Mauretanien, der Einsatz – Teil 2!

Bericht Mauretanien, Teil 2!

Wie wichtig Dr. Matthias Facharani aus Bayerisch Gmain (wer in Salzburg oder Umgebung wohnt und hier einen Tierarzt sucht: gebt Euch nur mit dem Besten zufrieden! 🙂
www.tierarzt-facharani.de) für das Projekt ist, offenbart sich bei jedem Einsatz auf ein Neues; er schafft es die Qualität der Arbeit in ungeahnte Höhen zu hieven, mit unglaublicher analytischer Betrachtungsfähigkeit gelingt es dem begnadeten Veterinär Fehler auszumerzen und das mauretanische Ärzteteam in die neuesten medizinischen Erkenntnisse einzuführen. Er bringt nebenbei auch immer Medikamente mit, welche in Mauretanien ansonsten nicht zu bekommen wären, allen voran effektive Antibiotika und wirksamste Schmerzmittel. Und wie solche gebraucht werden! Nouakchott bietet nämlich für Tierärzte und angehende Veterinäre gleichermaßen wohl den idealen Beobachtungsboden – gibt es hier doch leider noch immer sämtliche Krankheitsbilder und Verletzungen, Hufverformungen und andere körperliche Beeinträchtigungen beim Esel, welche im fernen Europa längst ausgemerzt sind oder in solchem Ausmaß nie gesehen werden müssen. Würde ein solches Tier einem Veterinär in Deutschland oder Österreich vorgeführt, dieser würde ohne eine Sekunde des Nachdenkens sofort Anzeige erstatten und ein zu Recht neuer Tierhalteskandal wäre perfekt….
 
Auch viele Pferde leiden in Nouakchott; allerdings ist deren Anzahl dem Himmel sei Dank eine eher geringe. Ihr ‚Wert‘ ist ein wesentlich höherer, was aber leider nicht gleichbedeutend mit deswegen vielleicht ‚besserem Gesundheitszustand‘ ist; sie sind nämlich von Natur aus mit einer wesentlich geringeren Rohfaser-Aufnahmekapazität als Esel ausgestattet, können allein darum den Widrigkeiten dieses besonders für Tiere oft so unfassbar harten Landes noch weniger entgegensetzen. Enorme Lasten, wie sie ihre kleineren Brüder und Schwestern schleppen müssen, können sie unter den gegebenen Umständen gar nicht bewältigen und so beinhaltet ihr ‚Aufgabengebiet‘ vor allem den Transport von Menschen. Doch selbst, wie ein kleines von uns besuchtes Arabergestüt beweist (ja, auch so etwas gibt es hier, auch abseits des Präsidentenpalastes), selbst wenn sie dann überhaupt nicht arbeiten müssen, sind sie den Herausforderungen einer derart kargen Umwelt kaum gewachsen; der Besitzer des kleinen Stalles, er erbat die Hilfe von Dr. Facharani, erzählt, von acht aus Marokko vor zwei Jahren importieren Pferden wären mittlerweile nur mehr drei übrig geblieben…

Nicht alle unsere Einsatzorte befinden sich übrigens an den Wasserstellen, die eine oder andere haben wir auch an anderen Plätzen nach strategisch wichtigen Überlegungen gewählt – so zum Beispiel jene am Hühnermarkt, wo nebenbei auch ein Gemüse-, Handswerks-, Textil- und Werkzeugmarkt entstanden ist. Allein der unfassbare Verkehr mitten durch die Ansammlung von Verkaufsständen ist ein Kuriosum in sich, eine nicht endend scheinende Blechlawine überrollt Stoßstange an Stoßstange scheinbar frei nach ‚Tetris’-Prinzip den längst zerborstenen Asphaltweg jeden Tag auf ein Neues; die Geschäfte gehen nebenan ungehindert weiter, in Fakt ergießt sich der stählerne Einheitsbrei nur im Zentimeter-Abstand am Geschehen und an den Ständen vorbei, hüllt Obst, Mensch und Federtier gleichermaßen in das zweifelhafte Aroma gebildet aus undichten Abgasanlagen; der Verkehrslärm, das unaufhörliche Hupkonzert, ja selbst die Auspuffgase, gehören zum emsigen Treiben wohl längst irgendwie dazu. Die Hühner welche an jenem Platz angeboten werden, sehen übrigens, wenig überraschend, sehr mitgenommen aus – aber, und auch das ist durchaus eine Überraschung, auch nicht wirklich schlimmer als jene in unseren Mastställen… sogar einige Legehühner und Hähne werden angeboten; diese, wahrscheinlich ‚wertvoller’, allerdings nicht in den Käfigen, sonder einzeln im Freien – ihre Füße mit Schnüren an Steinen festgebunden! Auch Kaninchen, eingepfercht in kleine Käfige, finden sich am Markt, so schmutzig, dass sich deren Fellfarbe, die wahrscheinlich weiß sein soll, nicht eindeutig identifizieren lässt. Ob aus Platzgründen oder warum sonst Schildkröten mit ihnen in den Gittergefängnissen stecken, wissen wir nicht.


Einige Wasservögel laben sich an brackigem Wasser, ihr Gefieder verdreckt und mit roter Farbe (wahrscheinlich zu Erkennung) beschmiert. Überall liegen tote Fische in der Sonne, aufgebreitet auf riesigen Planen und manchmal auch einfach im Schmutz der Gosse, fliegenbefallen. Dazwischen gibt es Fleischstände, Leichenteile, die in der prallen Sonne auf KäuferInnen warten und in der Zwischenzeit Myriaden von Fliegen als Labestation dienen. ‚Lebens’mittel, die wohl nur durch stundenlanges Kochen, wie in Afrika üblich, überhaupt erst für den menschlichen Gebrauch ‚genießbar’ werden. Die einzige Abwechslung vom Leid und Leiden für das Auge bieten jene kleinen fahrbaren Stände, wo dann Gemüse und Gewürze in allen Farben angeboten werden. Dass auch dort das Heer der Fliegen der beherrschende Kunde ist, stört nicht weiter, zu dankbar ist man, dass die dargebotenen Köstlichkeiten aller Wahrscheinlichkeit nach über keine Schmerzwahrnehmung verfügen und so den Schlüssel des Überlebens für unsere Ernährung darstellen MÜSSEN!
Jedermann/frau kann sich vorstellen, und für ein solch gedankliches Experiment braucht es bestimmt nicht die überragende Phantasie eines Lewis Carroll’s, was sich wohl im Untergrund solcher Ansammlungen abspielt; wie viele Ratten und Mäuse, wie viele Kakerlaken und andere Insekten, vom Geschehen oberhalb profitieren – ein gar emsiges Treiben muss da herrschen! Wie viele Keime und Bakterien sich wohl im Abwasser tummeln, ein Herd für künftige Krankheitswellen! Andererseits, für wie viele Straßenhunde und –katzen der Markt wohl Überleben bedeutet (zumindest bis zur nächsten Tötungswelle durch die Stadt – praktischerweise wissen die Zuständigen dann ja auch gleich wo sie ihre Opfer finden…)?! Wie auch immer, die unwirklich anmutende Szenerie ist trotz des doch schon sehr orientalischen Flairs eine allzu leicht durchschaubar; alle Menschen hier, ähnlich wie bei den Eselhaltern, sind abhängig bis ins letzte Mark von ihren Geschäften, florieren die nicht, dann ist es um ihre soziale Sicherheit geschehen. Ein Netz bietet Vater Staat nämlich nicht, es gibt keine Versicherung, kein Auffangen, nicht einmal ein Wundpflaster; selbst ihre körperlich oder geistig behinderten Mitglieder lässt die Nation ohne Wenn und Aber im Stich, und Pensionen gibt es nur für StaatsdienerInnen, und selbst da nicht in jedem Falle. All diese Faktoren haben sich bestimmt tief in das allgemeine Gedächtnis, in das Verständnis, dieses Volkes eingegraben; sie hinterlassen dort ganz sicher brennende Narben, ein hintergründig schwelendes Angstgefühl, und eine der unmittelbaren Folgen davon: eine als Selbstschutz nach Außen hin getragene Überheblichkeit, welche ab und dann in eine vermeintliche Undankbarkeit sogar helfenden Händen gegenüber mündet. So zumindest wird es des Öfteren von Hilfsorganisationen berichtet; aber: zum einen meinen es jene, die für ihre Hilfsangebote immerwährenden Dank erwarten, sowieso nicht ganz ernst mit ihren Aufgaben, haben schlicht und einfach den falschen Beruf gewählt, und zum anderen sollte man Menschen, die sich aus Mentalitätsgründen oft ganz anders artikulieren als man es vielleicht gewohnt ist, wohl zumindest zugestehen, sich nicht immer konform unseren Vorstellungen verhalten zu müssen. Sie wissen, es gibt Völker, wo das ‚in die Augen sehen’ unabdingbare Pflicht ist, bei anderen aber einer tätlichen Beleidigung gleichkommt; Völker, wo das bloße Händeschütteln wie selbstverständlich Teil der Kultur ist, andere, wo ein derartiges Verhaltensvokabular nur unter FreundInnen akzeptiert wird (eine der Verhaltensfallen, eine ‚Todsünden in Mauretanien, ist es dann, wenn ‚Mann‘ Frau die Hand zu geben versucht; das hat für die Frauen nichts mit Gleichberechtigung oder gar Freundlichkeit zu tun, sondern ist ganz einfach eine Unsittlichkeit) … so schnell sind Fronten beruhend auf Missverständnissen aufgebaut, Fronten, welche mit ein bisschen Gespür und Einfühlungsvermögen niemals entstanden wären. Im Prinzip gilt die weltweite Grundregel: behandle andere Wesen genau wie Du gerne von diesen behandelt werden möchtest, begegne mit innerer Bescheidenheit und einer gewissen Demut, dann kann gar nix passieren 🙂

Und nebenbei, vergessen wir nicht dass unsere Nationen jene Länder seit Jahrhunderten nach Raubritter-Art überfallen und geschändet, bis zur Bewusstlosigkeit einen ganzen Erdteil seit Menschengedenken unterjocht und zum Selbstbedienungsladen hochtechnisierter AusbeuterInnen degratiert haben; dass ein solches Vorgehen, eine solche Vergangenheit, ein Trauma hervorruft, welches wohl noch für lange, lange Zeit in den Genen jener Menschen einfach als Hemmschuh agieren muss, ist sonnenklar – ein Hemmschuh, der allzu freundlichen Annäherungen noch sehr lange seinen Stempel aufzudrücken imstande sein wird… Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich denke bestimmt nicht, dass wir durch das Vorgehen der Kolonialmächte und unserer Vorfahren eine Art von Pauschalschuld auf uns geladen haben – ich bin gegen jegliche Pauschal-Schuld-Zuweisung und Sippenhaftung sowieso, deren Prinzip ich nie verstanden habe – weil derartige Attribute immer nur die selbe Ernte aus Rassismus, Unverständnis und Hass eingefordert haben – aber die Entscheidungslinien zwischen den wahren TäterInnen und jedem x-beliebig westlich geprägten Menschen ist für ein Volk, welches seine Kinder nicht satt kriegt, eine enorm feine. Bedenken sie, wie oft verurteilen wir selbst  doch AmerikanerInnen oder RussInnen als Ganzes, noch mehr ChinesInnen oder AsiatInnen allgemein – und selbst dann, wenn wir mit Angehörigen jener Menschengruppen noch nie auch nur ein Wort gesprochen haben – als dass wir uns in solchen Fragen allzu weit aus dem Fenster lehnen dürfen? Beispiele? RumänInnen stehlen, ItalienerInnen sind faul, SpanierInnen sind StiermörderInnen, ChinesInnen essen alles was sich bewegt; es gäbe hunderte Vorurteilen, wo wir in Gefahr laufen uns schadlos zu bedienen, eine solche unsägliche Liste liese sich schier endlos fortsetzen…
Fotos: RespekTiere-Behandlungsstelle in einer Seitengasse des Marktes!

Da das Fotografieren an Orten wie diesen nicht gerne gesehen wird, schaffen wir nur ein paar Aufnahmen (wo wir die Standbetreiber vorher gefragt und deren Zustimmung bekommen haben), aber auch jene zeigen hoffentlich die Triste der Situation. Und trotzdem ringt selbst der gnadenlose Alltag den Menschen ein Lächeln ab, sie sind nett zueinander, versuchen bloß die Bürden des Lebens zu meistern.
Natürlich müssen all die Güter hier irgendwie hergebracht werden – und zwar zum ganz großen Teil, wie eben überall in Nouakchott, in Fakt wie fast überall in Afrika, auf dem Rücken der Tiere. Wie käme man sonst auf die unfassbare Anzahl von geschätzten bis zu 100 000 Arbeitsesel? Die Grauohren gehören zum Stadtbild genau wie die Menschen, sind ein nicht wegzudenkender Faktor, wohl auch in der Wirtschaftsleistung. RespekTiere darf deshalb am Marktgelände nicht fehlen; deshalb haben wir ihn sogar zu einem ganz wichtigen Behandlungspunkt auserwählt und schon ein erster Blick verrät: die Entscheidung war so was von richtig!
Zappa und Moussa sind bereits in ihre Arbeit vertieft als Dr. Facharani, unser ständiger Begleiter Alim und ich am Gelände ankommen. Die Fülle an Aufgaben nimmt uns vom ersten Augenblick an gefangen und so sind wir schon nach wenigen Minuten mitten drinnen im Geschehen; Hufe schneiden, Schmerzmittel verabreichen, Verbinden, Entwurmen, Aufklären; lange noch könnte diese ‚To-do’-Liste fortgesetzt werden! Wie überall bilden sich auch hier alsbald Trauben von Kindern, welche sehr begeistert jeden der Arbeitsschritte verfolgen. Da es unter den Eselhaltern einen hohen Prozentsatz an Menschen gibt welche des Lesens und Schreibens nicht mächtig sind, haben wir längst auch Broschüren über den richtigen Umgang mit den Tieren in Bildersprache entworfen; Zappa nimmt nun eine dieser Hefte, und im Nu ist er von den Kleinen umringt. Er erklärt ganz genau was denn die Bedürfnisse eines Esels sind und wie der behandelt werden möchte – völlig konzentriert hängt die Zukunft Mauretaniens an seinen Lippen. Schön! Wir haben auch einiges an Spielzeug mitgebracht, welches wir nun zu verteilen beginnen. Es ist unvorstellbar, wie viel Freude selbst das kleinste Stofftierchen  für jemanden bedeuten kann, der/die ansonsten so gar nichts besitzt… Auch unsere abgehärteten Männer drehen sich kurz zur Seite, um nur ja nicht den wässrigen Anschein von Berührtheit in ihren Augen erkennen zu geben 🙂

Überhaupt, wir haben es schon in Teil 1 erwähnt, eines der Hauptaugenmerke dieses Einsatzes lag dann auch in der Sensibilisierung. Verschiedene Maßnahmen dazu haben wir bereits erläutert, aber die allereinfachsten, nämlich jene, welche auf bloßen Nachahmungseffekt zielen, darüber haben wir noch nicht gesprochen! Dr. Facharani zum Beispiel lebt seine Einstellung vor, indem er immer wieder Karotten (für unsere deutschen LeserInnen: Möhren :)) einkauft und an die Eselchen verfüttert (auch hier zeigt sich ein kleiner Fortschritt des Projektes; taten wir dies in Vergangenheit, man fand kaum einen Esel der mit dem Gemüse etwas anzufangen wusste – noch nie hatten sie Derartiges gereicht bekommen! Doch nun, bei weitem nicht jeder, aber doch einige, greifen die Tiere mehr und mehr gerne zu…)! Oder als wir an jener Wasserstelle arbeiten, wo der Zugang nur über ein kleines Gefälle erreichbar ist – das Gefälle muss dann in rückwärtiger Richtung natürlich auch wieder erklommen werden, noch dazu mit der aufgeladenen Fracht von einigen hundert Litern Wasser, und so lange wir dort waren ging kaum ein Esel vorbei, wo nicht Dr. Facharani mit aller Kraft den Wagen mithalf nach oben zu schieben…
 
Sooo viele Geschenke hatten wir mitgebracht – hunderte Warnwesten, Kappen, Sonnenbrillen, Hüte, Taschenwerkzeug, T-Shirts und vieles, vieles mehr! Manche dieser Dinge können Leben retten – so zum Beispiel bedeuten neonfarbene, reflektierende Warnwesten eine in ihrem Umfang nicht hoch genug einzuschätzende Reduktion des Nicht-Gesehen-Werden-Risikos bei Fahrten im Dunkeln! Einen großen Teil dieser Bekleidungsstücke hatten wir dann von der Salzburger Vida-Gewerkschaft (www.vida.at) zum Verteilen mitbekommen (herzlichsten Dank nochmals von dieser Stelle, solche Gaben können tatsächlich den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten…), ebenso wunderschöne rote Kappen mit reflektierenden Streifen. Natürlich versuchen wir auch beim Verteilen von Geschenken ein Zeichen zu setzen: so bekommen grundsätzlich nur Eselkarren-Lenker eines der begehrten Mitbringsel, deren Tiere in bestmöglichem Zustand – heißt möglichst Verletzungsfrei – sind (völlig unverletzt ist natürlich der absolute Idealzustand, doch sehr schwer zu erreichen; selbst bei bester Behandlung gibt es diverseste andere Gefahrenquellen, auf welche der Eselhalter wenig Einfluss hat; spitze, scharfkantige Gegenstände im Sand, irgend ein Seil, irgend ein Riemen, irgend ein Gestänge dass aus verschiedensten Gründen über Minuten hinweg Eselhaut streift und aufwetzt, Biss- oder Trittwunden durch andere Esel,…).
Auch die Wasserstellenchefs, jene Männer also, die die Entnahmestelle gemietet haben und nun an die Haratines (die ethische Gruppe, zu welcher die allermeisten Eselhalter zugehörig sind) das Wasser verkaufen, wissen genau, welche ihrer Kunden eine solche Auszeichnung wirklich verdient haben – und da gibt es einige! Für uns besonders berührend: etwa ein Zwillingsbruder-Pärchen, junge Menschen, welche unsere Radiowerbungen aufmerksam gelauscht und sich daraufhin den Koran verinnerlicht haben. Die Beiden wurden im Heiligen Buch fündig, und jetzt zitieren sie den ganzen Tag über diesbezügliche Stellen, Allah’s Anweisungen, Tiere gut zu behandeln! Wer wenn nicht sie hätte sich das Überreichen von Auszeichnungen verdient????
 
Die Entwurmung möglichst vieler Esel soll seit jeher eines meiner Hauptaufgabengebiete beim Einsatz sein. Mit Dr. Facharani als geduldigem Lehrmeister ist es mir aber auch möglich, langsam tiefer in die medizinsiche Behandlung einzutauchen, was mich persönlich mit großem Stolz und großer Dankbarkeit erfüllt!

Mitten unter der Arbeit mit dem Team kommt plötzlich ein aufgeregter Mann und fragt uns ob wir denn nicht mit ihm mitkommen könnten; er habe einen Esel unweit von hier gesehen, einen Esel, der wohl unter ärgeren gesundheitlichen Problemen leiden würde; keine Frage, Dr. Facharani und ich packen einige der wichtigsten Medikamente zusammen und schon führt uns der Weg über staubige Pfade, hindurch großer Menschenansammlungen. Dann sind wir angekommen; auf einem kleinen, hinter Müllfässern versteckten Platz liegt das arme Tier, nur wenige Schritte vom sich über die Stadt ergießenden Verkehr entfernt.


Nur wenige Schritte, aber dennoch in einem Vakuum, abgeschieden vom Rest der Welt; zurückgezogen um zu Sterben, chancenlos gebrochen vom Leben. Tatsächlich wird uns das Ausmaß der Verletzung im ersten Moment gar nicht so bewusst, der Esel in sich gekehrt, zusammengerollt wie ein kleines Kätzchen, fast friedlich. Doch Friede ist es nicht, der diesen Platz beherrscht: der aufgeregte junge Mann – allein ist es schön, dass er auf das Schicksal des Esels überhaupt aufmerksam geworden ist, in einer Welt, welche all das Leid zu gerne geschlossen übersieht – übersehen muss, vielleicht um nicht als Gesamtes daran zu zerbrechen – versucht den Esel zum Aufstehen zu bewegen, und da offenbart sich die ganze Tragik im Moment des Wimpernschlages: das linke vordere Bein des Armen ist gebrochen, bestimmt an mehreren Stellen, und der Bruch wurde äußerst unsachgemäß versucht zu schienen. Welche Schmerzen die Prozedur wohl verursacht hat, darüber wagt man kaum nachzudenken. Gebracht hat’s nichts, außer furchtbares Leid für das arme Tier. Und die Diagnose des Dr. Facharani ist noch viel erschütternder – keine Überlebenschance, der Bruch viel zu hoch oben am Bein, er meint, selbst in Europa wäre eine solche Verletzung das sichere Todesurteil für den Esel. Wir können nichts tun, und irgendwie beschämt wenden wir fast automatisch den Blick ab von den inzwischen zahlreich versammelten Menschen, welchen allesamt die Enttäuschung und das Mitleid tief ins Gesicht geschrieben steht. Keine Chance, die Diagnose hämmert im Gehirn nach, findet gar nicht richtig Platz, so als ob das Hin- und Herschieben des Gedankens irgend etwas an der so klaren Aussage ändern würde können. Ja, dies ist ein hartes Land, und selbst seine Seele scheint zuweilen zu Stein erstarrt; aber allein die erwiesene Anteilnahme der Menschen um uns lässt einen kleinen Hoffnungsschimmer, einen Sonnenstrahl am düsteren Firmament, für Augenblicke erstrahlen; wirklich Tröstliches allerdings birgt in einem solch bitteren Augenblick selbst diese Einsicht nicht in sich, vielmehr lässt sie uns wie gelähmt und völlig desillusioniert zurück.
Erneut offenbart sich ein alltägliches Problem; wir dürfen nicht eine erlösende Spritze setzen, der Eselhalter ist nicht zugegen und Nouakchott ist trotz der Millionenanzahl seiner BewohnerInnen immer das alte Tuareg-Dorf geblieben, wo jede Nachricht wie von Geisterhand blitzschnell durch die Gassen getragen wird. Es würde nicht lange dauern, würden Gerüchte von Weißen, welche gekommen waren um Esel zu töten, die Runde machen, und nebenbei würden uns unweigerlich folgende Kompensationsforderungen wohl sehr schnell in den finanziellen Ruin treiben. Die schwerwiegenste Folge: niemand würde mehr seine Esel bei uns behandeln zu lassen, im Gegenteil, die Menschen würden uns und alles was RespekTiere repräsentiert vorbehaltlos meiden, auf alle Zeiten. All unsere Arbeit, all unser Tun und alle Bemühungen könnten so mit einem Schlag vernichtet werden, und deshalb muss nach anderen Möglichkeiten gesucht werden um Sterbenshilfe zu gewähren.
Unser Dr. Dieng wird den Eselhalter ausfindig machen, wie gesagt, Nouakchott ist ein Dorf, und während Sie diese Zeilen lesen hat der arme Esel längst die Regenbogenbrücke überquert und ist eingekehrt ins Tal des immerwährenden Friedens. Sein Leben war geprägt von Gewalt und Hoffnungslosigkeit, aber der Tod war als Freund bei ihm erschienen und hat ihn sanft hinüber geführt in eine Welt, wo ‚Mensch’ keine Regeln bestimmt…


RespekTiere betreibt in Nouakchott, Sie erinnern sich bestimmt, auch in ‚Projekt im Projekt‘; indem wir nämlich Halfter und Wundauflagen für die Esel von Frauen aus einem Armenviertel nähen lassen, können wir dort mehreren Familien ein kleines Einkommen bieten. Und den Eseln ist gar wunderbar geholfen! Wer ab nun Zügel in der Hand hat, hat keine frei zum Schlagen, und die Wundauflagen, gefertigt nach dem Muster der wunderbaren Hufschmiedin Irmi Forsthuber, sind sowieso nicht aus der Abheilung wegzudenken, halten sie doch das Gewicht der Last von den fast immer präsenten Rückenwunden möglichst fern (siehe unten, Foto 1)!
Bitte helfen Sie uns helfen! Für ca. 10 Euro können wir 4 Halfter, für 12 Euro drei Wundauflagen nähen lassen!!!
 
Sie erinnern sich vielleicht noch an Silvia Reiter, jene hochbegabte Biologin, welche vor einigen Jahren mehrere Monate für die RespekTiere-Klink gearbeitet hat. Silvia konnte damals enorm wichtige Daten zum Medikamentenge- und verbrauch sammeln und Grundlagen für die beginnende Hufbehandlung schaffen.
Nach ihrem Einsatz für RespekTiere blieb sie im Land, hatte eine Anstellung im Entwicklungshilfebereich gefunden. Nun, genau zu unserer jetzigen Ankunft fand sie auf der Straße zwei wunderhübsche Hundewelpen, beide waren mit ihren Pfoten irgend wie in Batteriesäure geraten; die Verletzungen sollten furchtbar sein – während bei einem der Brüder jedoch der betroffene Fuß gerettet werden konnte, sollte sich die Angelegenheit bei dem anderen als weit schlimmer noch herausstellen; an einer Amputation am unteren Fußgelenk war nicht herumzukommen… Silvia, inzwischen auch als Tierärztin sehr versiert, hat bei sich zu Hause eine kleine Apotheke für Notfälle eingerichtet. Das meiste an für die OP notwendigen Medikamenten sollte so vorhanden sein, den Rest – und vor allem seine unglaublichen Fähigkeiten – brachte Dr. Facharani mit. So kam es, dass wir an einem frühen Abend zu dritt um den bereits entschlafenen Welpen standen, ich mit einer Taschenlampe für das nötige Licht sorgend, Dr. Facharani und Silvia mit Skalpell und Nahtmaterial bewaffnet – der Eingriff konnte beginnen. Obwohl der Fuß des Kleinen noch winzig ist, für jemanden, der/die solche Eingriffe nicht als allererste Berufswahl angelegt hat, nötigt eine derartige Operation ungeahnte Gefühlsausbrüche ab. Fragen wie ‚wie wird der Kleine das Ganze wohl verkraften?’, ‚wird er den kürzeren Fuß noch verwenden können?’, ‚blutet das jetzt nicht doch ein bisschen zu stark?’, oder ‚ist diese flache Atmung normal?’ beginnen das Gehirn zu martern, Fragen, die aber auch mithelfen vom Gesehenen selbst abzulenken; denn unweigerlich breitet sich ein Sinnesreiz nach Ohnmacht aus, Ohnmacht gegenüber dem so allgegenwärtigem Tierleid, der Ungewissheit, wie denn dieses Tierkind sein zukünftiges Leben wird bestreiten können, aber auch der eigenen Empfindung angelehnt; es ist ein schmerzlicher Anblick, ein herzzerreißender, und einer der Übelkeit hervorruft, wenn Haut und Fettschichten durchtrennt, Adern abgeklemmt, Knochen geschabt, Gelenke durchschnitten werden. Ich möchte Sie nicht weiter quälen, jedenfalls benötigte ich während der OP einen Augenblick der Auszeit, wo kaltes Wasser die flirrenden Lebensgeister erneut weckt, den Kreislauf wieder stabilisiert und das Bewusstsein konzentriert – als Dr. Facharani die ersten Stiche zur Vernähung setzt, kann er ganz bestimmt mein Durchatmen auf Grund des von mir so herbeigesehnten Operationsendes hören!
 

Langsam leitet Dr. Facharani nun die Aufwachphase ein. Der Kleine hat alles gut überstanden und soll schon am nächsten Tag wieder mit seinem Brücherchen spielen. Silvia wird ein zu Hause für ihn finden, er wird trotz seiner Behinderung ein fröhliches und hundegerechtes Leben führen können; ganz im Gegensatz zu den tausenden seiner ArtgenossInnen auf Nouakchott’s Straßen. Diese Zukunftsaussicht lässt den Schmerz ob der verlorenen Gliedmaße wenigstens ein kleines bisschen besser ertragen!
 
Apropos ‚ArtgenossInnen’; am letzten Tag unserer Reise entdecken wir am Straßenrand ein kleines Hunderudel – inmitten ein Jungtier, mit einer offensichtlichen Verletzung am Vorderfuß! Wir halten den Wagen, vielleicht können wir helfen? Aber einmal mehr werden wir jäh mit den unfassbaren Herausforderungen konfrontiert, welche sich am medizinischen Sektor allein aufgrund der widrigen Umstände in diesem Land tagtäglich bieten – die Pfote wirkt auf zweidrittel der Masse wie weggeätzt, Knochensplitter und Maden sind in der infizierten Wunde erkennbar; der Fuß ist auf das doppelte der Normalgröße angeschwollen und muss dem Armen nicht vorstellbare Schmerzen bereiten. Dennoch, mit der nur den Tieren eigenen Selbstbeherrschung und Ruhe, liegt er dort im Wüstensand, ganz so, als ob er bloß eine halbe Stunde in Frieden rasten wolle…
Leider bleibt uns nicht mehr die Zeit um den unabwendbaren Eingriff noch selbst durchzuführen (der muss gemacht werden, und zwar so schnell als möglich; jeder Tag der Verzögerung birgt das Risiko eines weiteren Infektes, einer Blutvergiftung in sich, und auch der Fäulnisprozess wird wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen – was dann einem nicht mehr zu verhindernden Todesurteil gleichkommen würde) – so knapp nun vor dem Nachhause-Flug. Wir notieren deshalb die Adresse, machen Bilder; Dr. Dieng und Silvia werden sich des Patienten annehmen (der arme Hund ist nun längst operiert und wir hoffen vom ganzen Herzen er wird ebenfalls ein echtes zu Hause finden)!
 
Auch ein Besuch bei SPANA steht an; SPANA (Society for the Protection of Animals Abroad) ist neben uns die einzige Tierschutzorganisation im Lande, welche sich für die Esel einsetzt. Ähnlich wie RespekTiere betreibt der aus Britannien stammende Verein eine mobile Klinik, im Gegensatz zu uns verfügt Spana aber auch über einen fixen Standort zur Behandlung. Schon öfters haben wir das wunderschöne Zentrum besucht, und neben dem Versorgen verletzter Tiere wird dort auch Tierschutzunterricht betrieben. In Fakt kommen zweimal wöchentlich Schulklassen vorbei, die dann von einem ausgebildeten Lehrer in die Grundlagen der Biologie und des Tierschutzes eingewiesen werden. Wieder durften wir einem solchen Unterricht beiwohnen, und so etwas, ich sage es aus tiefster Seele, ist mehr als nur herzerwärmend. Instinktiv spürt man, genau dies ist der Weg um jungen Menschen die Notwendigkeit des ethischen Umganges mit den Mitgeschöpfen zu lehren, sie dafür zu begeistern! Und wie die Kinder mitmachen – ich muss mich wiederholen, es ist eine echte Freude – und mehr als nur ein Hoffnungsschimmer für einen Flecken unseren Planeten, wo ‚Tierschutz’ eine noch ganz zarte Pflanze ist, ausgesetzt einer fokussierten Umwelt, die mit Armut und Menschenleid so schwer beschäftigt ist, dass sie auf unsere tierlichen Mitgeschöpfe nur all zu oft vergisst…

 

 

Immer wieder fragen mich Menschen wie man denn damit umgehen kann wenn man so viele Grausamkeiten gegen Tiere bezeugen muss.

Früher habe ich auf eine solche Frage immer mit voller Inbrunst geantwortet, die wunderschönen Ereignisse, die Erfolge, welche unser Beruf dem Himmel sei Dank ebenfalls mit sich bringt, würden die negativen Seiten mehr als aufwiegen; man muss sich, so wurde ich nie müde zu verkünden, eines neues Denkens annehmen, wo man selbst an kleinen Erfolgen aufbaut und Rückschlägen oder Verbrechen gegen die Tierseele nicht den Platz einräumt, welchen solche Geschehnisse gern für sich beanspruchen – die Gefahr ist anders viel zu groß, dass uns solch negative Gefühlsregungen schließlich in ein Tal der Tränen stürzten, sich an der Lebensfreude nähren, Perspektiven verschieben, den Blick auf das Schöne und Gute trüben – und letztendlich verändern, uns zu jenen machen, von welchen es ohnehin mehr als genug gibt, die vor lauter ‚so böse ist die Welt’ gar nicht mehr fähig sind das Gute zu markieren, geschweige denn zu forcieren.

Nun, je älter ich werde, desto weniger kann ich die eigene Aussage in ihrem gänzlichen Kontext unterschreiben; was ist nämlich, so frage ich mich zunehmend, wenn beide Gefühlsregungen letztendlich getrennt voneinander abgerechnet werden, wenn beide Empfindungen in jeweils ein Glas des Geistes gefüllt werden, so lange, bis dieses schließlich überläuft? Wenn sich zwar Glückgefühle ergießen, Körper und Geist erfreuen, aber zur selben Zeit eben auch das letztere Gefäß irgendwann übergeht, und all die verdrängten Erinnerungen als Gesamtes wachgerufen, die Seele überschwemmen werden? Wie wird man mit solch einer Situation umgehen? Die Zukunft wird es weisen, aber eine gewisse Angst begleitet die Gewissheit, sich selbst eines Tages eine klare Antwort auf derartige Fragen geben zu müssen .

Fotos: erste Reihe – auch das Eselbaby will entwurmt sein; Verlagerung des ‚Arzttisches‘ in den Schatten; Reihe 2: es ist nicht immer einfach Esel zu behandeln; Vorsicht ist in jedem Falle geboten! Reihe 3: ein Abszess muss geöffnet werden, Blut und Eiter schießt im hohen Bogen aus der Wunde…
 
Nouakchott hat sich wieder verändert; die Stadt ist drauf und dran ein moderneres, ein internationaleres Gesicht zu bekommen, zumindest an seinen Flanierspots. Der Fortschritt macht auch vor der größten Metropole in der Sahara nicht halt, und so – nun kurz vor den Präsidentenwahlen (als ob dieser so etwas überhaupt nötig hätte, denn nicht nur ein Schelm wagt zu behaupten, dass die Militärregierung die Grenzen zur Diktatur ständig neu auslotet…) – erinnert die Millionenstadt mehr denn je an den berühmten Ameisenhaufen. Überall regt sich Leben, Anonymität verspricht alleine die Masse, und der Kontrast nährt ständig die Wurzel des Übels; denn anstelle Geld in die von schier unfassbarer Armut geprägten Kebbas (Vorstadtviertel; wörtlich: Müllkippe…) zu investieren, baut man viel lieber an  Präsident Mohamed Ould Abdel Aziz Ego, indem man kilometerlange Straßen in Prunk zu tauchen versucht (allerdings, aller Glanz verliert sich dann schon zwei, drei Meter neben diesen, wenn man wieder brutal und unverhohlen mit der Wirklichkeit eines der ärmsten Ländern der Welt konfrontiert wird) – tausend neue Straßenlaternen stehen da, elendshoch wie der Turm zu Babel, modern mit Solarenergie versorgt, und an neuen Gebäuden wird entlang der ‚Champs Elysees’ Nouakchotts getüftelt.
 

Aber auch das – und noch unendlich viel schlimmer – ist Nouakchott:
   
   
   

Auch bisher unbekannte Bordsteine werden großflächig errichtet, doch selbst in diesem Begehren enttarnt sich Mauretanien’s zerrissene Seele: denn tatsächlich baut man sie unglaublich hoch, manchmal 30 und 40 cm, und immer nur für ein Haus oder wenige Häuser; was bedeutet, man muss – will man auf diesen entlang wandern – ständig auf- und absteigen; ein Faktum, welches sogar für gesunde, aber wie dann erst für behinderte Menschen eine nicht zu bewältigende Aufgabe darstellt. Rollstuhlfahrer zum Beispiel bleibt allein der Weg auf der Strasse, und dort offenbart sich Afrikas ganz große Tragödie! Denn die wenigen Verkehrswege, selbst die Hauptstadt verfügt nur über ein an einer Hand abzuzählende asphaltierte Routen, der Rest sind Sandpisten und vom immer wiederkehrenden Hochwasser fast zur Unpassierbarkeit ausgespülten Rampen, sind so gottverdammt überfüllt, dass es westliche BeobachterInnen jeden Tag auf ein Neues mit Staunen erfüllt, wie denn unter solchen Umständen der Verkehr überhaupt noch funktionieren kann! Gnadenlos überlastete Straßen, selbst die ‚Bankette’ längst zur dritten, vierten oder fünften Fahrspur genutzt, mitten drinnen immer wieder hoffnungslos überforderte PolizistInnen, die bloß den Anschein erwecken im Versuch hier hilfreich einzugreifen. In Wahrheit nämlich agiert jede/r VerkehrsteilnehmerIn scheinbar nach eigenen Interessen, und selbst die wenigen Ampeln in der Stadt sind nicht mehr als bloße Tarnung…
 
Vielleicht haben sie es bemerkt, wir haben ‚Hochwasser’ erwähnt; wie bitte, werden Sie nun nicht unberechtigt fragen, verirren sich Wassermassen in einen der trockensten Landstriche des Planeten? Und tatsächlich, es ist eine Ironie des Schicksals, stellt genau jenes Naturereignis eines der größten Probleme der Hauptstadt dar; selbst anerkannteste Magazine wie der deutsche ‚Spiegel’ wissen zu berichten, Nouakchott drängt einem Inferno entgegen, einer Katastrophe nicht gekannten Ausmaßes. Der Grund: die Metropole verfügt über völlig unzureichende Abwasser- und Abflusssysteme, dazu liegt die Stadt zu einem nicht unbeachtlichen Teil unter dem Meeresspiegel. Die einst schützenden Dünen wurden und werden von der lokalen Bauindustrie abgebaut und die ungezügelte Entnahme vom Grund-Süßwasser ließ zudem den Salzwassergrundspiegel drastisch ansteigen. Das Vakuum füllt sich nämlich zusehend mit Meerwasser und dieses drängt immer weiter nach oben. Schätzungen zufolge könnten deshalb schon in 10 Jahren bis zu 80 % der Stadt unter (Salz-)Wasser stehen, ab 2050 könnte Nouakchott als Metropole überhaupt gänzlich von den Landkarten verschwunden sein… Eine Wüstenstadt, eine Metropole in der Sahara, welche ihrerseits eines der größten und heißesten Trockengebiete der Erde darstellt, droht an seiner eigenen hochschraubenden Existenz und zügellosen Entwicklung zu ertrinken; unweigerlich werden da wohl Erinnerungen an den Turmbau zu Babel wach…

Verlässt man die Innenstadtviertel mit ihren Botschaften und immergrünen Präsidentenpalästen, erkennt man recht schnell: in Wahrheit ist der momentane Fortschritt auch nur einer der reicheren Elemente der Gesellschaft, und gehört man nicht zu diesen, dann ist das Dasein in Nouakchott trist wie eh und je. Gestank, Abfall, von den Elementen zerfressene Gebäude, Slums mit tausenden Bretterbuden, beherrscht von bitterster Armut und ummantelt von auf Müllhalden gefundenen PVC- und Metallteilen, Tiere, die verzweifelt nach ein bisschen Nahrung suchen, all das bot die Hauptstadt seit ihres Bestehens, und je älter sie wird, desto deutlicher hinterlässt die Hässlichkeit ihre Spuren.
Fotos: Esel überall inmitten eines berstenden Verkehrs…

Sei es wie es sei; Fakt ist: ‚Die Tiere benötigen dringenst Hilfe, und nicht nur in Mauretanien, nein, überall in der Welt harren sie unseres Einsatzes. Sie brauchen dabei aber so ganz und gar nicht unser Mitleid, unsere Wut, unseren Hass, unsere Eitelkeit und Eifersüchteleien, unsere wortreichen Diskussion, und schon gar nicht unsere diversesten Ausreden – nein, vielmehr ist ihnen nach unsere Kraft, unserem Ehrgeiz, unserer Überwindung, der uns alle innewohnenden Power zumute; ja, sie brauchen unseren Schweiß, unsere bedingungslose Hingabe, die zu geben allerdings ab und dann mal wirklich schmerzt, die aber immer wieder Grenzen überwinden lässt, von welchen wir gar nicht geahnt hätten, dass diese überhaupt bezwungen werden könnten. Die unseren Geist auf die Probe zu stellen vermag, unser Durchhaltevermögen, tatsächlich Dinge von uns abverlangt, die wir glaubten nicht tun zu können – doch die Wahrheit ist: wir können alles, alles, alles tun und schaffen; wenn wir nur wirklich, aus tiefstem Herzen, ES UNS WÜNSCHEN!!!!’

   
 
Im Zuge unseres Einsatzes in der Hauptstadt führten wir dann nicht nur lange Gespräche mit unserer Mannschaft selbst, auch Behördengänge waren wieder angesagt. Immer noch wird die Möglichkeit eines Tollwutprogrammes ausgelotet, und auch einen Anwalt haben wir besucht; es ging dabei um die Möglichkeit als AusländerInnen Land in Mauretanien zu kaufen – die Idee eines Tierschutz-Zentrums lässt uns weiterhin nicht los. Apropos: auch ein Gespräch mit dem zuständigen Ministerium war angesagt: die nötige Lizenz für eine künftige Eselklinik an einem fixen Standtort ist eingereicht!
 
Wer jemals in Mauretanien war, kann nachvollziehen, wie großartig sich Österreich anfühlt wenn man wieder zu Hause ankommt. Ich kann Ihnen sagen, es ist jedes Mal das gleiche Wirrwarr von Empfindungen – und völlig egal, wie viel Besitz man sein Eigen nennt – man fühlt sich in den eigenen vier Wänden plötzlich unfassbar reich; wie viele Dinge hat man angesammelt, angefangen vom Regal mit den Dutzend DVD’s, ein Fernseher, ein Computer, ein Telefon, ja, die Kaffeemaschine, der Schrank voller Kleidung, verschiedenste Jacken im Vorzimmer, einige paar Schuhe sind dort fein säuberlich aneinandergereiht; vergessen wir nicht, es gibt einen Kühlschrank, meist voller Lebensmittel, wir besitzen Fotoalben, Erinnerungen gesammelt in Kisten, und diese vielen, vielen Bücher. Jenes wundervolle Gefäß für das Räucherwerkzeug springt ins Auge, die Liegen für den vierbeinigen Liebling, hey, was habe ich doch für eine tolle Kamera! Und mein Bad erst; angefangen von der Augensalbe bis hin zur Zahnpasta, es ist alles da! Draußen parkt ein Auto, unvorstellbar für einen Großteil der Menschheit außerhalb der ‚Insel Mitteleuropa’, ausgenommen vielleicht noch der USA und Kanada, bereits mit großen Abstrichen in Resteuropa. Nie werden solche Tatsachen bewusster als nach der Rückkehr aus einem Land, wo die Menschen tagtäglich ums Überleben kämpfen; wo niemand da ist, der ein soziales Netz knüpft, wo jegliche Erkrankung das Pendel des Schicksals ausschlagen lässt – und zwar mit voller Wucht gegen das Dasein selbst! Wie privilegiert sind wir eigentlich – und wie dankbar dafür???
Hinter sich gelassen all das Leid, das Furchtbare, den Müll und die Niedergeschlagenheit; dennoch: Mauretanien schafft es einen Funken zu entfachen, der sich im Innersten einnistet und dort weiterglüht, ‚Mensch’ nicht mehr loslässt. Ist es die Einfachheit des Lebens, die Gelassenheit, ist es das Bewusstsein, welches nun immerfort die Möglichkeit auslotet wie denn man am Besten in Zukunft wird helfen können? Bei all dem Wahnsinn, der dort tagtäglich passiert, versprüht das Land nämlich ganz gewiss einen Zauber, einen Zauber, der den/die BesucherIn verändert, nichts mehr so belässt wie es zuvor war. So werden wir wohl noch viele, viele Jahre vor Ort sein, und nur eine totalste politische Eskalation mit einer Machtübernahme radikal islamistischer Kräfte könnte das vielleicht verhindern; und selbst dann, sie kennen uns, würden wir das Möglichstes unternehmen, um unsere so wichtige Arbeit vor Ort weiterführen zu können. Dem Himmel sei Dank ist man aber von einem solchen Szenarium ohnehin weit entfernt, im Gegenteil sogar, westliche Einflüsse sind allgegenwärtig und meiner Meinung nach verstärken sie sich. Wir werden, und das versprechen wir nochmals, genau so lange in Mauretanien verweilen, so lange die Esel uns dort brauchen – und das, so fürchte ich, wird noch sehr viel Zeit in Anspruch nehmen…

Wie aber auch immer, wir sind bisher einen weiten Weg gegangen, und die Früchte dieser Arbeit sind unverkennbar – Sie werden es erleben, wie selbst in einem fernen afrikanischen Land die Saat des Tierschutzgedankens aufgehen und wie die wachsende Pflanze sich an jahrhundertealten Traditionen und Mentalitäten emporranken wird; die Zukunft der Esel in Mauretanien wird auch für die Tiere äußerst gute Elemente beinhalten , und wir dürfen nicht aufhören davon überzeugt zu sein. Die armen Tiere haben niemanden außer uns, und geben wir nach, ist ihre Misere eine prolongierte. Mit Ihrer Hilfe aber, und diese Feststellung passiert aus innerster Überzeugung, werden wir die Beziehung ‚Mensch-Tier’, deren Trennlinie ohnehin eine nur für uns sichtbare ist, und dann nur weil wir jene imaginäre Grenze selbst geschaffen und in unserem Geiste zugelassen haben, im fernen Mauretanien auf eine neue Ebene heben, eine Ära einläuten, welche noch vor wenigen Jahren als hoffnungslose Option abgetan worden wäre –
Inshalla, so Gott will!!!

 

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