Mission ‚Free Boomer‘ – ‚Boomer is free‘!!!!

Jetzt ist es also wirklich soweit. Endlich! Das Abenteuer ‚Free Boomer‘ kann beginnen! Oh, was haben wir uns die letzten beiden Wochen Sorgen gemacht, machen sie uns noch immer, gepaart mit Vorwürfen – während wir im Warmen Weihnachten feiern, durchlebt dieser Hund sein fortgesetztes Martyrium. An einer schweren Eisenkette gefesselt, gefangen in seinem Verlies, welches wir mit ‚Hölle‘ bezeichnen, er aber nennt es sein einziges zu Hause… Ausgesetzt der bittersten Kälte, den grausamst vorstellbaren Bedingungen, gebettet auf verfaulenden, harten und tiefgefrorenen Pflanzenstielen . .. wie mag es ihm wohl ergangen sein, die Frage ist eine wohl sehr rhetorische. Unzählige Male haben wir seither den Blick flehend zum Himmel gerichtet, an jedem verdammten Tag, bitte, bitte, lieber Gott, falls Du von da oben zusiehst, gib ihm die Kraft noch ein bisschen auszuhalten…
Der Van steht, nur halb beladen, für die Abfahrt bereit in der Einfahrt. Halb beladen, deswegen, weil wir bei der letzten Hilfsfahrt erst vor 2 Wochen, der weihnachtlichen Reise, so viele Sachen gesammelt hatten, die wir unmöglich im Wageninneren unterbringen konnten. Sie sind nun zwischengelagert, im Elternhaus bei Krems in Niederösterreich, unweit der Bundeshauptstadt. Dorthin führt uns nun der erste Schritt des Einsatzes. Der Mercedes ist mit einer dicken Schicht Schnee überzogen, darunter pures Eis. Mit zitternden Fingern und klammen Händen befreien wir ihn von der Last, und dann zeigen seine Lichter schon in Richtung Osten. Der Startschlüssel dreht sich im Schloss, ein kurzes Murren, aber schon im nächsten Moment laufen 129 Pferde im Inneren warm. Der Morgen hat schweren Schneefall gebracht, die Fahrverhältnisse sind wirr; so geht es die ersten 100 Kilometer nur sehr langsam voran, keine 70, 80 km/h schaffen wir durch Wind und Wetter; aber ab Linz zeigt sich die Spur plötzlich frei vom Matsch.
Gegen 13 Uhr ist die erste Etappe geschafft; im heimatlichen Kammern schafft es das Quecksilber auf wenigstens 0 Grad zu klettern, und sofort beginnen wir mit der Zuladung. Karton um Karton, Sack um Sack schluckt der große Laderaum, dazu gut 300 kg an Hundefutter, welches für die Straßenhunde von Nadrag sowie für die Pflegestation der großartigen Tierärztin Dr. Noemi Kiss gedacht ist – dort wird Boomer – so Gott will – gesundgepflegt werden, aufgepäppelt und mit den nötigen Impfungen versehen, sodass er in wenigen Wochen dann zur Ausreise bereit ist.
 
Fotos: unterschiedliche Fahrverhältnisse beim Start des Einsatzes; vom Matsch zur freien Straße, dann wieder verstärkter Schneefall, zuletzt verschneite Fahrbahnen!
Aber soweit wollen wir nun gar nicht vorgreifen; noch steht eine lange Tortur bevor, mit ungewissem Ausgang, bis hin ins von Salzburg gut 1000 Kilometer entfernte rumänische Bergstädtchen. Der Wintereinbruch hat, so wissen wir es aus den Nachrichten, Osteuropa fest im Griff, Schneemassen, Eiseskälte. Gevatter Frost, der vom Klimawandel Todgesagte, ist noch einmal zur alten Form aufgelaufen. Vor sich hat er ein Heer von Myriaden kleiner, weißer Soldaten in die Schlacht gesendet, winzige Kristalle, welche aber die Kraft in sich trugen, das Land mit einer dicken Schicht weiches Etwas unter sich zu begraben.

15 Bananenschachteln voller warmer Kleidung packen wir noch am Abend zu; Karin, die gute Seele der Region, immer im Einsatz für die Ärmsten der Armen, hat die Textilien gesammelt, gewaschen, fein säuberlich in die wartenden Kartons geschlichtet. Es ist wahrlich so schön zu wissen, es gibt überall ganz großartige Menschen, welche dem allgemeinen menschlichen Stillstand ihren vollsten Einsatz entgegensetzen; es gilt ein herzlichstes ‚Danke‘ zu sagen, in tiefstem Respekt!!!
Foto: bis spät in die Nacht wird das RespekTIere-Mobil beladen: immer mittendrinen Mama und Papa Putzgruber!
Am späten Abend bringt mein Bruder noch eine große Palette mit Spendengütern. Irgendwie gelingt es uns, auch noch diese Ladung im Van zu verstauen; fest steht, aus dem Vorhaben, den Sprinter dieses Mal nicht so grenzenlos vollzufüllen, wird leider erneut nichts…
Samstagmorgen, das Wetter hat umgeschlagen. In der Nacht ist der Schneefall in den Niederungen in Regen übergegangen, und langsam verwandelt sich die weiße Watte in schmutzigraue Rinnsale. Für uns nicht das übelste Vorzeichen, denn zumindest eine Weile, durch das österreichische Flachland, werden die Fahrbedingungen dadurch bestimmt erleichtert sein. Christine, die ewige Mitstreiterin aus Linz, stößt hinzu, schon in aller Herrgottsfrühe ist sie von Linz kommend losgefahren. Und natürlich, sie ist wie immer pünktlich beim vereinbarten Treffpunkt. Ihr Auto wird beim Elternhaus auf uns warten, gut aufgehoben, und wir verlieren nun keine Zeit mehr – die Befreiung Boomer wird Wirklichkeit!
Bis nach Wien geht es jetzt problemlos dahin, die Straßen halbwegs frei, bloß leichter Matsch an den Fahrbahnseiten verrät das nächtliche Inferno. Dennoch ist Vorsicht geboten, gestern sind in der Bundeshauptstadt, so erfahren wir später, gut 25 Zentimeter Schnee gefallen. Von diesen sieht man heute zwar nichts mehr, aber der dauernde Nieselregen verwandelt die Verkehrswege mancherorts, geschuldet der tiefen Temperatur, in echte Rutschbahnen.
Bei Cosma und Alex – Ihr erinnert Euch vielleicht, beide waren beim großen Kastrationsprojekt in Bulgarien, nur drei Monate zurück – an vorderster Front mit dabei, machen wir einen kurzen Zwischenhalt; es fehlt uns ein Dokument, welches die Einsatzfahrt als Caritas-Transport ausweist; unbezahlbar ist ein solches an der Grenze nach Rumänien, erleichtert es den Übertritt doch immer wieder erheblich – und die beiden so herzensguten TierschützerInnen werden es uns ausdrucken! Außerdem dürfen wir auch Spenden übernehmen, beigesteuert zur Mission ‚Free Boomer‘ von ganz wunderbaren Menschen, die die so emotionale Hilfsaktion für den armen Hundes bestmöglich unterstützen möchten – einfach nur großartig!
Fotos: wieder einmal durften wir uns über die Unterstützung des Tierheim Krems freuen – einen Box für den Transport von Boomer wartete auf uns! Unten: Wien, nach nächtlichem Schnee-Inferno im nass-kalten Tauwetter. rechts: Doris, die so herzensgute Tierschützerin aus dem Burgenland, bringt uns einmal mehr eine ganze Autoladung voll Spendengüter zum Treffpunkt knapp vor der ungarischen Grenze; auch Vera ist gekommen, die ebenfalls eine Menge an Kleidung und Schuhen für die armen Menschen in Nadrag gesammelt hatte!
Foto: der Van ist so voll, dass wir kaum die Türen zubekommen!
Nach einer Tasse heißen Kaffee müssen wir aber schon aufbrechen, denn noch einen weiteren Zwischenstopp gilt es zu absolvieren; so halten wir eine gute Stunde später im Burgenland, knapp an der ungarischen Grenze: Ihr werdet es erraten, die liebe Doris hat es tatsächlich geschafft, in der kurzen Zeit – hatten wir doch erst vor zwei Tagen erfahren, dass wir Boomer aus seiner Hölle holen dürfen – noch Dutzende Säcke Kleidung und diverse Hilfsgüter von verschiedenen Tier- und MenschenfreundInnen einzusammeln.
Am Treffpunkt erwartet uns eisig kalter Wind, so stark, dass wir es kaum schaffen aus dem Van zu klettern; und da ist sie schon, die Gute, ihr Kombi bis oben hin vollgestopft! Aber nicht nur sie, auch eine weitere Helferin namens Vera, ist gekommen, ebenfalls mit einigen Tüten voller Kleidung!
So unfassbar für uns der Gedanke im Moment auch erscheint all diese Sachen zusätzlich im ohnehin überladenen Mercedes unterzubringen, letztendlich findet selbst der letzte Karton, der letzte Sack und die letzte Tüte noch irgendwie Platz! Allerdings, aufmachen sollte man die Schiebetüren nun nicht mehr müssen, an der Grenze etwa, will man der Gefahr entgehen, unter der Menge der Güter begraben zu werden!   
Nach einer herzlichen Verabschiedung hat uns die Straße wieder; bald überqueren wir auch die Grenze ins Magyarenland, nun geht der Regen wieder in Schneefall über. Langsam werden die Bedingungen unwirtlich, wie erwartet eigentlich, aber wenigstens rollt der Verkehr – im Gegensatz zur anderen Richtungsspur, wo sich immer wieder kilometerlange Staus aufbauen – Rückreise-Weihnachtsverkehr! Na hoffentlich ist die Masse bis morgen durch, tut sich ein Gedanke auf, denn sonst erwarten uns dann einmal mehr lange Stunden im Stillstand auf der Autobahn…
 
Foto: Ungarn ist manchmal schon ein seltsames Land; der Vergleich auf diesem Plakat an den Raststätten ist wohl völlig unzumutbar: Sei kein Schwein, sagt es uns, entsorge den Müll und wirf ihn nicht einfach weg…
Es ist erneut stockdunkel, als wir endlich den rumänischen Banner über den Grenzbalken wehen sehen. Gott ist TierrechtlerIn, zumindest heute, denn die Zöllner winken uns freundlich durch, nicht einmal den oft so wichtigen Ausdruck wollen sie sehen! Wie wunderbar, denn wie gesagt, wir hatten echt befürchtet die Schiebetüre zur Ladefläche öffnen zu müssen…
Jetzt ist das Land tief verschneit, die Temperatur klettert stetig nach unten. Minus 5 zeigt das Thermometer bald, TEndenz fallend, dazu eisiger Wind. Relativ schnell sind wir auf Höhe Temeswar, dann verliert sich die Autobahn in der Bundesstraße; vorbei an der Kleinstadt Lugoj, ab nun wird das Asphaltband noch enger, dazu ist die Straße nicht mehr geräumt – tief durchatmen, schon ‚entern‘ wir den Weg in die Sackgasse, gut 25 Kilometer hinauf den Anstieg, durch die schneestarren Wälder, raus aus der Zivilisation. Schneeglatt ist es, stockduster, es gibt keine Fahrbahnbeleuchtung. Nur zwei am Weg liegende Ortschaften bieten zumindest ein klein wenig Abwechslung, ansonsten verschluckt uns die Finsternis. Zusätzlich zollen wir der Anstrengung nun langsam Tribut, Krämpfe in den Oberschenkeln lassen erahnen, wie eine echte Tortur auszusehen hat.
Die Uhr zeigt bereits knapp vor Mitternacht, als wir den Stadtanfang von Nadrag erreichen. Und da erwartet uns völlig unvorbereitet eine echte Überraschung – die Häuserreihen sind bunt geschmückt, weihnachtliche Beleuchtung in klirrender Kälte verbreiten ein ganz einzigartiges Flair in einem Ausmaß, dass der Mund vor Staunen offen bleibt. Über einen Kilometer hinweg begleiten uns Girlanden, glitzernde Glöckchen, Rentiere in bunten Farben, rot und grün, Silber vorherrschend; selbst die Bäume sind mit Leuchtbändern übersät – doch der Höhepunkt steht noch bevor: um das Gemeindeamt breitet sich ein Weihnachtswunderland vor uns aus, Krippenfiguren, Santa Klaus und allerlei Märchenhaftes säumt den Platz. Sogar die Brückengeländer sind verziert, so, als ob sie die ganzjährige Tristesse des sterbenden Ortes zu vertreiben versuchen! Kitschig, ja, aber dennoch wunder-, wunderschön! Zugegeben, die Beleuchtung wirkt an vielen Stellen sehr veraltet, postkommunistisch gar, und manche der Lampen haben längst den Geist aufgegeben, aber all dies tut der Faszination keinen Abbruch! Erwähnte ich zuerst ‚überrascht‘? Ja, deswegen nämlich, weil bei unserer letzten Fahrt, zwei Tage vor dem Heiligen Fest, kaum irgendetwas auf die nahe Feierlichkeit hinwies (wohl geschuldet dem damaligen mehrtätigen Komplett-Stromausfall)!
Mit Müh und Not schaffen wir auch noch den letzten Anstieg; und dann liegt Rudis Herberge vor uns! Parken ist ob der Schneemassen erneut schwierig, aber bald schon sitzen wir zusammen mit dem wandelnden Engel in Menschengestalt und seinem Sohn Marius bei einer Tasse Tee – habe ich es schon mal gesagt? Rumänienfahrten, sie sind immer auch so etwas wie Heimkommen zur Familie!
Und sofort erfahren wir von Boomer! Rudi hat ihn besucht, mehrmals die letzten Tage. Sein Zustand ist schlecht, wie kann es auch anders sein. Das so triste Schicksal des Hundes treibt dem alten Mann, der bestimmt viel Tierleid gesehen hat, gar die Tränen in die Augen; aber, dieses Mal sind es auch Tränen der Freude, das Wissen, dass wir den langen Weg gekommen sind, um dieses so vergessene Geschöpf aus seinem menschengeschaffenem Elend zu befreien! Ein Hund unter abertausenden in dieser Situation, werden Sie vielleicht sagen. Da ist eine derartige Aktion wohl mehr symbolisch. Symbolisch? Was denken Sie, würde Boomer zu einer solchen Klassifizierung sagen?
Es ist letztendlich wieder 2 Uhr morgen, bis wir endlich todmüde ins Bett fallen! Eine richtige Nachtruhe stellt sich aber dennoch nicht ein, denn erneut hält der strapazierte Geist nicht mit der Müdigkeit des strapazierten Körpers mit; Gedankenblitze geistern durch den Kopf, Überlegungen, wie mag es Boomer wohl ergehen? Zuvor noch sind wir an seiner persönlichen Hölle vorbeigefahren, haben lange überlegt zu halten und ihn zu füttern; aber das wäre keine gute Idee gewesen, denn was wäre passiert, wenn wir nun, mitten in der Nacht, auf dem fremden Grundstück entdeckt worden wären? In einem Land wie Rumänien, da sind solche Situation nicht berechenbar. Noch schlimmer, vielleicht wäre der Tierhalter darüber derart empört gewesen, dass er den Armen dann am nächsten Tag nicht mehr in unsere Obhut gegeben hätte. Zu großes Risiko, auf allen Fronten, entschieden wir also.
Um das Einschlafen besonders dramatisch zu gestalten, gesellt sich hierzu auch noch die große Kälte; der Heizkörper ist zwar warm, aber er schafft es nicht, den Raum ebenfalls warm zu halten. In mehrere Decken gewickelt ist zumindest der Kopf immer den etwas zu tiefen Temperaturen ausgesetzt. Dafür aber strahlt es unter der Tuchent wohlig warm, ein Umstand, der bald obsiegt. Ein paar Stunden Schlaf gehen sich so doch noch aus.  
 
Foto: der Gedanke an Boomer lässt uns in dieser Nacht, so knapp vor dem Ziel, nicht zur Ruhe kommen…
Der Wecker läutet, wie immer in solchen Situationen viel zu früh. Sofort aber sind wir hellwach, heute ist ein sooooo wichtiger Tag, und es gibt hierfür eine ganze Menge zu tun; die Arbeit erwartet uns, so viel davon, dass sie selbst auf zwei Tage aufgeteilt mehr als genügend wäre.
Marius, der Gute, hat bereits ein herzhaftes Frühstück aufgetischt; selbst dafür aber nehmen wir uns kaum Zeit, müssen wir doch schnellstmöglich den Van entladen und dann endlich, endlich zu Boomer fahren – jede Stunde ist wertvoll, bedenkt man seinen miserablen Gesundheitszustand…
2 Männer aus dem Dorf sind gekommen; sie helfen beim Ausladen; wieder, wie schon im Dezember, können wir nämlich nicht direkt vor das Haus vorfahren. Zuerst aber gibt es noch ein paar Streicheleinheiten für die herzallerliebsten kleinen Straßenhunde, welche tagtäglich vor dem Caritas-Zentrum auf Rudi warten, im Wissen, der Tierfreund wird ihnen zu Essen geben. Auch für ein Quartier hat er gesorgt, eine Scheune für sie gerecht eingerichtet, mit warmen Decken und Heu ausgelegt.
Dann wandert Sack um Sack, Kiste um Kiste und Tasche um Tasche von einer Hand zur nächsten. Trotz unserer 7-köpfigen Mann/Frauschaft nötigt uns der Akt gut eine Stunde ab; ich kann mich nur wiederholen, einfach unfassbar, welches Volumen im RespekTiere-Mobil Platz findet…
Zu guter Letzt bestaunen wir den Lagerraum, dort, wo die mitgebrachten Dinge auf ihre Verteilung durch Rudi und Marius warten; was alles haben wir nicht mitgebracht, vom Toilettstuhl bis zu medizinischen Produkten, von der Kleidung bis zum Kochtopf, Spielzeug, Schuhe, Taschen, Teppiche; Hundefutter natürlich auch– wie werden sich die Beschenkten wohl freuen!
Ein erster Stein fällt nun vom Herzen – wir haben – ja, Sie wissen es natürlich, selbstredend hätten wir sonst auch all diese Waren gebracht, aber mit jenem Hintergrund fühlt es sich gleich noch ein bisschen besser an 🙂 – unseren Teil der Versprechungen eingelöst: für die Mithilfe zur Befreiung von Boomer würden wir eine Extra-Ladung an all diesen so dringend benötigten Dingen nach Nadrag fahren, und dieses Versprechen haben wir soeben erfüllt! 
 
Fotos: das Entladen des randvollen Vans beginnt! Dazwischen gibt es immer wieder Streicheleinheiten für die Schar kleiner Straßenhunde um das Caritas-Zentrum. Unten: so voll war der Bus – kein Sack, keine Schachtel hätten mehr zusätzlich Platz Platz gefunden! rechts: Rudi füttert seine Schützlinge mehrmals täglich!
Foto: langsam füllt sich der Lagerraum!
Impression: winterliches Nadrag!
Nun aber wird es wirklich ernst; ich spüre eine sonst kaum gekannte Nervosität hochsteigen, denn trotz der Bekundungen von Rudi, Boomer ginge es gut, bin ich nicht so sicher: welches Wesen kann solchen Bedingungen standhalten? Und auch in Christines Augen ist eine gewisse Unsicherheit abzulesen, eine Unsicherheit, die wohl besagt: schön wäre es, wenn die Uhr eine Stunde später zeigen würden und wir dann bereits mit dem wohlbehaltenen Boomer schon in Richtung Temeswar unterwegs wären….
Rudi und Marius kommen mit uns mit; immer noch ist der Van gut beladen, haben wir doch auch gut 250 oder mehr kg an Futter für Dr. Kiss‘ Notstation mitgebracht. Darauf müssen Marius und Christine nun Platz nehmen, denn der Sprinter bietet bei den Einsätzen bloß 2 Sitzplätze.
Durch den nur mehr knöchelhohen Schnee, seit heute Morgen ist es wieder entscheidend wärmer geworden, waten wir alsbald zum Bauernhof. Aus dem zerbrechenden Schornstein qualmt dicker Rauch – ein gutes Zeichen. Denn zuvor versuchte Marius den Hundehalter zu erreichen, der aber hob nicht am Telefon ab.
Die zwei kleinen Hunde, wir kennen sie schon von der Dezemberreise – und sie uns offensichtlich auch – empfangen den Besuch mit wüsten Freundesstürmen; sie sehen weiterhin gut aus, wohlgenährt, dürfen wenigstens freilaufen. Wie kann jemand die einen zu einem derart furchtbaren Dasein verdammen, und anderen ein wie es dem Anschein macht doch sehr gutes Leben gewähren? Wo trennen sich da im Kopf die zuständigen Gefühle, wo hört die Normalität auf und wo setzt der Wahnsinn ein???
 
Fotos: ein Moment für die Ewigkeit: endlich, endlich, endlich ist es soweit, Boomer, im bild links hinten, wird von der Kette genommen und ins Freie geführt – nun ist seine Tortur wirklich beendet!
Fotos: ein Moment für die Ewigkeit: endlich, endlich, endlich ist es soweit, Boomer, im Bild links hinten, wird von der Kette genommen und ins Freie geführt – nun ist seine Tortur wirklich beendet!
Jetzt kommt der Mann aus dem Haus; er öffnet die von den Elementen zerfressene Haustüre und begrüßt uns mit einem breiten Lächeln. Einem Lächeln, welchem man derartige Brutalität zu Mitgeschöpfen nicht zutrauen würde. Sein Handschlag ist ein fester, ein solcher, den man in Erinnerung behält; ist er doch Holzarbeiter, in den entsprechenden Jahreszeiten oft tagelang mit seinem Pferd in den Wäldern unterwegs, um Heizmaterial zu sammeln. Ohne jede Frage eine besonders schwere Arbeit, für Mensch und Tier. In Erinnerung behält man dann aber wohl auch den strengen Geruch, welchen sein Körper ausströmt. Die schmutzige Kleidung zerfällt an allen Stellen, die Stiefel löchrig, die Zähne schlecht, die Haare wirr. Dennoch, spricht man mit diesem Mann, so wird man den Eindruck nicht los, er wäre zu Besserem fähig. Leider aber hat er sich für einen falschen Weg entschieden, für jenen, wo der Alkohol zum ersten Freund erkoren.
Mr. Jack Daniels und Mr. Jonny Walker aber, sie sind falsche Jünger. Sie machen Dir glauben, dass sie Kameraden sind, Dich verstehen und Dich trösten können. Dein Leben erleichtern, während sie sich an Deinen Eingeweiden nähren und schließlich eine bloße Hülle zurücklassen.

Und nein, er möchte nicht, dass wir zu Boomer in den Stall gehen; er wird den Hund für uns holen, alleine! Dennoch schlüpfe ich hinter ihm her, irgendwo aus der dunklen Ecke zerrt der Mann dann den Herzallerliebsten hervor. Boomer, ein Schatten, ein Gerippe, ein Gespenst; ein lebender Toter. Aussichtslos gefangen. Ein schmerzhaftes Warten auf den Sensenbewaffneten, ein Herbei-Sehnen des letzten Atemzuges. Die schwere Eisenkette, wohl wie ein Eisklotz um den Hals bei dieser Kälte; Futternapf leer, Wasser? Der Schnee dringt doch durch die morschen Balken!
Foto: Boomers Hölle – eine finstere Ecke im Stall, voller Pferdekot, liegend auf verrottenden Maisstengeln, überall dringt der Wind und die Feuchtigkeit ein. Wie lange kann ein Wesen solche Bedingungen ertragen?
Gelassen lässt der Hund die menschlichen Hände gewähren, ohne jede Reaktion. Leere Augen starren in eine Welt, die ihn bis zum heutigen Tage nie geliebt. Sein Anblick löst tiefste Bestürzung aus, unsägliche Trauer, Wut, die man schnell bändigen soll, um sie nicht in Hass überschlagen zu lassen; so ehrlich muss man sein. Das wenige verbliebene Fell in Fetzen, überall Wunden, offene Stellen, Entzündungen. Boomer ist ein Großer, sein Kopf wirkt beinahe überdimensional am ausgezehrten Körper; aber er lässt erahnen, wird der Arme wieder zu Kräften kommen, dann ist dieser Hund eine Erscheinung, ein Felsen, ein Monument! Ein Denkmal ist er schon jetzt, eines für den Beweis ‚menschlicher Unmenschlichkeit’…
Wir holen nun die mitgebrachte Box aus dem Auto – hier geht erneut an Dank an das Tierheim Krems, nicht ‚nur‘ wegen dieser Transportkiste hier, sondern wegen der dauernden Mithilfe in verschiedensten Bereichen (an dieser Stelle möchten wir dann auch gerne das Tierheim Steyr erwähnen, sowie jenes aus Bad Reichenhall, aus Wald Kraiburg, die Hundehilfe der Frau Lydia Wembacher, den Gnadenhof der Pfotenhilfe in Lochen, und all die anderen ewig treuen MitstreiterInnen am steinernen Weg. Ihr alle macht die dunkelste Stunde zum Fest!).
Der Hundehalter zeigt uns nun auch sein Pferd; er möchte es ebenfalls verkaufen, was er dafür haben möchte, verrät er allerdings nicht… Wir sprechen über die Unmengen an Kot im Stall; der Tierhalter verteidigt die so unfassbare Tatsache damit, er hätte kein Geld, um Stroh zu kaufen, deshalb würden die Pferdeäpfel natürliche Wärme abgeben und so das arme Tier vor dem Frieren bewahren. Ja, mag sein, dass eine derartige Unterlage Wärme abgibt für Notfälle, aber zumindest obenauf muss doch eine weiche Polsterung kommen, oder nicht? Wer möchte in den eigenen Exkrementen schlafen? Und, wenn schon ‚Unterlage Kot‘, warum häuft sich der in der Ecke zu einem kleinen Berg von über einem Meter Höhe??? Soll er dort auch wärmen, oder beweist der Hügel geformt von Ausscheidungen nicht viel eher, dass man einfach nicht ausmisten mochte und die Pferdeäpfel deshalb einfach in die Ecke schaufelte?
Wenigstens nimmt er das arme Tier nun mit hinaus in den Hof, gibt ihm sogar einige Handvoll Mais. Ob wir ihm nicht Euros zuschießen würden, für den Kauf von weiteren Futtermitteln? Aber er bekommt doch Geld für Boomer, da kann er hunderte Kilos davon kaufen, erwidern wir. Nein, das ist genug an ‚Förderung‘; was wir ihm aber wieder anbieten: er kann jederzeit bei Rudi Kleidung abholen, dies haben wir ihm ja auch im Vorfeld zugesagt.
 
Foto: eine unfassbare Menge an Pferdeäpfel türmt sich hinter dem Tier auf… hält den Stall warm, meint der Halter. Eine andere Unterlage oder Wärmequelle würde er sich nicht leisten können…
Jetzt möchte er uns noch in seine Wohnräume führen; aus zwei Zimmer besteht das Haus, plus ein kleines Bad. Der erste Raum ist ohne jeglichen Gang davor direkt von der Eingangstüre zu betreten; winzig, möbliert nur mit einem alten Schrank, einem verrosteten (und wie er uns später zeigen wird, völlig leeren) Kühlschrank, einem kleinen Bett und einem nicht nur antik wirkenden, sondern ganz offensichtlich wirklich uralten gemauerten Ofen ausgestattet; nur eine schwere, verqualmte Decke trennt das Zimmer vom zweiten, dort, wo er sich aber dem Anschein nach kaum aufhält. Der dortige Schrank steht offen, ein paar Kleidungsstücke hängen darin, auch über den Türen, genau wie überall sonst verstreut. Es gibt ein größeres Bett, darüber liegt eine weitere, handgestickte Decke, solche, welche die alten Frauen auf den Märkten feilbieten.
Die Wände sind behangen mit Tierleichen, zumindest mit deren skelettierten Köpfen; dazwischen finden sich Heiligenbilder, Ikonen, rumänisch-orthodoxe Kunst. Eines fällt mir sogleich ins Auge, Jesus als Hirte, ein Lamm in den liebenden Händen, hunderte um ihn herum. Damit, selbst wenn der Maler die Szenerie wohl nur im übertragenen Sinne gemeint hat, kann ich gut leben; der Sohn Gottes, als Beschützer, Hirte, einer tierlichen Herde. Vielen Christen würden dieses Bild wohl auch lieben, Christen, die vielleicht Fleisch essen; wirft es aber nicht die Frage auf, könnten Sie sich nun auch vorstellen, dass Jesus, so wie hier dargestellt, das Lamm in seinen Händen streichelnd, daneben aber ein Messer liegen hat und das Tierkind plötzlich töten würde? Weitergedacht, einen Schlachthof als notwendigen Ort empfinden, dort in weißen Gummistiefeln durch Blut und Eingeweide waten würden, weil er denkt, Mensch sollte sich mit Fleisch ernähren? Oder genauso schlimm, zwar nicht selbst töten, aber wie selbstverständlich anderen den Auftrag dazu erteilen würde? Nie und nimmer, da ist ein Fehler im System, da hat sich ein Irrtum in die Köpfe der Kirche geschlichen, ein ganz gewaltiger. ein milliardenfach tödlicher.
20 Euro geben ich ihm dafür, damit könnte er dann rund 100 kg an Mais für sein Pferd kaufen, kommt es in den Sinn. Sofort willigt der Hausbesitzer ein.
Weil ich das Geld nicht bei mir habe, werde ich es beim ‚Boomer zum Tierarzt bringen-Fahren‘ abgeben; ganz so viel Vertrauen scheint der Gute in mich nicht zu haben, denn in diesem Falle, so meint er, würde ich das Bild dann eben erst beim Wegfahren mitnehmen können.
 
Fotos: mag sollte über Menschen nicht urteilen, solange man nicht eine Meile in der Schuhen gegangen ist, sagt ein altes indianisches Sprichwort; in diesem Falle fällt es schwer, aber dass die persönlichen Umstände die Psyche eines Menschen schwer verändern können, so viel steht fest. unten: vor dem wunderschönen Bildnis Jesus‘; rechts: das arme Pferd – es tut in der Seele weh, es dort zu wissen. Trost findet man im Gedanken, dass der Schöne die einzige Möglichkeit des Mannes zum Broterwerb darstellt, alleine deshalb zumindest gefüttert und getränkt wird. Welche Möglichkeiten gäbe es, das arme Tier von dort wegzuholen? Und wenn, was wäre die Folge? Der Mann, weil er das Pferd zur für ihn einzig möglichen Arbeit braucht, würde es zar – selbstredend überteuert – abgeben, hätte dafür aber in kürzester Zeit ein anderes, unter genau den selben Verhältnissen…
Jetzt hilft er uns Boomer in seiner Box zum Auto zu tragen; geradezu stoisch erträgt der sein Schicksal. Kein Murren, kein Klagen, er lässt einfach geschehen – schlimmer als zuvor wird es, egal was passiert, wohl nicht werden können, scheint der Hund zu denken!
Vorsichtig platzieren wir ihn im Laderaum, schließen die Klappe und verabschieden uns. Was mir besonders auffällt: sein Halter, nun alsbald nur mehr ein böser Traum in einer hoffentlich schnell verbleichenden Erinnerung, zeigt keinerlei Reaktion, kein Wort des Abschiedes, kein Wimpernzucken; ganz so, als ob er einen Festmeter Holz aus dem Wald weitergegeben hätte. Nach 6 oder 7 Jahren ‚Partnerschaft‘, solange hat er über Boomers Schicksal bestimmt. Kein Schulterklopfen, kein Kopfkraulen, kein ‚Goodbye‘. Keine Emotion, welche irgendeinen Grad einer Bindung verrät.
Ja, dann doch, und der Vergleich mit dem Holzstapel beweist sich als ein guter; ein letztes Lächeln umspielt seine Lippen, ein überlegenes, ein solches, welches uns sagen möchte: da hab ich euch aber übers Ohr gehauen, das Geschäft meines Lebens gemacht! Oh wie treffend, es ist derselbe Grinser, den er wohl aufsetzen wird, wenn er sein Brennholz an den Mann/an die Frau bringt; ein Austausch von Dingen, Geld gegen Holz, hier Geld gegen Hund. Ein Wechsel von bloßen Sachgütgern, und nichts mehr war Boomer für ihn wohl je gewesen, ein Ding, mit keinerlei Anrecht auf ein Mehr an Gefühlen, welche man einer Sache halt eben zugestehen sollte.
100 Euro hat er letztendlich für Boomer gekriegt, 100 Euro für ein Leben, welches unbezahlbar sein müsste, sein muss.  
    
Zurück im kleinen Caritas-Haus, unser Gepäck abholen, 20 Euro für das Bild in die Hosentasche stecken, ein Kuss auf die Wangen von Rudi und Marius, dann lenken wir den Sprinter schon wieder durch die Schneemassen in Richtung der geräumten Hauptstraße. Noch ein schneller Stopp, rausgehüpft aus der Karosse, die so Liebgewonnen umarmt, nur um nun mit einem noch höheren Druck das Gaspedal zu betätigen – jetzt haben wir Boomer an Bord, und der muss schnellstmöglich zum Tierarzt!
Es fällt mir nun schwer das Bild zu holen; eigentlich möchte ich den Mann nicht mehr sehen, halte aber trotzdem den Van an. Er übergibt mir den Hirten Jesus, gleichzeitig versucht er auch noch eine Münze zu verscherbeln, und dann einen riesengroßen ‚Diamanten’… Christine wartet währenddessen im Wagen, und sie ist genauso froh, Boomers Hölle einfürallemal zu verlassen wie ich es bin, und erst recht wohl der so besondere Fahrgast im hinteren Beriech des Sprinters!
Was uns sehr am Herzen liegt noch zu erwähnen: Freikaufen von Tieren, das ist immer eine ganz eigene Sache. Man mag dazu stehen wie man möchte, Fakt ist, manchmal gibt es dazu keine Alternativen. In solchem Falle muss man den Effekt genau abwägen, sich bestmöglich vergewissern, dass mit der Geldübergabe eine Misere beendet ist und keine weitere mehr beginnt – auch wenn man so etwas im Vornherein natürlich nie mit Sicherheit sagen kann.
Fakt ist aber auch, es ist wesentlich einfach von zu Hause aus solche Dinge zu beurteilen, als vor Ort, im Angesicht des so Furchtbaren; ein Beispiel: wir waren, bevor wir zu den Pferdemärkten fuhren, strikte GegnerInnen des Freikaufens. Man kenn die üblichen Argumente: sobald Geld im Spiel ist wird man selbst zum Teil des Marktes, etc.! Ja, all das stimmt, zu 100 %. Dennoch, es ist ein riesen Unterschied, dann selbst am Platz des Geschehens zu sein, aus unmittelbarer Nähe zu sehen, dass ein Pferd auf den Schlachttransport geladen wird. Zu wissen, gibt man jetzt Geld, dann kann dem Tier dieses unerträgliche Schicksal erspart werden. Dem der Hölle des Schlachthofes hoffnungslos Ausgelieferten direkt gegenüberzustehen. Die Angst wird personalisiert, verkörpert, vereint in einem einzigen Individuum. Wird ein/e TodeskandidatIn freigekauft, die Freude die man empfindet mit dem/der Geretteten – in der letzten Sekunde buchstäblich von der Klinge gesprungen – es sind unfassbare Emotionen, unfassbare Glücksgefühle. Kurz: hat man die Möglichkeit jemanden das Leben zu retten, indem man ihn oder sie freikauft, und es dann aber aus besagten Überlegungen (Teil des Marktes, etc.) doch nicht tut, darf man entweder kein allzu großes Herz haben oder, wenn doch, dann muss man einen persönlichen Weg finden, um mit der beschlossenen Entscheidung umgehen zu können; tut man dies nicht, wird man alsbald unweigerlich an sich selbst zerbrechen.
Manchmal, ja manchmal, da sollte, da kann man erst dann urteilen, wenn man selbst in diesen Situationen gewesen ist.  
Foto: Boomers Weg in die Freiheit – die Steine, welche da von Herzen fielen, hörte man wohl bis in die ferne Heimat rumpeln…,
Das Wetter meint es gut mit uns; die tiefverschneiten Wälder scheinen geradezu märchenhaft, eine Wunderwelt in Weiß. Dennoch, die schweren Schäden durch die Massen an Schnee sind unübersehbar, gut ein Drittel der Bäume geknickt, ganze Reihen der pflanzlichen Riesen gefallen wie in einem Krieg; und ein Krieg ist es ja auch, welchen WIR gegen die Natur angezettelt haben; siehe da, dies sind mit die unausweichlichen Folgen einer sich anbahnenden Klimakatastrophe…
 
An einer Tankstelle legen wir einen kurzen Zwischenstopp ein; wir öffnen Boomers Box, füttern ihn, geben ihm zu Trinken. Unsere Befürchtungen, die langen Jahre an der Kette hätten ihn vielleicht aggressiv oder unberechenbar gemacht, bewahrheiten sich nicht, ganz im Gegenteil. Obwohl er bis zum Unerträglichen ausgehungert ist, nimmt er die angebotene Nahrung sogar von der Hand, nicht sanft zwar, aber dennoch ohne jeden Anflug von Angriffslust. Aber welch ein Elend er doch repräsentiert; wir können nicht aufhören seinen malträtierten Körper zu betrachten, sooo furchtbar.
 
Foto: schwere Schäden in den Wäldern; überall liegen umgestürzte Bäume
Ein schneller Anruf, und Alina, die Herzensgute, die ‚nur für die Tiere-Schuftende‘, 24 Stunden am Tag für das Mitgeschöpf Erreichbare, wartet schon bei der Klinik! Wir fallen uns in die Arme, und im nächsten Moment tragen wir Boomer in seiner Box ins Innere der so wunderbaren Klinik. Wie viele Straßentiere wurden hier schon behandelt? Tausende? Zehntausende? Ja, der selbe Ort war dann auch die ‚Kommandozentrale‘ beim großen Kastrationsprojekt bei Frau Oprea, ein Einsatz, der uns allen in allerbester Erinnerung blieb. Fast ein Wunder! Unvergleichbar! Grenzgenial, das sind die Attribute, welche wir gemeinsam in Erinnerung schwelgend für die damaligen Bemühungen finden!
Eigentlich wollten wir Boomer gleich vor Ort auch noch kämmen und scheren; leider aber findet sich die entsprechende Maschine nicht, wahrscheinlich ist sie bei Dr. Kiss geblieben, die ihrerseits gerade irgendwo im Landesinneren zu tun hat und erst morgen wieder erreichbar sein wird.
Alina meint nun, nicht unrichtig, wahrscheinlich ist es ohnehin besser, den armen Hund erstmal zur Ruhe kommen zu lassen. So überfordert mit den neuen Gegebenheiten, so viele Dinge, die er nie gesehen, nie gerochen. Noch dazu gibt es mehrere weitere PatientInnen, wie immer, in den Räumlichkeiten; so begnügen wir uns, ihn für den Moment in einer großen Box zur Ruhe kommen zu lassen, nicht nachdem er aber nochmals zu Essen und vor allem zu Trinken bekommen hat. Keineswegs zu viel von all dem – sein Verdauungssystem könnte ob der so ungewohnten Fülle mit verschiedensten Problemen reagieren – aber genug, um ihn wissen zu lassen, nun wirst Du für den Rest Deines Lebens umsorgt!!!
Schnell laden wir noch das mitgebrachte Futter in die Klinik, eine Tasse Kaffee folgt, ein dicker Kuss auf die Wange, ein letzter Streichler über Boomers Kopf, und das soeben Erlebte ist auch schon wieder ein Teil der Geschichte!
Alina, wir werden Dich alsbald wiedersehen, dann, wenn Boomer ausreisen darf, endgültig mit uns nach Österreich oder Deutschland kommen wird!!!
Fotos: erst jetzt, nachdem der Druck ein bisschen abfällt, wir Boomer in Sicherheit wissen, erkennt man die Tragödie in ihrem gesamten Ausmaß; glauben Sie uns, kein Foto kann die Wirklichkeit tatsächlich wiederspiegeln, kann die Tragweite des Verbrechens an der Tierseele wirklich zu erkennen geben. Auge in Auge ist alles noch viel schlimmer, als es ein Bild je wiedergeben wird können.
Fotos, letzte Reihe: welch ein Unterschied, links Boomer, rechts Struppi bei Frau Doina!
Noch aber ist der Aufgabenbereich des Tages nicht abgehackt; ‚unsere‘ Frau Doina, die Institution der Nächstenliebe, hat uns wieder einmal zu sich gebeten – eine heiße Karottensuppe erwartet uns! Dem Angebot können wir natürlich nicht wiederstehen, dazu müssen wir auch kurz ins Internetz, um die gute Nachricht von Boomers Befreiung all den darauf händeringend Wartenden mitzuteilen, so viele Mitleidende nicht länger auf die Folter zu spannen: Boomer is free, lautet die so wunderbare Botschaft!!! Und zu guter Letzt gilt es bei Frau Doina auch unsere tierlichen FreundInnen im hauseigenen Paradies zu besuchen!
Wie schön die Wiedersehensfreude, wie herzlich die Umarmung, wie gut das Essen, wie nett das Kuscheln mit Struppi, der ehemaligen Streunerhündin aus dem Kastrationsprojekt…

Aber es hilft alles nichts, die Uhr zeigt nun bereits halb fünf nachmittags – und nicht zu vergessen, Christine als Lehrerin, sie muss morgen früh pünktlich zur Schule!
So drücken wir die herzensgute Doina, ein letztes Kopftätscheln bei Struppi und Maya, der Dackeldame, und die beginnende Nacht hat uns auch schon wieder verschluckt – es geht Richtung heimwärts!
An der Grenze lassen wir es uns nicht nehmen, noch ein fast traditionelles Ausrufezeichen zu setzen – ein kurzer Protest mit Schafmaske und dem Transparent ‚Happy New Year! Until every cage is empty! Animal Rights – NOW!!!‘ muss noch her, sonst würden wir wahrscheinlich später, viel später, nicht gut schlafen! 🙂
Foto: ganz viel Hundenahrung konnten wir zu Alina und Dr. Kiss mitbringen; was diese Frauen täglich leisten, ertragen müssen, es ist unfassbar… Reihe 2: auch das gibt es in Rumänien: Katzen an Leinen zum Gassiführen an der Raststätte! Reihe 3: tiefer Winter, verschneite Straßen, frierende Hunde – derzeit ein weit verbreitetes Bild in Rumänien! Reihe 4: Kundgebung vor den Grenzbalken!
Ab Ungarn beginnt es wieder zu schneien, die Fahrverhältnisse sind nun teilweise wieder dramatisch; auf Höhe Budapest ändert sich die Witterung, das Wetter beruhigt sich nach und nach. Als die roten Augen der riesigen Windräder die pannonische Tiefebene einläuten, zeigt sich die Nacht bereits klar und wolkenlos, die Straßen sind ab nun völlig frei und noch dazu ziemlich ‚autoleer‘. Nicht nur der Wettergott meinte es ab jetzt gut mit uns, auch der zuständig für den Verkehr, denn die befürchteten Rückreise-Staus nach den Weihnachtsfeiertagen dürfte allesamt wohl schon gestern stattgefunden haben!
So erreichen wir gegen 1 Uhr morgens, Christine gegen 2 Uhr unsere zu Hause; die Arme, denke ich mir, aber andererseits weiß ich auch: gilt es Tieren zu helfen, kein Opfer dafür ist ihr zu groß! Wird es ihr nie sein. Und nichts, aber auch gar nichts, würde sie je davon abhalten können, Tieren in derartigen Notsituationen beizustehen. Und so werden wir heute beiden gut schlafen, im Wissen, Boomer ist gerettet, denn das ist alles was zählt. Im Moment zumindest, bis zur nächsten Aufgabe – und die wird nicht lange auf sich warten lassen, das ist so sicher wie das Amen im Gebet!
 
Fotos: auch auf der Heimfahrt begleiteten uns die teilweise sehr schlechten Fahrverhältnisse; andererseits aber, wir hatten noch wesentlich Schlimmeres erwartet, weshalb wir uns gut mit Regen und Schnee arrangieren konnten! 🙂
Wir bedanken uns nochmals von ganzem, ganzem Herzen für die unfassbar gütige Mithilfe zur Befreiung Boomers, für das Mitleiden, für das Mitfühlen, für die mannigfaltige Mithilfe – einfach nur großartig. Die Mission ‚Free Boomer‘ hat einmal mehr gezeigt, was alles möglich, wenn so viele Menschen zusammenhalten. Sie hat gezeigt, dass die Hoffnung, wie trist eine Situation zu Beginn auch immer aussehen mag,  immer noch lange nicht endgültig gestorben ist, ganz im Gegenteil: der Einsatz war ein so großartiger, ein so emotionaler, dass ich nicht zögere, jetzt, in Gemütsbewegungen gefangen, auszurufen: was passiert ist, lässt Raum für Zukunftsglauben, lässt den Gedanken keimen, dass wir das Ruder doch noch herumreißen können, dass das letzte Wort zum Schicksal dieses Planeten noch nicht gesprochen ist; solange das Feuer in so vielen von uns brennt, solange wird der Herzschlag der Menschlichkeit weiterpochen, und genau solange gibt es berechtigte Zuversicht, dass der Ausdruck ‚Animal Rights‘ keine leere Worthülse bleiben wird!
BOOMER IS FREE, es ist das Wunderbare, was wir verkünden können!!! Die Wegholung von Boomer, so winzig die Aktion im Vergleich zum großen Ganzen auch sein mag, sie wird auf alle Zeiten mit zum Schönsten zählen, was man in einem Tierschutz-Dasein erleben darf. Ja, es möge jemand einwenden, die Befreiung eines Hundes – wenn zehntausende, hunderttausende das selbe Schicksal durchmachen – könne bestenfalls als ‚symbolisch‘ gesehen werden; und ja, diese/r ‚jemand‘ möge damit recht haben: aber andererseits, glauben Sie, was – wir haben den Gedanken bereits zu Beginn gesponnen – was würde Boomer dazu sagen? Symbolik hin oder her, letztendlich zählen nur die Tatsachen. Und Tatsache ist, Boomer, der nie eine Chance hatte, der an jenem Ort elendiglich umgekommen wäre, ohne jede Hoffnung, ohne jede Träne, unbeweint, unbeachtet, er hat seit gestern eine echte Zukunft vor sich! Möge er gesund werden können, möge er ein wunderbarstes zu Hause finden, möge er noch möglichst viele Jahre vor sich haben; und selbst wenn sich herausstellen sollte, seine Erkrankungen sind noch viel schlimmer als befürchtet, so hat er jetzt wenigstens für Momente erleben dürfen, wie es ist, wenn man sich mit vollem Magen zur Nachtruhe begibt, wenn man umsorgt wird und umhegt. Wie es ist, wenn andere, wie wir aus vielen Briefen wissen, für einen Gebete zum Himmel senden, bittere Tränen vergießen, zuerst aus Kummer, dann aber solche aus purer Freude. Denn Emotionen, egal ob man nun esoterischen Gedanken anhängt oder nicht, verlieren sich nie im Raum; sie breiten sich aus und entfachen Feuer; sie pflanzen sich fort und nisten sich ein. Sie berühren, sie haben die Kraft zum Heilen, sie verschließen Wunden der Seele, sie küssen das Schicksal. Danke, danke, danke, Ihr Lieben, tief gerührt und mit Tränen in den Augen möchten wir das Kapitel ‚Free Boomer‘ vorerst abschließen. Vorerst, denn – Insahlla, so Gott will – wird seinem Dasein alsbald ein weiteres zugefügt werden, dann, wenn wir ihn holen; aber bis dahin freuen wir uns einfach, überwältigt, dankbar. Dickes Bussi!!!!
 
Hab` ich nur einem brechend Herzen Halt gegeben,
so ist es nicht umsonst, mein Leben.
Kann ich nur eines Lebens Qualen lindern,
nur eines Lebens Schmerzen mindern,
ein hilflos Rotkehlchen zurück ins Nest nur heben –
so ist es nicht umsonst mein Leben.
(Aus dem Englischen – Emily Dickinson, 1830 – 1886)

 
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