Rumänienhilfsfahrt, April 15 – Teil 2

Rumänienhilfsfahrt, Teil 2:

Wir besuchen eine Familie am Rande des vom Zahn der Zeit zunehmend abgeschnittenen Städtchens; deren einzige Chance auf ein bisschen Normalität, tatsächlich sogar deren überlebenswichtige Einnahmemöglichkeit, verkörpern zwei Pferde, mit welchen der ‚Herr im Haus‘ tagtäglich Holzarbeiten im nahen Wald durchführt.

 
Fotos: viel zu oft herzzerreißende Verhältnisse für Tiere…

Buchstäblich am Rücken der beiden Tiere erwirtschaftet er das Haushaltsgeld, mehr schlecht als recht kommt die kleine Gemeinschaft so durchs Leben. Die Pferde sind in einem winzigen Stall untergebracht, fast im stockdunkeln, und im Gleichklang mit dem beim Öffnen der Türen eindringenden Lichtstrahl wird uns klar: Armut darf und kann niemals als Rechtfertigung für einen schlechten Umgang mit den uns hilflos Ausgelieferten dienen. Die Beiden hier, obwohl tagtäglich schwer für den Erhalter schuftend, stehen zum Dank dafür bis über die Knöchel im Schmutz zu ihren Füßen, Platz bleibt ihnen kaum zum Umdrehen – und selbst wenn mehr Raum wäre, was würde der nutzen, sind sie doch noch dazu an kurzen Stricken festgebunden… Warum das so sein muss, würden wir gerne wissen, aber da der Tierhalter selbst nicht zu Hause ist, bekommen wir als Antwort des Nachbarn nur ein verständnisloses Schulterzucken. Wozu die Aufregung, sind doch bloß Tiere, scheint die Geste auszusagen… was der junge Mann aber übersehen könnte: ganz sicher ist es so, und wird es zunehmend mehr so sein, dass jede/r von uns in stetig schwerer werdenden Zeiten irgend wann eimal selbst auf Gnade angewiesen sein könnte – denn es wird ohne jeden Zweifel immer eine/n Stärkere/n geben, der/ die die ihm/ihr gegebene Überlegenheit gnadenlos auszunutzen versucht; die Frage die sich in diesem Zusammenhang wohl stellt, ist jene: dürfen wir in einem solche Falle der Bedrängnis tatsächlich Gnade und Unterstützung von Außenstehenden erwarten, wenn wir zuvor nicht bereit waren, solche Selbstverständlichkeiten unsererseits den uns Ausgelieferten zu gewähren????
Auch zwei Schweine gibt es am Hof, unter selbigen Bedingungen gehalten, dazu mehrere Hunde, ein Teil davon an der unseligen Kette – wie viele andere im Dorf auch.

 
   
   

Weshalb, erfahren wir ebenfalls nicht – denn ein viel größerer Teil, auch aus gleichen Haushalten, läuft einfach frei herum. Wahrscheinlich aber ist dem so, damit immer zumindest ein Hund beim Haus ist, nicht das gesamte Rudel in der Nachbarschaft herum streunt – denn in den letzten Monaten haben sich Einbrüche und Gewaltakte beängstigend vervielfacht. Selbst bei Menschen die fast nichts haben, gibt es dem Anschein nach noch eben dieses ‚fast nichts‘ zu holen; in Nadrag in Form von Ofenholz, Eisenteilen, Werkzeugen, Haushaltsutensilien… entwendet kann wirklich alles werden, selbst die Kanaldeckel fehlen an vielen, vielen Stelle – sind diese doch von Metall eingefasst, für welches man einige Cent von WiederverwerterInnen bekommen kann…
   
 
 
Rudi’s Familie steht stellvertretend für all die anderen, für den allgemeinen Aufbruch, für die immense soziale Veränderung des zerbrechenden Gefüges; seine Frau leider verstorben, ein Sohn hilft im Zentrum, der andere gerade aus Deutschland zurückgekehrt, weil er selbst Vater geworden ist; das Kind ist nun vier Monate, in spätestens nochmals so vielen wird sich der Opa um das süße Mädchen kümmern müssen, dem Stammhalter bleibt keine andere Wahl, als dann wieder Geld im Ausland zu verdienen. Der jüngste Spross, Bogdan, vom Leben in Nadrag längst bitter enttäuscht und nur mehr von dem einen Wunsch beseelt der Heimat den Rücken zu kehren, steht ebenfalls vor dem Absprung nach Germanien; in Fakt war er dort schon – Sie erinnern sich vielleicht an unseren Newsletter der letzten Hilfsfahrt – wurde aber ab April mangels schütterer Auftragslage beurlaubt, mit der Versicherung, ihn bei Bedarf sofort wieder einzustellen! Seine Freundin will schon nächste Woche nach Spanien, wo sie bei der Orangenernte über das Internet Arbeit gefunden hat. Rudis Bruder lebt ebenfalls in Nadrag, seine Frau allerdings nur halbzeitig – sie ist seit vielen Jahren in Österreich als Heimpflegerin tätig. Familienzusammenführung sieht wahrlich anders aus, aber es gibt scheinbar für niemanden ein Entrinnen aus dem so traurigen Kreislauf.
Fotos: das kleine Caritas-Zentrum; Reihe 2: die Küche, wo Rudi und Marius täglich mithilfe zweier Köchinnen für rund 90 Personen Mahlzeiten zaubern; rechts: Rudi in der kleinen Speisekammer; Reihe 3: über 40 Kinder aus besonders armen Familien kommen täglich zum Essen; rechts: überall sieht man ‚unsere‘ Spuren – den Rollator dieser Frau zum Beispiel, den haben wir gebracht! :); letzte Reihe: die Kinder beim Essen, links der strenge Lehrer!

Als wir uns gegen Mittag verabschieden, weint Rudi bittere Tränen; wir sind längst seine Freunde, wohl auch sehr gute, und der Abschied entlässt in wieder in die alles verzehrende Lethargie des Alltages…

 
 
Am Weg nach Temeswar sind wir stiller als sonst; Erlebnisse wie diese, sie gehen nahe, gar keine Frage… dazu der Umstand, dass so viele Tiere, vor allem Hunde, überfahren und mit leeren Augen am Straßenrand liegen, längst von der Verwesung erfasst; unbeachtet von einer Gesellschaft, die sich sehr schnell finden muss, weil es sonst keine Zukunft mehr für sie geben wird. Diese so brisante Konstillation lässt uns innehalten und trägt nicht dazu bei die ohnehin tiefe Nachdenk-Falten auf der Stirn zu vertreiben.
Am späteren Nachmittag erreichen wir Pater Bernos wunderbares Kloster im Stadtzentrum. Eifrige RespekTiere-Newsletter-LeserInnen wissen, Pater Berno ist eine wahre Lichtgestalt unseres Zeitalters. Er, Salvatorianer-Priester, kann auf ein in solchüberwältigendem Ausmaß fast nicht begreifbares Lebenswerk zurückblicken, hat der gute Mann – ursprünglich aus Passau stammend – doch die letzten 25 Jahre damit verbracht hier ein Kloster aufblühen zu lassen, ein Hospiz zu gründen, dazu eine Obdachlosenverköstigungsstelle, eine Notschlafstelle, ein Waisenhaus, ein Mutter-Kind-Haus, eine 160 Hektar große Farm, wo obdachlosen Personen ein neues Leben samt Wohnraum, Essen und Gehalt ermöglicht wird, und, und, und… 
Foto: Temeswar erblüht an vielen Stellen, an anderen ist die alte Triste erhalten geblieben…

Der Pater, mit vielen Menschenrechtspreisen ausgezeichnet, hat nun eine intensive Zusammenarbeit mit der Caritas in die Wege geleitet – über ihn sind wir übrigens auch auf Rudi’s Heim gestoßen – einfach, um sein so reiches Erbe abzusichern. Ja, obwohl er, inzwischen weit über 80, noch immer mehrmals monatlich die lange Fahrt in seinem riesigen Klein-LKW nach Deutschland unternimmt, um jedesMal auf ein Neues vollbeladen mit Spendengütern zurückzukehren, ist der Hirte die letzten Jahre doch ein bisschen ruhiger geworden, nachdenklicher. Dennoch, seine Händen mögen zittriger, seine Augen zunehmend müder sein, aber der Geist ist hellwach wie immer. Er wird wohl trotz aller Krankheiten und Verletzungen weiter arbeiten, bis zum Ende seiner Tage, und wenn ihn eines hoffentlich sehr fernen Tages sein Gott zu sich ruft, dann wird dies ein furchtbarer Verlust für die Menschheit sein…

Wir bekommen für die heutige Nacht die so wunderhübschen kleinen Zimmer im Dachgebälk, voller Einfachheit und gleichzeitig ergreifender Behaglichkeit.

Als letzten Akt des Tages besuchen wir noch den kleinen Markt gegenüber des Klosters; dort wird so allerlei verkauft, unter anderem leider auch viele, viele Tiere, in erster Linie Vögel wie Hühner, Gänse oder Enten. Und die Umstände, unter welchen dieses Leben abgegeben wird, sind dramatisch und herzzerreißend – aber in jenem Land dennoch bloße ‚Normalität‘.
 
   
   
 

Viel zu früh am nächsten Morgen reißt uns erneut das schrille Klingeln des Weckers höchst unsanft aus den Träumen – wie gerne würden wir jetzt noch eine Stunde Schlaf anhängen, aber es hilft alles nichts, haben wir heute noch viel zu tun! So begeben wir uns dann schon zu früher Stunde in das Esszimmer des ehrwürdigen Klosters, gefühlte hundert Stiegen unter den Schlafherbergen, mit möglichst lautlosen Schritten die heilige Hallen und eindrucksvollen, ikonenbehangenen Gänge durchschreitend. Herrlicher Kaffee aus der Thermoskanne erwartet uns dort bereits, dazu gibt es vollmundiges Brot und hausgemachte Marmelade. Pater Berno gesellt sich zu uns, und, wie könnte es anders sein, bald lauschen wir ergriffen seinen mit so viel Bedacht gewählten Worten. Er ist wirklich eine lebende Legende, einer jener Menschen, deren bloße Präsenz jeden noch so düsteren Raum zu erhellen vermag; der trotz 80 unfassbar bewegten Jahre noch immer feste Handschlag, mit einem der ganz Großen unserer Gesellschaft, ein unvergesslicher Moment, ganz so, als hätte man eben den obersten Beschützer des Christentums die Ehre erwiesen; und genau in diese Kategorie reiht sich Pater Berno nur allzu nahtlos ein…
Später besuchen wir dann auch noch den relativ neuen Caritas-Second-Hand-Shop in der Stadt, nur um uns einen Überblick zu verschaffen, welche Dinge wir bei der nächsten Reise gezielt mitnehmen könnten! Weil der Erlös aus dem Geschäft natürlich wieder verschiedensten der so zahlreichen Caritas-Projekten zu Gute kommt, sind mitgebrachte Güter auch hier höchst willkommen!

 
Foto: Fortschritt? Für einige wenige bestimmt, für die Tiere zu allermeist nicht…

Dann gilt es einen weiteren Punkt auf unserer zwischendurch fast unendlich scheinenden To-do-Liste abzuhacken, zwar einen besonders wichtigen, aber auch einen, für welchen dieses Mal ob des so dicht gedrängten Programmes leider kaum Zeit bleibt; das Treffen mit den so fantastischen TierschützerInnen von ACT Timisoara steht an!
Bei einer neuerlichen Tasse heißem, braunem Muntermacher tauschen wir uns aus und schließlich wechseln gut 300 kg an Hunde- und Katzennahrung das Fahrzeug, verschwinden im wartenden Kofferraum des Wagens der MitstreiterInnen! Schnell aber herzlich fallen wir uns in die Arme, und mit dem Versprechen, im Zuge der schon geplanten nächsten Hilfsfahrt im Herbst hoffentlich viel mehr Zeit mitzubringen, verabschieden wir uns.
Noch immer nicht ist unser vielfältiger Ablauf nun beendet, gilt es doch noch die Adresse jener so wunderbaren Frau ausfindig zu machen, welche uns die letzten Jahre hinweg so unendlich wertvolle Hilfe geleistet hatte: sie, Frau Doinar, war es, der gute Engel des Klosters, welche uns dort immer so unendlich herzlich empfangen, umsorgt, mit Informationen ausgestattet und so viele Türen zu anderen sozialen Einrichtungen geöffnet hattet – Einrichtungen, welche wir bis heute regelmäßig besuchen, um dort Hilfsgüter abzuladen! Frau Doinar ist seit dem letzten Jahr aber in Pension, ist nur mehr selten hinter den ehrwürdigen Mauren – allein wenn dort wirklich Not am Mann – ich bitte vielmals um Entschuldigung, an der Frau – ist und man deshalb auf ihre unentbehrliche Hilfe zurückgreift (sie hat sich ein bisschen in ihr wunderschönes altes Häuschen, zwar nur unweit der Hauptstadt und dennoch in aller Ruhe, zurückgezogen und lebt dort ein bescheidenes, aber erfülltes Leben). Wie ist die Freude groß als wir endlich an der Adresse angekommen sind, die unendlich liebenswerte ältere Dame die Tore öffnet und wir uns in die Arme fallen! Bald sitzen wir auf der sonnigen kleinen Terrasse, beobachten ihre vielen Tiere im langsam erblühendem Garten und sind in leidenschaftliche Gespräche versunken; so darf es nicht wundern, dass aus den geplanten 30 Minuten letzten Endes gut 2 Stunden werden, aber jede Minute der Überzeit war eine wunderbar verbrachte…
Dennoch, es hilft alles nichts – so geruhsam, so nett könnte der späte Nachmittag sein, doch wir müssen uns loseisen – warten doch gut 12 Stunden anstrengende Fahrt auf uns!
Fotos: Impressionen der Heimfahrt…

Die Sonne hat nun ihren höchsten Stand längst überschritten, aber noch immer ist die Temperatur eine äußerst angenehme, eine in der Enge des Fahrzeuges nur allzu bald sogar herausfordernde. Letztendlich quälen wir uns der Grenze entgegen, überschreiten diese ins Ungarnland ohne Probleme und einige Stunden später, der wärmende Feuerball nun längst hinter dem westlichen Firmament zur Ruhe gebettet, finden wir uns wieder im geliebten Rot-Weiß-Rot. Es soll nach Mitternacht sein, bis wir schließlich müde aber dankbar in die eigenen Betten fallen – zutiefst dankbar, nicht zuletzt deswegen, weil wir so viel Hilfe bringen und unsere Zeit so sinnvoll einsetzen durften!

Achtung, Achtung!!! Ab dem 1. Mai starten wir zu unserem neuerlichen Kastrationsprogramm nach Bulgarien! Es erwartet uns dort eine intensive Arbeitswoche – wo wir Ihnen dann von einem hoffentlich sehr erfolgreichen Einsatz berichten dürfen! Wir müssen Sie an dieser Stelle aber leider auch einmal mehr um Ihre ganz und gar unentbehrliche Hilfe bitten – unterstützen Sie diese so enorm wichtigen Projekte, Sie wissen ja: ohne Ihrer Hilfe sind wir hilflos – die Tiere brauchen uns und wir brauchen Sie! Vom ganzen Herzen ‚Danke‘!!!

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