5000 Kilometer durch Osteuropa, Teil3!

Wir möchten heute die großartige bulgarische Organisation ‚Animal Rescue Sofia‘ besuchen; Marieta, die wunderbare Tierärztin unserer ersten Kastratonsprojekte arbeitet dort! Leider aber läuft uns dann etwas die Zeit davon, und als wir bei ‚ARS‘ auch telefonisch niemanden erreichen können, verschieben wir das Geplante auf die nächste Sofia-Hilfsfahrt.
Foto: respekTIERE IN NOT unterwegs auf Europas Straßen!

Am späteren Nachmittag treffen wir Petra und Emo, allesamt unverzichtbare Stützen unserer Kastrationsprojekte in Breznik! Petra kommt uns als erstes entgegen, im Schlepptau hat sie eine Hündin, welche ich bisher nicht kenne – schnell stellt sich heraus, die Arme stammt aus abgrundtief hässlichen Verhältnissen, das Paar hat sie daraus befreit – wie bereits Dutzende Hunde zuvor, die beiden immer über der Grenze des eigentlich Möglichen im Einsatz für die Notleidenden!
Dann kommt auch Emo, mit sich hat er Twister – vielleicht können Sie sich erinnern, im Zuge des letzten Einsatzes im Mai hatten wir die Süße hilflos aufgefunden, zusammen mit ihren Brüdern und Schwestern, in einem umgedrehten LKW-Reifen auf der entsetzlichen Mülldeponie des Ortes ausgesetzt! Twister war damals nur halb so groß wie die Geschwister (an dem Größenverhältnis hat sich übrigens bis heute kaum etwas geändert), noch dazu geplagt von schweren neurologischen Problemen – sie lag unter den anderen, am Ende ihrer Kräfte, konnte nicht aufrecht stehen, im Kot und Urin von fünf Tierkindern ohne Aussicht auf Hoffnung gefangen…
 
Fotos: Twister im Mai und jetzt – sie ist eine prächtige, lebensfrohe Hündin geworden, trotz ihrer Behinderung!

Wir nahmen sie damals mit, ich verbrachte eine schlaflose Nacht mit ihr im Hotel – inklusive Fütterung und Streicheleinheiten alle 30 Minuten – und am nächsten Tag brachten wir sie in eine nahe Klinik; sie hätte die folgenden Stunden sonst wohl kaum überlebt.

Emo und Petra holten sie von dort, 2 Wochen später. Seither lebt Twister bei ihnen, aber ein echtes zu Hause ist dringend gesucht; die Wohnung zu klein für nunmehr vier Hunde, eine Katze und zwei Menschen; dazu benötigt die Tapfere möglichst intensive Pflege, lebt im Haus mit einer Windel um die Hüften, weil die WohnungsinhaberInnen natürlich tagsüber zur Arbeit müssen.
 
Wir gehen in einen nahen Park zum Spazieren; die Grünanlage – pure Landschaft mit angelegten einfachen Wegen hindurch – ist riesig groß und wunderschön; ein Naturparadies direkt vor der Haustür der GroßstadtbewohnerInnen! Twister, deshalb der treffende Name, kann nicht wirklich das Gleichgewicht halten, fällt kopfüber, strampelt unsicher am Boden, versucht es erneut. Aber trotz der Schwierigkeiten hat sie eine riesige Freude am Leben, unübersehbar. Wieder ein Schritt, dann fällt sie einen kleinen Abhang hinunter, rappelt sich hoch, diesmal schafft sie sogar echte Sprünge – einfach nur berührend!
 
Der Park wirkt schier endlos, es benötigt Stunden ihn zu durchwandern. Ganz so viel Zeit haben wir nicht, und in wunderbaren Gesprächen vertieft vergeht die Zeit zudem von selbst wie im Flug. So wird es bereits finster, als wir bei Petra und Emo zu Hause ankommen. Dort werden erst einmal die Hunde versorgt; Twister muss gar eine komplette Körperdusche über sich ergehen lassen, hat sie sich doch in einem Feld voller herabgefallener Zwetschgen (Pflaumen, für unsere deutschen LeserInnen) genüsslich und ausgiebig gewälzt.
 
   
Fotos: in der Wohnung muss Twister Windeln tragen; unten: Christine mit dem wunderbaren Mark; Emo badet Twister!

Es bleibt aber noch Zeit für eine Tasse köstlichen Tee, dann müssen wir uns verabschieden!

Das Fazit des Zusammentreffens: es gibt überall auf dieser Welt ganz fantastische TierschützerInnen; in dieser Ecke des Balkans leben zumindest einige davon, und es erfüllt uns mit großem Stolz, genau jene kennen zu dürfen!!!
 
Heute ist der Tag des Aufbruches; jetzt geht es nach Serbien, wo wir uns auch noch so einiges vorgenommen haben! Vorher aber besuchen wir nochmals Petra und Emo, wir haben Kleinigkeiten wie guten österreichischen Wein mitgebracht, welche wir gestern zu überreichen vergaßen! Lange können wir uns nicht aufhalten, aber für eine mehr als herzliche Verabschiedung bleibt immer Zeit, und dann hat uns die Straße wieder!

Ein Stück stadtauswärts treffen wir auf ein kleines Hunderudel, das wütend bellend hinter unserem Auto herläuft. Wir bleiben stehen, in selber Sekunde sind die Wunderhübschen auch schon wieder vollkommen friedlich – und das mitgebrachte Hundefutter schmeckt ihnen ausgezeichnet! Ein älterer Mann beobachtet die Szenerie, in sehr gutem Englisch fragt er schließlich nach unserer Intention. Wir erklären ihm dass wir einem österreichischen Tierschutzverein angehören, der in Bulgarien tätig ist. Der gute Mann unterstreicht mit seinen Worten die vorhin getätigten Sätze mit den wunderbarsten TierschützerInnen; tatsächlich sind die vier Hunde ‚seine‘, er füttert sie täglich, und auch noch andere freilebende! In seiner Wohnung beherbergt er ebenfalls vier, sowie mehrere Katzen. Die Nachbarin tut es ihm gleich, und so übergeben wir eine letzte Palette Katzenfutter, die noch im Auto verblieben war. Seine Tochter, so meint er, würde auch Hunde zum Kastrieren bringen und ganz sicher gerne mit uns in Kontakt treten – ich überreiche eine Visitenkarte und prompt folgt eine Einladung, im Zuge der nächsten Hilfsfahrt zumindest eine Nacht bei diesen so netten Menschen zu verbringen!
Übrigens, ich sagte der Gute beherbergt vier Hunde – das ist eigentlich eine glatte Untertreibung, denn unter der Woche, dann wenn die Stadt Jagd macht auf freie Straßenhunde, holt er die soeben von uns gefütterten zu den seinen in den sicheren Hafen hinter heimeligen Mauern! Nur Samstag und Sonntag dürfen sie tagsüber um die Häuser ziehen (allesamt sind sie natürlich kastriert), weil da niemand aus der Verwaltung arbeitet!
 
Es ist der pure Wahnsinn: fängt der Hundefänger Straßentiere, landen sie in einem der riesigen Hunde’asyle‘ von Sofia; dort teilen sie das Schicksal mit bis zu 1 000 LeidensgefährtInnen, Hoffnung gibt es für sie nun kaum mehr. Adoptionen von dort sind eine ganz seltene Ausnahme, vielmehr müssen sie nun ihr Leben auf 1 qm und weniger verbringen. Alt werden sie in den Konzentrationslagern aber sowieso nicht, erfahren wir, denn Gewalt steht dort an der Tagesordnung – manche verletzten sich gegenseitig, viele werden von ArtgenossInnen totgebissen, noch mehr aber erliegen alsbald den allseits grassierenden Krankheiten…
 
Gegen 11 sind wir endlich auf der Autobahn, nun geht es ohne Umwege der serbischen Grenze entgegen. Es ist heute angenehm kühl, bewölkt und teilweise nieselt es sogar ein bisschen – kurz gesagt: ein ideales Reisewetter begleitet uns!
 
Die bulgarische Grenze passieren wir schnell und ohne Probleme; allerdings, die serbische nötigt uns mindestens eine Stunde Wartezeit ab, im Schneckentempo funktioniert die Abfertigung. Kontrolliert wird dennoch fast nichts, ein kurzer Blick in den Laderaum genügt dem genüsslich rauchenden Zöllner! Womit die Zeit vertan wird, wir wissen es nicht wirklich – Arbeit ist aber nicht das Zauberwort…
Fotos: Fahrtimpressionen…

Dann hat uns das wilde Serbien in seinen Händen; ein wunderbarer Gebirgszug links und rechts der Straße wirkt beinahe furchteinflößend, Täler und Schluchten, von glasklaren Bächen durchzogen! Allerdings, die beinahe Idylle (leider präsentiert sich der gesamte Straßenrand über hunderte Kilometer fast wie eine durchgehende Müllkippe) wird jäh und abrupt gestört; eine Autobahn befindet sich im Bau, wohl um EU-Güter leichter auf den Balkan zu bekommen, über unzählige Kilometer hinweg wird das Land abgetragen, Berge versetzt, die Umwelt systematisch zerstört. So ist der dauernde Fortschrittsgedanke längst zum Fluch für die Umwelt geworden, alles dem schnellen Handelsverkehr untertan; dass die massive Demontage des Natürlichem eigentlich einem fürchterlichen Raubbau am Erbe unserer Kinder darstellt, ist viel zu vielen ein nebensächlicher Gedanke, eine vernachlässigbare Größe, wenn es doch darum geht, den allmächtigen Kapitalismus hochzuhalten!
 
 
Wir wissen nicht ob dem immer so ist, aber enormer Reiseverkehr ergießt sich in Richtung Norden. Sämtliche der über-zahlreichen Tankstellen-Rastplätze sind völlig überfüllt, neben picknickenden Menschen breiten sich Tonnen von Abfall aus. Später soll sich herausstellen, wir haben das schlimmste und intensivste Wochenende für die Rückfahrt auserwählt; Serbien gab nämlich dem stetig anschwellenden Flüchtlingsstrom nach, ließ die Menschen ungehindert zur ungarischen Grenze und so befinden wir uns unbewusst inmitten einer wahren Völkerwanderung .
 
Erst gegen späteren Abend, es ist nun nach 21 Uhr, erreichen wir Novi Sad, wo wir übernachten möchten; die Suche nach einer Herberge gestaltet sich allerdings schwieriger als erwartet, und bis wir endlich ein Hotel finden, ist es längst Schlafenszeit. Die erwählte Herberge sieht von außen zwar ziemlich heruntergekommen aus, post-kommunistischer Reiz mischt sich mit fortschreitendem Verfall, doch die Zimmer überraschen uns: gut 30 qm ist ein Raum groß, mit vier (!!!) Betten darin, fast zum Verlaufen für eine Person: Kostenpunkt 10 Euro pro Zimmer. Da übersieht man das Nicht-funktionieren der Klimaanlage und des Fernsehers sowie die Brandflecken in den Bettdecken und die Schwächen im Bad doch sehr gerne! 🙂

Foto: Straßenhunde überall, von der Masse peinlich übersehen!

Der Tag beginnt wolkenverhangen; nach und nach kämpft sich jedoch die Sonne durch die düsteren Wattebausche und letztendlich soll es wieder richtig heiß werden. Die Nacht war eine gute, das Bett weich, und fast fällt es uns schwer den Ort heute zu verlassen – was wir allerdings zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen können, das Schicksal hat ohnehin anders mit uns vor. 🙂 Aber es hilft nichts, wir packen zusammen und Minuten später rattern wir schon wieder über die den Elementen längst nachgebenden Straßen. Bevor es nun endgültig nach Hause geht, möchten wir aber noch einige Straßenhunde in der Stadt füttern, haben wir doch extra Hundefutter über Serbiens Grenze geschmuggelt. Nicht nur das, auch eine kleine Kundgebung steht an, ist zumindest fest eingeplant. So stehen wir dann auch schon neben dem stark befahrenen Fahrweg, der ‚Stop Killing Stray Dogs‘-Banner weht im heißen serbischen Wind. Einige Menschen bleiben stehen, betrachten die für sie so ungewohnte Szenerie – wie oft wohl sieht man sonst einen Mann im Totenkostüm und eine Frau in blutiger Kleidung mit Hundemaske? Autofahrer hupen, ob erfreut oder verärgert, wir können es nicht so richtig einschätzen.
 
   
Foto: seltenes Ereignis: Protest für die Hunde in Serbien!

Dann brechen wir die Zelte ab; denn die Zeit läuft und so gerne würde wir die wunderbare Frau Brukner in ihrem Gnadenhof besuchen, ein Ort – langjährige LeserInnen unserer Nachrichten wissen es – der dem Paradies christlicher Vorstellung doch sehr nahe kommt! Am Weg dorthin allerdings, beim Durchqueren der Stadt, fällt uns eine riesige Menschenmenge auf; alle Straßen sind zudem zugeparkt, hunderte Fahrzeuge haben mehrere hunderte Menschen an einem bestimmten Platz gebracht: heute ist großer Markttag! Wenn immer so ein Ereignis ansteht, bedeutet das in diesen Ländern aller Erfahrung nach gleichzeitig, dass wohl auch Tiere, vor allem Hühner und andere Vögel, zum Verkauf angeboten werden! Schnell ändern wir die Pläne – eine solche Szenerie gilt es zu dokumentieren!
 
 
   
   

Bald erfasst uns das Gewühl, wir finden uns wieder inmitten des Gedränges wieder. Alles wird hier verkauft, vom Werkzeug angefangen über die Kleidung bis hin zum Autoersatzteil. An den zahlreichen Essenständen duftet es plötzlich gar köstlich: Langos, das so wohlschmeckende, meist in Knoblauchöl getauchte Fladenbrot des Balkans, duftet herrlich, lässt die Nasenflügel erbeben! Gleichzeitig ärgerlicher- (wegen der langen Wartezeit) und dann aber wesentlich erfreulicherweise stehen dann genau dort dutzende Menschen an, viel mehr als an den gefühlten hundert Fleischnahrungsständen. Nach 20 Minuten Geduldens in der Schlange halten wir die Köstlichkeit in Händen: eine riesige Flade, die erste (und einzige) warme Mahlzeit übrigens seit Beginn der Reise, mit Ketchup bestrichen, mit Paprika und Salz gewürzt – einfach nur köstlich!
   
Foto: wohin man blickt, überall Hundeelend! rechts: Christine in Warteschlange für veganen Langos!

Es gibt so unfassbar viele Straßenhunde in Serbien; natürlich warten auch am Markttag viele, viele auf einen weggeworfenen Happen, ausgezerrt, verschmutzt und hungrig, blicken sie mit leeren, traurigen Augen in eine für sie verstörende Welt. Die Vorstellung, dass all diese wunderbaren Geschöpfe einen täglichen Kampf ums Überleben führen, drückt unweigerlich Tränen in die Augen und man versucht sich schnell abzulenken – eine Gelegenheit ergibt dazu ergibt sich auch urplötzlich, denn schlagartig sehen wir vor uns Reihen von Boxen, Käfigen, Schachteln und anderen Gefängnissen! Zuerst sind es Wellensittiche und kleine Papageien, welche zusammengepfercht, oft in praller Sonne, auf ihren Verkauf warten; dann mischen sich Hühner unter die bunten Gesellen, Gänse und Enten in winzigen Verschlägen, Kaninchen in körpergroßen Käfigen, Truthähne in noch kleineren Behältnissen, ihre malträtierten Körper fast übereinandergestapelt – und schließlich Hunde! Welpen, soweit das Auge reicht, verschiedenste Rassen, aber auch Mischlinge; manche wohl von professionellen ZüchterInnen, die allermeisten jedoch von Privatpersonen angeboten. Es ist ein herzergreifendes Bild, welches sich vor unseren müden Augen auftut. Die Frage ist, wie kann so etwas möglich sein? Ist Serbien nicht ein Beitrittskandidat zur Union, die ihrerseits solche Märkte eindeutig verbietet? Warum schiebt einem derartigen Martyrium niemand einen Riegel vor? Weitere Worte möchten wir an dieser Stelle nicht mehr darüber verlieren, bitte sehen Sie die Bilder und urteilen Sie selbst… jedenfalls, ein Ist-Bericht wird von uns in Kürze an die zuständigen Stellen nach Brüssel weiter geleitet.
 
   
   
   

 
Ein Blick auf die kristallenen Ziffern am Mobiltelefon reißt uns plötzlich aus den Gedanken – es ist bereits fast 15 Uhr! Ok, wir müssen los, möchten wir Frau Brukner’s Elysium heute noch besuchen; ob wir danach allerdings den Heimweg antreten sollten, das wir ob der fortgeschrittenen Stunden immer unwahrscheinlicher…
 
Wir finden zielsicher – das Navigationssystem hat dem serbischen Labyrinth längst Tribut gezollt und aufgegeben – die Ortschaft Djurdjevo, dort wo Frau Brukner das Unfassbare geschafft hat. Und tatsächlich, obwohl ich vor einigen Jahren das letzte Mal hier gewesen bin, ich erinnere mich trotz meiner ansonsten mangelhaften Orientierung an jene Details, welche uns letztendlich zum Asyl führen! Ich habe es öfters erwähnt, dennoch muss ich es auch heute wieder tun: kennen Sie das Sprichwort: Das Gras des Nachbars ist immer grüner? Bei Frau Brukner treffen die Worte zu wie kaum sonst wo! Ja, selbst die den Hof umgebenen Wiesen sind satter, farbintensiver, blumenreicher, als sonst wo im Umkreis von vielleicht hunderten Kilometern! Pferde, eine stattliche Anzahl (später erfahren wir, es sind ihrer 26), grasen friedlich auf den Weiden, überall reichen Bäume in den Himmel, nichts ist abgeholzt, ausgebeutet; ganz im Gegenteil, eine schier unglaubliche Anzahl verschiedenster Büsche sowie unterschiedlichste Laub- sowie Nadelhölzer erfreuen das Auge, bis zum Horizont erstreckt sich ein wahrer Garten Eden. Vogelgezwitscher aus hunderten Kehlen, solche zu Wasser in den vielen kleinen Tümpeln und dem größeren See, solche in der Luft und im Geäst, dazwischen Froschgequake, Insektensummen – Genesis at it’s best!
 
Foto: Frau Brukner und ihre Lieblinge, wie immer ein unvergleichliches Zusammentreffen!

Unterbrochen wird das Naturschauspiel schließlich nur durch das laute Gebelle weit entfernter Hunde; die Wachposten Monika’s, sie beherbergt gut hundert an der Zahl, sind auf uns aufmerksam geworden!
Und dann kommt die gute Frau auf uns zu; es ist eine Erscheinung, die sich da nähert, vergleichbar ist Frau Brukners Werk nur mit jenen der ganz Großen, welche unsere Gattung seit Entstehung der Welt hervorgebracht hat! Welche Wiedersehensfreude, beinahe ein Heimkommen, wo dem/die BesucherIn sofort ein Mantel der Vertrautheit, der Geborgenheit umgibt!
Frau Brukner hat zudem Besuch aus der Schweiz; ein junger Mann namens Stefan, der bei einem kürzlichen Serbienbesuch einen Hund aus schlechter Haltung befreit und zu sich nach Hause, in die Nähe Berns, mitgenommen hat, ist bei ihr zu Gast. Sie, seine letzte Chance, nachdem ihm die heimischen Behörden einen Strich durch die Rechnung gemacht hatten – statt Familienidylle mit einem neuen vierbeinigen Mitglied, stellten sie ihn eiskalt vor die Wahl: Hund zurück nach Serbien, von der Polizei abgeholt und eingeschläfert (!!!) oder 5 Monate in Käfigquarantäne!!!! Stefan entschied sich für ersteres, stieg in einen Bus, und 20 Stunden später erreichte er Novi Sad, wo ihn Frau Brukner, der Ausweg aus der Misere, abholte! Sie wird das Tierkind die nächsten 20 Wochen über behalten, bis alle Impfungen und Tests abgeschlossen sind – in fünf Monaten (nur mindestens 7 Monate alte Hunde dürfen nämlich aus Ländern wie Serbien in die Schweiz gebracht werden) wird er ihn wieder zu sich holen! Stellen Sie sich seine Erleichterung vor, als er erfuhr, dass es Frau Brukner gibt, den Engel, der die Flügel über die Notleidenden ausbreitet…
 
   
   
 
Wir genießen wunderbar starken serbischen Kaffee, unterhalten uns lange; um uns ein Rudel Hunde, viele, viele davon uralt und verletzt, von Menschen ausgesetzt, getreten, gedemütigt; von Autos angefahren, querschnittsgelähmt, solche mit fehlenden Gliedmaßen, blinde, einäugige, schwer behinderte. Alle haben sie uns verziehen, selbst nachdem ihnen unsere Gattung so übel mitgespielt hat! Nicht nur das, nach dem Motto ‚Monikas FreundInnen sind auch die meinen‘ scheinen sie unsere Anwesenheit wirklich zu genießen, geben jede Streicheleinheit doppelt zurück! Sie kommen allesamt auch noch prächtig miteinander aus, alle scharren sie sich um uns, alle wollen gestreichelt und geküsst werden – soooooo wunderbar!

Auch eine Wölfin, ursprünglich aus einem Kloster kommend (!!!), hat hier ein zu Hause gefunden; ich hatte sie schon beim letzten Besuch kennen lernen dürfen, doch dieses Mal ist sie noch zugänglicher als damals; tatsächlich schmust sie nun sogar, und wir sehen ihr lange Zeit beim Spielen mit ihren liebsten FreundInnen, einer riesigen Dogge und einem schwarz-weißen Hübschling, zu. Immer wieder holt sie sich Streicheleinheiten von Frau Brukner, eine Seelenverwandtschaft zwischen den beiden offenkundig.
 

Dann dürfen wir auch noch den Rest des Paradieses sehen – ein wunderbares Katzenhaus samt Tunnel, ein großes Gehege für verletzte Rehe, ein solches für zum Jagdhundtraining missbrauchte Füchse (!!!), ein so fantastischer Schweinepalast, ein dick ausgepolsterter Stall für die Kühe, und, und, und…
   
   
 
Es ist bereits weit nach 18 Uhr, als wir uns losreißen – wir dürfen Frau Brukner, deren Alltag aus 20 Stunden Arbeit besteht, nicht noch länger in Beschlag nehmen. Noch etwas aber liegt mir auf der Zunge: Bei Gott, ich werde nicht müde zu behaupten, hier hat der Allmächtige sein Werk vollendet, zur Perfektion gebracht; in Gestalt einer zierlichen und dennoch unbesiegbaren, unbeugsamen Frau mit leicht angegrauten Haaren, einem Menschen, der – wenn sie eines hoffentlich noch unendlich fernen Tages so wie wir allen vor den/die SchöpferIn steht – mit Fug und Recht behaupten wird können: mein Dasein, es hat einen unfassbaren Unterschied gebracht; was Schöneres gibt es wohl über einen Erdenbewohner zu sagen? Frau Brukner ist es, die Don Quichotte Lügen straft; sie hat den Kampf gegen die Windmühlen nicht gescheut, sie hat ihn angenommen und vielleicht schafft sie das Unmögliche tatsächlich: die Mühlen der Tierquälereien, sie sind in ihrem Umfeld im Begriff zum Stehen zu kommen…
 
Anm: Frau Brukner und ihr Team haben in den Jahren ihrer Tätigkeit fast 30 000 Hunde kastriert, mehr als 40 TierschutzlehrerInnen wurden ausgebildet und sind ständig in allen Schulen des Landes unterwegs, sie hat dutzenden ‚Road-Side-Zoo‘-BetreiberInnen unentbehrliche Hilfe geleistet, hunderte Tiere darin in lebenswertere Umstände versetzt, sie ist ein politischer Faktor, eine Ikone sondergleichen. Man möchte sie ständig umarmen, möchte den Rest der Welt wissen lassen, was diese Frau aus der Schweiz leistet – sie hat einen neuen Maßstab gelegt, Fußstapfen vorgegeben, die zu betreten selbst für die Besten unter uns um viele, viele Nummern zu groß sein werden…
 
Fast still fahren wir dem Sonnenuntergang entgegen; was für ein wunderbarer Nachmittag!
 
Zum nach Hause fahren ist es jetzt natürlich entschieden zu spät; erneut nimmt uns die 10-Euro-Herberge auf, und erneut erfreuen wir uns an den großen, schönen Zimmern; heute noch mehr als gestern, in Gedanken versunken, im weichen Bett dösend…
 
Die Sonne geht am nächsten Morgen über Novi Sad auf, genau wie sie es gestern in unseren Herzen getan hat. Dennoch ist Wehmütigkeit dabei, als sich der Feuerball blutrot über das Land erhebt – heute ist endgültig der Tag der Abreise gekommen, warten doch zu Hause längst neue Aufgaben auf uns!
 
In aller Frühe jedoch fahren wir noch einmal in die Stadt, möchten dort ein allerletztes Mal Hunde füttern. Besondere Aufmerksamkeit erregt dabei ein Straßenstück, welches mit Müll gepflastert ist; dahinter steht eine Ruine, aus der dichter Rauch quillt. Wir packen das Hundefutter, vielleicht gibt es da hungrige Mäuler; langsam nähern wir uns dem Gebäude, und nun sehen wir: Kinder spielen darin, haben ein Feuer entfacht. Im Schmutz der Abfallhalde suchen sie nach Abwechslung; ein kleiner Junge steht knietief im brackigen Wasser, schöpft daraus die übelriechende Flüssigkeit. Aufgeweckt nähern sich die Kleinen, fragen uns schließlich nach Essbarem. Sie sind von der Welt vergessen, unbeachtet zur Seite geschoben, und ihre Zukunft birgt wahrscheinlich nicht viel Gutes für sie. Chancen der erdrückenden Armut zu entkommen, die sind minimal – 3. Welt, am Rande des wohl reichsten Wirtschaftraumes des Planeten…
 
   

Endlich erreichen wir dann die Straße stadtauswärts; das Navi meint, in gut 7 Stunden schon könnten wir Österreich erreichen! Vorher aber erwartet uns prächtige Natur, der Anblick der so abwechslungsreichen Landschaft erfasst unser Gemüt, lenkt die Gedanken zumindest kurzfristig weg vom eben bezeugten Elend; wunderschöne Berge, durchzogen von Tälern und Schluchten; wie wunder- wunderschön, und wären nicht überall entlang des Weges wilde Müllkippen, welche in uns ein flaues Gefühl der Bedrücktheit zurück lassen, dann wären wir für einen Augenblick richtig glücklich gewesen!
 
Eine Mautstelle ringt uns erneut große Geduld ab, wir verlieren mindestens 1 Stunde; das soll aber erst der Anfang der Nervenprobe sein, denn als wir die Grenze erreichen, offenbart sich ein regelrechter Wahnsinn – erst zu Hause angekommen erfahren wir, die Situation sollte geschuldet der Flüchtlingsproblematik sein; nur deshalb wurden an Ungarns Zugang zur EU derart rigorose Kontrollen durchgeführt. Jedenfalls, die Blechlawine kommt abrupt zum Stehen. Kilometerweit nur blitzendes Autoblech, Stoßstange an Stoßstange in mehreren, endlosen Spuren. Stunde um Stunde vergeht, das Vorankommen gelingt immer nur meterweit. Die Hitze nimmt stetig zu, ein Umstand, der die ZöllnerInnen scheinbar noch bedächtiger arbeiten lässt, und es verwundert irgendwie doch, dass alle in den endlosen Schlangen die Nerven behalten!

Anm.: zum Zeitpunkt des so unfreiwilligen Stopps an der Grenze wussten wir noch nichts über die sich dieser Tage derart zuspitzende Dramatik in der Flüchtlingsfrage; natürlich haben wir uns auch über die lange Wartezeit geärgert. Doch wie gerne wären wir aus heutiger Sicht noch Ewigkeiten länger im Stau gestanden, wenn durch verstärkte Kontollen vielleicht auch jener LKW aufgehalten hätte werden können, der alsbald zur Todesfalle für 71 Menschen werden sollte…

Im Angesicht all diesen Wahnsinns drängt sich eine beängstigende Frage auf: die Europäische Gemeinschaft, sie war immer eine der wirtschaftlichen Anliegen, und wird aller Voraussicht immer eine deren sein. In diesem Wissen enblößt sie ihr hässliches Angesicht umso drastischer; wie unfassbar ohnmächtig sie doch humanitären Katastrophen gegenüber steht! Weiß sie dann schon kein Rezept im korrekten Umgang mit Menschen, welche ihrerseits bloße Geborgenheit und Frieden suchen, unsere VolksvertreterInnen in nichtssagenden Worthülsen gefangen, dann muss uns umso klarer werden, dass unsere tierlichen Mitgeschöpfe auch in kommenden Dekaden keinerlei Hilfe von politischer Seite des blauen Sternenbanners zu erwarten haben. Im Gegenteil, Brüssel wird alle dringenden Anliegen alsbald noch weiter wegschieben, alles andere rundherum als wichtiger erachten. Die Frage wird so zur Feststellung: Es wird weiter nur an den BürgerInnen liegen, in Eigeninitiativen und in aufopfernder Kleinarbeit, um Tierschutz und Tierrecht umzusetzen, als einzige Stimmen für die Wehrlosesten. Welche Verantwortung diese Einsicht in sich birgt! Sie ist eine immense Last auf den Schultern, aber wenn wir sie nicht zu tragen bereit sind, wer dann? Ganz sicher ist, nur wenn wir zusammenrücken, können wir diesen Druck überhaupt aushalten. ‚Together we stand, divided we fall‘, muss das Motto sein, fernab jeglichen persönlichen Interesses. Ob das möglich ist? Es MUSS, denn wir sind die einzige Chance für jene, die selbst keine Stimme, keine Lobby, haben, und versagt die, dann finden wir uns sehr schnell wieder in einer Zeit, wo Tierschutz als bloße Sentimentalität abgetan worden war…

 
 
Letztendlich aber, am späten Nachmittag, passieren wir doch noch die Grenzbalken; nun, da immer nur einzelne Fahrzeuge durchgelassen werden, fühlen sich Ungarns Straßen wie Geisterpfade an, fast völlig verkehrsbefreit, zumindest bis über die ersten Auf- und Abfahrten.
 
Der Horizont verdunkelt sich langsam, der beginnende Abend bringt ein bisschen Abkühlung. Noch ist unsere Mission nicht vollends erfüllt: auch im Nachbarland möchten wir noch einen letzten Protest gegen das Töten von Straßentieren anbringen! Welcher Ort würde sich hierfür dann besser eigenen als eine Autobahnraststelle, mit stetigem Wechsel von PassantInnen?
So steht bald Gevatter Tod an der Zufahrt, und zusammen mit einer in das obligatorisch blutige Leintuch gehüllten Aktivistin mit Hundemaske erregt er alsbald große Aufmerksamkeit!

Was für eine Demotour: Proteste in Rumänien, Bulgarien, der Türkei, in Griechenland, Serbien und Ungarn – super!
 
Foto: Protest in Ungarn – Eintreten für Hunde, dort ebenfalls nicht alltäglich!

Erst nach Mitternacht erreichen wir unser zu Hause. Mehr als 5 000 Kilometer an Fahrt haben wir bewältigt, so viel Hilfe konnten wir bringen, so viel Freude spenden; vom ganzen Herzen möchten wir uns bei Ihnen bedanken, für all die Unterstützung, einfach dafür, dass Sie immer da sind, wenn Hilfe benötigt wird. 
Besonderer Dank gilt natürlich auch den vielen, vielen SpenderInnen der so dringend benötigten Tiernahrung: das Tierheim Krems ist da zu nennen, Fressnapf sowieso, und ganz besonders diesmal die wunderbare Pfotenhilfe aus Lochen – von wo wir sooo viel an Katzenfutter mitnehmen durften!
Foto: unverkennbar zurück in Österreich, 5 000 Kilometer Emotion liegen hinter uns!

Wir möchten diesen Bericht nicht abschließen, um uns auch noch bei der so fantastischen Christine Schreiner zu bedanken; nicht nur, dass sie eine unübertreffliche und großartige Aktivistin ist, welche mit ihrer Bescheidenheit und sanften Art und Weise unendlich viel zum Gelingen jeder Aktion beiträgt, war sie dann auch noch die bestmöglich vorstellbare Reisebegleiterin auf dieser so langen und kräfteraubenden Tour quer durch Osteuropa. Ihr Verständnis für die Situation ist einzigartig, ihre Herzlichkeit ansteckend, ihr Optimismus unbesiegbar – mit einem Satz: wir freuen uns schon auf die vielen, vielen künftigen Begebenheiten, wo wir gemeinsam Seite an Seite für eine bessere Welt kämpfen werden! Christine ist der lebenden Beweis dafür, dass dieser unser einziger Planet noch nicht verloren ist an eine dunklere Seite; denn so lange Menschen wie sie für die Mitgeschöpfe eintreten, so lange keimt die Hoffnung auf eine bessere Zukunft!
 
Fazit der Reise: Menschen, die dauernd unterwegs sind, immer im Bestreben, irgendwo in der Welt Mitgeschöpfen in Not ein bisschen Linderung zu verschaffen, sollten, müssen, sich auch einmal zurücklehnen dürfen, um die Batterien neu aufzuladen; sonst wird eines Tages unweigerlich ein Crash folgen, ein viel zitiertes Burn Out oder noch schlimmere Abnützungserscheinungen an Körper und Geist werden die Folge sein; aber bei aller notwendigen Verschnaufpause dürfen wir nie, nie, nie vergessen, zu lange darf diese nicht anhalten, denn jede Minute, in der wir verharren, leidet irgendwo ein Tier, welchem wir ansonsten vielleicht Erleichterung in seiner Situation bringen hätten können. Diese emotinale Gratwanderung, sie ist wohl unser aller Schicksal, und so gilt es immer weiter nach vorne zu blicken und unseren Lebenszug, selbst wenn er ab und dann schwer angeschlagen scheint, wenn schon dann immer nur ganz kurz im sicheren Bahnhof parken zu lassen!!!

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