Tiere zu rechnen, welche zwar strafbar ist, dann aber heimlich passieren wird.
Sie sehen, ‚Mensch‘ hat scheinbar nichts aus der Geschichte gelernt, und wenn es um wirtschaftliche und auch private Interessen geht, ist sich unverändert jede/r selbst die/der Nächste – auch auf die Gefahr hin, auf Grund möglicher, und selbst wenn nur minimaler, finanzieller Einbußen eine ganze Tierart für immer in die Erinnerung von Geschichtsbüchern zu schicken…

In Niederösterreich gibt es einen ‚Aktionsplan Ziesel‘; die so wichtige Arbeit wird durchgeführt in einer Kooperation zwischen dem Naturschutzbund Niederösterreich, dem Land Niederösterreich, dem Naturhistorischen Museum Wiens und der Niederösterreichischen Jägerschaft. Das übergeordnetes Ziel des Zieselprojektes ist ein hochgestecktes: die langfristige Erhaltung und Förderung der Zieselbestände und ihrer Lebensräume in Niederösterreich.

Finanziert wird das Ganze durch den Bund, das Land und die Europäische Union.

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Foto: es sind selbe Bauern, auf die wir in einem Atmenzug stolz sein sollen, welche aber im anderen schon wieder damit beginnen die Präsenz ohnehin stark gefährdeter Tiergattungen zu hinterfragen, dann, wenn es – auch nur um kleinste – Einbußen geht… im Falle des Ziesels droht die Gefahr aber auch von ganz anderer Seite, und hier kann jede/r, der/die sich in den Gebieten aufhält, mithelfen: der zunehmende Verkehr zeichnet für die allermeisten Todesfälle verantwortlich! Deshalb: sobald sie Hinweisschilder für die Ziesel sehen, fahren Sie bitte langsam und mit Bedacht! Jedes Leben ist unfassbar wertwoll, und wenn es sich um solches einer bedrohten Gattundg handelt, vielleicht sogar noch ein bisschen wertvoller…

Nun, so viel zur Theorie; wie aber schaut die Praxis aus? Jüngstes Beispiel: eine kleine Zieselkolonie inmitten Wiens, auf der Wiese des Wiener Heeresspitals, stand dem Bau von 950 Wohnungen im Wege. AnrainerInnen sowie Tier- und NaturschützerInnen stemmten sich gegen die Verwirklichung derselben; jetzt gibt es einen Kompromiss: die Tierchen sollen zum ‚sanften Umzug‘ bewegt werden, auf eine extra für sie adaptierte anliegende Fläche. Ob das Anliegen gelingen wird, steht freilich noch in den Sternen; wieder einmal hat sich jedoch mit aller Deutlichkeit gezeigt: kommt Mensch, muss Tier weichen, egal wie geschützt und bedroht die Art auch sein mag…
Ein anderes Beispiel? In Salzburg-Stadt sollte ein neues Wasserkraftwerk entstehen; da an der Stelle des künftigen Projektes aber ein Biber, Angehöriger einer ‚geschützten Art‘, wohnhaft war, wurde der Bau in Frage gestellt. Kurze Zeit darauf sollte der Biber tot aufgefunden werden, von Schrotkugeln durchsiebt. Kaum war die kurze mediale Aufregung abgewartet, begann das Kraftwerk dann auch schon schnell Gestalt anzunehmen. Heute ist es bereits in Betrieb, nach dem Biber fragt niemand mehr… 

Nun zu unserem Anliegen: eingangs erwähnte Landesstraße, B 35, stark befahren zwischen Krems und Hadersdorf sowie die Landesstraße B 218 zwischen Krems und Langenlois queren eines der größeren letzten Zieselreviere Österreichs. Es wurden zwar Tafeln, ähnlich denen bei den Krötenwanderungen, aufgestellt, aber ob der gutgemeinte Versuch – viel zu leicht zu übersehen und in seiner Ausführung, beurteilen sie es am obigem Foto selbst, nicht die Dringelichkleit bewusst machend – dazu beitragen kann Leben zu schützen ist fraglich: denn wer je in die sehr empfehlenswerte Gegend kommt, wird beipflichten, die Straßen sind gesäumt von toten Zieseln, und das zu jeder Tages- oder Nachtzeit! Wie kann das sein, eine Tiergattung, die als ‚stark gefährdet‘ eingestuft ist, deren Population mit viel Geld aus EU- und Bundestöpfen geschützt werden soll, wie kann es sein dass diese Tierchen dann zu Dutzenden leblos auf heißem Asphalt kleben? Mit weit aufgerissenen Augen gen Himmel starrend, des Lebens beraubt? Buchstäblich ’unter die Räder gekommen‘? Hier dürfen wir nicht zuschauen, denn genau hier, am unscheinbaren Straßenrand in niederösterreichischen Weinbaugebieten, da wird uns anhand von blutigen Fleischklumpen, ehemals posierliche Nagetierchen, gezeigt, wie wenig Wert dem Natur- und Tierschutz anscheinend noch immer viel zu oft beigemessen wird! Außer Spesen nichts gewesen, diese Redensart kommt der/m BetrachterIn unweigerlich in den Sinn, oder ‚viel heiße Luft um Nichts‘ – dann nämlich, wenn von großartigen Bemühungen in jenen Sektoren gefaselt, welchen aber schließlich dem Anschein nach nur oberflächig Rechnung getragen werden?! Ja, die Werbung prahlt mit 1000-jähriger Kultur – wo bleibt diese bei Anblick von haufenweise ‚geschützten‘ Tieren, die zermalmt am Straßenrand liegen?

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RespekTiere fordert mit aller Vehemenz eine sofortige Untersuchung der Tierschutzagenda und unmittelbare Maßnahmen zur Beendigung dieser himmelschreienden Schande! So darf Tierschutz nicht behandelt werden, denn wenn wir dies akzeptieren, dann sind die Tierschutzgesetzte und im selben Maße die EU-Agenden nicht mehr wert als das Blatt Papier, auf denen sie gedruckt sind!!!

Bitte fragen Sie an folgenden Adressen nach, ob dem Artenschutz im Kremser Raum bezüglich der Ziesel vielleicht nicht doch mehr Rechnung getragen werden kann! Übrigens: wer ‚Schuld‘ an der Misere trägt, ist müssig zu analysieren; hier sind wir alle in fürchterlicher Erklärungsnot, der Tierschutz gleich den LandwirtInnen (und sei es allein durch unterschwellige Drohungen…), der AutofahrerInnen, der Jägerschaft (die ja in das Projekt mit eingebunden war) dem Bezirk, dem Land, der Nation, dem Artenschutz, der EU… werden auf allen diesen Ebenen aber im Einklang entsprechende Schritte gesetzt, so muss es doch möglich sein, den Anblick dieser wunderbaren Tiere auch noch für unsere Enkeln zu sichern – und nicht nur in Archiven und Uralt-Aufzeichnungen, nein, lebensnah in deren natürlichem Lebensraum – alles andere wäre eine vernichtende Absage an die Vielfalt des Leben und eine unauslöschliche Schande unsererseits!!!

Landeshauptmann Niederösterreich, Dr. Erwin Pröll: lh.proell@noel.gv.at
Bezirkshauptmannschaft Krems, Bezirkshauptfrau Dr. Elfriede Mayrhofer: post.bhkr@noel.gv.at
Naturschutzbund Niederösterreich: noe@naturschutzbund.at
die Grünen Niederösterreich: noe@gruene.at
Tierschutz-Ombudsfrau Niederösterreich, Dr. Lucia Giefing: post.tso@noel.gv.at
Landesjagdverband NÖ, Geschäftsführer Dr. Peter Lebersorger: jagd@ljv.at, p.lebersorger@ljv.at

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