Wir sind zurück – Mauretanien, Teil3!

Montag; der Morgen beginnt wolkenverhangen, gedämpftes Licht, irgendwie einer verdunkelten Sonne entkommen, entfacht eine fast gespenstische Stille. Immer wieder frischt böiger Wind auf und lässt das Erkennen der umgebenden Strukturen zur Geduldsprobe werden. Der Feuerplanet ist tatsächlich von einem gelblichen Schleier umgeben, somit zumindest teilweise seiner ansonst in diesen Gefielden fast absurden Kraft beraubt. Das Atmen fällt schwer im Angesicht des aufgewirbelten Wüstensandes, die Sicht ist stellenweise schwer beeinträchtigt. Die Temperatur präsentiert sich auf Grund der Gegenbenheiten angepasst, es erscheint im Vergleich zu den letzten Tagen fast kühl – nichtsdestotrotz zeigt das Thermometer 29 Grad… Wir wollen die Gunst der Stunde nutzen, die Erleichterung, der Schutz vor den sonst so gnadenlosen Himmelsstrahlen, und so brechen wir schon sehr zeitig auf zur ersten Behandlungsstelle. Wir nehmen ein Taxi, was hier merkwürdigerweise viel billiger ist als die meisten anderen Transportmittel. Die lange Fahrt quer durch die Stadt, viele Kilometer durch Armut und Vergänglichkeit, schlägt sich letztendlich mit knapp 3 Euro zu Buche. Mohamed und Dr. Dieng sind bereits im Einsatz und nach der wie immer sehr herzlichen Begrüßung sind wir auch schon mitten drin im Alltagsstress. Es gilt Esel zu entwurmen, Wunden zu behandeln und vor allem die Menschen zu überzeugen welch wunderbare Wesen die Grauohren sind. Wieder haben wir unsere legendären Aufkleber mit, versehen mit dem Spruch: ‚Wer Gnade am Tier übt, an dem wird Allah Gnade üben‘! Einige Dutzend Kinder verfolgen unsere Anstrengungen gebannt, vor allem die Bildnisse auf dem Sticker erregen ihre Aufmerksamkeit. Zudem kaufen wir in einem der abertausenden kleinen Geschäfte einen Sack voll Süßigkeiten und binnen Augenblicken sind wir der Mittelpunkt der Welt für all die vielen Kleinen um uns!
 
Foto: Daoudu zeigt unsere so erfolgreiche Broschüre (in Zeichenschrift) über die richtige Behandlung der Esel!

Mitgebracht haben wir auch einen Pumpe zum Befüllen der Eselkarrenreifen. Rund 9 Euro kostet so ein Teil, 9 Euro, die für hunderte Esel eine enorme Erleichterung bringen werden – stellen Sie sich vor, wie viel einfacher es ist mit gut gefüllten Rädern die enormen Gewichte durch den Sand zu ziehen, anstelle von halb platten… Jene Investition ist tatsächlich eine der erdenklich sinnvollsten; oft kann man selbst mit relativ wenig Geld so viel Gutes tun…

   
Fotos: die Reifenpumpe ist künftig ein wichtiger Teil der Ausrüstung unserer Teams; rechts: Dr. Fachrani beweist, sie ist robust und universell einsetzbar – hier am Auto unseres neuen Mitarbeiters Abdel!

Wir verteilen auch wieder ein paar Dutzend Warnwesten, immens wichtig, damit die Eselkarrenlenker auch bei einbrechender Dunkelheit gesehen werden! Selbst reflektierende Folie haben wir mitgebracht, die schneiden wir in kleine Stücke und bekleben damit die Rückansicht der Karren – jede Möglichkeit zum Erkennenwerden möchten wir nutzen!

 
Foto: unglaublich, wie dieser Mann seinen Alltag bewältigt – kann er doch seine Beine nicht benutzen!
 
Foto: Dr. Facharania hilft einem Esel die Steigung zu bewältigen

Die Arbeit ist eine kurzweilige, aber stets geprägt von großer Anstrengung – nicht jeder Esel zum Beispiel ist hoch erfreut über die wartende Behandlung, und so gilt es immer wieder aufzupassen nicht gebissen oder gar getreten zu werden! Manche der Tiere müssen sogar einen einfachen Beißkorb, einen Plastikbehälter zugeschnitten auf die Eselnase, mit einem Strick hinter den Ohren befestig, tragen; ja, auch unter ihnen gibt es welche, die von Haus aus nicht so gutmütig sind wie die allermeisten ihrer ArtgenossInnen – aber wer könnte es ihnen verübeln, bei all dem Wahnsinn, welchen sie tagtäglich hilflos ausgeliefert sind?!

Gegen 12 verlassen wir den Ort; zusammen mit den Doktoren wollen wir noch nach dem letzte Woche behandelten, so schwer verletzten Esel sehen. Wieder geht es kilometerweit quer durch die explodierende Metropole, und solche Fahrten bringen eine Tatsache immer wieder zurück ins Gedächtnis: wir sind hier in einem der ärmsten Länder der Welt zu Gast, und nirgends wird dies deutlicher als den Armenvierteln Nouakchotts!
 

Dann erreichen wir den angepeilten Platz; wie sich Dr. Dieng oder auch jeder andere Einheimische in diesem Irrgarten von Straßen, Pisten und sandverwehten Wirrwarr zurecht finden kann, wird uns wohl für immer ein Rätsel bleiben… Der Esel befindet sich in ganz gutem Zustand, aber es gibt ein Problem – ein Teil der langen Wunde ist wieder aufgebrochen, trotz der Nähte, und so versorgen wir ihn mit Antibiotika und anderen desinfizierenden Stoffen. Er lässt die erneute Hantierung an ihm nur widerwillig zu, zu schlimm ist wohl noch die Erinnerung an vergangene Eingriffe…
Noch mehr Sorgen bereitet uns der Kleine, er steht völlig verloren angepflockt in der Enge des notdürftig aus Eisenresten, verrostetem Draht und Holzteilen zusammengebauten Verschlages. Wieder bekommt er reichlich Vitamine und frisches Wasser, Dr. Facharani kauft am Gemüsestand gegenüber einige Karotten als besondere Köstlichkeit; allerdings, Esel bekommen so etwas hier nie, und deshalb nehmen die Beiden die angebotene Leckerei dann nur sehr zaghaft an…
 

Weiter geht die Fahrt; wir bleiben auf einer kleinen Anhöhe stecken (Anhöhe ist eine Übertreibung per se, in einem Gebiet, wo kaum eine Stelle über der 0-Seemeter-Höhe liegt, ein großer Teil sogar darunter… Mit etwas Mühe bekommen wir das Auto wieder fahrbereit, nur um kurz darauf erneut zu stoppen: ein kleiner Hund liegt da im Wüstensand, unbeachtet von der Menschenmenge, und sein Zustand soll sich im nächsten Augenblick als ein unfassbar schlechter heraus stellen. Wir halten, der Verletzte will weg laufen, kann jedoch nur wenige Schritte humpelnd zwischen sich und uns bringen. So fangen wir ihn dann ohne weitere Probleme, und erst jetzt tut sich das ganze Leid der Welt vor uns auf: sein Vorderbein ist eine einzige offene Wunde, teilweise unter Eiter, übler Geruch geht davon aus! Eigentlich müsste man das Bein sofort amputieren, ab der Schulter, aber unter den gegebenen Umständen? Eine Unmöglichkeit! So betäuben wir ihn, sobald er entschlafen ist, beginnen wir die schreckliche Verletzung zu säubern und zu desinfizieren. Sofort macht sich Dr. Dieng an die Vernähung; schnell bildet sich eine Menschentraube um uns, Kinder, Erwachsene, andere Hunde, selbst Ziegen scheinen von dem Spektakel magisch angezogen. Ich halte den Fuß für den Arzt in gerader Position, ein Versuch, der mich an meine Grenzen bringt; nicht das Blut oder die Verletzung selbst, sondern die Aussichtslosigkeit der Situation lässt mich innerlich verzweifeln. In Dr. Facharanis Augen bemerke ich die gleiche stumme Anklage, denselben inneren Kampf fechtend. Ich sehe die Menschen um uns, sehe lachende Kinder, die allesamt nur am Geschehen interessiert scheinen, an der Abwechslung, wo Mitgefühl jedoch keine Platz im menschlichen Repertoire des Gefühlslebens Platz gefunden hat. Kleine Jungs stehen mit weit aufgerissenen Augen herum, mit Hühner in den Händen, jedoch nicht in vorsichtiger Absicht, die Finger haben sich einfach grob irgendwo an den Flügeln geschlossen; das hilflose Gepiepse der ihnen Ausgelieferten erweckt keinen Eindruck, vielmehr scheint es ein Ärgernis zu sein und wird ab und dann mit einem kräftigen Schütteln der Faust bedacht. Ein Mädchen zerrt eine Ziege heran, der rechte Vorderfuß ist gebrochen, eine offene Fraktur, darüber eine eitrige Wunde. Dennoch ist sie keine Sekunde vorsichtig mit dem armen Tier, im Gegenteil, auch noch andere der Umstehenden zerren an dem bisschen Leben… Die Kinder können nichts dafür und im selben Augenblick schäme ich mich für meine Gedanken, aber wie soll sich je etwas ändern in einer Welt, wo stets der Stärkere der alleinig Bestimmende ist? Wo Eltern ihren Kindern keine Achtung vor dem Mitgeschöpf vermitteln, wo der Tod ein ständiger Begleiter allem Daseins ist? Wo das eigene Überlegen stets in Frage gestellt, wo die Hoffnung eine bloße Vision ist?
 
   
   
 

Menschen, welche in ihrem Leben so unsagbar viel Leid bezeugt haben, so unfassbare Armut, so viel furchtbaren Schmerz und das langsame qualvolle Sterben zum Teil ihrer Aufgabe gehörte, solche Menschen verdrängen das Gesehene sehr gerne aus ihren Gedanken. Wie denn auch anders, würde die sofortige Konfrontation doch gewiss völlig unberechenbare Folgen nach sich ziehen. Doch das Bezeugte hinterlässt immer Narben, ständig neu aufgerissen, irgendwo ganz tief in uns drinnen, wuchernde Wunden, die dazu verdammt sind sich irgendwann einmal zu entzünden. Irgendwann, darüber muss man sich im Klaren sein, kommt besagter Moment, oft nach Tagen, nach Wochen, Monaten, Jahren, hie und da auch nach Jahrzehnten, aber irgendwann ist, wie es die US-Amerikaner so treffend nennen, unweigerlich der ‚Judgement Day‘, die Zeit der Abrechnung, angebrochen. Ich für meinen Teil, ich fürchte so einen Tag, denn er wird gewiss mit einer ungeahnten Herausforderung einher kehren, wo ich mir nichts mehr wünsche als deren dann gewachsen zu sein. Es gibt leider keine Vorbereitung darauf, man kann nur hoffen in jenen Stunden bereit zu sein für ein psychische Schiedsgericht…
Wir fahren dann weiter; es ist merkwürdig ruhig im Auto, ganz so, als ob unsere BegleiterInnen von selbigen Gedanken gepeinigt wären. Müdigkeit macht sich bemerkbar, und dieses Mal ist es keine Müdigkeit der Knochen, sondern vielmehr eine des Geistes; und eine solche wird sich auch nach ein bisschen Ruhe nicht verabschieden, sie wird weiter nagen in uns und so ist es doch ein Gebot der Stunde, sich doch noch der Problematik zu stellen und in sich zu gehen. Viel zu leicht bleiben sonst derartige trübe Erfindungen hängen, irgendwo in den hintersten Winkeln des Gehirns, um dort ihr unheilvolles Werk fortzusetzen… 
 

Der nächste Tag beginnt erneut wolkenverhangen. Tatsächlich fühlt sich wie schon gestern unter gegebenen Bedingungen selbst eine Temperatur von 27 Grad relativ kühl an, der Himmel grau, die Luft durch die wirbelnden Winde vom Sand rötlich eingefärbt. Abdel, jener so gebildete, nette Mann, welchen wir kürzlich kennen lernen durften und den wir schn alsbald in das Team zu integrieren versuchen werden, holt uns ab; er spricht wunderschönes Deutsch, hat er doch 8 Jahre seiner bisherigen 45 auf Germaniens Hochschulen verbracht.
Die Fahrt zur Wasserstelle ist eine weite, aber dennoch kurzweilige. Wir unterhalten uns prächtig, erfahren so viele neuen Dinge von Adel. Zum Beispiel auch Näheres über das Gerücht, dass die im Land befindlichen Chinesen mehr und mehr Esel aufkaufen, weil sie deren Fleisch begehren. 70 pro Monat sollen es bereits sein, weiß er, Tendenz stark steigend! Unter diesen Umständen ist es wohl nur mehr eine Frage der Zeit – in Anbetracht dessen, dass für ein Tier wesentlich mehr als der normalen Preises gezahlt wird – bis regelrechte Eselfarmen entstehen werden, ähnlich unseren Kuh- und Schweine-Konzentrationslagern… doch damit sollten wir uns befassen, wenn es tatsächlich so weit ist.

An der ersten Wasserstelle des Tages gibt es heute nicht so viel zu tun; die Esel präsentieren sich durchwegs in gutem Zustand – geschuldet der unermüdlichen, wöchentlichen Arbeit unseres Teams! Wir sind in solchen Augenblicken umso stolzer auf Dr. Dieng, Mohammed, Moussa und Zappa…

Einige der Esel sind sogar wunderschön gepflegt, wundfrei und der Umgang ihrer Halter verrät: die mögen ihre Tiere wirklich! Natürlich bekommen jene die besten der mitgebrachten Geschenke, Sonnenbrillen, Warnwesten, Transistorradios und co wechseln bald zu Dutzenden den Besitzer! Eigentlich ist es ein Grund zur Hochfreude: der Einfluß von RespekTiere auf diese Entwicklung ist derart augenscheinlich, unsere Arbeit trägt tatsächlich ständig neue Früchte – soooo schön zu sehen!!!
Ein Mann fragt, ob wir seinen Esel zu Hause ansehen könnten; dem ginge es sehr schlecht. Wir fahren zu besagter Hütte, unweit der Wasserstelle. Der Esel humpelt stark, zudem hat er ein Problem mit der Atmung. Dr. Dieng und Dr. Facharani packen ihre Medikamentenkoffer aus, allerdings wird auch dieser Patient ein Fall für eine längerfristige Behandlung. Dr. Dieng‘s Notizbuch, er muss ja all jene Verletzten und Erkrankten die nächsten Wochen über wieder und wieder besuchen, darf auf keinen vergessen, wird dicker und dicker…
 

Eine Frau kommt, sie bringt eine Ziege. Diese präsentiert sich als Gerippe, sooo unfassbar dünn… sie hätte Plastik gegessen, hören wir. Eine Not-OP kommt nicht in Frage, darüber sind sich die Ärzte einig; die Ziege wäre viel zu schwach dafür, würde den Eingriff nicht überleben. So führen wir eine Entwurmung durch, starke Abführmittel werden eingesetzt, und selbstverständlich wird auch sie in den nächsten Tagen erneut Arztbesuch erhalten!!
Wir fahren weiter zum Eselmarkt, dem Ort des Grauens; heute möchte ich nicht wieder all die Opfer sehen, das habe ich mir fest vorgenommen. Allerdings, meist kommt alles anders als man denkt, wer kennt sie nicht, diese alte Weisheit?
Es ist wenig los am Markt; das Wetter und die Jahreszeit sind ein Indikator für schlechtere Geschäfte; wenigstens bleibt uns so mehr Zeit, und deshalb statten wir nun auch wieder dem Esel mit dem neurologischen Halsproblem eine Visite ab; der Arme liegt die meiste Zeit, steht schwer auf, und wenn er steht, dann dreht er seinen Hals so stark zur Seite, dass der Kopf in rückwärtiger Richtung absteht. Aber er isst wenigstens ausreichend, trinkt, es scheint ihm nicht weiter schlecht zu gehen – das bestätigt auch sein Halter. So bekommt der Esel erneut eine Spezialbehandlung, und während die Ärzte ihrer Arbeit nachgehen, inspiziere ich mit Daoudu das Gelände – da hinten irgendwo, über der Müllhalde, soll eine Stelle sein, wo Schafe und Ziegen ‚bearbeitet‘ werden; wie und was genau passiert, so viel kann ich nicht verstehen, aber nichtsdestotrotz, ich soll es bald mit eigenen Augen bezeugen!
 
   
 
Foto: ein schlimmer Ort ohne Hoffnung; aber auch ein Ort, wo Freundschaften entstehen können: ich schenke dem jungen Mann eine Warnweste, er bedankt sich mit einer festen Umarmung!

Wir schreiten über die Müllberge, dann wird das Land flach, durchsetzt von brackigen, stinkenden Wasserpfützen im riesigen Durchmesser. Es müsste Meerwasser sein, das alte Problem Nouakchotts tritt zutage; Prognosen besagen ja, dass die gesamte Stadt in wenigen Jahrzehnten im Meer versinken wird, weil das Salzwasser mehr und mehr nach oben drängt… Der Boden selbst ist steinhart, ausgedörrt von Salz und Sonne – hier könnte man einen Science Fiction-Film drehen, vor der Kulisse einer apokalyptische Landschaft eines lebensfeindlichen Planeten, entsprungen der übereifrigen Phantasie eines Hollywood-Regisseurs.

Dann wird der Boden urplötzlich weicher, man geht fast wie auf Samt – später erfahre ich, all die weißen Bäuschchen sind Teile von Tieren, Ziegen und Schafen, welche genau, mag ich gar nicht wissen. Auf einer kleinen Anhöhe gibt es verschiedenste Becken, allesamt gefüllt mit einer dreckigen Lauge, darin schwimmen Tierhäute. Ein alter Mann wäscht die Felle, völlig ohne Schutzkleidung, nicht einmal Handschuhe sind an seinen verätzten Händen übergestreift. Rundherum sind Pflöcke in den Boden getrieben, über mehrere tausend Quadratmeter. Vor allem Frauen arbeiten hier, in dieser dampfenden, grauenvollen Hölle auf Erden. Der Boden von Bleiche und sonstigen Chemikalien strahlend weiß, sodass man fast eine Brille benötigt, es riecht fürchterlich, und zwar so stark nach Tod und Verwesung, dass ich mehrmals einen Brechreiz unterdrücken muss. Die Menschen möchten nicht bei ihrer Arbeit beobachtet werden, die Stimmung so trostlos wie das Umfeld. Der graue Himmel passt sich nahtlos an die Szenerie an, selbst die Atmosphäre schreit nach Regen, Niederschlag, der vielleicht ein paar der Spuren des Wahnsinns wegspülen könnte. Aber Himmelswasser ist hier so fern wie die erstickte Hoffnung. Diese stirbt zwar bekanntermaßen zuletzt, aber wenn dem so sein sollte, dann entfaltet sich besagtes ‚zuletzt‘ ohne jede Frage genau jetzt und vor meinen geröteten Augen….
 

Am Nachmittag suchen wir nach neuen Einsatzorten. Am Weg finden wir einen Esel mit einer schrecklichen Schwellung am Bauch, so groß wie ein Fußball; wie das passiert ist? Un-unfassbar, höchstwahrscheinlich darum, weil wieder einmal ein Mensch einem Tier völlig sinnlos Wunden zugefügt hat! Wunden, die sich hier als tief in die Haut geritzte Zeichen manifestieren, Zeichen, welche den Esel deutlich als seinem Besitzer zugehörig erkennen lassen sollen! Manchmal, geschuldet dem Schmutz und der Hitze, den abertausenden Parasiten und den Fliegen, infiziert sich die Tortur, und so ein Ergebnis haben wir nun direkt vor uns! 

Fotos: Impressionen aus Nouakchott
   
   

Wir gehen zu Fuß durch die Stadt; als wir eine Straße überqueren, winkt uns ein Eselkarrenlenker zu. Ich erkenne den guten Mann wieder, wir haben ihm kürzlich eine Warnweste geschenkt, die er jetzt auch ganz stolz trägt. Er bedankt sich noch mehrere Male dafür, schüttelt unsere Hände und setzt seinen Weg fort. Wir freuen uns, aus tiefstem Herzen!
Mauretanien ist ein seltsames Land. Es gehört nebenbei zu den am wenigsten besuchten Staaten der Welt, in Fakt liegt es mit rund 30 000 BesucherInnen im Jahr an 15. Stelle in dieser wenige ruhmreichen Statistik. Grund dafür ist wohl, es besteht fast zur Gänze aus Wüsten, hat für den Durchschnitt so gar nichts an Komfort oder Bequemlichkeit zu bieten; Abwechslung? Fehlanzeige! Wie um diese Triste noch zu unterstreichen, greift der Präsident selbst in alltägliche Belange ein, richtet sich sein Leben so wie es ihm passt. Ein Beispiel: kürzlich, am Nationalfeiertag, dem Tag der Unabhängigkeit von Frankreich (28. November) wurde ein Fußballspiel ausgetragen, ein nationaler ‚Supercup‘. Wie das Spiel endete, darüber gibt es zwei Versionen. Eine, von der Regierung herausgegebene, besagt, wegen der fehlenden Flutlichtanlage musste das Spiel in der 63. Minute (von mindestens 90 zu spielenden) frühzeitig abgebrochen werden, weil sonst die Siegerehrung im Dunkeln hätte vonstatten gehen müssen; der Präsident auf den Rängen entschied ein Elfmeterschießen, wobei die Mannschaft aus dem reichen Stadtteil Nouakchotts, Tefragh Zeina, das Match für sich entschied. Die inoffizielle Version weicht allerdings beträchtlich davon ab; nach jener langweilte sich das Staatsoberhaupt wegen des belanglosen Kicks und so traf er deshalb kurzum diese Entscheidung. In keinem anderen Land der Welt wäre so etwas wohl möglich, aber Mauretanien ist eben sehr speziell…
Dann aber auch im positiven Sinne. Zum Beispiel haben Frauen hier viel mehr Rechte als sonst wo im arabischen Raum. Jeder Mauretanier wird sagen, mauretanische Männer sind nur Zierde, die wahren Bestimmer sind jene des weiblichen Geschlechtes zugehörigen. 🙂 Es gibt dann auch Kaffeehäuser und dergleichen, wo Frauen bedienen. Ein Unding im Großteil der arabischen Welt. In Mauretanien ist allerdings im Gegensatz zu den meisten anderen arabischen Staaten der Einfluss aus Schwarzafrika schon ein sehr großer, vielleicht auch darum laufen die Uhren manches Mal anders. Sogar ein ‚Markt der Frauen‘ hat eröffnet, eine Mall, wo die Läden allesamt von Frauen geführt werden!
 
   
   

Die Luft ist erfüllt von Sand und Staub, trotzdem bricht spätestens um die Mittagszeit regelmäßig wieder die Sonne durch und vertreibt schnell die frische Brise; tatsächlich ist selbst der mauretanische ‚Winter‘, zumindest für Mittel- und NordeuropäerInnen durchwegs brennend heiß. Immer wieder ertönt das Gebet des Muezzins, Gott ist groß schreit er im monotonen Singsang durch die Straßen. Des Nachts springt die Katze mit großem Getöse in unser Zimmer, meist bringt sie dabei ein gefangenes Tier mit, eine Maus oder einen Gecko, welche wir dann jeweils mit viel Mühe ihren Klauen zu entreißen versuchen.

Die letzten Tage verbringen wir auf verschiedensten Einsatzorten; der Fischmarkt zum Beispiel, wo – ob des Sandes – die Hufen der Tiere vor ein großes Problem gestellt werden. Zappa allerdings – der von RespekTiere in Person der österreichischen Hufschmiedin Irmi Forsthuber ausgebilde und unseres Wissens nach einzige ‚echte‘ Hufschmied Mauretaniens – ist genau hier in seinem Element. Seine magischen Hände verhelfen den Tieren immer wieder zu einem völlig neuen Gehgefühl, egal wie schwer die Deformation dann auch sein mag.
Auch Entzündungen der Augen passieren am Strand im Verhältnis häufiger, der ständige Wind und der immer präsente Sand tragen das ihre dazu bei. Doch auch hier können wir Linderung bringen, haben wir doch extra eine große Menge an Augensalben mitgebracht! Dann sind wir auf dem Hühnermarkt, wie der Name schon verrät, werden dort vor allem Tiere zum Verkauf angeboten – unter schlimmen Umständen, selbstredend. Überhaupt ist der Markt ein Sinnbild Schwarzafrikas, im Kongo oder sonst wo tief im Herzen des ‚Schwarzen Kontinents‘ muss es ganz genauso aussehen. Ein Gemisch, ein Gewühle, Lärm, Hektik, mitten drunter ein sich über alle Ebenen erbrechender Verkehr. Schmutz und Abfall, soweit das Auge reicht, es riecht nach Fisch, nach Tod, nach Verwesung, aber auch nach den buntesten Gewürzen und Obst, welches vor allem aus Marokko kommt (nur 2 % des mauretanischen Bodens sind für Landwirtschaft geeignet, konzentriert auf einem dünnen Streifen entlang des südlichen Senegal-Rivers – des einzig ständig wasserführenden Flusses Mauretaniens).

 
 

 
   
Fotos: viele Verletzungen der Augen, geschuldet dem Wind und dem Sand, gilt es zu behandeln…
Wir finden uns wieder beim Packen der Koffer. Es ist Zeit zum Nachhause reisen. Mit gemischten Gefühlen werden wir das Flugzeug spätnachts besteigen, zum einen ein bisschen froh ob der zu erwartenden, hoffentlich etwas ruhigeren Tage, zumindest ein paar deren. Aber auch in Gedanken versunken ob des Schicksal so vieler Tiere, die für uns der beklemmenden Anonymität der Masse entronnen sind. Wie wird es den beiden so schwer verletzten Eseln ergehen, wie dem armen Hund, dessen Bein bis auf die Knochen aufgerissen war? Wie der Ziege, welche die alte Frau zum Behandeln brachte, wie dem kleinen Eselbaby? Die einzige Beruhigung: sie haben durch unsere Arbeit zumindest eine Chance erhalten…

Ich hoffe vom Herzen einigermaßen verständlich die absolute Wichtigkeit dieses Projektes für Sie zu Papier gebracht zu haben; leider fehlen viel zu oft die richtigen Worte für all die Notwendigkeiten, all die Zusammenhänge, all die so unentbehrlich zu erbringenden Leistungen. Unsere Hilfe in Mauretanien ist soooo unfassbar wichtig, wir können es nicht oft genug betonen! Bitte helfen Sie uns helfen – ohne Sie sind wir hilflos! Die Esel brauchen uns, und wir brauchen Sie! Zusammen, da können wir die Welt verändern, zumindest einen Teil davon; jenen Teil dann aber, wo unsere gemeinsame Hilfe am allerdringensten gebraucht wird!!! Wir können für die Esel in Mauretanien den großen Unterschied ausmachen – Inshalla, so Gott will!!!

Fotos: ein Einsatz wo Leid und Freude so knapp beieinander liegen… Reihe 1: Dr. Facharani verabreicht Schmerzmittel; Reihe 2: wir verteilen mitgebrachte Schirmmützen, besonders die Kleinen freuen sich darüber immens; rechts: ‚Wer Gnade am Tier übt‘, der vielgelesene Aufkleber! Reihe 3 – der Tod ein alltäglicher Begleiter; rechts: Kinder müssen den Umgang mit dem Mitgeschöpf lernen, das ist unsere dringenste Aufgabe! Reihe 4: Eselhalter zeigt seine Fotos am Handy!

Foto: zum Abschluß ein Bild mit Symbolcharakter: achtlos weggeworfene kleine Plastiknetze werden ganz schnell zur Todesfalle für viele kleine Tiere; Dr. Facharani und Daoudu schneiden in mühevoller Kleinarbeit Käfer aus der tödlichen Umklammerung – eine Momentaufnahme der Hoffnung!

 

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