5000 Kilometer durch Ungarn, Rumänien, Bulgarien, die Türkei, Griechenland und Serbien, Teil 2!

So hat uns alsbald die Landstraße erneut verschluckt. Tatsächlich überqueren wir nun einen Pass, hoch in den wunderbaren, sanft bewaldeten Bergen. Die herrliche Landschaft entschädigt uns aller Mühen, aber zusehends wird die Umgebung dann plötzlich karger, flacher. Die tiefstehende Sonne taucht den Horizont zudem in die herrlichsten weichen Farben, sodass das Herz schwer wird. Mehr als einmal stoppen wir, einfach um das Licht zu genießen, die letzte Wärme des Tages aufzufangen und in den müden Knochen für die Vergänglichkeit zu speichern.
 
Foto: Impression einer langen Fahrt!

Sofia erreichen wir so aber noch später als erhofft; erst gegen 22 Uhr nimmt uns der Moloch auf, und todmüde finden wir das von Rumi organisierte Motel an seinen sich von Jahr zu Jahr weiter ausdehnenden Rändern. Sofia ist ein gefräßiges Monster, welches fast ein Drittel der gesamten Bevölkerung des Balkanlandes in sich birgt; und täglich zieht es ständig neue Gestrandete aus den Dörfern des Landes an, allesamt auf der Suche nach Arbeit, nach einem Stück vom Kuchen, der in den Rezeptbüchern der Zivilisation ‚Kapitalismus‘ genannt wird, im Hoffen auf ein kleines bisschen Glück.
Ein Anruf verrät, die MitstreiterInnen verlassen nun schon den Treffpunkt, ein veganes Restaurant in der Innenstadt, sie müssen morgen allesamt arbeiten. Sooo schade, aber wir machen einen neuen aus, für die Rückreise in wenigen Tagen!
 
Nach erholsamem Schlaf weckt uns der schrille Alarm des Mobiltelefons jäh und wie immer viel zu früh am nächsten Morgen. Aber es nutzt alles nichts – wir haben erneut einen weiten Weg vor uns, fahren wir doch heute zu Tzenka, der Katzenfrau von Jambol! Eingefleischte RespekTiere-LeserInnen wissen, Frau Tzenka beherbergt bei sich immer um die hundert Katzen, manches Mal ein bisschen mehr, manches Mal ein bisschen weniger. Sie, eine Lehrerin für Mathematik und Physik, wurde vor einigen Jahren von ihrer Schule in Pension geschickt und mit beschämenden 80 Euro Einkommen zurückgelassen – ein vernichtendes Salär, alleine nur um sich selbst zu versorgen, wenn es aber nebenbei so viele hungrige Katzen zu versorgen gilt, kommt ein solches Einkommen fast einer Exekution gleich… Respektiere in Not ist damals sofort eingesprungen, mit Ihrer Hilfe konnten wir viele Pateneltern für einige der Samtpfoten finden, und seit der Zeit überweisen wir Monat für Monat 200 Euro! Natürlich, alleine die Tierarztkosten fressen das meiste des Budgets auf, und so senden wir öfters auch noch Futtertransporte nach Bulgarien. So kommt Frau Tzenka nun gerade über die Runde, natürlich aber, krank werden darf sie nicht…
Foto: die wunderbare FrauTzenka!
 
Vanja, die wunderbare, der Engel aus Sofia, unverzichtbare Helferin bei allen unseren Kastrationsprojekten, begleitet uns auf die lange Reise; ihr Beisein ist nicht hoch genug einzuschätzen, spricht sie doch perfektes Englisch und ihre ÜbersetzerInnenkünste sind legendär!
Es gibt nur eine Handvoll Autobahnen in Bulgarien, aber ein Finger davon zeigt nach Jambol – so kommen wir obgleich der so offensichtlichen Probleme in der Instandhaltung des Verkehrsweges gut voran, und, starten wir doch schon um 6.45 in der Früh, noch vor der großen Hitze erreichen wir den trotz des Highway-Anschlusses doch sehr einsamen Ort. Frau Tzenka erwartet uns bereits sehnsüchtig, und all die mitgebrachten Sachen lassen sie mit feuchten Augen zurück. Vanja ist alsbald voll in ihrem Element, und so erfahren wir, dass Frau Tzenka wieder viele, viele Katzen in schlechtem Gesundheitszustand beherbergt. Warum das so ist? Weil die gesamte Nachbarschaft erkrankte Tiere unbehandelt einfach über ihren Zaun wirft…
 
   
   
So beginnt Tzenka’s Tag in aller Frühe mit der Morgenröte, bereits um 5 ist sie im Einsatz, denn nun steht die Zubereitung der Menüs an; um 6 werden die ersten Katzen gefüttert, dann wird die Umgebung gereinigt, die Futterschüsseln ausgewaschen, um 9 kommt ein weiteres Rudel an die Reihe – zwischenzeitlich ziehen sich die Tiger in das weitläufige Gelände zurück, fast wie Geister, schattengleich, verschwinden sie dann unauffindbar ins Nirgendwo; nur die Kleinen und Alten dösen irgendwo auf den gepflasterten Wegen in der Sonne, spielen, gehen der Fellpflege nach. Um Mittag wiederholt sich das Spiel, und dann nochmals am frühen Abend. Die übrigen Stunden ist ausgefüllt mit allen möglichen Arbeiten, langweilig wird es hier nie. Nur menschliche Ansprache bekommt sie nicht, im Gegenteil, ist sie doch als die ‚Verrückte mit den vielen Katzen‘ weithin bekannt!
 
 
Später sitzen wir bei einer Tasse herrlich duftenden Kaffee; Tzenka erzählt unter Tränen von so vielen traurigen Schicksalen, davon, was Menschen den Tieren antun (wir möchte diese entsetzlichen Geschichten gar nicht näher ausführen, Sie wissen, Gräueltaten gegen die Schwächsten sind – nicht nur in Bulgarien – Legende). Dann wird sie nachdenklich; sie meint, obwohl sie nur eine Stunde vom Meer entfernt lebt, die Schwarze See ist sozusagen ums Hauseck, war sie seit 15 Jahren nicht mehr dort; sie hat doch niemand, der auf ihre Katzen aufpassen würde, und da sie alle frei laufen, ist ihr Leben in einer oft so tierfeindlichen Umgebung eine einzige Gefahr. Besonders Gift, welches Mäuse getötet hat, ist ein Problem, meint sie. Ihre Sorgen ob einer kommenden Krankheit werden täglich größer, gicht- und rheumageplagt wie sie ist, dennoch war sie seit einem Jahrzehnt nie wirklich krank, nur zweimal für je zwei Tage im Krankenhaus – welches sie dann, jeweils auf Reverse, so schnell es ging wieder verließ…
Doch die Zeit hinterlässt ihre Spuren, wie bei uns allen, nur hier sind die Abdrücke tiefer, bis in die Seele reichen sie, und die Möglichkeiten zur Regenerierung sind so rar geworden wie die wirklich glücklichen Momente…Vielleicht können wir als RespekTiere-Gemeinde noch mehr helfen, überlegen wir; für den Winter muss Holz besorgt werden, die Katzenräumlichkeiten benötigen einen amtstierärztlich-angeordneten Desinfektionsanstrich, der Zaun gehört repariert.. wie bereits angekündigt, es ist eine echte Notwendigkeit in Zukunft noch öfters auf Tzenkas Probleme einzugehen. Ihr Heim ist doch eine Insel, ein wenn auch fragiles Bollwerk, und fallen diese Mauern, dann geht nicht nur eine einzigartige Herberge verloren, dann bricht ein weiteres Stück der Menschlichkeit unwiederbringlich aus der Fassade unseres Seins…
Foto: Christine, Frau Tzenka, Tom und Vanja!

Es ist jetzt bereits 2 Uhr nachmittags; wir müssen die Reise fortsetzen, möchten wir doch die Chance nutzen, einen Blick hinter die türkische Grenze zu wagen; vielleicht erwartet uns dort eine künftig neue Aufgabe? Die großartige Vanja wird nun dem Bus zurück nach Sofia fahren, und nach einer langen und ergreifenden Verabschiedung sitzen wir schon wieder im dem Himmel sei Dank klimatisierten Mercedes Sprinter – auf geht es, zuerst zum Schwarzen Meer, dann weiter der Grenze zur Türkei entgegen!
 
 
Tatsächlich sehen wir das endlose Meer bald vor uns; wir durchqueren die Urlaubstadt Burgas, vorbei geht es an Hirten, welche mit der wunderbaren Landschaft zu einer Einheit zu verschmelzen scheinen, immer im Bestreben, den hunderten Schlaglöchern im Asphaltband bestmöglich auszuweichen!
Ein kurzer Halt in Burgas – zu unserer großen Überraschung erwarten uns dort eine Kolonne von Fiakerpferden mit bunten Kutschen!!!!! – und dann nimmt uns das Land völlig in sich auf. Es sind gut 100 km bis in die Türkei, 100 km unterbrochen von zwei, drei kleinen mit der prächtigen Umgebung verschmelzenden Gemeinden – ansonsten breiten sich eine pure Wildnis vor uns aus; einfach wunderschön!!!
   
 
Wir erreichen den Grenzort Malko Tavarno gegen 21Uhr abends. Es ist bereits stockdunkel, aber noch immer brennend heiß, als wir endlich eine Herberge – die wohl einzige weit und breit – für die Nacht finden!
 
Der Ort ist ein kleiner, aber dennoch hört man des Nachts von überall her Hundegebell. Da die ganze Umgebung, inklusive des Motels, für die Jagd ausgerichtet scheint, mögen wir uns deren Schicksal gar nicht ausmalen…
Am fernen Horizont, in den fast endlos wirkenden Bergketten, gehen schwere Gewitter nieder; tatsächlich ist der Himmel über eine Stunde hinweg erfüllt von gleisenden Blitzen, die im halbe Minuten Takt ihr Ziel auf der Erde unter sich finden. Ein Naturschauspiel sondergleichen, welches ich voller Andacht vor dem Einschlafen wie gebannt vom Fenster meines Zimmers beobachte!
 
Früh am Morgen starten wir in den nächsten Tag. Bevor wir den so braven Sprinter starten, genießen wir noch eine Tasse duftenden Kaffees, während wir die von Vanja geschenkte Straßenkarte betrachten – die moderne Technik, hier im Antlitz eines kleinen Wunderdings befestigt an der Autoinnenscheibe kurz TomTom genannt, zollt Tribut an die Bedingungen, gibt im unwegsamen Gelände immer öfters w/o. Macht nichts, was hätten wir denn früher getan?? 🙂 Wir sind nun mitten drin im Abenteuer, und heute liegt ja einiges an Aufregung vor uns, werden wir doch alsbald die türkische Grenze erreichen.
 
Foto: der bulgarische Grenzort Malko Tavarno, obwohl ein kleiner, ist dennoch mit typischen Ostblock-Wohnsilos verunstaltet…

Am frühen Vormittag ist es dann auch schon so weit; die erste Hürde ist schnell überwunden, es gibt fast keine Kontrolle an bulgarischer Seite, und so erscheinen die rot-weiß-gefärbten Zollgebäude des Nachbarn unvermittelt vor unseren Augen. Der weiße Halbmond auf rotem Grund weht uns nun von überall her entgegen, begrüßt uns in fast übermächtiger Manier. Zuerst noch die Passkontrolle, eventuell einen Visumantrag, dann wird uns das weite Land vor uns empfangen, so dachten wir zumindest. In der Realität aber gestaltet sich der Übertritt etwas komplizierter; zuerst Passkontrolle, dann müssen wir uns für die Visa anstellen. Das geht noch relativ einfach, kostet 25 Euro, aber passiert schnell. Überall finden sich um die Gebäude übrigens Hunde und Katzen, aber sie scheinen nicht nur geduldet an der Grenzstation, sondern irgendwie dazu zu gehören – jedenfalls sind sie alle sehr empfänglich für Streicheleinheiten 🙂
 

Wir steigen ins Auto und wollen losfahren; gerade noch erkenne ich im Rückspiegel einen Polizisten, der schreiend hinter uns her gestikuliert. Vorsichtshalber wenden wir lieber, und das ist auch gut so! Denn tatsächlich muss nun auch noch eine Versicherung für den Sprinter abgeschlossen werden, in Fakt für jedes ausländische Auto, welches türkischen Boden überrollt. Eigentlich fehlen uns jetzt sogar die dafür benötigten Papiere, aber ein Zöllner hilft uns über die Unpässlichkeit hinweg, gibt sich mit einem Kaufvertrag des Fahrzeuges zufrieden – dennoch, das Ausrechnen der ‚Strafsteuer für AusländerInnen‘ (nichts anders kann es sein, denn Sinn dafür können wir selbst nach langer Überlegung nicht erkennen) dauert eine gefühlte Ewigkeit, und nach der ungewollten ‚Spende‘ von 50 Euro (!!!) dürfen wir uns an nächster Stelle anstellen – was dort gemacht wird, wir wissen es nicht. 20 Minuten und einem Stempel im Pass später können wir endlich zum Fahrzeug, aber die Prozedur ist noch immer nicht abgeschlossen – nun muss noch das Innere des Sprinters begutachtet werden!
Das geschieht aber dann relativ schnell, der Beamte ist sehr freundlich und zuvor kommend; jetzt endlich dürfen wir starten, nur aber um 200 Meter darauf erneut vor einem Schranken zu halten, wo eine weitere Passkontrolle geschieht.
 
Nun aber begrüßt uns das Land, und eine epochale, wilde Landschaft tut sich vor uns auf. Endlose Wälder, durchzogen von tiefen Schluchten und herrlichen Bergflüssen erfreuen das Auge. Über viele, viele Kilometer hinweg findet sich keine einzige Ansiedlung, die – übrigens sehr, sehr gute – Straße der einzige Hinweis menschlichen Eingriffs in eine ansonsten intakt scheinende Natur!
Plötzlich aber beginnt das Land karger zu werden, durchzogen von steppenhaften Grasmeeren. Nun sehen wir auch einige Hirten, die große Herden von Ziegen oder Schafen mithilfe ihrer vierbeinigen FreundInnen bewachen und leiten. Die Sonne strahlt – nach mehreren Hitzeperioden in unseren Ländern dachten wir uns bereits als ‚klimageprüft‘, aber ob der hiesigen Temperaturen relativiert sich die Feststellung – mit nicht gedachter Intensität vom Himmel, verbrennt die Weiten unter sich. Ab und dann passieren wir einsame, verlassen scheinende Dörfer, die aber in ihren bloßen Ziegelfassaden wie Teile der Landschaft wirken. Wir kommen schnell voran und einige Stunden später erreichen wir dann auch schon unser Ziel, die einzig große Stadt in jenem Teil der Türkei, der sich Ostthrakien nennt: Edirne!
 
Foto: noch mitten in der Einöde zeichnen sich plötzlich die markanten Umrisse von Edirne ab!

Die 140 000-EinwohnerInnen-Metropole, ehemalige Hauptstadt des Osmanischen Reiches und früher als Adrianopel bezeichnet, scheint nicht nur auf den ersten Blick zauberhaft; sie bietet eine Mischung aus europäischen Komfort versetzt mit orientalischem Zauber, eine Ausstrahlung, welche den/die staunende/n BetracherIn ergriffen und begeistert zurück lässt. Eine unfassbare Anzahl von Moscheen durchzieht die Stadtstruktur, manche davon groß und mächtig, mit unzähligen zum Himmel reichenden Türmen; schlossähnlich, aber in einer Dimension, welche die vorstellbare Grenze zu sprengen gedenkt – lebende Beweise menschlicher Schaffenskraft, aber dann auch ebenso dessen Überheblichkeit. Der Turmbau zu Babel geistert beim Anblick der Bauwerke ungewollt durch die Gedanken, und irgendwie begleitet uns eine gewisse Beklemmung, ein Instinkt, der eine Empfindung weckt, etwas verloren zu haben. Unwillkürlich blickt man ständig zurück, eine innere Verlegenheit zwingt dazu, so fremd wirkt das Häusermeer, immer im Gefühl beobachtet zu werden.
   
 
Wir aber haben sowieso anderes vor als auf eine Regung einzugehen: wir möchten in ‚Erdogistan‘ Proteste gegen das Hundetöten tätigen! Natürlich, lange dürfen jene nicht dauern, dazu ist die Situation im Land zu angespannt, zu gefährlich, unangemeldete Kundgebungen werden streng geahndet – aber sehen sollen die Menschen hier doch was unsere Anliegen sind!
Bei der Stadteinfahrt, direkt unter dem türkischen Banner und in Sicht der stark befahrenen Straße, spannen wir unsere Botschaft zum ersten Mal – eine Prämiere für RespekTiere, eine erste wenn auch kleine Kundgebung in der Türkei!
Dann fahren wir ins Zentrum, suchen uns dort eine strategisch günstige Stelle und bald grüßt Gevatter Tod vor dem Schild ‚Stop Killing Stray Dogs!‘ die staunenden PassantInnen; oft haben diese ein solches Schauspiel nicht gesehen, so zumindest verrät es jede Reaktion! J Als sich aber auch Stimmungen einfinden, welche wir als nicht so angenehm empfinden, packen wir unsere Sachen auch wieder zusammen und ziehen weiter – eine Verhaftung in diesem Land ist nicht das was wir anstreben! Wir wiederholen die Prozedur allerdings an selbiger Stelle beim Zurück gehen, dann auch noch eine direkt im Umkreis der Moscheen; vor einem Gotteshaus jedoch spricht uns ein Mann an, und nun ist es Zeit die ‚Zelte‘ abzubrechen! Schnell entledigen wir uns der Masken und rollen das Transparent zusammen, im nächsten Moment versteckt uns auch schon die Anonymität der puren Masse!
Straßenhunde finden sich wenige, dazu ist es im Moment aber wahrscheinlich einfach zu heiß; die werden wohl die angenehme Kühle des Abends vorziehen!   

Am späteren Nachmittag hat uns der Highway wieder, jetzt geht es in Richtung ‚Junanistan‘ (das türkische Wort für Griechenland); tatsächlich, wir befinden uns im Dreiländereck, Hellas nun nur noch einen Steinwurf entfernt!
 
Der Grenzübergang ist ein winziger, ohne Probleme verlassen wir Erdogans Reich. Der blau-weiße Banner begrüßt uns, und für einen so wichtigen EU-Außenposten präsentiert sich die Grenzstation relativ unscheinbar!
 
Foto: türkische Straßen sind für Überraschungen gut – mitten auf der Autobahn lodert ein Feuer!

Ohne Probleme geht die Passkontrolle schnell über die Bühne, und im selben Augenblick, als die Räder des so braven Transporters auf griechischen Straßen Kontakt finden, offenbart sich auch schon die viel zitierte griechische Tragödie – die Verkehrswege im Gegensatz zur Türkei zerfallend, völlig ungepflegt; die Leitplanken überwuchert mit Gras und Büschen, Schlaglöcher so viele wie Sand am Meer. Dennoch, das Land strahlt eine erfüllende Ruhe aus, wunderschön einsam und naturbelassen. Die ersten Dörfer entlang der Route lassen bereits ahnen was nun kommt; leer und verlassen präsentieren sie sich, vom Zahn der Zeit angenagt, von Wirtschaftskrisen gedemütigt – die Kapitulation eines politischen Irrweges!
Nach nur 20 Kilometer sind wir in einer größeren Stadt namens Ormenio. Selbst diese wirkt wie eine Geisteransiedlung, sämtliche Geschäfte fast leer, verfallend. Dutzende kleine Gastrobetriebe laden zum Verweilen ein, hier dürfte einst viel Fremdenverkehr gewesen sein, aber keine Gäste sind weit und breit zu sehen; überall verwaiste Stühle, ein arbeitsloses Heer, welches verbissen auf einen Zweck wartet. Wir parken den Wagen in einer Seitenstraße, unweit des Hauptplatzes. Hier und da weht uns die so anmutige blau-weiße Fahne entgegen, allerdings ist sie das einzige Lebenszeichen, die alleinige in Bewegung versetzte Materie; die Kaufhäuser wirken öd, das Angebot veraltet, selbst die Getränkeautomaten an den Straßen verfügen über kaum eine Auswahl. Ein paar vergilbte Coca-Cola-Plastikflaschen, ein paar gefüllt mit Bier, andere mit bloßem Wasser. Die Temperatur passt sich dem Exodus an, das Quecksilber des Thermometers an der Straßenecke zeigt 36 Grad und kaum ein Lufthauch bringt die Gnade einer Erfrischung.
 
Wir haben den Hauptplatz für einen weiteren Protest ausgewählt; auch hier möchten wir die Menschen über die allgemein übliche Behandlung von Straßentieren zum Nachdenken bewegen! Davor aber halten wir kurz an einem der unzähligen kleinen Lokalen entlang der Straße; die Wirtin scheint fast überrascht über den Besuch, auch ein Mann, wahrscheinlich der ihre, kommt und wechselt ein paar Worte. Als Tribut an die gnadenlose Hitze genießen wir noch ein eiskaltes Coke und ebenso erfrischendes Wasser, dann finden wir uns auch schon am auserwählten Demo-Ort wieder.
 
Der Hauptplatz ist ein riesiger, eigentlich wunderschön, mehrere Brunnen speien sprudelndes Lebenselixier; überall herum sind Gastronomien, aber Gäste gibt es auch hier im Zentrum so gut wie keine. Die Elemente nagen unübersehbar an den umliegenden Gebäuden, und genau wie im rumänischen Nadrac dominieren ‚Zu Verkaufen‘-Schilder die Szenerie.
 
Schnell haben wir den richtigen Ort gefunden – zwischen einem Fahnenmast und der Statue eines Landesheiligen, der mit ausgebreiteten Armen Schutz verspricht; vielleicht auch für die Straßentieren?
 
 
Der Protest selbst verläuft dann friedlich und angenehm; einziges Problem ist nur die brütende Hitze, welche uns, gekleidet im schwarzen Gevatter-Tod-Ganzkörperkostüm, völlig einvernimmt!
Wir sind dann bereits am Zusammenpacken, also plötzlich ein Mann erscheint, hinter sich im Schlepptau ein zweiter; die ernste Miene der beiden bedeutet nichts Gutes! Schon zückt der vermeintliche Passant einen Ausweis: Polizei! Ganz als ob Griechenland keine anderen Sorgen hätte, beginnt er uns zu befragen. Letztendlich verlangt er die Ausweise; meiner ist allerdings im Auto, und so muss Christine die beiden Herren auf den Posten begleiten, ich soll mit dem Fahrzeug nachkommen – unfassbar, eine Festnahme in der EU wegen des Spannes einer so wichtigen Botschaft!
 
Für den Fall der Fälle kopiere ich beim Wagen angekommen schnell die gemachten Bilder; zu oft schon haben Beamte aus unbegreiflichen Gründen die Löschung solcher verlangt!
Foto: das RespekTiere-Mobil in guter Begleitung: geparkt inmitten der Polizei-Einsatzwagen!

Allerdings, dieses Mal geht alles gut aus. Die Herren wollen einige Fragen beantwortet wissen – das unvermeidliche ‚wie ist der Vorname Ihres Vaters‘ ist dann auch dabei, verlichtbildlichen Pässe und Fahrzeugpapiere, und danach dürfen wir die Amtsräume wieder verlassen…
 
Im Auto prüfen wir das Navigationssystem: zu unserer Überraschung zeigt es, wir können innerhalb von 4 bis 5 Stunden Sofia erreichen! Dort würde uns ein weiches Bett zu einem sehr günstigen Preis erwarten, nach all der Anstrengung des Tages nun eine äußerst lohnende Vorstellung!
 
Nach nur 40 Minuten Fahrt sind wir zurück in ‚Bulgaristan‘, unverkennbar, denn wenn die Verkehrswege in Griechenland auch sehr mitgenommen sind, hier am Balkan präsentieren sie sich geradewegs katastrophal!
 
Endlich bringt der beginnende Abend ein bisschen Abkühlung, und ohne nennenswerte Probleme erreichen wir Sofia gegen 22 Uhr in der Nacht.
Schnell findet sich auch eine geeignete Herberge, aber vorbei ist der Tag noch nicht; bis gegen 2 sind wir mit dem Reinigen der Geräte und dem Aufsetzen wichtiger Schreibarbeiten beschäftigt; dann aber fallen wir in einen wenn auch kurzen aber doch erholsamen Schlaf.
 
Der folgende Morgen beginnt mit einem ungewohnten Geräusch: Regenprasseln! Wir wollen heute in den Zoo von Sofia, eine weit reichende Zoorecherche steht für die nächsten Monate an! Bald finden wir den Park auch, nur Eintritt möchten wir selbstverständlich nicht bezahlen – der Presseausweis hilft immer aus der Misere; dieses Mal aber leider nicht! Die alte Dame an der Kassa ist indiskret unfreundlich, nebenbei deutet sie immer wieder auf ein Schild, welches besagt, das Fotografieren in dem Tiergefängnis ist so oder so verboten… schon vor einigen Jahren hatte ich allerdings dasselbe Problem, konnte es aber anderswertig lösen, der Bildermach-Erlass kümmert uns dann nebenbei herzlich wenig. Nun beginnt es aber erneut in Strömen zu regnen, und so sagen wir den Einsatz letztendlich komplett ab – aufgeschoben ist dennoch beileibe nicht aufgehoben!
Untätig möchten wir trotz der nassen Witterung natürlich nicht bleiben; unweit von Sofia gibt es einen Ort, inmitten der die Stadt umringenden Berge, wo ein großes ‚Katzenproblem‘ herrschen soll. Leider ist die junge Tierschützerin, welche uns einst von der Thematik erzählte, heute nicht erreichbar, und so beschließen wir vorerst einmal einen Lokalaugenschein zu machen, um die Lage für künftige Einsätze besser einschätzen zu können. Allerdings macht nun das Navi grobe Schwierigkeiten, es führt uns immer wieder in die Irre; ein Umstand, der den unfassbar großflächigen Umbauarbeiten auf Sofias Straßen – die ganze Metropole eine riesige Baustelle – geschuldet ist!
Nach geschlagenen Stunden erreichen wir endlich ein Dorf, und gar bitter ist die Enttäuschung, als sich herausstellt, es ist leider das falsche; vor einer von Wind und Wetter zernagten Westernstadt machen wir Halt, müssen uns den Irrweg eingestehen. Eine kurze Pause billigen wir uns zu, und bald umringen uns drei Hunde, die wohl irgendwie zum Gelände gehören, aber offensichtlich nicht besonders umsorgt werden. Sie sind herzallerliebst, unglaublich anhänglich und Fremden gegenüber sehr zutraulich. Ihre Ohren sind zerfressen von den unzähligen Fliegen, blutige Stellen zeugen vom dauernden Kratzen. Wir bringen ihnen Futter aus dem Auto, welches sie nur zu dankbar annehmen.
   
Fotos: Straßenhunde finden sich überall…

Rumi, der rettende Engel, schickt uns schließlich erneut Koordinaten, und dieses Mal findet das im Prinzip immer tüchtige Navigiergerät zielsicher den Weg! Es geht nun zurück in die Stadt, bevor die Richtungspfeile nach Norden zeigen, auf die nahen Berghänge. Wir passieren ein Einkaufszentrum, und sofort wird uns klar: das wäre ein sehr geeigneter Ort für einen weiteren Protest! Der vorbeieilende Verkehr ist ungebrochen, immer wieder staut er hunderte Meter zurück – wie besser könnte eine Botschaft von AutofahrerInnen gesehen und aufgenommen werden?

Kurz darauf deutet Gevatter Tod auch schon den Vorbeieilenden, abwechselnd er und dann eine in ein blutiges Leintuch gehüllte AktivistIn mit Hundemaske; ‚Stop Killing Stray Dogs‘, schreit den PassantInnen in dicken Lettern entgegen, im Hintergrund die wehende bulgarische Fahne!
   

 

Am frühen Nachmittag finden wir den gesuchten ‚Katzenort‘, ein entlegenes Bergdorf, fern des Pulses der Zeit. Tatsächlich scheinen hier die Uhren still zu stehen, kaum ein Geräusch ist zu hören. Verfallende Häuser, wie überall im Balkanland, dazwischen wieder ebenso marode aber doch bewohnte Bauten, Bauernleuten tummeln sich an steinigen Wegen. Hühner in notdürftig aufgestellten Verschlägen, hie und da eine Ziege, immer präsente Hunde. Drei, vier Menschen sitzen vor einem halbwegs intakten Gebäude, vielleicht das Dorfzentrum oder der Sitz der Gemeinde. Sie trinken Bier und rauchen, scheinen sich wenig zu erzählen zu haben, und selbst das Auftauchen von Fremden bringt sie nicht aus der beinahe beängstigenden Contenance.
 
An der übervollen Müllkippe am Dorfrand begegnet uns eine Hündin, offensichtlich hat sie Babys zu versorgen; sie durchstöbert den Abfall nach Essbarem, unsere Anwesenheit stört sie nicht wirklich. Wir bringen ihr Futter, und während sie das Mitgebrachte verschlingt, lässt sie sich liebkosen.
 
Nur Katzen sehen wir wenige, was dennoch nichts bedeutet; um diese Zeit des Tages verstecken sich die scheuen Tiere sehr wahrscheinlich im Unterholz oder in den zahlreichen Ruinen; diese zu durchstöbern, das wäre jetzt der falsche Moment. Was würden die Menschen denken, Fremdlinge, bewaffnet mit Fotokameras, ihren Hort, ihre Heimat durchsuchend? Wir werden auf die Ratschläge der einheimischen Tierschützerin warten, und dann die weitere Vorgehensweise besprechen – für das Heute nehmen wir mit, dass der Ort sich wohl gut für einen Einsatz eignen wird, so unweit der Hauptstadt! Beim nächsten Bulgarien-Besuch werden wir also wieder kommen!
 
Dann geht es zurück in die Stadt; gegen 7.30 erreichen wir das Motel, weit früher als sonst, aber Zeit zum Relaxen bleibt trotzdem wenig; nun stehen verschiedenste Dinge an: Aufladen der Batterien aller Geräte (inklusive unsere eigenen), das Schreiben des Reportes, Bearbeiten von E-Mails, etc., etc.!
 
Wieder regnet es in der Nacht; die Temperaturen präsentieren sich deshalb moderat und selbst am Morgen noch deutlich gedämpft – schöööön!
Heute statten wir dem Zoo der Hauptstadt einen weiteren Besuch ab; wir benötigen die Infos von dort für eine angehende Recherche, und zum Vergleich können wir die Eindrücke von 2013 mit den heutigen vergleichen. Hat sich die damals offensichtlich prekäre Situation seither verändert? Platz für Verbesserungen hätte es ja zur Genüge gegeben!
 
Es sei vorweg genommen: der Zoo von Sofia ist ein trister Ort, ohne Wenn und Aber. Der immer präsente Verfall im Land macht auch vor seinen Mauern nicht halt, im Gegenteil – liebevoll könnte man den Ist-Zustand mit ‚Ostblock.Charme‘ bezeichnen, aber seinem Fall ist die Sache nicht so einfach abgetan – geht es doch um weggesperrte Lebewesen; und den Sparstift bei jenen anzusetzen, ist mit einem einzigen Wort zu umschreiben: unakzeptabel!
 
   
   
   
 
Es ist purer Wahnsinn, wie zum Beispiel die Bären in der Anlage leben; Betonburgen, zerbrochener Asphalt, umrundet von grünlichem Wasser – allesamt sind sie zudem alleine in einem dieser ‚Gehege‘ untergebracht! Der Elefant – seine Situation treibt den BetrachterInnen die Tränen in die Augen… wie Jahre zuvor steht er auch heute an selbiger Stelle, ein Dejavue, wie eine Zeitreise; in einem ständigen Kopfweben gefangen, harrt er vor der stählernen Zugangstür zum Innere des Geheges aus, welches allerdings nur eine weitere Öde aus Beton und Metall darstellt; trotzdem scheint er um Einlass zu flehen. Warum er dahin zurück möchte, dem Eindruck nach jeden Tag auf ein Neues, kann nur so erklärt werden, dass er der Welt draußen völlig entfliehen möchte! Die Vorstellung ist nicht von ungefähr: der Außenbereich besteht aus einer viel zu kleinen Fläche, Großteils zertrampelter Erde, keine Abwechslung, kein Trost, nichts als baufällige Öde; nicht einmal, und das ist wohl der größte Frevel, ein Partner/eine Partnerin, ganz alleine hat er die Agonie des brutalen Alltags zu ertragen! Die Sehnsucht nach dem Tod scheint nun auf Grund all dieser Tatsachen stärker zu sein als die Lust am Leben, und als ‚Leben‘ ist das hier sowieso nicht zu bezeichnen…
Schakale, eine ganze Familie, ständig am Kratzen; an ihren Rücken tiefe Wunden vom ständigen Scharren, malträtierte Körper geplagt von Insekten und Parasiten; ein Teil der Kinder behindert, vielleicht aus Inzucht stammend, offensichtliche unbehandelte Stellen an geschundenen Seelen.
   
   
   

Winzigste Schaukästen für Reptilien prägen das Innere einer Betonburg; Schildkröten auf 30 mal 30 Zentimeter, Krokodile in winzigen Becken, Schlangen ebenso. Die Raubiere werden in besseren Hundezwingern untergebracht, dafür sind die Wände wie zum Hohn mit großartigen Landschaftsbildern bemalt. Es bleibt dem/der stillen und ob dieses Affronts am Mitgeschöpf erstarrten BetrachterIn einfach nur die Luft weg…
Wir blicken verstört auf die Uhren am Mobiltelefon, die ja auch das Datum anzeigen; 1970 wäre gerecht, aber die Zeit ist vorangeschritten, wir leben 45 Jahre später; nur scheint das in den Köpfen der ZoobetreiberInnen noch nicht angekommen…
 
 
Dabei lesen wir im Internet, der Zoo ist mit Umbauarbeiten beschäftigt, möchte vollwertiges Mitglied der Europäischen Zoovereinigung werden – sollte ihm das in diesem Zustand gelingen, die Statuten der Vereinigung sind im selben Moment nicht das Papier wert, worauf sie festgehalten sind!!!!
 
Nach einigen Stunden im Wahnsinn verlassen wir das Zoogelände; stiller als zuvor, betroffen, schambehaftet; Scham dafür, jener Gattung anzugehören, die so etwas verursacht!

Fortsetzung (abschließender Teil 3) folgt in Kürze!

 
 
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