Wir sind zurück!!! Esel in Mauretanien, Teil 1!

Der Wecker klingelt wieder einmal viel zu früh, immer doch, aber heute ganz besonders. Tatsächlich ist es erst 2.15 morgens, als wir mit viel Überwindung die wärmende Decke zurück schlagen und langsam den Kreislauf hochzufahren versuchen. Es hilft alles nichts, sofortiges Aufstehen ist das Zauberwort des Moments, denn jede andere Entscheidung birgt die immense Gefahr in sich dem inneren Wunsch, Befehl, Folge zu leisten – die Decke wieder bis zum Hals hochziehen und dem unstillbaren Bedürfnis nach Schlaf einfach nur nachzugeben. Waren doch die letzten Tage voller Anstrengung und mit keinerlei Ruhepausen versehen!
Nur Augenblicke später sprudelt auch schon duftender Kaffee durch die noch am Vorabend gefüllte Kaffeemaschine und, ausgestattet mit dem köstlichen heißen Getränk, finden wir uns alsbald auf der Autobahn in Richtung Flughafen München wieder.

 
Foto: das ist es, was uns erwartet: direkte Hilfe an den RespekTiere-Wasserstellen!

Die Nacht ist eine kalte, der Winter streckt erstmals seine eisigen Finger aus; die Frontscheibe des Sprinters ist angefroren, doch schnell befreien wir sie vom undurchsichtigen Etwas. Der Motor  lässt sich von der so plötzlich präsenten Kälte nicht beeindrucken, ganz im Gegenteil. Gewohnt zielsicher und mit seinem typischen Knurren bahnt sich der so zuverlässige Wagen seinen Weg, graben sich die Reifen in den ob der Kälte erstarrten Asphalt. Leichter Schneefall lässt das Land ringsum in tiefen Frieden sinken, und der Verkehr auf der Autobahn hält sich zu dieser frühen Stunde sehr in Grenzen. Das Radio spielt sanfte Musik, Ö3 lässt die Fahrt kurzweilig sein.

Bevor wir noch richtig erwacht sind, nehmen wir auch schon im Flugzeug nach Paris Platz. Trotz der unfassbaren Geschehnisse der letzten Tage, die Stadt der Liebe in Tränen ertränkt, ist die Maschine dennoch nahezu ausgebucht, ein Umstand, der dann doch etwas überrascht; sind es nicht nur leere Worte, wenn immer mehr Menschen mit breiter Brust sagen sie trotzen dem Terrorismus, gehen dem Leben nach wie bisher?

 
Foto: welche Spuren auch immer der Terrorismus in Europa hinterlässt – wir dürfen nie vergessen, 99,9 % der muslimischen Welt ist daran völlig unschuldig! FanatikerInnen gibt es auf allen Seiten, doch das darf uns nicht Abstand davon nehmen lassen, Menschen und Tieren in Not, wo auch immer wir diese antreffen, zu helfen!

In Gedanken versunken finde ich dennoch eine halbe Stunde Schlaf im Airbus. Die Stewardess weckt mich schließlich, bietet sie doch eine weitere Tasse des braunen Muntermachers. Dr. Matthias Facharani, ‚unser‘ so großartige Tierarzt aus Bayerisch Gmain, nun auch schon veteranen-gestählt aus vielen Mauretanienreisen, ist wieder mit gekommen, hat für den Einsatz einmal mehr seine Praxis für die kommenden 8 Tage geschlossen; er reibt sich ebenfalls seine müde Augen, und im selben Moment taucht das fliegende Stahlmonster auch schon tief in das Wolkenmeer unter uns ein. Die ersten Felder sind im selben Moment erkennbar, vereinzelt sogar einsame Bauernhäuser und weitläufige Farmen; das Land wirkt ruhig, sonnenbestrahlt, das Wetter offensichtlich viel milder als es in Österreich oder Bayern dieser Tage ist.

Ein Blick von oben offenbart aber auch umso deutlicher die tiefen Wunden, welche ‚Mensch‘ in seine Umwelt unauslöschlich gegraben hat; jede Natürlichkeit fast verloren, Flüsse und Bäche eingezwängt, in einem Korsett aus Beton; mächtige Strommasten durchtrennen die Ebene, Schienen, Straßen wohin das Auge blickt, die Autobahn unter uns, eine asphalterne Welt ohne Ende. Einer nimmersatten Schlange gleich schlängelt sie sich ihren Weg durch die Landschaft, verschlingt sämtliche Ressourcen und verwandelt dabei alles Gewesene zu einer leeren Illusion aus Stein.

   
   
Foto: lasst uns diese Tränen trocknen!

Alles unter uns wirkt so angepasst, ein riesiger Industriepark, Sonne verstaubt, Regungen abgestorben; das Leben bestimmend, alles Sein untergeordnet einer einzigen Gattung, und diese setzt ihr Zerstörungswerk unvermindert fort. Mannigfaltige Baustellen sind erkennbar, Bergwerke, der Boden aufgegraben, durchwühlt; Wälder vernichtet, dafür Monokulturen platziert wie gefräßige Monster. Ein Einheitsbrei, ohne Herz und ohne Seele, soweit das Auge reicht, reiht sich ein Feld auf das andere, fein säuberlich quadratisch oder rechteckig seinen jeweiligen BesitzerInnen zugeordnet.

Mit diesem Angesicht der ‚neuen Mutter Erde‘ so erschütternd direkt vor mir, fällt mir plötzlich ein: noch vor wenigen Tagen haben wir vor der niederösterreichischen Landesregierung protestiert, weil diese die Schutzbestimmungen für Tiere welche auf den ‚Roten Listen‘ an vorderster Stelle stehen, einfach untergräbt; völlig ungeachtet der Artenschutzbestimmungen, Washingtoner Abkommen ausgelacht, EU-Faune und Flora-Habitat einen Tritt versetzt. Otter und Biber, beide über Jahrzehnte aus unserem Land verschwunden, sind zurückgekehrt, zuerst vorsichtig, zaghaft, dann doch bestimmter. Doch eine Nation wie die unsere, die kann es nicht verkraften, so hören wir, dass diese Tiere mit all ihren Nuancen im selbiger Umgebung leben möchten, wo sie jedes Recht dazu haben und wir keines es ihnen streitig zu machen – doch Otter zum Beispiel, die essen Fische, und das hassen wiederum die Fischer… so muss Otter weg, und 800 in ganz Niederösterreich sind viel zu viele, so zumindest meinen es die Petri-Jünger zu wissen… ist es nicht einfach lächerlich? Wir sind weder willens noch fähig 800 Individuen einer aussterbenden Tierrasse zu schützen, nein, es geht noch viel schlimmer, wir wollen deren Tod, weil sie uns ein paar Kilogramm Fischfleisch streitig machen… wie, so frage ich mich, soll dieser Planet eine Chance haben, wenn ein solch kleinkariertes Denken selbst im 3. Jahrtausend noch so scheinbar unentfernbar in unseren Köpfen steckt??? Wir, die wir alles und jedes unserem Begehren unterordnen, ohne Wenn und Aber, beherrschen, tyrannisieren, vergewaltigen, schänden, ohne Unterlass – wir reden so gerne von Artenschutz und dergleichen, doch so etwas soll nie in unserem direkten Umfeld passieren, nein, es muss immer möglichst weit weg… ja, in Brasilien, da gehört der Urwald geschützt, oder in Asien, und auch nur solange wir nicht unser Finger im Geschäft haben, aber vor der Haustür? Hey, da haben wir doch ganz andere Interessen, ‚Mensch‘, ein gieriges Raubtier, dessen Hunger längst nicht gestillt….
 
 Foto: Flughafen Paris – kein Anzeichen von Nervosität… ganz im Gegenteil!
Ich hatte den Pariser Flughafen als Festung erwartet. Mit massiven Polizei- und Militäraufgebot, mit nervigen Zusatzkontrollen, voller Abzäunungen und künstlichen Hindernissen, ‚Türen mit Seitenteilen‘, wie es unsere erbärmlichen PolitikerInnen benennen; aber dem ist nicht so, ganz im Gegenteil, fast scheint es sogar als gäbe es allen Unkenrufen zum Trotz sogar noch weniger Präsenz von Uniformierten als sonst! Die Menschen wirken entspannt, keine Spur von Nervosität oder gar Panik. Die Frage die sich stellt, lautet wohl: sind sie inzwischen ob der fast täglichen Schreckensmeldungen in unseren Medien schon so abgebrüht, dass das Leben egal aller Umstände weiterhin seinen gewohnten Lauf zu nehmen hat, ungehindert? Oder ist es eine Trotzreaktion, um all den Wahnsinnigen zuzurufen: ja, Ihr mögt uns treffen, tut es, sogar mitten ins Herz, mögt unfassbaren Schrecken über uns bringen, entsetzliche Trauer, aber beugen? Beugen werden wir uns aber nicht, ganz im Gegenteil – wir sind noch immer da, ohne Angst, wir haben zwar gewankt, aber gefallen sind wir nicht, und jetzt seid Ihr an der Reihe Eure Augen mit Tränen zu füllen; wir werden Euch aufspüren und ins Freie zerren, Eure hässlichen Fratzen der Anonymität entreißen und Euch mit unseren Gesetzen und Anschauungen vertraut machen. Ihr auf Eurem Irrweg, blutbeschmiert bis in Eure Seelen, wo Ihr glaubt der Herr allen Lebens verherrlicht Eure Taten – in Wahrheit aber wird Euch eines Tages in seinem Angesicht das wahre Entsetzen erwarten, denn wie immer Ihr Euren Erlöser auch nennen mögt, er wird Euch zur Rechenschaft ziehen für die psychische Abartigkeit, die Besitz von Euch ergriffen hat, und ohne in Eure Gesichter zu sehen in die ewige Verdammnis entsenden…
Unfassbare 120 kg an Gepäck haben wir mit; davon sind allerdings nur ein paar Kilo davon persönliche Sachen, der ganze Rest versteckt sich hinter Hufwerkzeugen, Medikamenten und anderem Material, welches wir so dringend brauchen werden im Einsatz. Mehr als 1500 Euro sind die Kosten für das Mitgebrachte, doch wo wäre es besser investiert als für diese Mission???

 
 Foto: ein Teil der mitgebrachten Waren! 🙂
Die Maschine in Richtung Mauretanien ist wider Erwartens voll besetzt; die allgemeinen Sparmaßnahmen der Weltwirtschaft sind auch auf diesem Sektor deutlich zu spüren, die Sitzreihen beängstigend eng. Die Müdigkeit besiegt uns zusehends, lässt uns wenigstens für ein paar Minuten friedlich entschlummern. Am winzigen Bildschirm läuft Terminator, Arnold Schwarzenegger in seiner Paraderolle erweckt noch immer patriotischen Stolz in österreichischen Herzen. Während im Film Maschinen die Herrschaft über den Menschen ergreifen, erwartet uns eine andere Realität – Nouakchott, ein Ort wo ‚Mensch‘ sich selbst besiegt hat, wo das Meer langsam Besitz ergreift über den ausufernden Stadtwuchs; das salzige Gewässer – durch das Abpumpen des Grundwassers, um die StadtbewohnerInnen mit Trinkwasser zu versorgen – drängt es ungehindert an immer mehr Stellen nach oben und zerstört dabei den ohnehin fragilen Boden. Nichts mehr wächst an jenen Orten, wie von Säure befallen, zuerst waren es ihrer ein Dutzend, dann Dutzende, nun hunderte… der einstige Stolz der Stadt, ein Palmenwald, sieht heute aus wie von der Apokalypse getroffen, von Gott verflucht; tote schwarze Stümpfe ragen der gnadenlosen Sonne entgegen, eine Landschaft wie ein Gedanke, aus des Menschen Wahnsinns gemeißelt…. Früher kostbarster Grundbesitz ist nun wertlos, auf alle Zeiten vom Salz verbrannt.
Dann landet die Maschine; es ist nun später Nachmittag und nur mehr die Zollformalitäten stehen zwischen uns und ein bisschen verdienter Ruhe. Es geht über das Rollfeld, vorbei an waffenstarren Soldaten; Mauretanien, bei allen Demokratieschwüren, ist dennoch seit 40 Jahren nie anderes als eine Militärdiktatur gewesen. Die ernsten Mienen der Bewaffneten erinnern daran, in diesem Land wird jeder Fehler, auch jene, welche Menschen aus westlichen Gefilden nicht als solche erkennen, gnadenlos bestraft… Das Visum wird seit letztem Jahr vor Ort erstellt; kostete es aber 2014 noch rund 50 Euro, werden heute plötzlich 120 pro Person verlangt.. eine derartige Rechnung wird nicht aufgehen, denn so sollten sich keine Menschen ins Land locken lassen – und was täte der Wüstennation, dem viertärmsten Land der Welt, besser als ein bisschen Fremdenverkehr? Devisen und Interessen könnten den Ort aus der Lethargie heben, nicht aber Raubrittertum. Andererseits aber, wer fährt hierher, wo es außer Wüste und Armut und Leid nicht sehr viel mehr gibt, noch dazu, wenn alleine die Einreise ein kleines Vermögen kostet?

 
Nouakchott, aufgenommen von der Bordkamera des Airbusses – Sonne, Sand und Wüste…

Wir werden wieder bei unserer Tiroler Mitarbeiterin Barbara übernachten dürfen; sie, seit vielen Jahren vor Ort, zusammen mit ihrem Mann Sidi, ist uns in allen möglichen Situationen vor Ort eine wahrlich unentbehrliche Hilfe!

Die Nacht ist eine kurze, wir gehen spät zu Bett und das Fremdländische hat zudem bereits so viel Aufmerksamkeit erhascht, dass ein Einschlafen lange Zeit unmöglich ist. Die unfassbar vielen Moskitos, gepaart mit der herrschenden hohen Temperatur sowie der rufende Muezzin tun ihr übriges, um uns erst nach langen Stunden in einen traumlosen Schlaf der Erschöpfung fallen zu lassen…
Früh am nächsten Morgen geht es los, auf zum ersten Einsatz – und der soll ein unglaublich intensiver werden, gleich zum Auftakt!
Heute ist ‚Wasserstelle Nr. 18‘ im Kalender eingetragen, und die ist eine der meist besuchten. Tatsächlich warten schon einige Dutzend Esel auf das Beladen werden, sie stehen in langen Reihen bis tief in die Hauptverkehrsstraße hinein. Unglaublich gefährlich, wie oft schon wurden die armen Tiere von unaufmerksamen Autofahrern erfasst und lebensgefährlich verletzt! Aufmerksame LeserInnen unserer Newsletter wissen: wir können ein gar trauriges Lied von derartigen Situationen singen…

   


Die Stimmung ist, vielleicht geschuldet der internationalen Brisanz rund um den immer mehr ausufernden religiös motivierten Terror, äußerst gespannt. Wie um diese Feststellung noch zu unterstreichen, werde ich schon beim ersten Fotografieren der Esel in ein Streitgespräch verwickelt, ein Eselkarrenlenker stellt mich ob des ‚Vergehens‘ zur Rede. Schon lange hat es eine solche Sachlage nicht gegeben, denn alle wissen doch von unserer Mission und die allermeisten sind irrsinnig froh uns zu sehen! Doch nur ein einzelner Mann kann die Atmosphäre vergiften, mehr braucht es dazu nicht – gepaart mit einem derartigen Gedränge kann das schnell zu einer Kettenreaktion führen, Schlimmes von statten gehen…
Dem Himmel sei Dank aber wird die Konstellation schon im nächsten Augenblick entschärft, denn Daoudu, unser so treuer Kontrollor, ruft uns zu sich: Noteinsatz! Irgendwo ist ein Esel angefahren worden, er soll eine schreckliche Wunde davon getragen haben und braucht schnellstens Hilfe! Dr. Dieng und Mohammad, die beiden Tierärzte vor Ort, packen zusammen und schon sitzen wir zu sechst im kleinen Auto des Veterinärs (übrigens hätte er sich von alleine nie einen Wagen leisten können, und so hat RespekTiere vor Jahren die Hälfte der Anschaffung übernommen – natürlich mit Hintergedanken, denn nun, mobil, kann der Arzt genau in solchen Fällen viel besser und vor allem direkter zu Hilfe eilen)!

 
   
   
Fotos: der so schwer verletzte Esel – wir beten täglich dass er wieder gesund wird!

Am Ort der Tragödie angekommen ruft uns der Eselhalter herbei; ein alter Mann, von Kopf bis Fuß in wehende Tücher gehüllt, sein sonnenverbranntes Gesicht versteckt hinter Turban und Bart, strahlt pure Verzweiflung aus. Er macht sich offenbar große Sorgen, ist doch der Esel sein Schlüssel zum Überleben. Der Gute hat übrigens noch einen anderen der Grauohren, leider ebenfalls in nicht gutem Zustand, sowie ein Eselbaby, welches wie zur Bestätigung der allgemeinen Misere sehr krank wirkt…

 


Nun sehen wir auch das Verkehrsopfer; eine tiefe Wunde unter dem rechten Vorderbein, blutend, rohes Fleisch hängt in Fetzen um den entsetzlichen Riss. Unmöglich könnte der Esel ohne unsere Hilfe überleben, so viel steht fest; aber selbst mit deren wird es, so ehrlich muss man sein, eine immens schwierige Aufgabe ihn wieder gesund zu machen…
Es ist eigentlich unfassbar, wie die armen Tiere mit solchen Verletzungen überhaupt zurechtkommen; tatsächlich lässt sich der Esel den Schmerz kaum anmerken, ein Umstand, der den Zugtieren nur zu oft zum Verhängnis wird; die allgemeine Meinung: sie spüren eh keinen Schmerz, mehr Maschine als Lebewesen… Dr. Dieng muss nochmals zurück zu seiner Ordination – wir benötigen eine Menge an Medikamenten, vor allem ein starkes Narkosemittel!

 
Foto: Vorbereitund zur OP – das Narkotikum wird gespritzt!

Während der Arzt vom Wahnsinn des Straßenverkehres verschluckt wird, gehen wir ein paar Straßen weiter – Mohammed möchte uns jenen Esel zeigen, welchen wir Ihnen vor Kurzem vorgestellt hatten: auch der war Opfer eines Autofahrers geworden, und nur eine stundenlanger Noteingriff konnte sein Leben retten! Sein ganzer Hinterfuß war aufgerissen, eine Wunde bis auf den Knochen, und Mohammed hatte alle Mühe das Bein irgendwie zu erhalten. Heute sehen wir, auch sein zweiter Hinterfuß hatte eine Blessur davongetragen, das Kniegelenk ist immer noch tief geschwollen und muss nicht vorstellbare Schmerzen bereiten – der Esel steht tatsächlich auf dem ohnehin schwerst angeschlagenen, genähten Fuß und streckt das andere Bein weit ab…

Überleben ist in Mauretanien ein täglicher Kampf; Mensch und Tier sind davon betroffen, und Mitleid ist ein Gefühl, welches, besonders wenn es Tiere betrifft, offenbar nur schwer keimen kann. Zu hart sind die Bedingungen, zu konzentriert, zu fokussiert ist jedermann/frau auf das Ertragen des eigenen Schicksals. Darum stehen die Sterne nicht gut für den Armen: nur das Versprechen der Ärzte, ein bloßes Zeitschinden, motiviert den Halter, den Esel weiter mit Wasser und Essen zu versorgen; würde er wissen, seine Arbeitskraft wird wohl nie mehr wieder Gewichte schleppen können, er würde ihn einfach seinem entsetzlichen Los überlassen. Für Sentimentalitäten, ja selbst für Menschlichkeit, ist in einer derart engen Konstellation scheinbar kein Platz, die schreienden Kinder im Hintergrund unterstreichen den Ernst der Lage zusätzlich… Auch jetzt schon ist die Versorgung des Esels äußerst mangelhaft, ein paar Kartons, ein paar Essensabfälle – Wasser bekommt er erst als wir danach fragen… bei gut 35 Grad im Schatten! Wie soll da eine Heilung einsetzen, fragen wir uns?! Fakt ist, wir werden einen Gnadenplatz für den Armen suchen müssen, mit all unserer Kraft. Sonst ist er verloren, sein Dasein gleich einer Kerze im aufkeimenden Orkan. Ob sich so einer auftreiben wird lassen? Beten Sie mit uns dafür!

 


Zurück zu ersteren Fall; Dr. Dieng ist nun angekommen, sofort sedieren wir den Esel. Schon nach kurzer Zeit gleitet er langsam zu Boden, bald schläft er tief und fest. Dr. Dieng und Dr. Facharani beginnen das wuchernde Fleisch um die Wunde zu entfernen (der Unfall war schon vor 6 Tagen passiert, erfahren wir nun – warum sich der Halter erst heute gemeldet hat, möchten wir wissen; weil er dachte, das wird schon wieder…). Zwei Hände voll sollen es werden, blutige, rohe Brocken, welche sich nur mit Mühe vom Körper abtrennen lassen. Eine Menschenmenge hat sich um uns versammelt, gut zwei Dutzend Individuen beobachten den schweren Feldeingriff. Ein Marokkaner kommt hinzu, sehr zur Überraschung spricht er uns in gutem Deutsch an; er bedauert das Schicksal der Tiere, meint, die Herzen der Eselhalter seien kalt, und es muss endlich, endlich ein umwälzendes Umdenken stattfinden – ganz unsere Rede!

   
   
Fotos: Reihe 1, am Weg zum 2. Verkehrsopfer; rechts: Wasserschüssel leer, Futterschüssel – wie soll ein Esel davon satt, geschweige denn gesund werden?

Foto: wir entwurmen den kleinen Esel; sein Zustand ist schlecht, aber wir werden alles daran setzen dass er wieder gesund wird!



Um es kurz zu machen – der Eingriff dauert weit mehr als eine halbe Stunde, schwere Knochenarbeit, und danach sind wir alle, Mensch und Esel, geschafft. Wie viele Nähte nötig waren, wir wissen es gar nicht, aber es war eine unglaubliche Menge. Tetanusmittel möchten wir noch besorgen, und dann muss der Patient jeden Tag Antibiotika und dergleichen erhalten. Morgen werden wir wieder nach ihm sehen, aber für den Moment, so viel ist sicher, hat er zumindest wieder eine gute Chance!



 
 
Foto: abschließend bekommt der Esel noch zusätzliche Schmerzstiller verabreicht – wir werden ihn die nächsten Wochen über immer wieder besuchen!

Eine solche Operation unter solchen Bedingungen, es ist wirklich nicht zu glauben. Im Sand, zwei Dutzend Menschen rund herum, mit diesen zur Verfügung stehenden Mitteln… westliche MedizinerInnen würden wohl den Kopf schütteln, abwinken und es nicht für möglich halten, zumindest die allermeisten davon. Wieder unterstreichen wir mehr als deutlich wie wichtig unser Einsatz in Mauretanien ist, wie unentbehrlich diese Feldeinsätze trotz aller Schwierigkeiten sind. Wie viel Leid wir mindern können, wie viel Hilfe leisten. In solchen Augenblicken, beim Betrachten des langsam erwachenden Esels, der sofort wieder auf den Beinen steht und zu merken scheint, wir wollten ihm nur Gutes, ist es mühevoll die Tränen zu unterdrücken, den Tsunami von Gefühlen zu schlucken. Was gibt es Schöneres zu wissen, als dass das eigene Bestreben einen Unterschied ausmacht – und wo ist dieser Unterschied ersichtlicher als genau an diesem Ort?

Bericht Teil 2 folgt in Kürze!

 
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