Ein paar Stunden erholsamen Schlaf tun Geist und Körper unendlich gut, aber viel zu zeitig klingelt der Wecker schon wieder. Gut 2,5 Stunden Fahrt erwarten uns, bloß 120 Kilometer, aber zur Gänze auf serbischen Landstraßen. Und erneut führt der Weg durch den Verfall, wo Dörfer vor uns auftauchen, in denen ganze Straßenzüge unbewohnt sind. Einstürzende Dächer, gebrochenes Mauerwerk, zerborstene Fenster. Immer wieder bleiben wir stehen, um das Phänomen aus nächster Nähe zu erkunden. Obwohl die Elemente längst zum beherrschenden Faktor geworden sind, ist beispielweise der Tisch hinter den offengelegten Wänden noch nahezu gedeckt. Wie wenn da jemand im Verborgenen warten würde auf eine neue, bessere Epoche. Und den Augenblick, der nie mehr wiederkommt, nicht versäumen möchte…
Die Schweinefarmen werden immer riesiger, die Weizen- und Maisfelder ausgedehnter. Siedlungen sind selten, und wenn, dann ganz anders als bei uns. Konzentriert, zusammengelegt, eine Insel im Meer von Agrarwirtschaft ringsum. Kaum Zersiedelung. Gott, ist das schön!


Aber leider, wie gesagt, die beste Zeit haben all diese Dörfer längst hinter sich. Und auch die zweit- oder drittbeste. Offensichtlich. Auf Bänken im Freien vor den Häuserfronten sitzen die Alten, wortkarg, beobachtend. Nachdenklich wirkend. Ob sie den leisen Abschied wehmütig betrachten? Eher gleichgültig, Lauf der Dinge.
Es ist beinahe 12, als wir das heutige Tagesziel erreichen. Auch darüber soll an dieser Stelle noch nicht so viel berichtet, sondern im Extra-Newsletter alsbald genauer darauf eingegangen werden. Jedenfalls – der Ort, ein Zoo, ist kein unbekannter – tatsächlich hatten wir vor vielen Jahren – nahezu 20 wohl – einst einen Bärengehege-Bau mit-finanziert. Aufmerksam gemacht wurden wir damals wie heute von der unfassbaren Frau Brukner, jene „beste Tierschützerin der Welt“ aus der Schweiz. Sie, seit Dekaden in Serbien verwurzelt und die Gründerin, Gestalterin, Erbauerin eines Traumes – dem Traum des Paradieses. Dem sie inzwischen ganz nahegekommen ist! Tausenden und abertausende Hunde hat ihre Organisation in den letzten Dekaden kastriert, ich werde morgen die genaue Anzahl nachfragen, unzählige in den Westen vermittelt, noch viel mehr direkt von der Straße bei sich aufgenommen. Dem nicht genug, Frau Brukner hat Land zugekauft, wann immer es möglich war, und dieses dann re-naturiert. Wer je die Gelegenheit haben sollte, hierher zu kommen, wird zustimmen: Das Gras beim Nachbarn ist immer grüner als das eigene – der Spruch aus der Sicht des Nachbarn betrachtet verwirklicht sich mit aller Erfahrung im Auslandtierschutz nur an einem einzigen Platz: an ihrem. Aber zurück zum Heute: Jetzt wollen wir gerne nachsehen, uns überzeugen, wie den der Stand der Dinge im Privatzoo ist. Niki heißt der Besitzer, ein gütiger Mann im besten Alter – ganz leicht darüber vielleicht – der es immer gut meint. Dennoch, so einfach ist es nicht, einen Ort mit jener Größe, viele Hektar umfassend, und mit so vielen Tieren zu führen. Zu vielen, der bescheidenen Meinung nach, aber das kann man hier niemanden vorschreiben. Ich will es kurz machen – wir werden herzlichst empfangen, dürfen dann alleine durch die große Landschaft. Durchkreuzt von Teichen, kleinen Seen, offenen Wiesen, weiten Flächen. Wo Flamingos sich offensichtlich wohlfühlen, Grau- und Kanadagänse, selbst Australische Gänse sind zu finden. Und sogar die seltenen Schwarzstörche, viele davon!



Fotos: Der Privat-Zoo ist ein relativ umfangreicher. Auf einer riesigen Fläche errichtet, finden sich viele Tierarten, darunter auch exotische. Manche davon sind dann aber dennoch auf extrem engen Raum eingepfercht, in einem Fall, jenem des Waschbären – der noch dazu einzeln gehalten wird – müssen wir schnellstmöglich eingreifen. Viele Vögel befinden sich am Gelände, manche davon, Flamingos etwa oder Gänse bzw. Enten, auf großzügigen Anlagen – aber auch Papageien und Aras, Tukan und Co, wo die Grenze zwischen Tierhaltung und Tiersammlung doch eine sehr fließende ist…Dann sind da auch noch die Bären. Ein riesiger Hirsch ganz alleine.
Wir werden, wie in allen Fällen Tiergärten und Tiermärkte betreffend, in einem speziellen Report auf die jeweiligen Sachlagen dezitiert eingehen!
„Unsere“ Bären sind längst verstorben, aber dafür durften zwei andere einziehen – aus dem Zoo von Belgrad sozusagen ausquartiert. 25 Jahre alt, ein Geschwisterpaar. Das Gehege, wie gesagt von uns finanziert, stellt heute noch einen Meilenstein für serbische Verhältnisse dar. Gut drei, vier Meter hohe Eisenstangen, fest im Boden verankert, umringen eine Fläche von bestimmt 10 000 qm. Darin ein kleiner Wasserlauf, Baumstämme, Büsche, Bäume Rückzugsgebiete. Eine kleine Höhle. Sicher, für zwei Bären noch immer unfassbar viel zu klein – aber selbst in den großen Gärten sind die Bärenunterbringungen meistens sogar bescheidener. Was jetzt ein keinster Weise eine Rechtfertigung darstellen sollte.
Ein zweites, ähnlich umfassendes Gehege, beherbergt einen (leider einzigen) Rothirschen. Der sich richtig freut uns zu sehen, denn viel Abwechslung wird er hier nicht haben. Lässt sich knuddeln, genießt die Streicheleinheiten. Wird von Hirschbremsen und anderen Parasiten geplagt. Schwer geplagt.

Es gibt viele Vögel, vom Ara bis hin zu den Zebrafinken. Gott sei‘s gedankt weniger Säugetiere. Aber einige dann doch. Während es das Damwild wirklich gut zu haben scheint, auch die Alpakas oder Lamas, fällt das Urteil bei anderen denkbar schlechter aus. Vor allem ein Waschbär, einzeln gehalten, muss sein Dasein als reine Tortur erfassen. Ihm im Besonderen müssen wir helfen, aber auch dazu später!
Nach mehr als 3 Stunden im Park müssen wir weiter. Mit dem Versprechen, zumindest für den Racoon neue Lebensumstände zu finanzieren. Es nicht zu tun, wir könnten keine Minute mehr ruhig schlafen. Niki, er leidet immer unter dem „finanziell kaum machbar“-Syndrom, genau wie viele andere seiner „Sammlergenossen“, aber dafür können die Tiere nichts. Was ich damit sagen will – es muss unsere Pflicht sein, hier zu helfen. Und zwar so schnell als möglich…

Dann verabschieden wir uns herzlich. Vereinbaren die Umsetzung des Versprechens. Bitte helft uns dabei. Schaut dem Armen in die Augen. Wer, wenn nicht wir, soll sich um eine solche Aufgabe kümmern?
Christine und ich verlassen dann den Zoo. Am kleinen Parkplatz liegt ein schwarzer Hund. Der sich riesig freut uns zu sehen. Und völlig ausgehungert ist. Viel zu dünn, durstig bis zum geht-nicht-mehr, schlingt er schon im nächsten Moment das sich glücklicherweise im Auto befindliche Hundefutter in sich hinein, trinkt dann nochmals aus vollen Zügen. Lässt sich knuddeln. Gott, sein Vorderbein ist schwer verletzt. Er dürfte, so werden wir später erfahren, wohl in eine Falle getreten sein, die Morddinger in Serbien immer noch weit verbreitet. Und jetzt scheint die Bruchstelle wenigstens zusammengewachsen. Leider aber schlecht.


Fotos: Draußen am Parkplatz liegt ein Straßenhund in seinem Elend. Wie stets haben wir auch heute Hundefutter genau für solche Fälle im Wagen – ein Festessen für den Armen!
Hilft nix, wir müssen weiter. Mitnehmen können wir den Armen nicht. Wohin mit ihm, in einem Land, wo man keine Grenze ohne ausufernde Kontrolle überwinden kann…
Es geht nach Ungarn. Dort sollen ebenfalls große Schweinefarmen den Landstrich prägen, gleich nach der Grenze. Kurios der Übertritt über jene – zuerst sehen wir niemanden, knapp vor dem Schussbefehl und dem hysterischen Kommando „Stopp“ halten wir gerade noch rechtzeitig. Schließlich durchsuchen drei schwergewichtige, äußerst nette Beamte das Auto. Kramen alles hervor. Wollen in den Kofferraum. Doch das Schloss funktioniert nicht an der Heckklappe. So klettert ein Mann letztlich über die Hintersitze in jenen Bereich – fast schon pure Situationskomik. Der VW voller mitgenommener Federn aus dem Zoo, dazu Hundefutter, aber kein Hund, rumänische Kennzeichen, wir mit den Nerven fertig und völlig übermüdet – wie anders als „unkonventionell“ hätte die Kontrolle verlaufen sollen?

Jedenfalls, wir werden der Mannschaft in Erinnerung bleiben. Gewiss. Dann wieder EU. Auf der schmalen Landstraße nach dem winzigen Übergang stapeln sich warum auch immer tote Igel am Straßenrand und auf der Straße selbst. Todtraurig.
Schweinefarm finden wir aber trotzdem keine. Jedoch einen Lost-Place, den wir gleich erkunden. Und in Folge sehen erstaunte Grenzbewohnende dann auch noch einen Aktivisten in Schweinemaske, der ein Transparent „Meat ist murder“ hochhält. Vor der ungarischen Fahne, vor der Bushütte, wo Menschen auf die Weiterbeförderung warten…


Fotos: links, Lost Place in schönster Form! rechts: Kleine Demo in einer Ortschaft, wo vielleicht – oder sogar sehr wahrscheinlich – überhaupt noch nie eine Kundgebung stattgefunden hatte…
Jetzt drängt die Zeit gewaltig. Zurück nach Serbien! Selber Grenzübergang, dieses Mal scheinen sich die Menschen wenig für uns zu interessieren. Schnell sind wir durch.
Vorbei an den ersten serbischen Dörfern, dann am Zoo. Der schwarze Hund liegt immer noch an selber Stelle. Wir können nichts tun. Fahren 100 Meter vorbei, dann 200. Bei 300 bleibt keine andere Wahl. Zurück. Bei was auch immer Konsequenzen.
Der kleine Schwarze erkennt uns sofort. Bekommt nochmals zu essen. So voller Parasiten, es ist unfassbar. So hungrig noch immer. Was tun? Ok, wir überlegen – während der Fahrt! Und schon sitzt der Arme im Wagen. Anstandslos.


Die ganze lange Heimfahrt nur ein einziges Mal macht er dabei Lärm – als wir eine Pferdekutsche passieren. Bei den Reittieren “flippen“ fast sämtliche einheimische Hunde aus. Warum? Ich diskutieren es später mit dem Vermieter unseres Apartments. Meist, weil sie sie mit Romaangehörigen in Verbindung bringen. Und vor diesen haben sie leider durchwegs Angst.
Erst jetzt bemerken wir das wahre Ausmaß des Zeckenbefalls. Von Flöhen wollen wir erst gar noch nicht sprechen. So viele der Quälgeister, dass bei jedem Aufstehen tatsächlich Dutzende abfallen. Selbst jetzt noch, nach über 2 Stunden Fahrt! Winzige bis hin zu daumennagelgroßen. Schrecklichst.
„Zu Hause“ erreichen wir Frau Brukner nicht. Was tun? Sie wäre die Trumpfkarte, nachdem uns in der Herberge Tiere verboten sind. Hilft nix – ich ruf den Vermieter, der doch im Gespräch gestern gemeint hat, er würde Hunde ebenfalls lieben (inzwischen, ich hatte es völlig überhört, antwortete Frau Brukner längst; natürlich hätten wir sofort kommen können, aber – um vorzugreifen, der Süße durfte dann doch bei uns im Garten bleiben).



Foto oben: Ein Gesicht voller Zecken!
Dessen Sohn stößt hinzu, wie gut, denn jener spricht nahezu perfektes Englisch! Und es ist schließlich überhaupt keine Frage – der Neuankömmling darf im Garten oder unter der überdachten Terrasse übernachten! Super. Die gute Nachricht, die ist auch das anschließende Zweistundengespräch über Gott und die Welt trotz überbordender Müdigkeit mehr als wert!
Der totale Luxus im Einsatz – im Apartment seht sogar eine Waschmaschine zur Verfügung – und die kommt jetzt noch zur Arbeit! Während die Geschichten des heutigen Tages im Computer Platz finden, wird die Kleidung von der Zeckenepedemie, welche unser kleiner Freund über uns gebracht hat, befreit und anschließend gereinigt. Dann nochmals raus unter die überdachte Terrasse, wo es sich unser Schützling inzwischen im mitgebrachten Stapel Futter bequem gemacht hat. Ein gute Nacht-Kuss; so ein Braver, obwohl sämtliche Hunde ringsum bellen, bleibt der Süße ganz ruhig. Wohl ebenfalls zu müde, um sich jetzt noch am allgemeinen Radau zu beteiligen!
So ist es dann aber auch schon wieder nach 12, bis wir endlich das Licht ausdrehen – welche Erleichterung, was für ein Tag!

Wieder müssen wir früh raus. Gleich nach dem Aufstehen spreche ich mit Frau Brukner; die Liebe hatte wie gesagt gestern sogar noch zurückgerufen, nur, ich konnte den Anruf dann nicht hören. Egal, klein Sam, so sein vorläufiger Name, geht es wunderbar.
Bald finden wir uns im bereits liebgewonnenen VW-Bus wieder. Der Tag beginnt trüb, steigert sich dann jedoch bis hin zum Sonnenschein. Gott sei’s gedankt, nicht ungetrübten. Auch die Temperaturen bleiben moderat; allerdings, am Nachmittag sollen sie dann doch wieder 27 Grad erreichen.
Durdjevo, der Ort wo Frau Brukner das „Paradies“ errichtet hat, ist schnell erreicht, das Ziel ebenso umgehend gefunden. Wow, es ist soooo schön hier. Alleine die Zufahrt, eine Allee gebildet aus wundervollsten Bäume; an den Seiten erkennt man die umgebenden Wiesen, wo Kühe und Pferde grasen. Hunderte Krähenvögel bevölkern den Himmel und die Riesenbäume rings um uns. Ein ständiges Kommen und Gehen, besser Fliegen, Lärmkulisse wie in der Operette.



Dann „Monika’s Salas“, weithin bekannt. Der Hof schaut fast unverändert aus, und auch die Begrüßung nun nach doch schon mehreren Jahren des Nicht-mehr-hier-gewesen-seins fällt genau wie immer aus. Dutzende Hunde, riesengroße darunter, können sich angsteinflößendes Bellen nicht verkneifen. Aber nur zum Spaß, scheinen sie zu denken, denn in Wahrheit sind sie alle streichelbedürftig und herzallerliebst. Die große Tierschützerin, eine der allergrößten unserer Zeit, die nur im selben Atemzug mit einer Jane Godall genannt werden muss, erwartet uns ebenfalls mit einer festen Umarmung. Super, wie nach Hause kommen!
Sam muss in die Quarantäne. Ich trage ihn durch die Hundemeute, er macht keine Anstalten sich zu wehren oder sonst was. Zumindest ein bisschen verliebt tätschle ich seinen Kopf. So ein cooler! Dass er dann alleine bleiben muss, bis die Mitarbeiterin zum Baden ansetzt, passt ihm selbstredend nicht so wirklich. Aber in die Wanne muss er, schnellstens. Besonders auch wegen des unfassbaren Zeckenbefalls. Und Flöhe, die ich gestern gar nicht so bemerkt hatte, erfreuen sich durch den engen Körperkontakt plötzlich in Massen an mir…



Zusammen mit Frau Brukner schmeckt der Kaffee noch viel besser. Dazu gibt es herrliche Kekse und allerlei anderes Gebäck. Und sooooo viel zu erzählen! Einem Verlangen, welchen wir ungebremst nachkommen, und zwar allesamt!
Sam darf schließlich für eine Nacht hierbleiben, wir werden ihn morgen abholen. Zur Fahrt nach Temeswar dann. Gott, wie die Zeit vergeht. Und wie sie drängt. Denn es warten noch einige Aufgaben – der private Zoo in Temerin etwa, und später jener in Indjia. Ein eiliges sich nochmals in die Arme fallen, dann hat uns die Landstraße wieder. Mit all ihrer Ost-Charme, vorbei an den verfallenden Dörfern und alten Erinnerungen.


An einer der vielen, vielen Müllkippen im Land halten wir kurz, machen ein paar Bilder. Tote Tiere finden wir dort heute nicht, ist auch gut so. Normalerweise werden solche nämlich gerne an jenen Plätzen abgeladen, oft zu Dutzenden.
Es ist gegen 13 Uhr, als wir jene Anlage bei Temerin erreichen. Ein kleiner „Zoo“, geführt von einer älteren Dame. Weil wir ein paar Geschenke der Frau Brukner mithaben, sagt niemand etwas von Eintritt. Denn möchten wir uns nämlich gerne ersparen, nicht wegen des Geldes – so etwas kostet höchstens ein paar Euros – aber wohl wegen der unbestreitbaren Unterstützung besagter Einrichtungen. Welche wir nur zu ungern geben möchten.
Weil die Dame aber recht nett scheint, überlegen wir im Stillen dennoch, ihr beim Verlassen doch etwas Geld zu geben. Schau ma mal!


Dann die Anlage, welche ebenfalls erst in der Zusammenfassung viel ausführlicher beschrieben werden soll. So viel sei an der Stelle schon gesagt: Wir geben beim Rausgehen kein Geld, denn die Empörung obsiegt den edlen Gedanken. Hier sind zwar nicht so viele Eingesperrte, meist sogenannte Haustiere, aber deren Gefängnisse präsentieren sich allesamt in einem Zustand, der Albträume erweckt. Ratten zudem überall, die das Futter klauen, kaum irgendwo auch nur eine Handvoll Heu zum Drauflegen, viel eher purer Beton. Kurzum: Wir atmen durch, als sich das Eingangstor hinter uns schließt. Die Häftlinge können das nicht. Eingekerkert im Verderben. Das Schicksal ein mieser Verräter.
Eine bodenlose Frechheit, wenn den armen Tieren so unfassbar wenig geboten wird. Ein Beispiel: Selbst ein paar kleine Ziegen, manche davon in Einzelhaft, vegetieren in Gitterkäfigen, nicht größer als ansonsten Hundezwinger. Obwohl die Anlage über ganz viel Grund verfügt, wo das Gras offensichtlich mit dem Rasenmäher gekürzt wird – eine kleine Einzäunung würde doch genügen, und die Welt sähe für die armen Tiere gleich um so viel besser aus. Aber so weit scheint niemand zu denken. Oder, noch schlimmer, es ist durchwegs EGAL…
Angestaute Wut entlädt sich am Rückweg; Frustration noch dazu.

Foto: Kaninchen mit völlig verschmutztem Fell. Dazu ist die Unterbringung eine echte Katastrophe…
Nächstes Ziel: wieder ein kleiner Privatzoo, dieses Mal in anderer Richtung. Jetzt führt der Weg „hinauf“, die erreichte Seehöhe bringt mit sich, dass die Temperaturen gleich viel angenehmer werden. Angekommen findet sich die Anlage einmal mehr recht schnell. Kein Wunder, bei all dem Training! 🙂
Auch hier waren wir bereits, wenn auch Jahre zurück. RespekTiere hatte damals schreckliche Bilder einer furchtbaren Bärenhaltung präsentiert. Ob sich was geändert hat? Schau ma nach!


Fotos, oben: Christine fotografiert in das schmutzige Loch hinein – drinnen lebt tatsächlich eine Kaninchenfamilie… rechts: auch hinter dieser dreckigen Scheibe befindet sich ein Tiergehege. Unten: Im von der Fläche her eigentlich nicht so schlechtem Schweinegehege findet sich selbst im Inneren der Hütten kein Quadratzentimeter trockener Fleck. Zudem stinkt es furchtbar – alle Besuchenden wenden sich angeekelt ab. Dabei nimmt die Institution „Zoo “ doch so gerne für sich in Anspruch, bildend zu sein. Hier werden allerhöchstens unhaltbare Vorurteile forciert…

Einmal mehr, Fortuna auf unserer Seite! Keine Gewissenskonflikte, denn die Kassa ist unbesetzt. Ein paar Leute sind drinnen, Familien mit Kindern. Im Tierghetto. Leider fällt auch hier keine andere Bezeichnung ein. Sie werden es nachlesen im Extrablatt über Zoos und Tiermärkte in der Vojvodina. In Kürze. Deshalb nur ein erstes Statement: Es ist in jenem Zoo weniger der Beton, dafür aber der allgemeine Zustand. Selbst in den Gehegen regiert überall der Verfall. Ein Bärenkind in unsagbarer Triste. Völlig verloren, Parasitengeplagt. Immer wieder schreit es laut auf, vielleicht nach der Mama. Eingesperrt im kleinen Zwischenzwinger zum eigentlichen Gehege. Das leer scheint. Oder vielleicht schläft dort ein größerer Bär irgendwo in der sichtbaren Untertunnelung. Aber wahrscheinlich nicht. Jedenfalls, der Anblick ist unerträglich. Geht durch Mark und Bein. Wie kann es passieren, dass auf Bedürfnisse von Tieren, noch dazu hilflosest aufgelieferten, derart vergessen wird?

Der Retourweg in die Stadt ist ein ruhiger. Beide sind wir gedankenverloren. Ein derart schlimmes Fazit der Recherchebemühungen hatten wir echt nicht erwartet. Es gibt tatsächlich nichts gutzureden. Keinen Lichtblick, der das Fazit gütiger ausfallen lassen hätte gekonnt. Nur die Erkenntnis: In Serbien muss unendlich viel aufgeholt werden, will man sich mit internationalen Tierschutzbemühungen auch nur im Entferntesten messen.
Im Stadtzentrum von Novi Sad gestalten wir schließlich noch einen Protest gegen das Hundetöten. Ach ja, Straßenhunde gibt es auch noch überall. Unübersehbar. Auch Tote neben den Verkehrswegen gehören nach wie vor zur Normalität.

Die Nacht soll eine gute werden. Erstmals seit Beginn der langen Reise finden sich doch einige Stunden fast ungetrübter Schlaf. Super! Entsprechend erwartungsvoll beginnt dann auch der nächste Morgen. Eigentlich wäre heute ja schon wieder der geplante Abreisetag aus Serbien gewesen, nur, gestern fiel die Entscheidung zugunsten eines verlängerten Aufenthaltes. Zum einen deshalb, weil der gute Dimitri von unfassbar fantastischen Fortschritt in den Bemühungen um den Sprinter erzählt hatte, jetzt aber noch zumindest ein weiterer Tag nötig wäre, um die Arbeiten voranzutreiben, zum anderen auch deshalb, weil der selbsterwählte Auftrag aus persönlicher Sicht noch nicht erfüllt scheint.
So, nach einem wirklich guten Frühstück, bringt uns der brave VW-Bully direkt zu Frau Brukner. Am Weg dorthin passiert ein Zwischenhalt – einem Kreisverkehr mit riesigen nationalen Fahnen sowie dem unübersehbaren Schriftzug „Novi Sad“ in kyrillischen Buchstaben kann man ganz einfach nicht wiederstehen…
Und schon sehen erstaunte Passierende dort einen Aktivisten mit Hundemaske, der das Transparent „Death penalty for innocents? Stop killing stray dogs!“ in den Wind hält.

Apropos Wind – heute zeigt sich erstmal seit einigen Tagen die Sonne von der Früh weg; zwar nicht durchgehend, manchmal verbleiben düstere Wolken ein bisschen länger am fernen Horizont, aber dennoch; dazu im Vergleich zu gestern deutlich gesteigerte Temperaturen, welche im Laufe des Tages langsam erneut auf die 30 Grad Marke zusteuern.
Angekommen in Frau Brukners Paradies sitzen wir auch schon wieder bei einer Tasse Kaffee. Erzählen von den Erlebnissen gestern, hören über Tierschutz in Serbien, diskutieren über künftige Strategien. So wunderbar mit jener Frau, welche ein ganzes Land mit ihren Vorstellungen und Ideen geprägt hat (auch wenn sie das selbst nicht ganz so sehen möchte; vielmehr meint die Gute, sämtliche Tierschützenden in Serbien wären längst desillusioniert. Nach der Aufbruchsstimmung von vor gut 10 Jahren, wo die Menschen dachten, ok, jetzt beginnt der Fortschritt, hätte sich inzwischen bitterste Enttäuschung breitgemacht. Aber, eine persönliche Meinung, wenn man so viele Jahre an der Front verbracht hat, dann ist des Öfteren der Blick auf die Umwälzung verstellt. Alles geht viel zu langsam, man kommt gefühlt nicht vom Fleck, bemerkt keine Veränderung. Ich verspreche jedoch, ob nun in Österreich, Rumänien, Mauretanien oder eben Serbien, irgendwann, wenn man selbst nicht mehr „ganz vorne“ steht, fällt die Depression wie ein Vorhang. Plötzlich wird der Blick klar und erst dann erkennt man die Früchte des Tuns in allen Nuancen. Genauso wird es auch Frau Brukner ergehen. Jede Wette, dass auch im Falle der Frau Brukner diese Prophezeiung zutreffen wird?!)

Foto: Weil es so unfassbar ist – Hundeohr voller Zecken! Unglaubliche 1200 der Quälgeister mussten aus dem Süßen entfernt werden…
