Bulgarieneinsatz – Teil 2

Der Einsatz, Teil 2!
Wir durchsuchen die Umgebung des ‚Klinik‘-Gebäudes nach weiteren Straßenhunden; schon beim letzten Projekt hatten wir auf diesen Streifzügen eine Ruine entdeckt, einen gottverlassenen Ort, wo die an notorischer Beschäftigungsnot leidenden Kinder aus den so typischen, völlig charmelos errichteten Ost-Plattenbauten unten am kleinen Fluss gerne von ihren Hundemüttern entwendete Welpen hinbringen, dann eine Zeitlang mit diesen spielen, und sie später einfach in den verfallenden Gebäuden zurücklassen, hilflos ausgesetzt ohne jeglichen Schutz. Vielleicht erinnern Sie sich, bei der vorletzten Kampagne fanden wir genau dort dann auch ein noch blindes Hundebaby, welches wir über mehrere Tage hinweg 2-stündig mit der Flasche fütterten, so lange, bis wir letztendlich, nur durch großen Zufall, die Mutter samt seinen Geschwisterchen fanden.
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Heute entdecken wir in jenem Umfeld noch Schrecklicheres; ein kleiner Erdhaufen, mit Asche darauf, erweckt unsere Aufmerksamkeit. Irgendwie stören die Konturen, wirkt das Gebilde unförmig; wir stochern mit kleinen Ästen – und zum Vorschein kommen Hundeleichen, mindestens zwei; sofort geben wir jegliche Untersuchung auf, wohl aus Angst vor weiteren möglichen Funden, welche die Seele zusätzlich belasten würden – warum sollten wir uns noch mehr quälen? Offensichtlich hatte hier das Spielen mit den Hundebabys nicht mehr gereicht, die Tierkinder wurden, von wem auch immer, zugeschüttet, erstickt und zu Guter Letzt versucht zu verbrennen…
Ein Welpe findet sich in einem Wasserschacht; wie er dort reingekommen ist, wissen wir nicht, ob von selbst gefallen oder gestoßen. Jedenfalls gelingt es uns den Kleinen zu retten, und allein dieser Fakt macht die gesamte Kampagne – abgesehen von allem was auch immer noch folgen wird – wohl schon jetzt zum Erfolg. Wären wir nicht hier gewesen, er wäre jämmerlich verhungert und verdurstet….
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Fotos by Anja: Emo birgt einen süßen Welpen aus einem Schacht!

Fotos unten, Reihe 1: Emo, der zielsicherste Schütze! Reihe 2: Rumi bei der Fellpflege der ‚Großen‘; rechts: oft war die Zeit so eng bemessen, dass Marieta und Didi gemeinsam nebeneinander operieren mussten! Reihe 3: herrliche vegane Snacks begleiteten die OP-Woche! rechts: Ohrenmarken-Setzen, ein wichtiger, wenn auch unangenehm auszuführender  Bestandteil der Arbeit (es kostet doch Einiges an Übewindung die spitzen Plastikteile durch das Ohr hindurch zu drücken)!
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Am Abend sitzen wir länger als sonst zusammen; die Müdigkeit ist nach einigen Tagen Kampagne eine bleierne, eine physisch belastende; allein, die körperlichen Abnützungserscheinungen bedeuten nichts im Vergleich zu jenen auf der Seele, denn dort zeigen die Ereignisse wie erwartet noch stärkere Wirkung. So versuchen wir uns mit nicht immer tiefsinnigen Gesprächen wohl gegenseitig Mut zu machen; Hauptsache Unterhaltung, Hauptsache, die Konfrontation mit der Stille, mit sich selbst, wird noch ein bisschen ausgesetzt, entfliehen kann man ihr aber sowieso nicht. Es soll heute lange nach Mitternacht sein, bis wir – ich glaube ich kann an dieser Stelle für uns alle sprechen – in einen traumlosen und unruhigen Schlaf fallen.
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Foto: ein/e Straßenhund/hündin sucht nach Esbarem, ungeachtet dessen, dass ein Mann neben ihm/ihr seinen Müll entleert…

Früh am nächsten Morgen sind wir dann schon wieder im Feldlazarett. Heute gilt es die gestern in der nahen Kommune gefangene Hündin in ihr Revier zurückzubringen. Etwas mulmig ist uns bei dem Gedanken, bedeutet dies doch die Möglichkeit einer erneuten Konfrontation im ‚Dorf des Zornes‘ – zum Einen befindet sich jener Ort doch in der unmittelbaren Nachbarschaft des missmutigen Bauern, der seine Hunde fast verhungern lässt, und zum Anderen des so rabiaten Mannes nur wenige Häuserblocks entfernt, am Ende der Straße in einer sprichwörtlichen Sackgasse des Lebens. Es hilft aber alles nichts, wir müssen Erstgenannten sowieso, möglichst ohne ihn zu verärgern, nahelagen seine Tiere in Zukunft anders zu behandeln. Von gewisser Vorahnung geplagt ist der Weg ein von trüben Gedanken begleiteter, ein solcher, der die Kraft inne hat, den Blick auf eine am Fenster vorbeifliegende wunderbare Natur gänzlich zu verstellen.  


Es kommt schließlich wie es kommen musste – das geplante Gespräch läuft schnell aus dem Ruder und endet in gegenseitigen Vorwürfen, in Worten, die wie Geschosse aus dem Mund schießen und genau wie echte Patronen verletzen können. Letztendlich eskaliert der Streit, völlig unnötig und entgegen unseren Plänen, aber bei Gott nicht unvorhersehbar. Tatsächlich ist es nämlich so, dass die gewählte Vorgehensweise wohl von Anfang an die falsche war – wir sind gut 10 Leute, eine solche Abordnung von Menschen, noch dazu gezeichnet von den physischen und psychischen Strapazen einer kräftezehrenden Kampagne, im Zusammenprall mit jemanden in alten Anschauungen gefangenen, der von genau diesen der Tierquälerei bezichtigt wird, ist eine höchst explosive Mischung von Emotionen. Letztendlich verweist uns der Landwirt von seinem Grundstück, er möchte nichts mehr mit uns zu tun haben; wie immer in solchen Fällen, nicht anders als es in Österreich oder sonst wo passiert wäre, verdeutlicht er, er würde seinen Tiere schon seit Jahrzehnten auf diese Art und Weise halten, und nie hätte sich wer daran gestoßen; jetzt würden wir daherkommen, und gerade wir würden ihm ganz sicher nicht vorschreiben können, wie er seine Angelegenheiten zu erledigen hätte.
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Der Ausgang ist ein doppelt schlimmer; der Landwirt vorenthält er uns nun nämlich sämtliche seiner weiteren HündInnen, welche er ansonsten zur Kastration (und damit zur künftigen Verringerung von Tierleid) mitgegeben hätte, zudem sind wir hier in einem fremden Land, sollten uns tunlichst an unsere Aufgaben halten und nicht in (im Moment) sinnlosen Palavern wertvollste Zeit zur Behauptung gänzlich gegensätzlicher Standpunkte verschwenden – für unsere Wünsche ist die Zeit hier so was von noch nicht reif, und diesen Fakt unakzeptiert zu halten, damit ist niemanden geholfen; Schuldzuweisungen sind unsere Sache nicht, sondern allein der Erfolg der Kampagne muss im Vordergrund stehen! Deshalb belastet uns der Ausgang der Situation im Moment sehr, aber sich nun den Kopf über den Verlauf zu zerbrechen nützt wohl nichts; es gibt nur eine Möglichkeit: wir werden die wachgerüttelten Emotionen erst Mal abkühlen lassen, und vielleicht in den nächsten Tagen erneut ein Gespräch suchen, dann in hoffentlich nicht aufgeladener Atmosphäre.
 
Die Gelegenheit dazu soll sich aber sogar viel schneller als erwartet ergeben – am nächsten Tag schon, unsere deutschen FreundInnen sind am frühen Morgen abgereist (wir bedanken uns an dieser Stelle nochmals vom ganzen Herzen für die unentbehrliche Mithilfe!!!) bringen wir eine weitere Hündin aus der Nachbarschaft zurück. Kaum erreichen wir den kleinen Parkplatz zwischen den jeweiligen Wohnorten, dem des Landwirten und jenem des rabiaten Mannes, öffnen wir auch schon die Gittertür der Box und entlassen die Hündin zurück in die Freiheit. Heute möchten wir beiden Menschen nicht begegnen, aber im selben Moment des Nachdenkens darüber fährt plötzlich ein Auto im schnellen Tempo vor, der Landwirt und seine Frau im Wagen! Er lenkt das Fahrzeug direkt auf uns zu, bremst harsch und verlangen sofort die Mutterhündin zurück… nun aber, wir sind heute bloß zu dritt, gelingt es, den Wütenden in ein sanfteres Gespräch zu führen … und letztendlich glätten sich die Wogen ein bisschen. Tatsächlich sogar dürfen wir ihm jetzt doch zum Hof folgen, wo wir erneut 2 Hunde ins Auto laden. Mitarbeiter des Landwirten heben die Tiere unsanft hoch, treten dabei neugierige weitere weg, und stopfen die Ausgewählten richtiggehend in die wartenden Boxen. Unfassbar, wie diese Menschen grob mit den Vierbeinern umgehen, wo diese doch unverzichtbare Dienste in der Bewachung der Kühe und des Hofes allgemein leisten!
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Einige der Hunde sind an ultrakurzen Ketten rund um die Stallungen positioniert, wieder andere laufen frei, werden von den Arbeitern aber bei jeder Annährung mit Fußtritten bedacht. Allesamt sind die riesige Tiere, meist reinrassige Bulgarische Hütehunde, dennoch sehr menschenbezogen, und obwohl sie kaum in die mitgebrachten Hundeboxen passen, gebärden sie sich außerordentlich friedlich.
Trotz der erneuten Bezeugung der schlimmen Zustände treten wir einigermaßen erleichterten den Rückweg an; stellen Sie sich vor, alleine die fünf Hunde welche wir nun insgesamt vom Hof weg zur Klinik bringen konnten, alleine diese hätten in den nächsten Monaten unweigerlich für dutzende Welpen gesorgt…

Ein Mann fährt zum Behandlungsaal vor; er möchte einige Hunde, 6 weibliche und einen männlichen, kastrieren lassen, allesamt sind sie im Laderaum des großen Vans untergebracht. Wir öffnen die seitliche Schiebetüre – und sieben riesige Augenpaare sehen uns entsetzt an, wohlwissen, irgend etwas Sonderbares liegt in der Luft. Wie recht sie doch haben, dennoch, es gibt keine Alternative. Der Gedanke martert zwar – wir vertreten Tierrecht, aber ist es tatsächlich rechtens, andere Lebewesen gegen deren Willen gebär- und zeugungsunfähig zu machen? Ist es unser Recht, gar Pflicht, oder ist solches Verhalten nicht doch wieder bloße, sogar unversteckte, Tyrannei??? Es ist wohl müssig über derartige philosophische Ansätze zu diskutieren, dafür ist in der Realität (noch) kein Platz, denn wie gesagt – ein Mangel an Alternativen schränkt die Möglichkeiten auf ein Minimum ein… und solange die Umstände so sind wie sie sich im Moment eben präsentieren, wäre alles andere als Kastration wohl unweigerlich eine grobe Fahrlässigkeit, welche früher oder später ohne jede Frage direkt in massive Tötungswellen von Seiten der Behörden führen würde!!!
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Wieder unterstützt die so wunderbare Toni, jene Frau, welche – der/die eine oder andere LeserIn wird sich aus früheren Berichten vielleicht noch erinnern- ihr ganzes Geld gegeben hat für einen Traum: die Erbauung eines kleinen Auffanglagers knapp außerhalb der Stadt! Jener fast schon mystische Ort ist inzwischen zum unersätzlichen Begegnungsplatz für die gesamte lokale Tierschutzbewegung geworden, tatsächlich bringen fast alle TierschützerInnen der Umgebung dort von ihnen gerettete Straßenhunde vorübergehend unter. Gäbe es Toni’s Asyl nicht, die Situation wäre eine wohl gänzlich unerträgliche! Toni führt eine kleine Bäckerei, und immer wieder bringt sie uns duftendes Brot oder Banica, die Nationalspeise (eine in einer Art Blätterteig gebackene Zwiebelcremefüllung), vorbei- und noch viel wichtiger, Kartonagen aus ihrem Betrieb, welche wir so dringend als Unterlagen für die Hundeboxen benötigen! Mehrere Male besuchen wir natürlich auch das Asyl selbst, und wir werden in den nächsten Wochen noch ganz Wunderbares davon zu berichten wissen! 🙂
Toni hat übrigens für ihren vierbeinigen, gelähmten Liebling einen Rollstuhl anfertigen lassen, und die Süße bewegt sich darin wie selbstverständlich. Wahrscheinlich, so sinnieren wir, wird dieser die erste und einzige Gehilfe für einen Hund in ganz Bulgarien sein!
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Fotos: Reihe 1 – Petra in Toni’s Asyl (Foto: Anja); Reihe 2: ausgestattet mit Sonnenschirmen und großen Freilaufzonen!, rechts: ein wunderbarer Rollstuhl für Hunde, die Süße kommt damit wahrlich super zurecht!

Mit welchen unfassbaren Einsatz unsere MitstreiterInnen hier für die Tiere kämpfen, darauf brauchen wir nicht mehr näher eingehen, ist sowieso Legende; als Beispiel dafür möchten wir hier kurz Didi, die angehende Tierärztin, erwähnen; trotz des massiven Widerstandes sowohl ihres Lebenspartners als auch ihrer Eltern – in deren Haus sie lebt – nimmt sie immer wieder so viele Hunde als möglich bei sich auf, um diese dann weiter zu vermitteln; dabei macht sie es sich aber noch dazu besonders schwer, beherbergt sie doch durchgehend die Ärmsten der Armen – verletzte, kranke, alte, sogar agressive, solche, wo selbst erfahrene HundetrainerInnen beim Versuch der Resozialisierung chancenlos scheitern würden! Didi nicht; ich erinnere mich da an das völlig verfallene Babitsa, unsere Anfänge in Bulgarien, wo gut 50 Hunde unter oft inakzeptabeln Bedingungen leben mussten. Darunter war auch ein wunderbarer mittelgroßer Rüde, dessen Geist irgendwie aus dem Jetzt, der brutalen Realität, geflohen war – er lebte auf einem Ziegelhaufen, verließ diesen nicht einmal zum essen, ja nicht einmal für Toilettgänge. Nachdem so viele, ‚problemlose‘, Hunde auf ein zu Hause warten, wären seine Chancen der Hölle je zu entkommen verschwindend gering gewesen; wäre, ja wäre da nicht Didi gewesen, die ihn schließlich zu sich nach Hause mitnahm und in wenigen Monaten soweit ins Leben zurückführte, dass er die Reise zu einem Endplatz in Deutschland antreten konnte! Es ist, wie ich es immer gesagt habe; hier bei uns, in Mitteleuropa, befreit von existenziellen Zwängen, ist es noch ein relativ Leichtes sich für Tiere einzusetzen – wo dann auch wenigstens keine soziale Ächtung, meist sogar das Gegenteil deren, durch die Gesellschaft zu befürchten ist. Anders präsentiert sich die Situation in Ländern wie Bulgarien; Vater Staat hat kein soziales Netz gewebt, nichts und niemand hält den freien Fall des Individuums auf, gerät er oder sie in gesundheitliche oder finanzielle Not. Zudem tritt auch eine gesellschaftliche Diskriminierung ein, denn Menschen, welche ihr weniges Hab und Gut mit Tieren teilen, sind den Nachbarn bald zumindest suspekt.

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Foto: Didi konzentriert in ihre so unfassbar wichtige Arbeit!

Im Moment beherbergt Didi also 7 Hunde bei sich, unter anderem nun auch jene aus dem ersten Teil dieses Berichtes, welche an einem Trauma durch einen Fußtritt auf den Kopf leidet, gehör- und orientierungslos auf der Straße zurück gelassen. Auch Afrika, eine etwa 8 Monate alte Hündin, hat Aufnahme gefunden; der Name kommt daher, da sie beim Auffinden unfassbar abgemagert war, so dünn, wie Didi Lebewesen sonst nur aus den Berichten von Dürrekatastrophen aus Afrika kennt… Das arme Tier hat wieder ein normales Gewicht erreicht, geblieben ist ihr aber eine verletzte Pfote, die eigentlich nochmals gebrochen und dann von Neuem behandelt werden müsste – nur kostet der Eingriff eine Menge Geld, und das kann Didi im Moment beim besten Willen nicht aufbringen, zudem würden die nötigen Gerätschaften für die OP fehlen (vielleicht aber haben Sie, liebe LeserInnen, die Möglichkeit eine der beiden Hündinnen bei sich aufzunehmen? Wenn ja, bitte zögern Sie nicht uns zu schreiben!)…

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Fotos: wer kann diesen wunderschönen, wunderbaren, doch körperlich etwas behinderten Hunden ein zu Hause geben?

Jemand bringt eine kleine Hündin vorbei; sie ist schon sehr alt, 15, und leidet unter einem Tumor an der Milchleiste.
Marieta erkennt die Situation sofort und bereitet den Eingriff vor – nur eine vollständige Entfernung des kranken Gewebes verbunden mit der Sterilisation kann die Arme retten. Trotz der Größe der Operation ist die so großartige Tierärztin nach nicht einmal einer halben Stunde fertig, inklusive der Entfernung von drei Krebsgewächsen und der doch schwierigen Vernähung der großen Wunde. Bald schon wird die tapfere Hündin aus der Narkose erwachen und dann hoffentlich noch vielen guten Jahren entgegen sehen!
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Wir sehen auf dem Rundweg durch die Stadt, immer auf der Suche nach Straßenhunden, einen Rüden, der wahrlich aussieht wie ein kleiner Wolf; noch dazu ist er unfassbar freundlich, und obwohl der Schwerpunkt natürlich auf der Kastration von weiblichen Tieren liegt, nehmen wir ihn mit – und zwar ohne jegliche Schwierigkeiten beim Einfangen, in Fakt benötigen wir dazu nicht einmal eine Leine – er folgt uns einfach nach! Als ich ihn schweren Herzens am nächsten Tag zur selben Stelle, in sein Revier, zurückbringe, schaut er sich dort kurz um, dann jedoch geht er mit mir gemeinsam den ganzen Weg zum Kastrationssaal wieder zurück, über mehrere Straßenblocks hinweg, durch den Stadtpark hindurch, über die Hauptstraße hinweg. Ich bringe es einfach nicht übers Herz ihn wegzuschicken – so fällt die Entscheidung schnell, wir werden ihn in die kleine Auffangstation bringen, und nach dem Abwarten der Inkubationszeit, nach der erforderlichen Zeit nach Tollwut- und anderen Impfungen, nach Österreich mitnehmen!
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Der völlig abgemagerten Hündin des Landwirten geht es jeden Tag besser. So schön, zu beobachten, wie sie selbst die Unterbringung in der Box – natürlich haben wir die größtmögliche gewählt und sie entsprechend abgedunkelt – zu genießen scheint, ganz zu schweigen von den vielen kleineren Spaziergängen während des Tages. Trotz des so offensichtlichen Mangels säugt sie ihre Babys ohne Unterlass, und um ihr auch diese Aufgabe zu erleichtern, nehmen wir das Quartett alle paar Stunden mit zur Handfütterung (wo sich einmal mehr Rali als die allerbeste Ersatzmama herausstellen sollte).
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An einem Abend besuchen wir einen alten Mann; auch den kennen wir bereits aus den letzten Kastrationswochen – er beherbergt viele, viele ehemaligen Streunerkatzen bei sich, und auch immer wieder Straßenhunde. Schon im Herbst hatte er uns gerufen, wir konnten damals einige seiner Katzen kastrieren; auch dieses Mal ist es wieder soweit – er überreicht Didi zwei Samtpfoten, dazu auch seine Hündin. Diese war im letzten Jahr schwanger, nun soll sie mit! Ihr einziges Kind von damals lebt übrigens ebenfalls im Haushalt; so schön, dass es Menschen wie ihn gibt, denken wir dankbar!
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Foto: Didi mit dem so netten alten Mann vor dem einfachen, aber wunderschönen Haus!

Ja, Bulgarien ist ein armes Land; in Fakt wird es sogar als das Armenhaus der Europäischen Union bezeichnet. Die Lebenserwartung ist eine beängstigend niedrige, vor allem für Männer. Entgegen dem EU-Schnitt von fast 80 Jahren liegt sie hier bei 69, Frauen werden etwas älter, der Schnitt liegt bei 76 Jahren. Auf einer Fläche von rund 111 000 Quadratkilometern leben ’nur‘ 7,3 Millionen Menschen (zum Vergleich: auf 84 000 qkm österreichischer Fläche leben rund 8,5 Millionen BürgerInnen, Tendenz stark steigend). Die Bevölkerungszahl ist entgegen des internationalen Trends stark rückläufig, so lebten 1985 noch 9 Millionen Menschen im Land. Die Arbeitslosenrate bewegt sich um die 12 Prozent, in ländlichen Gebieten oft auch auf doppeltem Wert, das Gehaltsniveau kann mit dem explodierenden Preisniveau niemals Schritt halten. Besonders für ältere BürgerInnen ist die Erhaltung eines gewissen Lebensstandards eine meist nicht zu bewältigende Herausforderung – wissen wir doch, wie bei der von uns unterstützen ‚Katzenfrau‘ Tzenka, dass Pensionen meist nur um die 70 Euro betragen…

Dafür aber ist der Korruptionsindex ein gewaltig hoher, tatsächlich – noch weit vor Rumänien – der höchste in der EU. So nimmt Bulgarien im weltweiten ‚Corruption Perceptions Index‘ den beschämenden 83. Rang ein, ein Faktum, welches dem Land im November 2008 eine Kürzung von Fördergeldern durch die Union in der Höhe von 220 Millionen Euro einbrachte; nur wenige Monate zuvor, im Juli, waren bereits 825 Millionen eingefroren worden (zum Vergleich: Rumänien Rang 66, Italien 72).
Ohne ausländische Direktinvestitionen würde es zappenduster am bulgarischen Wirtschaftshimmel aussehen; diese bewegen sich regelmäßig um die 5 Milliarden Euro im Jahr, wobei die meisten Gelder aus den Niederlanden, gefolgt dann schon auf Rang 2 aus Österreich und knapp dahinter aus Deutschland stammen. So sind dann zum Beispiel über 5 000 deutsche Firmen in Bulgarien tätig, wovon weit mehr als 1000 auch eigene Niederlassungen besitzen.

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So sind die Tage gefüllt mit oft todtraurigen, dann wieder ganz wundersamen Ereignissen; was immer auch passiert, letztendlich ist es einfach nur wunderschön Teil dieses großartigen Teams sein, das was immer auch Erlebte mit jenen, die man vom ganzen Herzen zu lieben gelernt hat, teilen zu dürfen! Es ist ein unfassbares Gefühl zu wissen, all das was hier geschafft wird, es ist in unseren Köpfen entstanden, herangereift; hätte nie stattgefunden, gäbe es die RespekTiere-Gemeinschaft nicht, diesen unvergleichlichen Zusammenschluss von AktivistInnen und UnterstützerInnen. Vom tiefsten Herzen: Danke!!!!
An dieser Stelle möchten wir dann auch einmal mehr dem Protected Financial Service (www.protected-fs.com) unseren ganzen Dank aussprechen, für die andauernde Unterstützung! Ohne Euch alle, da wäre alles viiiel schwieriger!

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Foto: RespekTiere-Team im Einsatz! Im Foto erkennbar wie groß der öffentliche Zuspruch war, wie viele Menschen vorbei kamen um uns ihre Tiere zum Kastrieren zu geben oder einfach nur vorbeizuschauten und sich zu informieren!

Fazit der 3. Kastrationswoche: wir haben nun innerhalb von weniger als einem Jahr rund 200 Kastrationen in und um Breznik durchgeführt, eine Summe, auf die wir alle sehr stolz sein können! Bitte stellen Sie sich vor wie viel Tierleid damit verhindert wurde! Unbestreitbar, wie viel mehr Tiere ohne diesen Aktionen auf den Straßen wären, wie viel lauter der Ruf – wie in den letzten Monaten überall in Bulgarien immer wieder gefordert – nach einem Massaker an den Straßentieren in jenem Teil des Landes wäre. Wir haben alle kastrierten Hunde und Katzen gegen Tollwut geimpft, mit Chip versehen, dazu mit Ohrmarke; jede/r BürgerIn kann sich nun mit eigenen Augen vom umfassenden Erfolg solcher Kampagnen überzeugen. Es gibt wesentlich weniger Tiere auf der Straße – ansonsten ist um diese Jahreszeit die Welpenschwemme eine unübersehbare, dieses Mal hielt sie sich in Grenzen, in der nächsten Saison setzt sie vielleicht schon erstmals etwas aus – und die, die dort sind, präsentieren sich in offensichtlich gesundem Zustand. RespekTiere hat Tierschutz zum Thema gemacht, man spricht über solche Projekte und über die Problematik allgemein. Mit gutem Beispiel voranzugehen, aufzuzeigen, dass Tiere unsere Mitgeschöpfe sind, unseren Schutz brauchen, ‚Mensch‘ sooo viel Gutes aus einer Beziehung zu ihnen ziehen kann, all dies mag die Kraft in sich tragen diese Welt – oder zumindest diesen Teil in Bulgarien – zu einem besseren Ort mitzugestalten. Zu einem menschlicheren allemal, wobei sich ‚Menschlich‘ hier im besten Sinne des Wortes gebraucht sehen will!
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Ganz wichtig: Die Stadtpolitik ist hoch zufrieden, hat uns ja beim letzten Mal bereits mit dem Stadtwappen ausgezeichnet; die Menschen freuen sich auf unsere Einsätze, bringen mehr und mehr ihrer Haustiere von sich aus zum Kastrationssaal; die Hunde und Katzen auf der Straße sind geimpft und mit Futter versorgt – ich denke vom Herzen, wir haben gemeinsam mit Ihnen unsere Aufgabe hier in Breznik bisher mehr als erfüllt.
Und dennoch geht respekTIERE IN NOT noch einen Schritt weiter; wir werden, so Gott will und sie uns weiterhin Ihr Vertrauen aussprechen, in der Umgebung von Breznik unser eigenes Paradies schaffen, aber davon berichten wir ausführlich wenn es so weit ist – auch wenn es schwerfällt, denn wir können den Tag nämlich kaum erwarten!:)
Jedenfalls, für dieses Projekt und für alle anderen RespekTiere-Vorhaben gilt ein Grundsatz, und der besteht aus lediglich drei Buchstaben: T U N !!!!
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 Foto: Einsatz-Team RespekTiere Bulgaria – Emo, Tom, Marieta, Didi, Rali, Chrissie, Petra, Rumi! Im Vordergrund Diva und Malko Diva, die beiden Begleiterinnen von Marieta!

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