Kälber in der Milchwirtschaft

Das stumme Leid der Kälber auf Milchbetrieben und auf Tiertransporten rückt endlich verstärkt in die Aufmerksamkeit der Gesellschaft. Deren oft so herzzerreißendes Dasein gepaart mit dem Hintergrund wissenschaftlicher Erkenntnisse hinsichtlich ihrer Kognitions- und Empfindungsfähigkeit berührt die Menschen im Innersten. Kälber, die ihre meist viel zu kurze Existenz dann noch dazu einsam und alleine in sogenannten Kälberiglus ohne Sicht und Berührungskontakt fristen, sind Grund für Empörung und Anzeigen. Zusehends hinterfragen nicht nur die TierschützerInnen, warum zum einen die Trennung des Kalbes von der Mutterkuh noch in den ersten Lebensstunden praktiziert und warum zum anderen nicht entwöhnte Kälbern quer durch Europa transportiert werden müssen. Am Betrieb sind eine hohe Sterblichkeit und Verhaltensprobleme Zeichen eines vom Menschen geschaffenen krankhaften Systems der Milchwirtschaft, welches, längst überfällig, nun langsam aber sicher tatsächlich gründlich hinterfragt wird!

Kaelberwahnsinn

Kälber – sie sind das ungewollte ‚Bei-Produkt‘ der Milchwirtschaft! Viel zu viele Menschen vergessen es, oder möchten davon lieber gar nichts hören; aber Fakt ist: das unschuldige Weiß wird im Falle der Milch ganz schnell blutig rot!

Kalb am Strick

Foto: das Anbinden von Kälbern ist in Österreich grundsätzlich verboten – was aber ganz viele LandwirtInnen nicht daran hindert; hat doch schon der Großvater so gemacht, und der Vater auch….

Kälber in der Milchwirtschaft - unfassbares Tierleid!

Wege der Aufzucht
Von Natur aus zieht sich eine Kuh nach der Geburt mit ihrem Kalb zurück, solange, bis das Kalb kräftig genug ist, um auf die Weide geführt zu werden. Anders im Milchbetrieb: dort sind für Kälber gänzlich andere Wege vorgegeben.
Bei der unmittelbaren Trennung nach der Geburt werden manche weibliche Kälber zwar als künftige ‚Milchkühe‘ ‚behalten‘, die allermeisten – sowie sämtliche männliche – aber zur Aufzucht für die Kalbfleisch’produktion‘ oder überhaupt in die Mast bestimmt.
Bei der im Vergleich höchst seltenen Mutter- oder Ammengebundenen Aufzucht wird die Separation von der Mutter zwar um einige Wochen hinausgezögert, aber das Kalb später den gleichen Produktionsbedingungen wie bei der unmittelbaren Trennung ausgesetzt (bei der Mutterkuhhaltung bleiben die Kälber bis zum natürlichen Absetzen bei der Mutter). Solche Kälber oder Jungrinder landen dann in der Fleisch’produktion‘.

Fakt ist: in der Lila-Sonnenschein-Werbung selbstredend ausgeklammert, ist es im höchsten Maße unmenschlich, ja sogar unerträglich, dass nahezu alle Kälber in ihren ersten Lebenstagen und -wochen von der Mutter getrennt, vom Menschen mit künstlichen Milchersatzprodukten aufgezogen und dann auch noch oft durch ganz Europa gekarrt werden.

Übrigens, wussten Sie, dass Kälber – wenn nicht vorher schon ‚entsorgt‘ – weil ‚unnütze Esser‘, so wie es manchen LandwirtInnen unverblümt zugeben – bereits im Alter von ca. 16 Wochen (Schnellmastverfahren) bzw. 20-26 Wochen (‚verlängerte‘ – !!! – Kälbermast) dem Grauen des Schlachthofes ausgeliefert werden? Was nichts anderes heißt, als dass der Lebenszeitraum, der ihnen zugedacht ist, ganze 2 % ihrer natürlichen Lebenserwartung beträgt…

Kalb im schmutzigen Stall an der Kette

Foto: entsetzliche hygienische Zustände – leider ganz und gar keine Einzelfälle…

Fütterung und fehlender Mutter-Kind Kontakt
Da Kälber ohne Immunglobuline geboren werden, sind sie auf die Aufnahme des Kolostrums angewiesen (Kolostrum = bei Säugetieren die erste Substanz, die nach einer Schwangerschaft von den Milchdrüsen produziert und über die Brustwarzen ausgeschieden wird. Bei Kühen wird das meist dickflüssige und gelbliche Kolostrum auch als Biestmilch, Biest (m.)[1] oder Beestmilch, in der Schweiz auch als Brieschmilch bezeichnet. Es enthält wie die spätere ‚echte‘ Milch Proteine, Enzyme, Vitamine, Mineralien, Wachstumsfaktoren, Aminosäuren, aber auch von der Mutter gebildete Antikörper, jedoch teilweise in höheren Anteilen. Damit wird das Tierkind gestärkt und seine Immunabwehr unterstützt. Der Fettanteil in Kolostrum ist geringer als der in Milch; Quelle: Wikipedia). Nur mithilfe jener Substanz können sie eine ausreichende passive Immunität aufzubauen. Ein Kalb sollte deswegen so früh und so viel wie möglich mit Erstkolostrum versorgt werden. Bei konventionellen Fütterungsstrategien sind Kälber jedoch nicht in der Lage, ihr physiologisches Tränkeverhalten auszuleben und können daher ihr Wachstumspotential nicht ausschöpfen (siehe http://www.ign-nutztierhaltung.ch/sites/default/files/PDF/IGN_FOKUS19_Broschuere_Kaelberaufzucht_web.pdf). Die sich erhöhende Festfutteraufnahme kann Verhaltensanomalien wie dem Leersaugen oder dem Besaugen nicht entgegenwirken. Nur eine natürliche Aufzucht ist dazu angetan, die Entwicklung und das Absetzen des Kalbes in Wohlbefinden zu sichern! So ist es auch nicht verwunderlich, dass Kälber aus Kuhgebundener Haltung bessere Gewichtszunahmen zeigen als am Automaten oder mit dem Eimer getränkte Tierbabys. Klinische Untersuchungen zeigen weiters einen insgesamt verbesserten Gesundheitszustand bei langfristigem Kuh-Kalb-Kontakt. Wenig überraschend, Kälber ohne Mutterkuhkontkakt sind dann beispielsweise im Winter am öftersten von Atemwegsproblemen betroffen.

Kaelber in der Milchwirtschaft

Foto: welche unfassbare, lebensverachtende Ironie! ‚Mutterersatz‘ – ein Blechkübel mit einem Saugnippel…

Unter natürlichen Bedingungen saugen Kälber bis zu zwölfmal täglich in kleineren Mahlzeiten an ihrer Mutter. In den meisten Betrieben erfolgt die Tränkung aber nur zwei Mal täglich mittels Eimer. Der leicht gängige Nuckel führt dazu, dass der starke Saugtrieb der Kälber länger bestehen bleibt, als die Milchmahlzeit andauert. Da die Milchmenge relativ schnell getrunken wird, setzt das Sättigungsgefühl verspätet ein und der Saugtrieb wird an anderen Kälbern oder Umgebungsstrukturen „abgearbeitet“. Verstärkt wird das Problem durch energetische Unterversorgung, Beschäftigungs- und Strukturmangel und der sozialen Isolation. Echte Abhilfe für die zu Grunde liegende Motivation bietet daher alleine das Saugen beim Mutter- oder wenigstens beim Ammentier.

Oder aber auch, im übertragenen Sinne aus menschlicher Sicht, der ‚Verzicht‘ auf Kuhmilch und der Umstieg auf pflanzliche Alternativprodukte. Welche es, es sei gesagt, heutzutage in unfassbar vielen wohlschmeckensten Variationen in jedem Supermarkt zu kaufen gibt. Noch dazu ganz TIERLEIDFREI!

einsames Kalb

Foto: es ist diese bleierne Einsamkeit, die sie zur absoluten Tristesse verdammt!

Tierschutzprobleme auf Betrieben
Neben dem fehlenden Kontakt zur Mutter und der Kolostrumversorgung sind beispielsweise das Stallklima und Fehler in der Haltung (Entmistung, Reinigung und Desinfektion) ein weiterer relevanter Risikofaktor für Kälberkrankheiten. Anbindung, Einzelhaltung/soziale Isolation, Beschäftigungsmangel, altersinadäquate Fütterung, fehlender Wasserzugang, unzulängliche Liegeflächen, schmerzhafte Eingriffe (Enthornung, Nasenringe, Klemmen, Fixation) gehören zu den Tierschutzproblemen auf Betrieben (siehe Marlene-Kirchner_Kälber Tierwohlergehen_2019.pdf, https://www.researchgate.net/publication/334604858_Tierschutz_und_Tierwohlergehen_bei_Kalbern_auf_Milchviehbetrieben_Teil_1_Tierschutz_Klauentierpraxis_-_Zeitschrift_der_osterreichischen_Buiatrischen_Gesellschaft_27_2019_49-53). Aus derartigen Verbrechen an der Tierseele können – werden – ganz schnell Verhaltensänderungen, Verhaltensstörungen  und Entwicklungsverzögerungen entstehen.

Kalb an der Kette
Kalb in Ketten
Kalb in kleiner Box

Fotos: sie ist scheinbar einfach nicht auszumerzen – die eigentlich verbotene Anbindehaltung von Kälbern! Aber auch in den unsäglichen Kälberboxen (siehe Foto oben rechts) gibt es keine Möglichkeit, kindliche Bewegungsfreude auch nur ansatzweise auszuleben…

Kalb alleine an der Kette

Fakt ist: viele, wenn nicht sogar die allermeisten Kälber leben in einer vom Menschen geschaffenen Hölle!

Unzulängliche Unterbringung
Wenn ein Kalb bis auf die Hinterhand verschmutzt, am Bauch nass bzw. der Boden durch das Substrat sichtbar ist, sind die gesetzlichen Mindestanforderungen an eine Liegefläche nicht erfüllt. Diese Kälber sind prädestiniert dazu, durch die Zugluft und die Kälte in Bodennähe verstärkt zu Lungenproblemen zu neigen. Mit der Nässe und der Verkotung steigt auch der Infektionsdruck von Durchfallerregern. Liegen Kälber schon sehr früh auf Matten oder sogar Spaltenböden, sind Vorschädigungen und Schäden an den Klauen und den Gelenken die Folge. Verhaltensweisen wie laufen und springen können wegen der Glätte der Böden nicht stattfinden. Man kann sich nur allzu leicht vorstellen, dass ein Kalb in einer Box weder dazu fähig ist, sein Bewegungsbedürfnis, sein natürliches Erkundungsverhalten oder die kindliche Neugierde zu stillen, und dass das Zusammenspiel dieser Faktoren letztendlich sogar Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung hat.

Kaelberiglus

Foto: Kälberaufzucht im Iglu – hier wenigstens mit Sichtkontakt zu den anderen  und mit Stroheinlage…

Stressfaktor soziale Isolation
Rinder sind sehr soziale Tiere und brauchen den Herdenverband für ihr psychisches Wohlbefinden. Die Isolation stellt einen enormen Stressfaktor dar. Durch Absonderung entwickeln sich fast selbstredend abnormale Verhaltensweisen! Jungtiere brauchen ältere Tiere um sozial zu lernen. Kälber, die mit ihren Müttern oder älteren Rindern gemeinsam gehalten werden, fangen neben der Milchaufnahme durch Imitation sehr früh mit der Annahme von Heu und Wasser an. Kälber die andere, nicht adäquate Verhaltensweisen wie Zungenschlagen, Harntrinken, Fellessen, Boxenwände benagen, Stangen beißen uä. ausführen, aber auch Kälber die in einem eigentlich erkundungsfrohen Alter apathisch und motionslos sind, weisen auf ein stark herabgesetztes Tierwohlergehen hin.

Kalb im Stall

Foto oben: unter den Älteren, und dennoch ganz alleine – ein Leben auf einem Quadratmeter Betonboden! unten: selbst der Bio-Bauernhof bietet oft keinen Schutz vor der Isolation…

Bio Kalb in Box
Einsames Kalb 2
Kalb hinter Gittern
Kalb an Ketten im Stall

Foto oben: selbst neben der Gruppe kann man mutterseelenalleine sein… unten: unfassbarer Anblick: beim ‚Bauern von nebenan‘, eingesperrt in einen Gitterkäfig… (aufgenommen vor einigen Jahren in einem Hof an der SBG/OÖ-Grenze!

Kalb im gitterkaefig

Kälber in der Milchwirtschaft - ist das 'Iglu' adäquat?

Kälber im Winter
Von landwirtschaftlichen Beratern wird gerne behauptet, dass die Kälte den Tierbabys nichts anhabe. Doch um gesund zu bleiben, brauchen Kälber eine trockene, saubere Umgebung, Wärme und eine erhöhte Kalorienzufuhr. Selbst mit wenig Fantasie gesegnet kann man sich leicht vorstellen, dass ein Kalb ohne Bewegungsspielraum und den Kontakt zu Artgenossen viel schneller auskühlt. Passiert dies, so werden Krankheiten und schlechte Gewichtszunahmen schnell zum riesen Problem. Kälber, die in Iglus gehalten werden, benötigen Kälberdecken und üppige Stroheinstreu (rund 30 Kilogramm Stroh pro Iglu). Doch auch Kälber in Gebäuden haben es dort nicht automatisch wärmer und sollten je nach Umgebungstemperatur ebenfalls eingedeckt werden (siehe https://www.wir-sind-tierarzt.de/2014/12/tipps-kaelberhaltung-im-winter/). Sobald Kälber Kraftfutter zu sich nehmen, brauchen sie zusätzlich zur normale Tränke auch Wasser – Flüssiges wird im Winter besser angenommen, wenn es erwärmt ist.

Kalb mit ausbrannten Hoerner

Fotos: schon im Babyalter sind die Hornansätze ausgebrannt… unten: die Kälber müssen der bitteren Kälte trotzen!

Kaelber bei eisiger Kaelge draussen
Kaaelber im Schnee Iglu
Kalb im Winter im Iglu

Artgerechte Haltung
Laut Dr. Marlene Kirchner ist es unter folgenden Voraussetzungen möglich, Rinder artgerecht zu halten: „Wenn man beispielsweise weiß, dass Rinder sehr soziale Tiere sind, dass sie in Herden leben – die männlichen Jungtiere mehr unter sich in eigenen Junggesellengruppen -, dass die Kälber nicht am ersten Tag von der Kuh wegkommen, dass sie zwar am ersten Tag etwas abseits von der Herde gesäugt werden, dann aber bald auch mit der Herde mitgehen und –essen, dann kann es durchaus funktionieren! Ich kenne Betriebe, in denen bereits Rinderhaltungen mit einer Art Ammenaufzucht betrieben wird. Dort werden die Kälber noch natürlich gesäugt – auch in der Milchwirtschaft! Ich habe Betriebe gesehen, die vorbildliche Kompromisse zum Wohl der Tiere eingehen“, bekräftigt die Tierwohlexpertin.

Wie immer geht es darum, nicht die Tiere der Haltungsumwelt anzupassen, sondern den umgekehrten Weg zu beschreiten. Muttergebundene oder Ammen-Aufzucht von Kälbern hat den Vorteil einer geringeren Arbeitsbelastung für den Landwirt, weniger Lungenentzündungen und Durchfallerkrankungen bei Kälbern, sowie weniger Mastitiden (Entzündungen des Euters)  bei Kühen.

Kaelber werden verladen

Foto: Kälber am letzten Weg – oft auch in Drittstaaten, wo sie ein fürchterliches Dasein und ein noch fürchterlicher Tod erwartet!

Kalb beim Aufladen
Kaelber beim Auftrieb in den Transporter
Kaelber im Transporter
Kalb im Transporter
Kaelbertransport

Kälber brauchen jeden Tag Beschäftigung! Dies erreicht man durch einen strukturierten Auslauf/ Weide, wo dann rundherum immer etwas passiert. Zusätzlich können Blindnuckel, Heu/raufen/netze und Kratzbürsten angebracht werden. Als Beschäftigungsmaterial können zum Beispiel auch alte Christbäume oder Obstschnitt dienen. Positives Handling von Kälbern (z.B. Streicheln) schon ab 10 min pro Tag bringt nachweisliche Vorteile für das Verhalten und reduziert Stress bei Kälbern. Die Boxengröße sollte so gewählt sein, dass Laufen und Springen möglich ist.

Kälber in der Milchwirtschaft - Fazit: Go Vegan!

Last but not least: Bitte überdenken Sie Ihren Milchkonsum! Die Milch ist leider nicht das ‚unschuldige Über-Lebensmittel‘, als welches sie gerne von den Molkereien hingestellt wird. Genau das Gegenteil ist der Fall: erkennt man erst die ‚Nebeneffekte‘ der Milchwirtschaft, wird schnell klar – Milch trinken verursacht extremes Leid, und zwar an verschiedensten Fronten. Die Wahrheit ist deshalb – auch wenn viele das nicht gerne hören – Milch trinken tötet! Die Milch müsste tatsächlich blutig rot sein…

Quellenhinweise: https://www.schwarz-auf-weiss.blog/person/marlene-kirchner/
Kirchner, M. (2015). Die Verbesserung von Tiergesundheit und Wohlergehen der Tiere in Maststierbetrieben: Einsatzmöglichkeit des Welfare Quality® Protokolls. Klauentierpraxis, 23, 101-10
Marlene-Kirchner_Kälber%20Tierwohlergehen_2019.pdf
http://www.ign-nutztierhaltung.ch/sites/default/files/PDF/IGN_FOKUS19_Broschuere_Kaelberaufzucht_web.pdf

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