Wir sind zurück aus Bulgarien, Bericht Teil 2! Achtung, wir sind am Tollwood!!!

 

Am späteren Nachmittag fahren wir noch zu einer alten Fabrik in Breznik, auch dort wurde unsere Unterstützung angefordert; tatsächlich, kaum halten wir entlang der holprigen Zufahrtsstraße, empfangen uns auch schon mehrere zuckersüße Welpen, und schnell ist der Vater der Kleinen in den wartenden Bus verladen! Doch wir haben uns zu früh über den vermeintlich schnellen Erfolg gefreut, denn während einige Arbeiter den Einsatz begrüßen, erscheint plötzlich ein völlig wütender Mann, läuft direkt auf den Van zu, öffnet die Transportbox und entlässt den Rüden wieder in die Freiheit! Inbrünstiges Macho-Gehabe macht die Welt aber nicht zu einem besseren Ort, soviel müsste der gute Mann eigentlich beim Anblick der vielen Welpen ringsherum kapiert haben…
Foto: manchmal denkt man schon einen Schritt weiter, wenn plötzlich doch noch das Unerwartete passiert…

Wenigstens aber beruhigt er sich kurz darauf, und letztendlich holt er von sich aus die Mutter der Kleinen; sie, inzwischen säugt sie die Allerliebsten nicht mehr, dürfen wir dann doch mitnehmen. Eine Sterilisation am weiblichen Hund, obwohl der bei Weitem heftigere Eingriff, belastet seine Männlichkeit offenbar weniger…

Zurück in der Klinik gilt es eine Menge Arbeit nachzuholen, bevor wir aber erneut los müssen – in Pernik erwartet uns sehnlichst eine ältere Dame, welche uns gebeten hat, mehrere Hunde aus ihrer Wohnumgebung zu kastrieren; würden wir es nicht tun und würden die Hündinnen in jenem Umfeld erneut Babys zur Welt bringen, die Lebenserwartung des gesamten Rudels wäre eine geringe, weil sich bereits einige Hausbewohner über die vielen Tiere beschwert hätten…
Fotos: Impressionen; so eng wird es manchmal im Van; sämtliche Hunde mit HalterInnen werden selbstverständlich auch gechipt; die Katzenbabys müssen mit Kätzchenmilch versorgt werden!

Es ist nun schon später Abend, als Lyubo erneut sein Betäubungsgewehr lädt; tatsächlich trifft er zwei der Hunde sehr schnell hintereinander, die dann allerdings in großer Panik das Weite suchen. Eine Verfolgung muss immer langsam passieren, denn ansonsten wirkt das Narkotikum nicht wirklich, zumindest nicht, solange die Hunde durch die Anwesenheit von hinter sich herlaufenden Menschen vollgepumpt mit Adrenalin nicht zur Ruhe kommen! In unserem Falle hasten die Zwei nach den Treffern in vollem Tempo davon, begleitet vom gesamten Hunderudel; ganz so als ob die Meute die ‚Opfer‘ bewachen und in Sicherheit bringen will, flankiert sie die Flucht des Duos mit lautem Gebelle! Letztendlich verschwindet die ganze Gruppe im nahen Gebüsch, stürmt weiter eine steilen Anstieg hinauf, der sich bald als undurchdringliches Dickicht herausstellt. Immer wieder hören wir darin Hundegebell, aber es ist uns fast unmöglich, in die wuchernde Wildnis einzudringen – welche an und für sich eigentlich einen idealen Wohn- und Zufluchtsort für Straßentiere darstellt! Zusätzlich zur dornenbewachten Steilheit des Geländes kommt für uns die Gefahr hinzu, dass die männlichen Anführer sich sehr aggressiv gebärden und höchstwahrscheinlich sogar angreifen werden, nähert man sich nun in unvorsichtiger Weise. Letztendlich muss eine derartige Situation aber dann auch gar nicht näher bedacht werden, denn im Zuge der Verfolgung setzen wir uns selbst schachmatt; bald nämlich sind wir die Gefangenen unserer Umwelt, umgeben von Dornen und Steinen, von Schlingpflanzen und morschem Geäst. Manchmal kommen wir jetzt nur kriechend voran, manchmal ist die Vorwärtsbewegung nur mehr ein auf dem Bauch liegendes Robben. Wenn das Martyrium zu guter Letzt wenigsten von Erfolg gekrönt gewesen wäre, hätt auch das nichts ausgemacht. Langsam aber wird es zudem finster, und im Licht-Schatten-Spiel der Wildnis müssen wir einsehen, es ist unmöglich hier drinnen einen sich versteckenden Hund zu finden – noch dazu, wo die Flüchtlinge schwarzes und dunkelbraunes Fell tragen…

   
   
 

In den eigenen Gedanken versunken und ziemlich deprimiert sitzt das RespekTiere-Team schließlich wieder im Auto, nur um schon im nächsten Augenblick zu einem anderen Einsatzort gerufen zu werden – weiter geht es, zwischen Reihen von post-kommunistischen Häuserblocks hindurch, mit Hakenkreuzen ‚verzierte‘ Mauerwände und völlig vergitterte Balkone, gepaart mit Unmengen von herumliegendem Müll, versprühen eine gar mulmige Atmosphäre. Passend dazu zeigt sich der Abendhimmel wolkenbehagen, in tiefem grau als alles beherrschende Farbe reiht sich sogar der Horizont perfekt in die triste Stimmung.
Eine aufgeregte Frau erwartet uns bereits, um sich hat sich ein Hunderudel versammelt. Allerdings erhoffen die Guten nur Nahrung, lassen sie aber nicht näher als auf Armabstand heran. Dennoch gelingt es uns schließlich mit vereinten Kräften zwei zu packen, die anderen, nun noch vorsichtiger, entziehen sich zu der späten Stunde unseren Möglichkeiten, sie zur Behandlung mitzunehmen.

Foto: Pernik, die Arbeiterstadt, seine Bewohner als Raufer landesweit gefürchtet, ist keine klassische Schönheit…

Und noch immer nicht ist der heutige Einsatz vorbei, obwohl die Uhr nun bereits 21.30 zeigt! Wir sollen zwei Hunde aus einer Wohnung holen, wo eine geistig etwas verwirrte Frau dringenst Hilfe benötigt. Und wie sie das tut! Es gibt in dem Appartment keinen Strom, der wurde ihr abgeschaltet; kein Licht in irgend einer Form, dafür ist der Boden gänzlich mit einer 40 cm dicken Abfallschicht bedeckt; irgendwo dazwischen hausen die armen Hunde… es ist nun aber bereits so dunkel, dass selbst die Taschenlampe am Handy nicht weiterhilft; so müssen wir das Ganze abbrechen, den ‚Zugriff‘ auf morgen verschieben, die Verletzungsgefahr wäre  jetzt zu groß.

Völlig übermüdet geht es die halbstündige Fahrt zurück nach Breznik, über unbeleuchtete Landstraßen hinweg; selbst der Motor brummt müde, die Stoßdämpfer den brutalen Verhältnissen ausgeliefert, aufgrund der hunderten Schlaglöcher im von den Elementen zerfressenen Asphalt schwer überfordert. Es gibt zudem nicht einmal Begrenzungspfeiler entlang des Verkehrsweges, nichts Reflektierendes, kein Funken von Licht. Neben der Straße breitet sich vollkommene Dunkelheit aus, ganz so, als ob das Land von der Finsternis verschluckt worden wäre.
Noch dazu stoppt uns die Polizei; doch die Beamten erkennen uns wieder, sie hatten gestern beobachtet, wie wir einen Hund gefangen hatten – diese Referenz genügt, sie lassen uns ohne Probleme weiterfahren; dass wir zu viele Personen auf nicht typisierten Sitzen sind, scheint sie nicht im Mindestens zu stören!
Es geht zurück zur Klinik, wo wir den Hunden noch ein Nachtquartier bereiten; der allersüßteste ‚Tom‘, der schwarze Hund von den Blocks, erwartet uns trotz der späten Stunde freudenstrahlend. Natürlich kriegt er ein üppiges Abendmahl, und es zerreißt uns das Herz ihn dann doch alleine beim Behandlungssaal zurücklassen zu müssen…
Foto: Tom, der Süße!

Gegen 23 Uhr erreichen wir das Motel, ein 15-Stunden-harter-Arbeitstag neigt sich aber noch lange nicht dem Ende zu… noch gilt es diversteste Schreibarbeiten zu erledigen, bis der Körper gegen halb 2 Uhr morgens endlich den jetzt dringend benötigten Schlaf findet!

Früh am nächsten Morgen geht es aber schon wieder weiter; es bleibt abermals keine Zeit für Kaffee, die wurde in fünf Minuten mehr Schlaf gerecht investiert – wir haben es nun einmal mehr sehr eilig, die PatientInnen von gestern erwarten uns sicher schon voller Ungeduld im Behandlungsraum. So ist es dann auch, und bis fast Mittag gibt es tausende verschiedenste Dinge rund um das Kastrationszentrum zu erledigen. Tatsächlich haben wir alle Hände voll zu tun, um im Zeitplan zu bleiben!
Übrigens ist gestern Didi zu uns gestoßen, die bei fast allen Kampagnen zuvor eine wirklich unentbehrliche Hilfe gewesen war. Wir haben ihre Ankunft – die junge Frau hat sich extra hierfür 2 Tage Urlaub genommen – herbeigesehnt, ist sie doch inzwischen selbst ‚fertige‘ Tierärztin und somit Fachfrau für alle Bereiche einer solchen Aktion!
 
Foto: die großartige Didi, hier mit Reni und Tom

Unfassbar großartig, wie viele Menschen dieses Mal zusammenhelfen! So ein breit gefächertes Team waren wir überhaupt noch nie, und entsprechen hoch ist die Motivation bei allen Beteiligten. Der wunderhübsche ‚Tom‘ hat einmal mehr schon ungeduldig auf uns gewartet, und wieder verbringt er den ganzen Tag mit uns; auch eine Hündin, ebenfalls unvergleichlich, hatten wir am Morgen bereits entlassen, aber sie entschied ebenfalls zu bleiben! Wie ausgelassen die beiden Hunde sind, wie lebensfroh, wie anhänglich – es ist Balsam auf der Seele, sie zu beobachten!

Kurz darauf bringt Dai-Lapa-Toni jene beiden Hunde aus Pernik, welche in der Müllhalde namens Wohnung leben. Das Gespann sieht aber bei weitem besser aus als befürchtet; so scheint die etwas verwirrte Frau doch gut auf sie achten zu können, auf jeden Fall besser als auf sich selbst!

Es ist noch nicht Mittag, als wir im Park gegenüber erneut eine Hündin sehen, welche wir schon die Tage zuvor vergeblich einzufangen versucht hatten. Die ersten Versuche schlagen zwar auch heute fehl, aber letztendlich gelingt es Lyubo sie zu überlisten – mit der bloßen Hand kann er sie schließlich packen und festhalten! Um den Hals trägt die Arme übrigens ein Fernsehkabel, völlig gefühllos festgezurrt… ihre ganze Gestalt erfüllt uns mit tiefer Trauer, mit Scham über die Gattung Mensch. Ausgemergelt bis auf die Knochen, völlig verwahrlost, bestimmt seit ihrer Geburt nicht anders als Abfall behandelt.

Nun sollte ein besonders dramtaisches Erlebnis folgen: drei oder viermal hatte die erstgenannte Hündin, Tom’s nunmehrige Wegbegleiterin, welche wie er selbst immer in der Nähe des OP-Saals geblieben war, auf gefährliche Weise die Straße zu überqueren versucht, und so auch jetzt; während wir die neue Patienten über den Verkehrsweg tragen, schießt sie plötzlich aus der Zufahrt, im Versuch eine Katze zu verjagen. Das Herz bleibt stehen, als ein Auto heranbraust, der Rest der Geschichte entfaltet sich bereits im Gehirn, noch bevor die Geschehnisse tatsächlich eine reale Form annehmen – der Lenker schafft es nicht mehr den Wagen rechtzeitig zu stoppen, er streift die Arme, sie überschlägt sich, ist aber sofort wieder auf den Beinen und rast zurück zum Kastrationszentrum. Dort verkriecht sie sich unter einem Tisch, aber dem Himmel sei Dank ist sie – und sind wir – mit dem Schrecken davongekommen!
 

Die unfassbare Reaktion des Autofahrers: er bleibt kurz stehen, ich denke noch, der Nette möchte nach der Hündin sehen, aber stattdessen interessiert er sich nur für sein Auto, sucht gebannt im Wutausbruch die Stoßstange nach Unfallspuren ab; das Schicksal des Opfers interessiert ihn nicht einmal am Rande…
Nun beschließen wir, wir müssen für sie schnellstens ein zu Hause finden, sie würde den täglichen Kampf auf der Straße wohl nicht lange überleben können; ebenso muss auch für ‚Tom‘ ein Heim gefunden werden, und Gleiches gilt für die heute eingefangene Hündin, jene mit dem Fernsehkabel; die Arme darf einfach nicht mehr auf die Straße zurück müssen! Ein erlösender Anruf später bringt die Gewissheit: eine große Tierfreundin aus Bad Aussee wird die Armen als Pflegestelle übernehmen, wie dankbar wir für die erlösende Nachricht sind, es lässt sich mit Worten nicht ausdrücken! Zusätzlich, und das ist die vielleicht allerschönste Nachricht des Tages, wird sie ‚Richi‘ – einen ganz traurigen Ridgeback-Mischlingshund aus dem ersten Tag, leidend an einer Luxation des Hüftgelenkes – für immer bei sich behalten; jetzt, so meint die Liebe, nachdem sie erst vor Kurzem einen ihrer Lieblinge verloren hatte, gäbe es bei ihr einen freien Platz im Heim und im Herzen! Tatsächlich, Gloria, so heißt die Großartige, hatte mich am Tag vor der Abreise noch angerufen und gemeint, sollten wir einen besonders armen Hund auffinden, einen solchen, für den wir nur ganz schwer ein zu Hause finden könnten, ich solle in einem solchen Falle an sie denken. Nun genügte ein kurzer Anruf, und sie setzte das unfassbar großzügige Versprechen promot in die Tat um. Es bleibt uns nur ‚Danke, danke, danke‘ zu sagen, aus tiefstem Herzen!!!!
Später bringen wir die Vier in Toni’s Hundehotel, wo sie auf die Ausreise werden warten müssen! Wie schwer es uns fällt sie dort – obwohl im Wissen, jetzt wird alles gut werden – zurück zu lassen… Besonders Tom und Richi bellen lange hinter uns her, ihre Blicke brennen im Rücken wie Feuer; wir fühlen uns in diesem Moment ganz furchtbar, wie echte Verräter, ganz so, als ob wir sie verkauft und im Stich gelassen hätten… Christine weint sogar bittere Tränen, wohl zum einen wegen des notwendigen Abschieds, aber vielleicht auch deswegen, weil es für die Armen nun nur noch ein Schritt ist, ein Schritt hinein in ein wunderschönes Hundeleben. Jedenfalls, es wird ein Feiertag für uns sein, wenn sie in Österreich ankommen!
 
   
Fotos: Tom mit Tom, Rumi mit ihren Schützlingen, Christine mit Richi; rechts unten: die Schöne hat uns so einen großen Schrecken eingejagt, als sie vom Auto erfasst worden war!

Dann geht die Fahrt in ein entlegenes Dorf; von dort kam ebenfalls ein Hilferuf, ein Mann beherbergt mehrere Hunde – es sind gut 15 an der Zahl – welche allesamt unkastriert sind und so ständig für Nachwuchs sorgen. Er hält sie in einem eingezäunten Areal, rund 60 qm groß, als Hütten dienen aufgeschnittene und verrostete Autodächer und Motorhauben. Das Gelände ist komplett verbuscht, Stech- und Schlingpflanzen beherrschen die Szenerie. Dazwischen gibt es verwachsene Hecken, wo sich die Hunde in Laufe der Zeit ein verwirrendes Röhrensystem zum Verstecken geschaffen haben; eingerahmt ist das Ganze von verrosteten Eisengittern, durchbrochenem Maschendraht, darüber hängen wie metallene Schlangen Strom- und Telefonleitungen. Überhaupt sieht die Umgebung erbärmlich aus, ganz wie die Hunde selbst; allesamt sind sie abgemagert, scheu, einige haben Wunden, wohl von aus der unseligen Zusammensetzung resultierenden Rangkämpfe… Es ist aber der letzte Tag der Kampagne, fast alle Hundeboxen sind belegt, zudem haben sich noch weitere ‚private‘ Patientinnen angekündigt, deren HalterInnenen wir den Eingriff zugesagt haben. So können wir als unverrückbare Tatsache nicht alle Hunde hier mitnehmen, das steht fest. Es bleibt keine Zeit für langes Überlegen, und so entscheiden wir uns für die weiblichen Tiere, die Männchen werden wir beim nächsten Mal übernehmen.

Doch damit ist die Angelegenheit noch nicht erledigt, ganz im Gegenteil – einfangen lassen sich die Hunde nicht, deshalb muss erneut das Betäubungsgewehr heran. Die Aufgabe soll uns auf Grund der Unwegsamkeit und der hunderten Versteckmöglichkeiten schließlich bis in den späten Nachmittag beschäftigen, erst dann trifft auch der letzte Pfeil…
 

Nach der Hitze der letzten Tage weht heute eine leichte Brise; gegen 15 Uhr beginnt sich der Himmel zu verdunkeln, erste Regentropfen fallen. Wir sind wieder am Weg, dieses Mal erneut nach Pernik – dort soll es eine Hündin geben, welche in regelmäßigen Abständen Welpen zur Welt bringt, und das schon seit Jahren! Allerdings, unmittelbar neben ihrem ‚Revier‘ rund um eine ärmliche Wohnsiedlung ist ein Waldstück, mit steilen Abhängen versehen, durchzogen von Abfall. Als Zeugnis zur Schande einer Gesellschaft ist das Areal tatsächlich vielmehr ein Müllberg, bewacht von schier undurchdringlichem Geäst und dornenbewehrten Pflanzen… zudem, alles erinnert hier ganz schrecklich an die Erfolglosigkeit des Gesterns! Um die Vergleich abzurunden, genau dorthin, in ein ausgekügeltes natürliches System voller Irrgänge und Labyrinte, flieht die Arme dann auch, nachdem der Betäubungspfeil das Schlafserum in den Oberschenkel befördert hat. Fast lebensgefährlich gestaltet sich nun die Verfolgung, hinein in  eine wirre Welt des Mülls, der Tierpfade, der schmalen Röhren durch Heckengestrüpp, über steile Anstiege hinauf und ebensolche Abhänge hinunter. Schließlich, wie kann es anders sein, verlieren wir die Flüchtende erneut aus den Augen. Mit zerstochenen Armen und Beinen geben wir den Versuch sie ausfinding zu machen letztendlich auf; die Hündin ist, wie die beiden am gestrigen Tag, unauffindbar. Die Enttäuschung steht uns ins Gesicht geschrieben, gut eine Stunde voll Müh und Not, aber ein ganz klein bisschen obsiegt dann auch der Gedanke, es hätte Schlimmeres passiert können – das eine oder andere Mal rutschten wir die Steilhänge hinunter, vorbei an Glasscherben und scharfkantigen Eisenresten…

Foto: ein ganzer Wald als Müllhalde!

Müde und abgeschlagen begeben wir uns letztendlich auf die ‚Heimfahrt‘; nun plötzlich zeichnet der Horizont pechschwarze Streifen, und im nächsten Moment bricht die Hölle los – Sturmböen, zuerst leichter Hagel, dann gießt es Wassermassen vom Himmel, die uns beinahe zum Anhalten zwingen. Nur im Schritttempo geht es schließlich weiter, vorbei an liegengebliebenen Autos mit eingeschalteten Warnblinkanlagen.

Foto: hier bahnte sich das Unwetter bereits an…

Dann erreichen wir endlich wieder den OP-Saal; es wird bereits dunkel, doch noch kann kein Feierabend sein – nun gilt es den über die Nacht hinaus verbleibenden PatientInnen einen möglichst angenehmen Aufenthalt zu bereiten; Unterlagen werden ausgetauscht, Wasser gereicht, Essen gegeben, usw.; unfassbar: nicht nur Tom und die Hündin, nun ist auch noch ein Kater von der ‚Entlassung‘ zurückgekommen! Der Herzallerliebste möchte nicht gehen, so wird auch ihm ein zu Hause in Westeuropa gefunden werden müssen!

Erneut ist es schließlich gut halb 11, als wir das Motel erreichen. Die alte Gästeherberge zollt dem Wetter ebenfalls Tribut: der Strom fällt aus, es gibt zudem über einen längeren Zeitraum hinweg kein Warmwasser.
Die heftigen Regenfälle setzen sich die Nacht über fort; der Himmel ist getaucht in tiefes Schwarz, durchzogen von blutend Rot und immer wieder grellen Gelb, dann, wenn Blitzlichtgewitter die finstere Nacht erhellen, dazu wüten stürmische Böen. Dennoch fallen wir bald in einen tiefen Schlaf, wenig verwunderlich nach dem gar anstrengenden Tag!
Am nächsten Morgen gilt es Abschied zu nehmen; die ersten HelferInnen verlassen Breznik und uns bleibt ein OP-Saal, der geräumt werden will. Zuerst aber bringen wir die übrigen Hunde und Katzen zu ihren HalterInnen bzw. zu ihren Stammplätzen zurück. Zwei sollen nach Pernik, dort erwartet sie bereits voller Ungeduld jene Frau, die sich seit Jahren um sie kümmert! Welche Wiedersehensfreude, nicht nur zwischen Mensch und Tier, auch die anderen Hunde des Rudels begrüßen die Ankömmlinge aufgeregt! Dann muss auch jene Hündin zurück, wo der Firmenchef den Rüden voller Zorn wieder aus dem Transportkorb entlassen hatte. Sie, die zuvor sehr scheu war, mag sich gar nicht von uns trennen, kommt immer wieder für letzte Streicheleinheiten. Überhaupt, und das wage ich jetzt zu behaupten, aus irgend einem Grunde sind die allermeisten der eingefangenen Hunde bei der Freilassung trotz der zuvor ohne jede Frage schlimmen Situation geschuldet des traumatischen Einfangens, der Verladung in die Boxen, Betäubung, Operation, des erneuten Aufwachens in der doch engen Box, stundenlang ohne Nahrung und Wasser zu sein, dennoch nun oft viel entspannter. Ich weiß nicht woran das liegt, eine Antwort präzisiert sich mir nicht, egal wie lange und intensiv ich auch darüber nachdenke, sie liegt weiter in der nebelumwogenen Ferne meiner Vorstellungskraft…
 
Fotos: Hunde zurückbringen ist immer ein besonders emotionaler Moment…
Der schwarz-weiße Kater ist natürlich auch wieder da; hastige Telefongespräche mit der Fluggesellschaft, der Bulgarian Air, später steht fest – er wird mit uns nach Österreich fliegen! Tatsächlich erhält der Zuckersüße eine Platzreservierung, für 50 Euro, zu unseren Füßen in der Passagierkabine! Wie wir ihn allerdings im Hotel in Sofia für die kommende Nacht unterbringen, das wissen wir im Moment noch nicht so genau.
Auch ein Besuch in Toni’s Hotel steht noch an; wir bringen die übrig gebliebenen Futterreserven vorbei und besuchen jene drei Hunde, die alsbald nachkommen werden! Wie die sich freuen uns zu sehen, es ist einfach wunderbar! Sie können es glauben, es tut im Herzen weh sie zurücklassen zu müssen, für den Moment, aber in wenigen Wochen erwartet sie dann ein gar fantastisches Hundeleben; diese Tatsache lässt uns den vorläufigen Abschied etwas leichter ertragen.
 
   

Auch heute zeigt sich der Himmel wolkenbehangen, es regnet immer wieder. Dennoch genießen wir die wettergegebenen Umstände, es ist nicht mehr drückend heiß, die frische Brise des Windes lässt die Lebensgeister wieder erwachen!
Warum erst heute, wir wissen es nicht – jedenfalls kommen mehrere Hunde aus früheren Kastrationsaktionen beim Behandlungsgebäude vorbei, allesamt allerliebst. Wir füttern sie immer wieder und bereuen ein bisschen, dass sie nicht schon früher aufgetaucht sind.
Schließlich kommt auch noch Wessie, jene so großartige ältere Dame – in Fakt ist sie 78 – und sie ringt uns das Versprechen, bald wieder zu kommen, ab. Schnell ist unser schwarz-weißer Reisebegleiter eingepackt, dann gilt es endgültig Abschied nehmen von Rumi und Lyubo. Wir können uns nicht oft genug bedanken, vor allem bei Rumi, die ihrem so hart erarbeiteten Ruf als ‚Engel der Tiere von Sofia‘ erneut mehr als gerecht wurde. Ohne sie wäre eine Kampagne wie diese unmöglich zu bewerkstelligen, so viel steht fest! Aber auch alle anderen, die wunderbare Vanja, eben Lyubo, Eliza, Reni, Danjo, Rali, Viktoria, jener angehende junge Tierarzt, der uns so eine große Hilfe war, Maria und nicht zuletzt Didi, die bestimmt eine der besten Tierärztinnen dieses Planeten sein wird, jeder von diesen großartigen Menschen war für sich als bestimmender Teil der Kampagne völlig unverzichtbar. Übrigens, 84 Kastrationen haben wir geschafft in diesen Tagen, stellen Sie sich vor wie viel künftiges Tierleid damit erspart wird…
Foto: der letzte Rest des Teams verlässt das Hotel; v.l.n.r. Eliza, Christine, Lyubo, Rumi, Tom

Eliza bringt uns schließlich zurück nach Sofia; am Weg dorthin stoppen wir noch in Pernik, wo uns Didi in der Praxis ihrer Tante – ebenfalls Tierärztin – erwartet. Unser Kater bekommt noch den Mikrochip, und einige herzlichste Umarmungen später befinden wir uns auf einem der wenigen Highways Bulgariens, in Richtung Sofia!

Dort muss Eliza noch den Rezeptionist des Motels ablenken, was prächtig gelingt. Haustiere sind nämlich in den allermeisten Herbergen nicht erlaubt. Dann sind wir endlich in den Zimmern, Kater ‚Blacky‘ mit uns!!!
 
Am Abend kommt Emo vorbei; Emo hatte alle vergangenen Kampagnen begleitet, er ist ein unglaublich zuverlässiger und emsiger Tierrechtsaktivist. Zudem beherrscht er das Betäubungsgewehr wie kaum ein anderer. Dieses Mal jedoch konnte er nicht mitmachen, weil er erst vor kurzem den Job wechselte und deshalb über keine freien Tage verfügte; auch dieser Umstand sollte unbedingt erwähnt werden: alle HelferInnen vor Ort, ohne Ausnahme, müssen sich extra für diese Projekte Urlaub von ihren Arbeitsstätten nehmen! Was bedeutet, von nur 20 freien Tagen im Jahr werden 5 und manchmal sogar 10 alleine für unsere Kastrationsprojekte geopfert…. Ein eigentlich unglaublicher Umstand, der all jenen zum Vorbild dienen sollte, der/die meint, im Osten gibt es nur TierquälerInnen – in Fakt wahrscheinlich gibt es hier verglichen mit Westeuropa sogar mehr Menschen, welche sich umso bedingungsloser für die Mitgeschöpfe einsetzen als bei uns…
Fotos: stellvertretend für all die wunderbaren Menschen in Bulgairen, welche sich unermüdlich für die Tiere einsetzen… v.o.n.u. Reni, Vanja, Christine, Eliza, Lyubo, Rumi (beim nicht ungefährlichen Durchsuchen des Dickichts auf der Suche nach den betäubten Hunden)…
Wir sitzen bis fast Mitternacht zusammen, unterhalten uns über wirtschaftliche Probleme, den Flüchtlingsstrom, über die Politik, über Erdogans verlängertem Machtanspruch, und natürlich vor allem über den Veganismus in den verschiedenen Gesellschaften. Es sollte ein wirklich netter Abend werden, genau das, was man nach solch anstrengenden Tagen dringenst benötigt – Erdung mit dem Alltag!
Allerdings gibt es auch allzu Trauriges zu berichten; Emo erzählt uns, eine Hündin wäre heute gestorben, nachdem sie bei uns Patientin gewesen war. Was sollte passiert sein? Ihr Halter, ein eigentlich sehr netter Mann, der sie zudem auch wirklich zu lieben schien, hatte sie von sich aus vorbei gebracht. Nach der OP, in Fakt Augenblicke danach, stand er aber schon wieder da, die Hündin noch nicht einmal aus der Narkose erwacht. Unbedingt musste er sie mitnehmen, sofort und zu Fuß, nebenbei bemerkt ein Tier von gut 60 kg Körpergewicht. Der Arzt meinte, dies sei viel zu früh, er solle sie erst wieder richtig zu sich kommen lassen. Auch Vanja appellierte an den Verstand, doch anders als vielleicht bei uns gibt es in Bulgarien keine Handhabe jemanden zu zwingen auf das Anraten eines Veterinäres zu hören! So schleppte er die Frischoperierte schließlich ins Freie, wartete dort gut 1 Stunde mit ihr. Dann trug er sie, den sanften Riesen, zu seiner gut 200 Meter entfernten Wohnung, immer in Abwehr auch noch so gut gemeinter Ratschläge. Alle paar Meter musste er stoppen, doch setzte er die Tortur für Mensch und Tier unbeeindruckt fort. Ich möchte mir nicht ausmalen, wie er es schaffte, sie in den 6. Stock zu seiner Wohnung zu bringen. Was er mit seiner stumpfen Sturheit anrichtete, ist augenscheinlich. Sie überlebte die folgende Nacht nicht.
 

Wie ein Blitzschlag traf uns dieses Gespräch. Selbst heute, mit einigem Abstand, mag ich mich nicht zurück erinnern an die Geschehnisse. Es ist einfach nur unfassbar erdrückend, und wieder keimen verzichtbare Fragen nach dem ‚Warum‘ auf; nicht nur das, einmal mehr veranlasst das Gespräch einfach alles in Frage zu stellen. Ich erinnere mich beim Schreiben dieser Zeilen an einer Konversation mit Didi; sie, geschätzte 25 Jahre alt, erzählte, sie wurde kürzlich darauf aufmerksam gemacht, dass sich langsam Falten in ihr Gesicht graben würden. Kein Wunder, meinte sie, all das, was sie gesehen hätte im Laufe unzähliger Tierrettungsversuche, muss eben irgendwann Spuren hinterlassen. ‚Es ist wie bei Dir‘, fügte sie hinzu, ‚auch Dein Haar ist nach jedem Bulgarienbesuch ein bisschen grauer‘. Wie recht sie doch hat… Geschehnisse wie diese, sie graben sich tief in unseren Seelen ein; tatsächlich nehmen sie – auch wenn wir uns noch so dagegen zu wehren versuchen – langsam Besitz von unseren Gedanken, eingenistet wie ein schlafender Erreger; wir können sie zwar verdrängen, kurzfristig, aber dennoch beginnen sie gut kaschiert ihr zerstörerisches Tun, ein beständiges Nagen, ein unaufhörliches Pochen im hintersten Winkel des Gehirns. Jetzt gilt es aufzupassen, denn sonst könnte eines Tages ein böses Erwachen folgen…
Unser kleiner Kater fühlt sich nicht wirklich wohl in der neuen Umgebung des Hotelzimmers; wie denn auch, wahrscheinlich war er noch nie im Inneren eines Hauses! Aber nun sind es nur noch ein paar Stunden, und dann beginnt sein ganz neues Leben! 🙂
Eigentlich hätten wir für den Sonntagvormittag eine Kundgebung in Sofia geplant; jetzt allerdings, mit dem Kätzchen, ist das unmöglich, denken wir zumindest im Moment; manchmal soll aber alles anders kommen wie gedacht!
Wir brechen frühzeitig auf zum Flughafen, was dann umso besser sein sollte, denn der Süße benötigt ja noch die endgültigen Flugpapiere!
Fotos: Katerchen vor dem Behandlungsgebäude, wo er bis zu unserer Ausreise ausharrte; rechts oben im Hotel; links unten im Flughafen, dann im Flugzeug! 🙂

Der Taxifahrer ist ein sehr netter Mann, es scheint ihn auch gar nicht zu stören, dass wir seine Sprache nicht verstehen – in Fakt unterhält er sich trotz dieser Barriere prächtig mit uns.

Am Flughafen angekommen, es ist nun kurz nach eins und wir sind ein bisschen im Stress, da uns im Vorfeld gesagt worden war, die Katze muss bis 13 Uhr angemeldet und ihr Flug bezahlt sein (50 Euro sollen uns dafür in Rechnung gestellt werden)! So hasten wir zum zuständigen Schalter – fast ein wenig überraschend aber gelingt das Einchecken des Süßen problemlos, und deshalb bleibt uns entgegen früheren Erfahrungen sogar noch kurz Zeit – was fangen wir mit der an? Ein letzter Protest, ein Ausrufezeichen, ein würdiger Abschluss einer harten Woche, das soll es sein! Ein idealer Spot für eine kurze Kundgebung bietet sich an, nämlich genau vor dem Eingang zum Flughafen, über uns das ‚Airport Sofia‘-Zeichen! Und so entrollen wir doch noch das mitgebrachte Transparent und verkünden unsere Botschaft ‚Stop Killing Stray Dogs – NOW!!!‘, und dieses Mal sogar vor internationalem Publikum!
Nun im Flughafengebäude riecht es plötzlich ganz streng aus dem Katzenkorb; so suchen wir eine Toilette, und welche bietet sich für einen solchen Zweck mehr an als die großen Kabinen für behinderte Passagiere? Diese mögen uns verzeihen dass wir den für sie reservierten Raum kurz in Beschlag nehmen, aber nur darin ist sichergestellt, dass Katerchen bei all dem Stress der letzten Tage nicht doch noch im letzten Moment das Weite sucht. Schnell reinigen wir den Transportkorb gründlich, während der Brave ein paar Runden dreht; danach, nun sichtlich zufrieden, lässt er sich ohne Probleme zurück in den Korb befördern.
In der Flugzeugkabine bekommt er es dann aber doch nochmals mit der Angst zu tun; während des Starts müssen wir ihn sehr beruhigen, aber später ist er ganz ruhig und entspannt. Wie froh wir doch sind!!!
Max, mein Tierrechtsbruder und Chef des Schildkrötengnadenhofs, holt uns schließlich in Wien ab. Bei ihm zu Hause machen wir einen kurzen Zwischenstopp und Marie, eine unfassbar nette Tierrechtsaktivistin, ist zu Besuch. Es ist kaum zu glauben, aber sie verliebt sich sofort den kleinen Schwarz-Weißen und bietet an, ihn bei sich und ihren dreien Stubentigern aufzunehmen!!! So findet seine und unsere so anstrengende Reise einen doch eher unerwartet schnellen und wunderschönen Abschluss!!!
   

Wir sind zurück zu Hause – und schon beherrschen Pläne von neuen Einsätzen unsere Gedanken; doch dazu später! 🙂
Achtung, Achtung! Wir sind am Tollwood in München! Bitte besucht’s uns am wunderschönen ‚Artgerecht München-Stand‘!!! Noch am Samstag und Sonntag, 11 bis 21 Uhr!!!! Wir freuen uns auf Euch!!!

Breaking News: nach den unfassbaren Ereignissen in München am heutigen Abend wissen wir im Augenblick nicht, ob das Tollwood seine Tore morgen öffnen wird! Wenn ja, sind wir selbstverstänlich vor Ort! Sobald wir Näheres erfahren sagen wir Bescheid! Unsere Gedaken sind mittlerweile bei den Opfern und Angehörigen!

Und noch ein paar Impressionen aus Bulgarien!
 

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