Wir sind zurück aus Bulgarien! Bericht, Teil 1!

Am Anfang, wenn nur eine erste vorsichtige Idee, ein neues Kastrationsprojekt auszurufen, Gestalt annimmt, beherrschen immer große Aufregungen und Emotionen die Gedanken. Jede Menge muss bis zur letztendlichen Umsetzung bedacht, so viel erledigt, abgehakt werden. Meist ist die Zeit bis zum Start aber noch in ferner Zukunft, und so geht man an die Dinge mit einer gewissen Gelassenheit heran. Ein unvermeidbarer Fehler, der sich dennoch spätestens ein paar Tage vor Beginn der so wichtige Aktion gar hässlich rächt – dann plötzlich, und völlig nebensächlich wie viel Arbeit man schon im Vorfeld investiert hat, wird mit einem Schlag alles eng, Hektik kommt auf, welche zuweilen selbst den Schlaf zu rauben imstande ist.
Doch sitzt man endlich nach all den Mühen in der Vorbereitung am Flughafen, beginnt die Anspannung abzufallen, trotz des Wissen, dass nun eine besonders intensive Woche folgen wird; es kümmert einen nicht, die Theorie, das Administrative, ist – zumindest für mich – immer anstrengender als die Praxis, dann, wenn in adrenalingeladener Atmosphäre die Dinge ohnehin einfach zu passieren haben!

 
Foto: Zufahrt zum Kastrationsgebäude in Breznik, verziert mit unserem Banner!

So finden wir uns wieder am Wiener Flughafen; Christine, die so unfassbar engagierte Aktivistin aus Linz, ist dieses Mal ebenfalls mit dabei, und sie wird – wie bei all ihren Einsätzen – eine unverzichtbare Hilfe für das Projekt sein! Nach der erdrückenden Hitze des Tages, verbreitet die gekühlte Luft im Airport-Inneren ein fast heimeliges Gefühl der Geborgenheit, welches allerdings durch die Präsenz so vieler schwer bewaffneter PolizistInnen jäh an Wertigkeit verliert. Erst jetzt, am Fliesenboden hockend und auf den Check-In wartend, wirkt die Müdigkeit der letzten Tage nach, ein dampfender Kaffee trägt zur Entspanntheit bei. Draußen kann man schon die Arbeiter beim Belade des Flugzeuges beobachten und wie immer schwingt die bange Frage ‚hoffentlich haben die in all dem Tumult nicht gerade auf unsere Koffer vergessen‘ mit. Eine Überlegung drängt sich auf; ja, es wäre schön gewesen wieder mit dem eigenen Bus unterwegs zu sein, den Asphalt unter sich zu spüren, vollbeladen mit so vielen wichtigen Gütern, aber leider stellte sich erneut die Frage nach der Wahl des Verkehrsmittels nicht, denn die Zeit ist uns längst zum Faktor geworden – müssen doch bei einer Fahrt nach Sofia besonders in den heutigen Tagen so viele Dinge miteinberechnet werden – neben den unzähligen Gebühren, den Autobahnmauten, den fast unweigerlichen Strafzetteln, etc., kommen geschuldet der Dramatik einer erzwungenen Völkerwanderung im Moment auch noch elendslange Wartezeiten an den meisten Grenzen hinzu…

Dann sitzen wir in der kleinen Passagiermaschine, draußen verliert der Tag langsam seinen immerwährenden Kampf gegen die aufkeimende Dunkelheit; erst zu Mitternacht werden wir Sofia, die Schöne, erreichen, und wie immer wird Rumi, unsere Koordinatorin vor Ort – ohne der ein solches Projekt völlig unmöglich umzusetzen wäre – bereits in der Wartehalle Platz genommen haben und mit wissendem Blick die Anzeigen an den Monitoren mitverfolgen!
 
Foto: der erste Straßenhund erwartet uns schon bei der Ankunft am Flughafen! 
Noch einmal, im Moment der Ruhe vor dem Boarden, setzt man ein leises Gebet an die Macht über uns ab; möge bitte, bitte alles gut verlaufen, mögen wir vielen Hunden und Katzen helfen können, mögen uns Tragödien und Verletzungen an Menschen und Tier erspart bleiben!
Die Zeitspanne vom Abheben bis zur Landung vergeht im wahrsten Sinne ‚wie im Flug‘; dann setzt die Maschine in Sofia auf und trotz der mitternächtlichen Stunde empfängt uns hier eine warme Brise. Unser feucht-kühles Wettertief hat den Osten nicht berührt, dort herrschen Temperaturen von mehr als 30 Grad! Rumi, die Drehscheibe all unserer Bemühungen in Bulgarien, empfängt uns wie erhofft und sofort geht die Fahrt weiter nach Breznik, dem Ort des Geschehens, dem Ort der mittlerweile 6. Kastrationswoche!
Gegen 2.30 Uhr morgens fallen wir müde ins Bett, und viel zu früh läutet der Wecker dann auch schon wieder den beginnenden Tag ein! Es hilft alles nichts, das Team erwartet uns bereits im OP-Saal; die unverzichtbare Vanja ist wieder gekommen, Lyubo, seine Freundin Maria, deren zwei Töchter, sowieso, Rali (Rumis Tochter), inzwischen trotz ihres jugendlichen Alters auch schon eine echte Kastrationsprojekt-Veteranin, ihre Freundin Viktoria,  und zu guter Letzt natürlich Dancho, der Tierarzt, der nun schon zum 2. Mal als leitender Mediziner die Kastrationen selbst übernimmt. Mitgebracht hat der Veterinär dann auch Ivan, einen Studenten der Tiermedizin im 7. Semester, der uns an diesem ersten ‚echten‘ Tag eine unentbehrliche Hilfe sein soll!

 
Foto: Kastrationsprojekte sind eine besonders intensive Aufgabe, von der ersten bis zur letzten Minuten und für alle Beteiligten…

In dem adaptierten OP-Raum, in einem von den Elementen zernagten, von der Stadt Breznik zur Verfügung gestellten, aber für unsere Zwecke dennoch denkbar gut geeignetem Gebäude, ist alles mit der Routine vergangener Einsätze bereit, der Saal von Rumi und HelferInnen wunderbar hergerichtet; alles ist am benötigtem Platz, Medikamente und Geräte fein säuberlich aufbereitet, Hundefutter fein säuberlich geschlichtet, selbst für den Wasserkocher ist gesorgt.

Tatsächlich vergeht kaum eine Stunde, schon gibt es mehrere PatientInnen zu behandeln. So zum Beispiel bringt uns ein junger Mann seinen Hund, der Gute kommt später auch noch mit einer Katze, und er zeigt sich restlos begeistert von der gebotenen Möglichkeit. Letztendlich, das werden wir an den letzten Tagen feststellen, sollten wir dieses Mal fast genauso viele Hunde und Katzen direkt von Menschen übernehmen, bei diesen abholen, in deren Gärten fangen (Sie werden es nicht glauben, aber in Bulgarien sperren viele Leute Hunde in eingezäunte Abschnitte bei sich, zum Schutz oder sonst welchem Zweck, diese vermehren sich, und schließlich entgleitet die Situation…), als welche direkt von der Straße wegholen!

 
   
   


Bereits bei den ersten Inspektionsrunden durch Breznik wird uns klar, es hat sich etwas verändert in der kleinen Ansiedlung. Es gibt nicht so viele Hunde frei herumlaufende wie sonst, und – noch auffälliger – ein Teil der Menschen scheint die vierbeinigen BegleiterInnen langsam aber sicher mehr zu schätzen! So treffen wir einen älteren Herrn im Park, der uns seine Hündin vorstellt – die hatten wir erst im letzten Jahr zur Operation geholt! Er erzählt uns, er kommt jeden Tag hierher, und es ist ihm eine solche Freude die Wunderhübsche immer an seiner Seite zu wissen…  Natürlich gibt es für sie eine Extraportion Futter und jede Menge Streicheleinheiten! Auch bei weitem nicht mehr jeder ‚Haushund‘ hängt zwangsläufig an der Kette, zumindest zeitweilig nicht, was ein unfassbar gutes Novum ist! Natürlich, überbewerten darf man diesen ersten Eindruck dann auch nicht, Gräueltaten gegen die ‚besten FreundInnen des Menschen‘ sind nach wie vor Legende; aber dennoch, es scheint sich ein kleines Licht am einst so finsteren Horizont aufzutun, zumindest ein kurzes Flackern, und es erfüllt uns mit unglaublichem Stolz, dass wir daran vielleicht nicht völlig unbeteiligt sind! Alleine Tierliebe vorzuleben ist nämlich ein nicht abschätzbarer Impuls, ein höchst infektiöses Virus, dass nach und nach zumindest einen Teil der ZeugInnen anzustecken vermag…

 


Wir werden zu einem Bauernhof gerufen, gut 15 km außerhalb von Breznik; dort in den Dörfern, irgendwo im nirgendwo, ist die Sachlage meist wieder eine ganz andere, so leider auch hier! Das LandwirtInnen-Paar wollte gestern noch den Hofwächter, einen gut 60 kg schweren Hütehund, weggeben, entschied aber letztendlich doch dagegen; was war passiert? Die Bäuerin war am Tag zuvor grundlos gebissen worden, so erzählte sie, aber schnell stellte sich heraus, der bisher immer gutmütige Riese hatte sie nur leicht am Arm gekratzt; dennoch ziert auch heute noch ein blütenweißer Verband die ‚Wunde‘, und warum es überhaupt dazu gekommen war, diese Feststellung stellt die Geschehnisse in einem gänzlich anderen Licht dar. Ein Nachbar hatte nämlich Feuerwerkskörper auf den Hund geworden, dieser war in allerhöchster Panik davongestürmt, die Frau wollte ihn aufhalten – schon war das Malheur geschehen… Gut, sie hat ihm inzwischen ‚vergeben‘, der Arme darf in seinem Heim bleiben – allerdings, ob er, gäbe es eine Wahl, das auch so möchte, wir hegen starke Zweifel daran… Jedenfalls, als wir den Ort erreichen, hatte ihn das Ehepaar in einen alten, schmutzigen Stalltrakt gesperrt, ein mit Eisengittern umgebenes Gefängnis; eine Fläche von nicht mehr als 2 oder 3 qm, sonst das triste Heim für ein Schwein; wir müssen ihn dort dann leider auch noch betäuben, freiwillig mitgehen würde der Hüne mit uns nicht… als er endlich eingeschlafen ist, heben Lyubo und ich ihn in den wartenden Van – echte Schwerstarbeit, noch dazu bei brütender Hitze!
Schnell geht die Fahrt zurück zum Behandlungssaal – wobei immer ein wachsames Auge am schlafenden Hund klebt, denn die Betäubung wirkt nicht allzu lange Zeit! Sollte er uns vorzeitig im Auto aufwachen, plötzlich ohne Fluchtweg in fremder Umgebung, in einem als Tribut an die bulgarischen Straßen rumpelnden Eisenkasten, der sich mit lautem Motorengeräusch seinen Weg durch die Landschaft bahnt, es würde wohl für alle Beteiligten problematisch werden!

 
   


Um den Armen nicht zu sehr zu stressen, beschließen wir, ihn SOFORT zu operieren, und anschließend gleich wieder nach Hause in die gewohnte Umgebung zu bringen. Was dann auch so passiert, allerdings mit noch mehr Nervosität, noch mehr flauem Gefühl in der Magengrube, zumindest bei mir, der im Laderaum beim ‚Großen‘ Platz genommen hat, um seine Atmung zu überwachen. Und die wird langsam schneller, ja, er beginnt schon bald den Kopf zu heben; ich zähle schließlich die Kilometer bis zu seinem Dorf… 🙂 Endlich dort angekommen, erwarten uns die Bauernleute schon; sie bekommen einen Hundepass, der Riese ist nun gechipt, mit Anti-Parasitenmitteln behandelt, geimpft, mit einer Spritze gegen Tollwut versehen, selbstverständlich kastriert; und obendrauf gibt es ein neues Halsband sowie 4 Entwurmungspillen!
Nun sollen wir ihn gleich in die richtige ‚Wohnstätte‘ bringen, meine seine HalterInnen, solange er noch halbwegs benommen ist – und sein Platz ist hinterm Haus, ein knochentrockenes Stück Boden, wenigstens unter einem Baum, mit einer armseligen Holzhütte versehen. Sofort sticht sie uns ins Auge – eine nur eineinhalb Meter lange, verrostete Kette, welche ihn wohl die meiste Zeit seines Lebens auf den wenigen Quadratmetern gefesselt hat und fesseln wird… Vielleicht können wir in den nächsten Tagen noch Überzeugungsarbeit leisten, die Familie veranlassen, wenigstens eine umzäunte Fläche zu schaffen, um das metallene Übel endgültig zu verbannen…

 


Rali und Viktoria bringen inzwischen zwei Katzen in den OP-Raum; eine davon dürfte kaum 3 Wochen alt sein, sie wurde vor einem Gemüseladen einfach entsorgt. Die zweite ist zwar ein wenig älter, aber bestimmt auch noch keinen 6 Wochen auf diesem Planeten, der in Form seiner dominierenden Spezies so viel an Grausamkeit gegenüber Tieren bereit hält… Dem Himmel sei Dank haben wir Welpen- sowie Kätzchenmilch mit uns gebracht, und so sollen wir schließlich viel Zeit mit der Flaschenfütterung der süßen – roten – Stubentiger verbringen. Wo wir sie letztendlich unterbringen werden können, wir wissen es noch nicht; aber wir hoffen sehr, das Beten wird helfen, und es werden sich auch hier die entsprechenden Wege auftun!
Apropos Tierbabys: auch einen Welpen haben wir bereits aufgenommen, ebenfalls erst wenige Wochen alt, und das so unfassbar süße Hundemädchen hält uns zusätzlich auf Trab!
   


Spät nachts sitze ich noch alleine vor dem Motel, lasse die Gedanken Revue passieren; unsere Schlafstätte liegt an einem Berghang, von hier übersieht man die gesamte Ansiedlung. Einzelne Lichter brennen in den Häusern, ansonsten bereitet sich tiefe Dunkelheit unter mir aus. Abgelenkt von der fragilen Idylle wird der/die BetrachterIn nur durch nicht stoppendes Hundebellen, wohl aus vielen Kehlen; vielleicht sind das vorwiegend die Haustiere der Menschen, vielleicht aber auch Heimatlose, die schattengleich und ohne Ziel durch eine sternenklare Nacht wandern; vielleicht also, so fürchte ich, muss ich meine früher getätigte Aussage doch nochmals revidieren, bezüglich der Minderzahl von Straßenhunden verglichen mit den letzten Kampagnen; vielleicht haben sie sich tagsüber verkrochen, den Schatten gesucht, als Tribut an die gleisende Sonne. Hoffentlich habe ich mich nicht geirrt, die nächsten Tage werden es weisen…
 
Früh am Morgen sitzen wir kurz zusammen; dampfender Kaffee verbreitet eine angenehme Atmosphäre, verursacht ein belebendes Kribbeln, ganz so, als würden seine Inhaltsstoffe im selben Moment die Müdigkeit aus den alten Knochen zu vertreiben versuchen. Ein kurzes Innehalten noch, dann bricht erneut ein Tag gefüllt mit diversesten Ereignissen über uns herein, und er soll zudem wieder einmal ein besonders langer werden! Beginnen tut er mit dem Füttern der Hunde und Katzen, welche die Nacht in Obhut verbringen mussten; dann werden sie kurz ‚Gassi‘ geführt, die ersten finden sich nur Minuten darauf auch schon im Auto wieder – sie werden an ihre angestammten Plätzen zurück gebracht. Oft, eigentlich immer, fällt dies sehr schwer – und alleine die Tatsache dass es sein muss birgt so viel an psychischen Stress in sich – aber welche Wahl bleibt? Solange Menschen nicht umdenken, solange Regierungen kein praktikables Konzept ohne Tötungsabsicht entwerfen, genauso lange wird es diese unaufhaltbare Flut an Tieren geben, für welche unsere Welt nichts bereitzustellen vermag. Solange Menschen Hunde von ZüchterInnen kaufen, anstelle den Waisen eine Chance zu geben, solange wird sich nichts ändern. Solange wir alle, und damit meine ich sämtliche Tierschutz- und Tierrechtsvereine, nicht geschlossen vorgehen, die internen ‚menschelnde‘ Konflikte beiseite legen, solange werden wir nur die Symptome bekämpfen können und die Grundursache unangetastet belassen müssen!

 
Foto: die Situation für die meisten Straßentiere im Osten ist dramatisch; HelferInnen geraten schnell an die Grenzen des Erträglichen!



Dann gilt es einzelne Patienten zu ihren Familien zurückzufahren, all jene, welche uns gestern gebracht worden sind. Ein unfassbar netter Hund, wir hatten ihn unten bei den Häuserblocks aufgegriffen, will uns dann aber so absolut gar nicht verlassen! In Fakt öffnen wir ihm die Türen, er wohnt ja nur unweit von OP-Raum, aber er zieht trotz all dem Wahnsinn um ihn unsere Gesellschaft der Freiheit vor! Ein Verhalten wie dieses entgleitet meiner Vorstellungswelt, eigentlich müsste er uns doch als brutale, hinterhältige Verräter verachten; wir, die ihn gestern angelockt hatten, mit Futterversprechen und Streicheleinheiten, ihn dann in einen Transportkäfig sperrten, narkotisierten, einer OP unterzogen… doch vielmehr sind all diese Tiere gesegnet mit unglaublichem Gottvertrauen, lieben uns Menschen oft sogar umso bedingungsloser, obwohl wir ihnen all das antun… Wie kann ein/e gütige/r SchöpferIn uns einen solchen Verrat, einen bodenlosen Terror, an den Mitgeschöpfen wohl je verzeihen? Wie können wir es selbst tun, tief in unserem Innersten, wo wir doch wissen, welcher Schandfleck unsere Seelen belastet???

 
Foto: hier haben wir ‚Tom‘ gefunden – bald wird er in Österreich sein!

Tatsächlich bleibt der Gute dann den ganzen Tag über beim Gebäude, immer wieder verlangt er nach Streicheleinheiten, nimmt die mitgebrachten Leckerbissen dankbar an. Ja, er fordert sogar zum Spielen auf, begleitet uns am Weg von der ‚Ordination‘ hinunter die Straße zu den Müllboxen und wieder zurück. Welch wundervolles Wesen, das ist der Gedanke, der als allgemeiner geltend wird!

Noch am Vormittag fahren wir zu unseren so großartigen Schwestern – eifrige RespekTiere-Newsletter-LeserInnen erinnern sich vielleicht – Damen im besten Alter, die eine 78, die andere junge 68 Jahre jung, welche in einer Nachbarortschaft wohnen. Diese beiden Frauen hüten in ihrem kleinen Heim gut 15 Hunde und Katzen, zudem füttern sie im Umkreis, soweit sie ihre Beine tragen, sämtliche Straßentiere.  Und nicht nur das, sie können zudem unsere diversen Kampagnen kaum erwarten und schon im Vorfeld wandern sie zu sämtlichen Nachbarn, um sie von der kommenden Aktion zu unterrichten – immer von der Hoffnung beflügelt, dass diese ihre Haustiere für den Eingriff abgeben. Ja, sie sind dann auch sehr erfolgreich in den Bemühungen, zum Beispiel dürfen wir auch dieses Mal wieder drei Hunde und zwei Katzen von Bekannten abholen!

 
Foto: Reni mit Richi, der alsbald nach Österreich kommen wird!!!



Am Nachmittag fahren wir in Toni’s Hundehotel, auch von dort können wir drei Hunde – welche Rumi unlängst von der Straße geholt hat und für welche sie monatlich die Herbergsgebühr bezahlt – zur Kastration fahren. Toni, Sie wissen es bestimmt, ist jene Frau, die neben ihrer Erwerbstätigkeit als Bäckerin – sie betreibt einen eigenen Laden voller duftender Köstlichkeiten – im Laufe der Jahre eine Hundeherberge geschaffen hat, völlig auf eigene Kosten. Fast 80 Hunde beherbergt sie zurzeit, uns sie ist ganz nebenbei unser an Wichtigkeit nicht hoch genug einzuschätzender Anlaufhafen. Finden wir nämlich verletzte Tiere, Tierkinder, während des Einsatzes, wir dürfen sie bei ihr sozusagen zwischenlagern, bis wir in Mitteleuropa ein echtes zu Hause für die Armen finden!
Welche Freude am heutigen Nachmittag, und wieder muss ich zurück schwenken: bei unserem letzten Einsatz konnten wir endlich, endlich eine Hundedame betäuben, welche wir seit zwei Jahren versuchten hatten einzufangen – sie gebar immer wieder Welpen und so erachteten wir es als dringendste und vordergründigste Angelegenheit, sie endlich aus der Fortpflanzungskette auszuschließen… Nie war es uns gelungen, bis endlich an jenem heißen Tag im letzten Jahr! Lyubo und ich erwischten sie beim Mittagsschlaf, der Betäubungspfeil traf, es folgt eine Jagd durch die ganze Stadt; sie wollte aber einfach nicht einschlafen, immer wieder entschwand sie unserem Blick, doch letztendlich sah ich sie den Weg hinauf zum alten Kloster laufen. Langsam setzte ich, nun alleine, die Verfolgung fort, blieb dabei immer wieder stehen, versteckt hinter Bäumen; sie drehte sich alle paar Meter um, entdeckte mich jedoch nicht. Und dann schlief sie endlich! Völlig aufgeregt und außer Atem rief ich Lyubo, trug die Hündin den Treppenweg hinunter, wo der Freund schon mit dem Auto wartete! Glücklich fielen wir uns in die Arme, aber der Schock folgte auf dem Fuß: angekommen beim OP-Saal trug ich sie nämlich aus dem Wagen, nur um festzustellen, sie entleere ihren Darm über mein T-Shirt und die Hose – sofort wusste der Tierarzt, was der Grund war: eine heftige Parvovirose-Infektion!

 


Unfassbar, in Sekundenschnelle war jede Freude gewichen, das gesamte Team am Boden zerstört – eine der ansteckendsten Krankheiten, fast immer tödlich, war mit ihr mitten unter uns geraten! Sofort verabreichte der Doktor entsprechende Medikamente, und kurz darauf saßen wir wieder im Auto, dieses Mal auf dem Weg zur Klinik! Ihre Chancen standen schlecht, unsere Kleidung mussten wir verbrennen, das Auto und den OP-Saal bestmöglich mit unseren einfachen Mitteln desinfizieren…
Doch dem Himmel sei Dank hatte sich niemand angesteckt, alles ging gut! Ihr stand ein Klinikaufenthalt und langwierige medizinische Betreuung bevor, aber die Krankheitskeime sollte schließlich besiegt werden! Und heute steht sie vor mir, in Toni’s Hotel, eine prächtige, wunderschöne und vor allem kerngesunde Hündin. Ein Durchschnaufen und ein Kreuzzeichen ist das allererste, was mir in jenem Augenblick einfällt… und wärmender Stolz keimt in mir auf, über unsere Arbeit hier, wie lebensrettend sie doch ist (stellen Sie sich vor, die Hündin wäre nicht eingefangen worden; sie wäre elendiglich gestorben, hätte viele andere Hunde infiziert, und nicht zuletzt, was glauben Sie wäre passiert, hätten so manche Dorfbewohner kotzende, sterbende Hunde um sich herum entdeckt… in einem Land, wo viele Menschen Waffen haben, wo Jagd selbstverständlich ist, wo Hunde zuallermeist als Plage angesehen werden…)!
Ein Gedanke ist an dieser Stelle angebracht; ja, es mag stimmen, in Bulgarien leben viele Menschen, welche dem Leben eines Tieres kaum Wert beimessen; vielleicht auch mehr als bei uns, obwohl ich eine solche Aussage schwer in Frage stellen möchte: Ganz sicher aber, im Gegensatz dazu, gibt es hier mindestens genauso viele Menschen, welche Tiere über alles lieben und alles in ihrer Kraft stehende unternehmen, um sie vor den überall in der Welt lebenden Steinherzen zu schützen!
Am Rückweg betrachte ich das sonnengegerbte Land; wie wunderschön es doch ist! Obwohl landwirtschaftlich intensiv genutzt, hat es so viel mehr an Ursprünglichkeit behalten als sonstwo! Wuchernde Pflanzen überall, Blumenwiesen, Inseln von Bäumen umgeben von einem wogenden Ozean aus Grashalmen!

 


Insgesamt sollen wir an diesem Tag 16 Operationen durchführen können; am späteren Nachmittag fahren wir dann auch noch ins gut 25 km entfernte Pernik, der größten Stadt im Landkreis, weil sich von dort der Besitzer einer in Bulgarien ansässigen griechischen Firma gemeldet hat. Der gute Mann ist ein ganz großer Tierfreund, und so hat er zwei ehemalige Straßenhunde bei sich aufgenommen, wobei das Mädchen allerdings schwanger war. Nun hat er Acht, ein Rudel bestehend aus lauter Familienmitgliedern. Allesamt dürfen sie des Nachts frei am großflächigen, eingezäunten Gelände herumlaufen. Tagsüber aber, weil dann die Tore der Fabrik geöffnet sind, müssen sie mit ihrem Zwinger vorlieb nehmen, allerdings nicht mit einem im herkömmlichen Sinne. Der hohe Metallzaun umschließt eine relativ große Fläche, ausgestattet mit einer betonierten Hütte als Rückzugsgebiet, mehrere Liegeplätze darin bieten sich zum Verweilen an. Mitten im Gehege spendet ein wunderschöner Weidenbaum herrlichen Schatten. Gerne würde er sie weiterhin auch tagsüber am Gelände laufen lassen, erfahren wir, doch vor Jahren hatte er bereits Hunde; und immer wieder ist es dann passiert, dass sie die schützende Fabrik verließen, nur um auf der Hauptverkehrsstraße davor überfahren zu werden…
150 Euro an Futterkosten bezahlt der Inhaber, der immer unterwegs ist, nebenbei dem Wachpersonal für die Fütterung; und der zuständige ‚Wächter‘, ebenfalls Grieche, liebt die Hunde dann auch noch ganz offensichtlich! Allerdings sind die jetzt in einem Alter, wo sie selber Kinder gebären oder zeugen können, und deshalb – der Ruf ist vorausgeeilt – hat er uns zu Hilfe gerufen!

 
   
   
Foto: Lyubo inmitten der Großfamilie!

Allerdings gestaltete sich der als bloßes Abholen der Tiere gedachte Einsatz dann doch komplizierter als gedacht; diese, allesamt mit dem Blitzen der besonders regen Intelligenz in den Augen versehen, scheinen sofort zu wissen warum wir hier sind; sie lassen uns zwar an sich heran, aber sobald wir sie hochnehmen möchten, verschwinden sie wie Schatten in den Gebüschen; zweien können wir habhaft werden, aber die anderen vier – die Elternhunde sind längst kastriert bzw. sterilisiert – weichen geschickt allen unseren diesbezüglichen Versuchen aus. Selbst der nette Wächter kann sie nicht festhalten – deshalb muss Lyubo dann doch mit dem Betäubungsgewehr zur Tat schreiten!

So ist es bereits nach 20 Uhr, als wir wieder den OP-Raum erreichen; der Einsatz war enorm wichtig, stellen Sie sich vor, wie viele Hunde dort im nächsten Jahr gewesen wären, zudem kann unser Tierarzt nun morgen früh sofort zu arbeiten beginnen, ohne jedwede Verzögerung!
Wir füttern noch die heutig bereits operierten PatientInnen, führen sie für ihr Geschäft aus, reinigen die Unterbringung, füttern die Babykatzen mit der Katzenmilch; der Tag findet sein Ende knapp vor 22 Uhr – noch ein paar administrative Arbeiten im Motel, dann fallen wir in einen tiefen, aber ob der Ereignisse des Tages dennoch sehr unruhigen Schlaf.
 
Die Alarmuhr weckt uns mit dem für sie so typisch schrillen Geräusch; wir reiben uns den Schlaf aus den Augen, und leider bleibt kaum Zeit die Müdigkeit aus den alten Knochen zu schütteln – schnell müssen wir zurück zum Behandlungsraum, immer im Vorab-Wissen, ein besonders harter Tag erwartet uns heute! Aus dem Automaten drücken wir uns schnell noch einen Kaffee, dann schon sind wir wieder im OP-Saal. Während wir mit der Versorgung der PatientInnen beschäftigt sind, wird das duftende Getränk langsam kalt. Tatsächlich vergessen wir allesamt auf den Lebensgeister-erweckenden Schluck, so tief sind wir schon wieder in der Aufgabe gefangen. Bereits am frühen Vormittag taucht auch jener allerliebste Hund wieder auf, welchen wir zwei Tage zuvor bei den Blocks aufgefunden hatten. Er ist so ein zuckersüßer, eines jener Wesen, dass man sofort ganz tief in sein Herz schließen muss; fieberhaft denken wir darüber nach, was mit ihm nach dem Einsatz passieren wird – wir suchen ihm ein echtes zu Hause, so viel steht fest! Heute mag er sogar schon spielen, ist unglaublich anhänglich.

 


Schon am Vormittag müssen wir aber wieder losfahren, noch ein Hund soll aus Pernik geholt werden – in Fakt erneut von jener griechischen Kompanie, wo wir gestern 6 mitnehmen durften! Dieser aber ist ‚zugewandert‘, bewegt sich frei am Gelände. Tatsächlich finden wir ihn rasch, ein gut gezielter Schuss aus dem Betäubungsgewehr erleichtert die Aufgabe ungemein. Schnell ist der Schlafende ins Auto verladen und letztendlich können wir sogar 2 weitere einfangen und mit nach Breznik bringen. Dancho, dem Tierarzt, wird heute nicht langweilig, so viel steht fest!



Kaum sind wir zurück, kommen auch schon einige Leute mit ihren Tieren; das Kastrationsprojekt ist inzwischen ein wohlbekanntes, und viele Menschen folgen unseren Aufrufen, welche Rumi zeitgerecht in den lokalen Zeitungen verfasst. So zum Beispiel kommt auch eine alte Frau, die tiefen Furchen in ihrem wettergegerbten Gesicht verraten ein intensives Leben; sie ist allerliebst, bringt ein qicklebedinges Schoßhündchen – offensichtlich ihre ganz große Liebe. Sofort wird die Süße umsorgt, Flohmittel wird aufgetragen, sogar die Krallen werden geschnitten.

 


Auch der junge Mann vom ersten Tag kommt wieder; erneut hat er zwei Katzen mit, welche er einmal mehr selbst mittels Katzenfalle gefangen hat! Wie schon erwähnt studiert er Tiermedizin, ist nun im 3 Semester, und so hat Dancho für diesen Tag eine eifrigen Helfer, der die gebotene Chance zur Praxis gierig aufsaugt!
Zwei weitere Tierschützerinnen aus der Umgebung helfen ebenfalls; tatsächlich sind wir an diesem Tag ein besonders großes Team, allesamt in den wartenden Aufgaben gefangen!
Leier gibt es heute aber auch einen Todesfall; eine Katze erliegt ihren Verletzungen, selbst das sofortige Eingreifen des Arztes mittels minutenlangen Reanimierungsversuchen stellt sich letztendlich als zwecklos heraus. Warum oder woran die Arme gestorben ist, wir wissen es nicht. Es gibt aber eine Vermutung; große Mengen an hochgiftigen Insektiziden sind vor Kurzem in der Umgebung versprüht worden, mehrere Katzen sollten daraufhin mit schweren Vergiftungserscheinungen in die Kliniken gebracht worden sein, erzählt ein Besucher… 
Ja, manchmal hat Gevatter Tod längst schon irgendwo hinter unserem Rücken Platz genommen, auch wenn wir seine Anwesenheit noch lange nicht erahnen; er, der Meister der Geduld, lehnt sich dann vorsichtig zurück und wartet einfach nur ab. Der Knochenmann wird seinen Auftrag erfüllen, egal wie wir dagegen anzukämpfen versuchen; nur er weiß wenn es Zeit wird zu gehen, und alle Bemühungen ihn davon abzuhalten jemanden aus unserer Mitte wegzureißen, sie sind von Vornherein zum Scheitern verurteilt.
Als wir der Armen eine Grabstätte errichten, weint der Himmel mit uns…
Geschehnisse wie diese, sie können nur nachempfunden werden von jemanden der/die sie selbst miterlebt hat; sie hinterlassen eine schreckliche Leere, Geist und Körper befinden sich für Minuten in bodenlosem Fall. Der Aufprall in der Realität ist dann ein furchtbarer, und wohl die meisten Menschen, die doch immer nur helfen möchten, meinen in diesen Augenblicken alles hinschmeißen zu müssen. Selbst das Morgen scheint in diesen Momenten so unerreichbar weit weg; man möchte einfch nur alleine sein, den Tränen freien Lauf lassen, im Schmerz ertrinken. Ja, man versinkt in diesem Meer des Nichts, und man sucht vergeblich nach einer entgegengestreckten Hand; jedes rettende Ufer ist in solchen Augenblicken unsagbar fern.
Was aber hilfts? Wer, wenn nicht wir, möchte und kann all dieses Leid zumindest mindern? Auch wenn wir manchmal meinen wir zerbrechen an der Bürde, wir dürfen nicht liegenbleiben; ganz gleich wie schwer der Niederschlag war, wir müssen uns wieder aufrichten, den Staub aus den Kleidern klopfen und weiter voranschreiten. Denn wer ist zur Stelle, wenn wir aufgeben, uns zurückziehen? Solange die Politik nicht entscheidend hilft, solange müssen wir einfach weitermachen, es ist unsere gottverdammte Pflicht. Alles andere wäre ein Verrat, und sei es nur an uns selbst.
Später bringen wir die Hunde aus Toni’s Asyl zurück, sowie die 6 gestern aus der griechischen Fabrik geholten. Wieder in Pernik, nutzen wir die Gelegenheit und treffen eine weitere Toni, ebenfalls für RespekTiere-Newsletter-LeserInnen eine gute Bekannte: sie ist die Gründerin von Dai Lapa, wo wir einst mit großem Einsatz halfen, als dem Verein die Bleibe entzogen wurde und mehr als 30 Hunde plötzlich heimatlos geworden waren, zurück geblieben ohne rettenden Hafen! Zusammen mit Toni gelingt es uns erneut zwei Hunde einzufangen.

 
Foto: der Behandlungsraum füllt sich zusehend!

Der Tag ist abermals ein brennend heißer, allerdings mischen sich am Nachmittag dann auch ein paar längst herbeigesehnte Wollen in den Horizont. Es kühlt dennoch kaum merklich ab; in Fakt ist es nicht nur heiß, es ist zudem drückend schwül. Doch es hilft alles nichts, wir müssen den widrigen Bedingungen trotzen, den Großteil des Tages im Auto verbringen – übrigens meist zu 5 im dreisitzigen Bus, wobei zwei im Laderaum auf Kisten Platz nehmen müssen. Abermals geht es zu den beiden Schwestern, wir bringen jene gestern von den Nachbarn abgeholten drei Hunde und 2 Katzen zurück; Wessie konnte inzwischen auch jene beiden Katzen wieder einfangen, welche uns gestern im letzten Augenblick entwischt sind, direkt beim Einladen in den Van, dann, weil die Katzenbox gebrochen war!

Ein Hund gehört einer alten Frau, welche am Rande des Dorfes ihre Bleibe hat. Das Haus wäre für österreichische Verhältnisse bestimmt nicht bewohnbar, hier aber fügt es sich als ein sterbender Teil fast harmonisch in die Landschaft ein; trotz der von den Elementen zernagten Fassade umgibt den Ort eine echte Idylle, welche aber dann jäh zerstört wird, als der liebe kleine Kerl zurück zu seinem Platz muss – der ist im Hof an einer Kette, wo er die Hühner und Truthähne zu bewachen hat… die alte Dame versorgt uns noch mit Süßigkeiten, ein Versprechen, den Hund von der Kette zu lassen, wäre uns allemal lieber gewesen… Das Problem ist, die Menschen hier kennen die Umstände nicht anders, das Halten eines Hundes auf diese Art – und wenn die Eisenfessel auch noch so kurz ist – wird nie und nimmer als Delikt gesehen.

Dennoch, es ist ein Versprechen an mich selbst: wir werden den Tag erleben, an welchem all dies Vergangenheit ist!!!

 
   
 


Am Weg zum Haus müssen wir einen verwachsenen Märchengarten durchqueren, welcher an ein weiteres Grundstück anschließt; von dort empfängt uns ein Kettenhund mit lautem Bellen und höchster Aggression; ich bleibe kurz stehen und mache ein Foto – ein schwerer Fehler, wie sich bald rausstellen sollte; kurz darauf erscheint nämlich die Hundehalterin, und sie regt sich furchtbar über das gemachte Bild auf… Alle Schlichtungsversuche von Wessie helfen nichts, bis sich aus der Situation ein handfester Streit zwischen den allesamt älteren Damen entwickelt…

 

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