Breznik – das 4. Projekt! Teil 1

Kastrationsprojekte sind ein laufender Prozess. Damit zu beginnen erfordert viel Ausdauer und Geduld, denn bleibt man nicht konsequent in der Spur, ist der Erfolg des vorangegangenen sehr bald nichtig. Aus diesem Grunde starteten wir nun unser bereits viertes innerhalb von nur 14 Monaten (!!!) im bulgarischen Breznik, rund 50 Kilometer von Sofia entfernt. Warum wir uns gerade dieses Stadt ausgesucht haben ist schnell erklärt – wir sind eine relativ kleine Organisation und wenn wir uns zu solch einer aufwendigen Kampagne entschließen, dann versuchen wir damit natürlich die größtmögliche Reichweite erzielen. Kurz, wir sind höchst bestrebt einen Unterschied ausmachen, und das wäre in der Großstadt fast nicht möglich. Breznik aber, mit seinen rund 4 500 EinwohnerInnen, bietet sich als ideale Destination für ein solches Bestreben geradezu an, ist es doch noch dazu umgeben von vielen Dörfern und verfügt somit über ein großes Einzugsgebiet. Hier, so denken wir, können wir wirklich etwas ändern, und heute lässt sich mit großem Stolz sagen: wir taten und tun es tatsächlich!
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Foto: we proudly present – das RespekTiere-Kastrations-Team, v. l. n. r., sitzend: angehende Tierärzte Viktor, Svetoslav; Vanja; stehend: Dr. Mehandjiiski, Emo, Tom, Rumi, Lyubo, Rali, Petra und Kätzchen!

Stießen wir beim ersten Mal noch hie und da auf Misstrauen, so hat sich dies bis dato fast völlig aufgelöst. Mittlerweile sind wir weithin wohlbekannt und die Menschen begegnen uns mit unwahrscheinlicher Freundlichkeit, und nicht nur das, sogar mit offener Dankbarkeit! Sie vertrauen uns ihre Hunde an, wir dürfen sie immer öfters von zu Hause abholen und zu unserer adaptierten Klinik im Stadtzentrum fahren, viele bringen die ihren auch selbst vorbei, und wenn wir ‚echte‘ Straßenhunde einfangen, wiederfährt uns oft genug Zuhilfestellung durch die lokale Bevölkerung. Breznik selbst hat uns ja bereits mit dem Stadtwappen beehrt, und die städtische Zuständigkeit in Form der so hilfsbereiten Frau Detelina Videnova kommt immer wieder im von der Stadt zur Verfügung gestellten Haus vorbei, bringt eigenen Hunde oder StadtbewohnerInnen mit, welche ihre Tiere auf ihr Anraten hin bei uns kastrieren lassen. Einfach wunderbar! Es sei gesagt, ein Projekt mit solchen Ansprüchen und in solchen Ausmaß, es wäre ohne die Unterstützung durch die Stadt selbst nicht möglich.


Zugegeben, das Wort ‚Klinik’ mag dann vielleicht ein bisschen übertreiben sein, aber wir finden im langsam leider verfallenden Gebäude alles vor was wir brauchen – fließendes Wasser, Strom und natürlich den benötigten Platz! Bei rund 20 Kastrationen am Tag braucht man den dann auch, bedenkt man dann noch, dass neben den bereits operierten Hunden und Katzen (alle werden sie zumindest bis zum Tag nach der OP in der Obhut gelassen, und erst nach einem ausgiebigen Frühstück bringen wir sie persönlich zurück zu ihren Stammrevieren) auch noch jene untergebracht werden müssen, welche wir an jedem Tag einfangen und die dann, um nüchtern zu sein, den Eingriff die Nacht über abwarten müssen!
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Fotos, Reihe 1: im weiten Umkreis wurde die Ankündigung für das Projekt im Vorfeld an allen möglichen Stellen ausgehängt; rechts: die Süße hier ist Stammgast beim Projekt; sie war die Nummer 1 bei der letzten Kampagne, schon damals wich sie später kaum von der Seite, und nun beehrte sie uns jeden Tag von früh bis spät mit ihrer Anwesenheit; übrigens, wir suchen ein zu Hause für die unfassbar herzliche Hündin…; Reihe 2: das Ärztetem im Einsatz; rechts: die Aufgaben für jede/n Einzelne/n sind im Zuge so einer Kampagne mannigfaltig! Reihe 3: Tom, der Wunderhübsche; als wir ihn auffanden, war sein Fell völlig verfilzt und so musste erstmal die Schere ran!

Rumi, unsere rechte Hand in Bulgarien, die besten Organisatorin und aufopfernste Tierschützerin, die man je finden wird, hat wie immer alles perfekt in die Wege geleitet; es sind, Dank der Hilfe von Sonya – eine weitere gute Seele für die Tiere – ausreichend Boxen für die Hunde und Katzen vor Ort, die Behörden sind informiert und involviert, im weiten Umkreis sind Ankündigungsplakate ausgehängt, Medikamente vor Ort, die Zimmer bestellt, Essen für das Team vorhanden und eminent wichtig für das Projekt: nachdem Marieta, unsere bisherige Tierärztin bei den Kampagnen, dieser Tage leider unabkömmlich ist, hat Rumi großartigen Ersatz gefunden: Dr. Nikolay Mehandjiiski führt die Eingriffe durch, ein begnadeter Tierarzt, der ganz nebenbei auf der Universität die angehenden Tierärzte auf die wartenden Aufgaben vorbereitet! Wie besser hätten die Voraussetzungen sein können? Nicht nur er selbst sollte dann an allen Tagen anwesend sein, nein, er hat auch noch zwei Hoffnungsträger aus der Hochschule, Svetoslav und Viktor, als Assistenten mitgebracht, beide unmittelbar vor Beendigung des Studiums!
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Das Team selbst sollte dann auch noch – verzeihen Sie die Wiederholung – perfekt sein: ‚VeteranInnen’ wie die großartigen Petra und Emo, Vanja, allesamt herzensgute Menschen, großartige TierschützerInnen sondergleichen, dazu wie immer Rali, Rumi’s Tochter und die ganz große Hoffnung für alle Tiere im Land, mit so viel Liebe und Mitgefühlt gesegnet, dass sie zu beobachten Tränen über sonnengegerbte Wangen fließen lässt; neu dabei Lyubo, den wir aber auch schon von unseren Futtertransporten aus Salzburg nach Sofia kennen – er ist mit dem eigenen Auto unterwegs, dem eigenen Betäubungsgewehr und mit jeder Menge Energie und Elan – kurzum, ein Mensch, der Unfassbares zum Gelingen beitragen sollte und neben seiner bloßen Anwesenheit nicht mehr und nicht weniger als zum Herzensfreund wurde….
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Fotos, Reihe 1: Emo mit dem Betäubungsgewehr im Einsatz; Reihe 2: Svetoslav beim Ausrasieren als Vorbereitung zur OP; rechts: Rali bei einem Bestechungsversuch! 🙂 Reihe 3: Lyubo mit aufgefundenem Welpen; rechts: Dr. Nikolay Mehandjiiski und Viktor; Reihe 4: Petra und Frau Videnova bereiten gemeinsam mit Svetoslav ein Kätzchen zur Entwurmung vor; rechts: Emo und Vanja beim Impfen eines Kätzchens! Reihe 5: Rumi beim Anlegen eines von der Firma Fressnapf zur Verfügung gestellten Floh-Halsbandes; rechts: Tom beim Fütern der mutterlosen Welpen

Dann noch konnten wir schon im Vorfeld erneut einen Transporter aus Bulgarien in Salzburg beladen, gut 500 kg Tiernahrung auf den Weg schicken, dazu medizinisches Material und natürlich auch gleich für das Team selbst dringenst benötigte Dinge wie Verbandsmaterial, Pflaster, aber auch Wasserkocher, Grundnahrungsmittel usw. – ein solcher Transport kostet natürlich zusätzlich, in diesem Falle rund 100 Euro, aber all jene Sachen ’unten‘ zukaufen würde einen unvergleichlich höheren Betrag nach sich ziehen!

Und wenn wir schon in Superlativen schwelgen, so sprechen wir an dieser Stelle auch gleich Ihnen allen unseren vom Herzen kommenden Dank aus – eine derart große Kampagne kostet natürlich viel Geld, in diesem Falle wohl um die 6 000 Euro – aber jeder Ihrer uns anvertrauten Euros, so weit will ich mich mit allerbestem Gewissen aus dem Fenster lehnen, wurde in Ihrem besten Interesse verwaltet und herangezogen!
Auch Ihre zahlreichen Futterspenden waren von geradezu überragender Wichtigkeit, sie tun damit nicht mehr und nicht weniger als Leben retten! An dieser Stelle sei auch Fressnapf Austria für die dauernde Unterstützung erwähnt, sowie natürlich ‚unser‘ Futterhaus in Wals bei Salzburg, wo wir immer große Mengen an Tiernahrung zur Verfügung gestellt bekommen!
Wir möchten uns mit ganz fester Umarmung bei Herrn Gunther Bleibom und seiner Frau Helga bedanken, sowie bei Prof. Klaus Hamper, Eure so großzügige Unterstützung hat so viel Gutes bewirkt und wir wünschen uns nichts mehr als dass Ihr einfach wisst: Ihr habt den großen Unterschied ausgemacht!!!
Das Projekt selbst verlief nämlich dementsprechend – es sei vorweg genommen: innerhalb von einer Woche 138 (!!!) Kastrationen durchzuführen, das ist ein nahezu unfassbares Ergebnis! Wir können uns nur wiederholen – wie viel künftiges Tierleid wird dadurch verhindert, wie viel Kummer und Tränen erspart?
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Foto: wieder finden wir so viele mutterlose Welpen; was ist ihre Zukunft? Nur fortlaufende Kastrationen werden letztendlich das Tierleid entscheidend eindämmen können, alles andere ist ein blossen Kratzen an der Oberfläche…

Nicht nur auf Grund der chirurgischen Eingriffe ist das Projekt ein nicht zu steigernd wichtiges; wir verarzten nebenbei kranke und verletzte Tiere, versorgen verlassene Welpen, suchen nach neuen zu Hause (bei dieser Gelegenheit: wenn sie selbst oder irgend jemand den Sie kennen, die Möglichkeit hat Straßentiere bei sich aufzunehmen, tun sie es im Namen der Menschlichkeit! Zögern Sie keine Sekunden, falls es Ihre Situation irgendwie zulässt, geben sie Heimatlosen eine Heimat – der Dank dafür wird ein proportional übersteigerter sein, so viel mögen wir Ihnen versprechen) und klären die Bevölkerung über die Problematik auf!

Natürlich werden gleichzeitig auch alle behandelten Tiere gechipt und mit Ohrmarkierungen versehen; so ist es eine große Freude wenn man nun, nach dem 4. großen Einsatz, durch die Stadt fährt und überall Hunde mit den roten Ohrmarken entdeckt. Tatsächlich ist es so dass man bereits eine flächendeckende Verbesserung der Situation erkennt. Die Hunde sind uns auch Gott seis gedankt nicht böse, ganz im Gegenteil – viele sind sehr zutraulich geworden, nun, da sie von der Bevölkerung leicht erkennbar als gesund erkannt – ein Faktum, welches man der miteinhergehenden Impfung zuschreiben kann – und Großteils sogar an festen Plätzen von verschiedensten Menschen regelmäßig gefüttert werden! Einige haben ein besonders inniges Verhältnis aufgebaut – PatientInnen aus der 1., 2. und 3. Kampagne zum Beispiel kommen, sobald sie merken dass sich im Behandlungsgebäude wieder etwas tut, schwanzwedelnd vorbei und genießen täglich mehrmals Futterrationen und Streicheleinheiten über den Einsatzzeitraum hinweg. Sie sind in der Früh schon da, warten auf uns, gehen erst, wenn wir am späten Abend das letzte Licht ausschalten; manche sogar verbringen auch die Nächte vor der Klinik. Für alle diese werden wir nun verstärkt ein echtes zu Hause suchen – und Dank Ihrer Hilfe bestimmt auch über kurz oder lang finden!
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Fotos: Ohrmarkierungen setzen! Diese Art der Kennzeichnung ist von enormer Wichtigkeit, ist doch danach für jedermann/frau sofort ersichtlich, dass es sich hier um behandelte und geimpfte Tiere handelt! Zusätzlich wird allen PatientInnen auch ein Chip verabreicht.

Wie notwendig der Einsatz in Bulgarien ist, verinnerlicht jeder Blick auf die tatsächliche Situation im Land; viel gereist wagen wir zu behaupten, es gibt in kaum anderswo so viele Ruinen, leerstehende und verfallende Häuser und Fabriken, nirgends so viele Spuren von Niedergang und Vergänglichkeit wie man sie hier findet. Wir fahren in abgelegene Dörfer – unsere Kampagnen haben sich inzwischen weit herumgesprochen und von überall her erreichen uns Hilferufe – wo nicht mehr als 10, 20 Personen wohnen; Abgelegenheit ist ein dehnbarer Begriff, aber wo wenn nicht in diesen Fällen soll er besser zutreffen? Im Winter viel zu oft abgeschnitten von jeglichen Leben außerhalb, im Sommer nur über zerborstene Kleinstraßen durch unwegsames Gelände erreichbar; aber obwohl der Verfall eine fortschreitender ist, versprühen diese Ansiedlungen eine seltsame Anziehung, eine Ruhe und Stille und Gelassenheit, wie man sie wohl kaum sonst wo findet. Sie verkörpern geradezu die verloren gegange Stille in unseren Leben, da, wo Stille nun fast als Feind betrachtet wird… Ja, selbst wenn eine unfassbare Katastrophe den Rest der Welt heimsucht, wie lange mag es dauern bis die Menschen hier davon betroffen sind?

Aber selbst in diesen entlegenen Inseln gibt es heimatlose Hunde, jedoch mit einem wichtigen Unterschied: allesamt werden sie zumeist von der Bevölkerung versorgt und sind somit in aller Regel viel besser dran als ihre ArtgenossInnen in der Stadt oder in größeren Ansiedlungen, die zu hunderten, tausenden, hunderttausenden, im Schmutz der Straßen leben, auf der ständigen Suche nach Essbarem, oder, wenn ‚adoptiert‘, ein augenscheinlich völlig sinnentleertes, eigentlich unfassbares Dasein in Entbehrung, Schmutz und Leid an kürzesten Ketten führen müssen; es ist oft genug bloß furchtbares Unwissen, manchmal auch schreckliche Herzlosigkeit, welche sie in die jeweiligen Situationen gebracht hat und laufend bringt. Warum es passiert ist, scheint auf den ersten Blick dann letztendlich auch völlig egal – ist es aber nicht: denn Unwissenheit kann durch Aufklärung beseitigt werden, Herzlosigkeit dagegen ist eine Krankheit, die der beste Arzt nicht zu kurieren imstande ist… Ja, es wird noch viele Jahre dauern, bis sich auch dieser Zustand ändern wird, aber was wären wir ohne Hoffnung? Welchen Sinn hätte alles Dasein, würde uns nicht die Hoffnung antreiben, und welche Katastrophe wäre es erst, würden wir sie aufgeben, verlieren???!
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Bulgarien ist ein armes Land; dennoch strahlen selbst seine Ruinen eine unfassbare beinahe beängstigende Anziehung aus; ist es die Suche nach der verlorenen Stille, die uns dort so fesselt? Weniger idyllisch: überall gibt es Kettenhunde, abertausende an der Zahl, und zumeist führen sie ein Leben in völliger Triste. Bekommen wir erst die Straßenhundeproblematik in den Griff, muss unser nächstes Ziel eine umnfassende diesbezügliche Studie sein…

Unten bei den Ruinen, unweit der typischen Ostblock-Plattenbauten des späten vergangenen Jahrhunderts, finden wir wie fast jedes Mal Welpen, dieser Tage 7 an der Zahl, die wir täglich mit Welpenmilch und Konserven versorgen; so unfassbar süß, so unfassbar einsam, warten sie auf ein bisschen Liebe und Zuneigung; nicht weit davon entfernt, am Gelände einer alten Fabrik, welche ihre besten Jahre wohl noch unter der Herrschaft von Zaren erlebte, finden sich 7 weitere – auch ihre Mutter entdecken wir, sie ist in furchtbarem Zustand… zwei tiefe blutende Wunden an ihrem Hinterteil lassen uns rätselnd zurück, und auch die Ärzte sollen später keine Ahnung haben – was war passiert, wir werden es wohl nie erfahren! Jedenfalls wird sie an diesem Platz ohne unsere Hilfe nur zu bald ihr Leben aushauchen, in bitterstem Schmerz, so viel ist sicher. Es bleibt keine Wahl, wir nehmen sie mit, die Babys wenigstens alt genug um von selbst zu essen. Die Doktoren werden sich nun liebevoll um die Mutter kümmern, doch ist die Aussicht eine denkbar ungünstige; noch dazu leidet sie an schrecklichem Durchfall, und Petra und Wanja kommen kaum nach sie zu putzen und trocken zu halten; welcher Knochenjob so etwas ist, wie wenige Menschen dazu überhaupt fähig sind, weiß jedermann/frau, der/die jemals in ähnlicher Lage war, alleine der verströmte Geruch eine Prüfung für ohnehin angeschlagene Magen … Wir kaufen spezielle Medikamente, doch sie scheint den Kampf aufzugeben, lässt sich völlig fallen. Mehr tot als lebendig bekommt sie schließlich über einen Venenzugang Flüssigkeit verabreicht.
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Rumi führt hastig Telefongespräche, auch der Doktor versucht zu vermitteln, aber keine Klinik in der Umgebung kann sie heute noch aufnehmen; alle sind sie überbelegt und so liegt die Verantwortung rein in unseren Händen; eine Bürde, an der so manch gesunder Menschenverstand zerbrechen kann.
Kaum angeschlossen an ein lebensrettende Kochsalzgemisch beginnt der Durchfall von neuem, sofort müssen die angelegten Bandagen wieder entfernt, die Wunde abermals gesäubert werden. Der Geruch der Vergänglichkeit liegt in der Luft, und beobachtet man ganz vorsichtig, so kann man Gevatter Tod sehen, der bereits in stoischer Ruhe neben ihr Platz genommen hat; knöchrige Finger umklammern den Hauch von Leben, versprechen sicheres Geleit über jene sagenumwobene Brücke, welche das Gewesene vom Diesseits trennt.
Doch sie ist stark, am nächsten Tag wagen wir kaum die Türe zur Klinik zu öffnen, aber entgegen aller Befürchtung hebt sie zur Begrüßen einige Zentimeter den Kopf! Welche Freude, selbst dieser kleine Fortschritt erscheint uns im Moment wie die Erschaffung eines neuen Universums…
Wir werden sie, sobald transportfähig, in eine richtige Vet-Klinik ins gut 25 km entfernte Pernik bringen, bis dahin wird sie ‚bei uns‘ bestmöglich versorgt… die Welpen müssen allerdings schnellstens von ihrem Heim in den Ruinen weg, zu gefährlich ist die nahe Straße, spielende Kinder oder einfach nur Menschen, welche Hunde so gar nicht mögen…
 
Die alten Fleischfabrik am Rande der Stadt, dort wo die Natur mit übereifrigem Wachstum Zentimeter um Zentimeter an Terrain zurück erobert, ist wie alle Betriebe des diesigen Gewerbes ein schauriger Ort; die Hunde scheint die ständige Gegenwart des Todes nicht zu stören, ganz im Gegenteil – wie magisch werden sie angezogen, wohl von den weggeworfenen Schlachtabfällen – eine seltsame Wendung des Schicksals, bedeutet doch der einen Ableben viel zu oft das Überleben des anderen… Nun ist auch noch eine läufige Hündin am Gelände, wurde uns gesagt – was dann immer auch die Anwesenheit von einigen Rüden verspricht! Als wir ankommen versuchen tatsächlich gerade zwei Hunde sie zu begatten, wir kommen also genau im richtigen Moment. Emo lädt das Betäubungsgewehr, Sie erinnern sich, erst kürzlich konnten wir es nach einem Spendenaufruf erstehen (herzlichsten Dank an dieser Stelle auch der Frau Monika Maier und der Firma www.protected-fs.com, durch deren Unterstützung so viel möglich gemacht wurde und wird!!!) – jeder Cent dafür war höchst gut angelegt! Der Pfeil trifft sein Ziel, doch erst jetzt wird uns bewusst, die Hündin ist zudem verletzt, sie schleift eines ihrer Hinterbeine nach! Das Medikament wirkt im Normalen schnell und zuverlässig, und nicht zuletzt auf Grund der Behinderung kann sie nicht in den aberhunderten Versteckmöglichkeiten unterschlüpfen; wir verfolgen sie langsam, ohne Hast, denn Eile und Furcht würde die Wirkung der Betäubung verlangsamen, im Adrinalinschub vielleicht sogar gänzlich aussetzen. Es ist kaum zu glauben, selbst im derart benommenen Zustand versucht noch ein Rüde auf sie aufzuspringen, und sogar die Tatsache, dass sie schließlich zu Boden geht, lässt ihn nicht abbrechen – schrecklich anzusehen, für das Projekt dennoch ein Vorteil: ein zweiter Pfeil findet sein leichtes Ziel, der Hund, getroffen, versucht wie immer verzweifelt zu entkommen. Doch seine Flucht endet abrupt – er verläuft sich nach Augenblicken in einen der ausgedienten Räume; wir blockieren sofort den Ausgang mit umherliegenden Trümmern und brauchen dann nur noch abzuwarten. Nach drei, vier weiteren Minuten werden seine Bewegungen langsamer, schließlich lässt er sich fallen und schläft ein. Ohne Probleme können wir ihn bald aufheben und ins wartende Auto tragen – seine unbändige Lust sollte sein Schicksal sein, er wird in Zukunft zumindest keine Babys mehr in die Welt setzen!
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Fotos: Emo, der unfehlbare Schütze! Reihe 2: nicht immer ist es so einfach betäubte Hunde auch wieder aufzufinden! rechts: im adaptierten Gebäude gilt es mit den oft spartanischsten Mitteln ein Feldlazaret aufzubauen – eine Herausforderung, der wir uns gerne stellen!

Die Hündin selbst, so erkennen wir nun, befindet sich in einem wahrlich schrecklichen Zustand; ihre Hinterbeine geben keinen Halt, zudem ist eines ihrer Augen so schwer verletzt, sodass es nicht zu retten ist… Am nächsten Tag werden wir beschließen sie ebenfalls in eine Klinik zur weiterführenden Behandlung zu bringen. Im Moment aber haben wir andere Sorgen; aus irgend einem Grunde scheint die Betäubung bei ihr nicht so ganz zu wirken, immer wieder hebt sie den Kopf, will so ganz und gar nicht einschlafen; schließlich müssen wir ihr per Spritze noch ein bisschen mehr von dem Medikament verabreichen, bis sie letztendlich ihren Kampf aufgibt und wir sie ins Auto tragen können.

Wo anders entdecken wir weitere drei Hundekinder, mutterlos. Wo fängt der Wahnsinn an, wo hört der Zukunftsglaube auf?
Jener beginnt dort, wo uns Menschen anhalten und nach dem Projekt befragen; wo sie uns breitwillig ihre Tiere überlassen, seien es nun Hunde oder Katzen, wo sie uns für unseren Einsatz vom Herzen danken! Dann, spätestens dann wird jeder Kilometer der Verfolgungsjagd durch unwegsames Gelände, jede noch so verzweifelte Suche nach von vom Betäubungspfeil getroffenen Hunden über Himbeer- oder Brombeerranken, durch mannshohe Brennesselfelder, durch knöcheltiefe Schlammlandschaften oder über verschmutzte Bäche hinweg zum reinen Vergnügen…
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Fotos: ob Müllhalden, offenes Gelände oder Dickicht – es nutzt alles nix, wir müssen durch! Bild rechts: Lyubo ist bei einer Verfolgung bis über das linke Knie hinauf in einem stinkenden Schlammloch am Schlachthofgelände gesteckt – was ihn natürlich nicht davon abhält, die Suche nach Straßenhunden unbeirrt bis in die Nachtstunden hinein fortzusetzen!

Teil 2 folgt in Kürze!

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