Wir sind schon wieder unterwegs! Dieses Mal geht es nach Ungarn, wo unsere Mitstreiterinnen von der „Hundehilfe Nordbalaton“ schon sehnsüchtig auf den Futtertransport warten. Aber nicht „nur“ Hundenahrung haben wir geladen, Ihr kennt uns, im Frachtraum haben dann auch unzählige Säcke und Kisten voller Kleidung und Güter des täglichen Bedarfs Platz gefunden. Gedacht sind diese nicht direkt für die Hundehilfe, aber dann auch wieder doch – die allermeisten der Vierbeiner unseres Partnervereins kommen nämlich aus dem Ländereck mit Serbien und Rumänien, dort aus den hiesigen Romadörfern. Weil es ja nicht so einfach ist, an jenen Plätzen Hunden zu helfen, funktioniert das Sachgut als „Türöffner“. Und erfüllt damit einen doppelten Zweck – Hilfe für „Mensch“, gleichzeitig Hilfe für „Tier“ – super!
Nachdem wir die letzten Tage mit der Abholung diversester Güter verbracht hatten – ein herzlichstes Dankeschön hierfür geht an dieser Stelle erneut an die vielen, vielen SpenderInnen da draußen, Ihr seid das Herz und die Seele der Hilfstransporte – nimmt heute einmal mehr Alex im RespekTiere-Mobil Platz! Zusammen werden wir ins Magyarenland reisen, mit der Sonne als Begleiter. Die hatte sich die letzten Tage etwas im Hintegrund gehalten, wie wohltuend, aber im hier und jetzt eroberte sie den Horizont erneut. Von der Früh weg heizt sie den Planeten auf, mit Temperaturen, die praktisch über Nacht wieder über die 30-Grad-Marke klettern sollen.
Erste Station ist heute in Herzogenburg bei St. Pölten. Dort, in der Firma des Bruders, TLP „Transport-Logistik-Putzgruber“, lagern ebenfalls ganze Paletten mit für respekTIERE IN NOT bestimmten Sachen. Die gilt es nun zuzuladen, bevor der gute Sprinter den Highway erneut entert und dann die Donaumetropole ansteuert.
Von Wien aus steuern wir in Folge die Ostautobahn an, wobei der Weg nicht über den großen Grenzübergang bei Nickelsdorf führen wird; warum? Weil dort, am Highway ins Magyarenland, die Autobahngebühren inzwischen horrend sind – fast 40 Euro wären zu begleichen, bei einer Zeitersparnis von ca. 2 oder 3 Stunden – zu viel! Deshalb folgen wir der A 4 bis zur Ausfahrt „Gols“ im Burgenland, nutzen dort die Bundestraße, vorbei geht es nun an den idyllischen Dörfern der Region. Ein kleiner Grenzübergang bei Andau dient schließlich als Übertritt in das Nachbarland. Die Strecke ist eine zwar wesentlich umständlichere – alleine der Straßenzustand über weite Strecken präsentiert sich als ein durchaus spektakulärer, mit hunderten Schlaglöchern versehener – aber dafür „spürt“ man neben den alten Knochen auch die Umgebung. Noch dazu, jener Teil gehört zu den wirklich schönen der „Orban-Herrschaft“, Großteiles hügelig, bewaldet, ziemlich menschleer. Fern der für Österreich so typischen Zersiedelung in ländlichen Gegenden. Völlig anders auch als die übliche Steppenlandschaft, welche Ungarn ansonsten über weite Flächen prägt.
Foto oben: Auch in Ungarn werden die Windparks immer mehr und verändern langsam aber sicher das Landschaftsbild!
Viele Kuhhaltungsbetriebe liegen entlang der Route, allesamt riesige. Bei einer bleiben wir stehen, trotz des Zutrittsverbotes finden wir uns wieder zwischen den endlosen Reihen von Kälberiglus. Die armen Tierkinder, eingesperrt auf einem Quadratmeter, sie sind das Sinnbild einer brutalen Tiernutz-Industrie. Über welche wir in Zukunft erneut verstärkt sprechen werden.
Das Ziel des Tages: Wieder einmal die „Hundehilfe Nordbalaton“, geführt von unserer Mitstreiterin Gabi. Auch schon wieder mehr als 15 Jahre ist es her, seit wir zum ersten Mal bei der so großartigen Tierfreundin waren – damals, manche von Euch erinnern sich vielleicht – als ein riesiges Aluminiumabfallbecken in der Region gebrochen war und ganze Dörfer mit einem giftigen roten Schleim beinahe erstickte! Eine furchtbare Katastrophe, welche Menschenleben forderte und das Land für lange Zeit nahezu unbewohnbar machte. Noch mehr allerdings litten wohl die Tiere darunter. Hunderte, tausende, abertausende starben, ganz viele landeten schwer verletzt in diversen Hilfszentren – die Beine verätzt, bis zum Knochen abgenagt von der zähen, hoch toxischen Substanz…
Wir halfen damals, so gut wir nur konnten. Und sind seither mit den Tierschützenden der Hundehilfe tief freundschaftlich verbunden geblieben. So oft es geht treten wir den Weg an, bringen, wie heute, Kisten und Säcke voller Kleidung und diverser anderer Artikel. Und natürlich Hundefutter, so viel wir im RespekTiere-Mobil irgend unterbringen.
Foto: Das kleine private Asyl am Wegesrand!
Es wird heiß; und die Fahrt zieht sich. Überall neue Straßen im Ungarnland, der Lebensstandard offensichtlich in den letzten Jahren stetig gestiegen. Zumindest das muss man vielleicht doch dem Staatsführer zugestehen. Ein Umstand allerdings, der für sich alleine nicht kritische Stimmen an seiner Amtsführung beruhigen kann.
Irgendwo entdecken wir eine Anlage – hier werden bestimmt Tiere gehalten. Ein Holzverschlag, entfernt von jeder Ansiedlung. Im Feld, in purer Alleinlage. Ein Auto parkt davor. Tatsächlich handelt es sich bei näherer Betrachtung um eine längst vermutete Hundeherberge. Mit einfachen Mitteln errichtet, aber sauber gehalten. Das verrät schon der erste Eindruck. Bald schon bellen auch ein paar der Vierbeiner, die wir durch den umgebenden Zaun betrachten. Sie wirken allesamt freundlich. Im nächsten Augenblick erscheint jetzt eine junge Frau. Sie spricht, doch etwas überraschend und zur großen Freude, perfektes Deutsch! Bald erfahren wir, sie ist eine ehrenamtliche Helferin. Eines kleinen lokalen Tierschutzvereines. Der sich ganz viel um Katzen kümmert, aber eben auch um Hunde. Solche, die ausgesetzt wurden; oder ihr Daheim aus welchen Gründen auch immer verloren haben. Etwa, weil ihre menschlichen Bezugspersonen verstorben waren, ins Krankenhaus mussten. Umzogen, dorthin, wo keine Tiere erlaubt, etc.
Foto: Die nette Tierheimmitarbeiterin zeigt uns das Asyl!
8 Hunde werden im kleinen Asyl versorgt, wo wir sogleich eine Führung erhalten. Vier allerliebste große Schäferhunde sind in großen Einzelbereichen untergebracht. Allesamt mit anschließendem Gehege ins Freie. Sehr gepflegt, sehr sauber. Ein 13 Jahre alter Hund wurde erst kürzlich aufgefunden. Sein Schicksal steht in den Sternen; ein Arztbesuch am nächsten Tag wird entscheidend sein. Ein großer Tumor im Gesicht verursacht offensichtlich Schmerzen. Gehen mag der Arme auch kaum. Wir werden ihn heute Abend ins Gebet einschließen – bitte, Macht übe uns, hilf ihm! Lass Hoffnung keimen.
Eine Hundedame, offensichtlich von der berüchtigten „Liste“, ist äußerst freundlich. Ein zweiter selber Gattung nicht ganz so; er mag keine Männer, das ist das Problem. Mit Frauen kann er gut.
Der Verein versorgt auch Hunde von Haltern, welche finanziell in Schwierigkeiten geraten sind. Kann für solche Menschen auch gut Kleidung brauchen. Ein Fall für uns! Nicht so weit von der Grenze entfernt, bestens erreichbar. Eine neue respekTIERE IN NOT-Anlaufstelle? Wir werden sehen, jedenfalls tauschen wir Adressen aus.
Foto: Tom streichelt Schäferhund im kleinen Asyl
Weiter geht es, immer tiefer ins Hinterland hinein. Es wird gegen vier Uhr nachmittags gewesen sein, als Alex und ich dann endlich bei Gabi eintreffen. Wo wir uns nach einem allgemeinen „in-die-Arme-fallen“ sofort in die Aufgabe stürzen. Umgeben von der Dutzendschaft der hauseigenen Hunde soll es ein besonders hartes Stück Arbeit sein, bis der Van entladen ist. Bei dröhnenden Kopfschmerzen folgt nun endlich eine kurze Pause: Herrlicher Kaffee erfreut die Seele, dazu vegane Hafercookies – Herz, was verlangst Du mehr?
Gabi zeigt uns eine 13 Jahre alte Hündin, welche dringend ein zu Hause sucht. Sie ist vor drei Wochen aus der Tötungsanstalt von Budapest hierhergekommen, buchstäblich in letzter Sekunde. Schwere Bisswunden am ganzen Körper bezeugen den Notfall. Dazu ist sie auf einem Auge völlig blind, mit dem anderen sieht sie wahrscheinlich wenigstens noch Umrisse. Mehr dann auch nicht… Vielleicht weiß jemand ein gutes zu Hause für die Süße? Die herzallerliebst ist, nebenbei bemerkt! Jetzt, wo die Wunden am Köper langsam heilen, jetzt sollen auch jene an der Seele kuriert werden. So schnell als irgend möglich.
Auch zwei Katzen suchen ganz dringend ein zu Hause. Beide natürlich kastriert, gechippt, ca. 2 Jahre alt. Mit Pass und sämtlichen Impfungen versehen. Für die Samtpfoten ist es ziemlich schwierig, da kaum Unterbringungsmöglichkeiten gegeben. Die Hundehilfe völlig auf eben jene Vierbeiner konzentriert. Deshalb gestaltet sich die Situation für Katzen IMMER als besonders dringliche. Bitte helft uns helfen!
Später sitzen wir alle gemeinsam im RespekTiere-Mobil. Es geht nun zum vereinseigenen Tierheim, unweit des berühmten Balaton-Sees. Des „Meeres der Ungarn“. TouristInnenplatz pur, alleine bei der Durchfahrt, jetzt im Hochsommer, erinnert der Anblick mehr an einen Badeort in Italien als an einen Teil Ungarns. Jesolo des Ostens. Die Vermarktung angepasst, das Lebensgefühl detto, die Preise sowieso. Kaum würde man hier ein Asyl am Rande der Gesellschaft erahnen, ein solches, wir es noch weiter in Richtung der aufgehenden Sonne hunderte gibt. Von privaten Menschen mit allem Herzblut am Leben gehalten, ein Zufluchtsort für ansonsten unrettbar Verlorene. Hier in der See-Umgebung allerdings weniger für solche aus der unmittelbaren Nähe, denn da, wie anders sollte es sein, sollen ja keine Straßentiere die Besuchenden „verwirren“. Hochglanzpolitur, die keine Flecken duldet…
Gabi und ihre Leute retten Hunde aus den noch weiter östlich liegenden Gebieten, vor allem aus jenen entlang der Grenzen zu Serbien oder Rumänien. Oder, RespekTiere-Netzwerk, in Kürze vielleicht auch zur Ukraine. Dann von Enikö, mit ihren mehr als 500 Hunden, wo wir alsbald wieder zu Besuch sein werden!
Das Asyl der Hundehilfe liegt wie immer in osteuropäischen Ländern unweit einer Müllkippe, jedenfalls im Industriegebiet. Von außen eher unscheinbar, wobei der vordere Teil der Anlage ein von der Stadt verwalteter ist. Dort gibt es Angestellte, welche die Hunde versorgen. Leider oft mehr schlecht als recht. Gut 10 der Vierbeiner sind in jenem Bereich untergebracht. Einer, ein „Listenhund“, sitzt schon seit 7 Jahren in jenem Gefängnis. Rauskommen tun von hier einzig und alleine nur die, für welche Gabi ein neues zu Hause finden kann…
Fotos: Städtisches Asyl – was für ein Unterschied zur Herberge der Hundehilfe Nordbalaton gleich dahinter?
Der hintere Bereich wird von der Hundehilfe verwaltet. Hier ist alles schon wesentlich freundlicher. Größer dimensioniert. Mit viel Freilaufwiese. Wo alle Hunde jeden Tag mehrere Stunden außerhalb der Zwinger verbringen dürfen. Des Abends aber müssen auch sie zurück in ihre Boxen. Geht nicht anders. Gabi und die ihren verbringen fast die gesamte Freizeit in der Herberge. Putzen, verteilen Streicheleinheiten, bringen Hunde zum Tierarzt. Versorgen sie bestmöglich. Mehr als 50 sind es. Stets. Nie wesentlich mehr – 50 ist die von der Stadt erlaubte Obergrenze – nie weniger. Und die allermeisten schaffen den Absprung nah Deutschland oder Österreich. Unfassbar, hunderte der Armen wurden bereits vermittelt. Und Gabi zeigt wieder ein gutes Dutzend, welches bereits das „goldene Ticket“ innehat. Am Donnerstag werden sie den Weg in den Westen antreten, zu Familien, welche ihre Ankunft kaum erwarten können. Es sind unglaubliche Leistungen, zu welchen sich Menschen wie Gabi und ihre Kollegin Inga tagtäglich aufraffen. Sie, die Außenposten der Menschlichkeit, die so viel Gutes in ihrem Dasein bewirken. Tag für Tag für Tag.
Stolz sind wir auf solche Wegbegleiterinnen, von ganzem Herzen!
Gegen 8 Uhr abends hat uns die Landstraße wieder. Dem Sonnenuntergang entgegen führt der Weg; in einer Ortschaft mit dem deutschen Namen „Wirtshaus“ halten wir. Passend für eine kurze Kundgebung. „Wirtshaus“ gibt es auch vegane, wenn aber nicht, dann soll der Schriftzug daran erinnern: „Eating Meat Kills“, gehalten vom Aktivisten in Schweinemaske.
Später findet an einer belebten Straßenkreuzung noch ein Protest statt. Mit Hundemaske und dem Transparent „There is no excuse for animal abuse“.
Fotos: Die unvermeidlichen Proteste auch in Ungarn!
Stockdunkel ist es, als wir den kleinen Grenzposten überschreiten. Überschreiten? Nicht ganz. Zwei engagierte Grenzschützer in österreichischen Bundesheeruniformen wollen unsere Papiere sehen. Plaudern ein bisschen, winken uns schließlich durch. Vom Nirgendwo kommend, ins Nirgendwo fahrend bewegt sich das RespekTiere-Mobil auf hunderte Lichtpunkte am Horizont zu. Große rote Augen, die wie böse Dämonen aus der Ferne blinken. Es sind die oberen Begrenzungspunkte der Windräder, welche die Landschaft prägen. Diese längst und für alle Zeiten verändert haben. Die Natur zum Industriepark mit grünem Anstrich gestaltet.
Es ist bereits 11, als ich mich von Alex verabschiede. Jetzt in Wien, gilt es dem längst zur Familie gewordenen Freund „Good-Bye“ zu sagen. Bis auf bald, wo uns schon in wenigen Tagen eine ganz wichtige Recherche erwarten wird. Aber das ist eine gänzlich andere Geschichte.
Gegen 0.30 erreiche auch ich den zumindest vorläufigen Endpunkt der anstrengenden Hilfsfahrt. Im elterlichen Kammern bei Krems bin ich unendlich froh, die Decke über den Kopf ziehen zu können. In Gedanken an den armen Hund mit dem Tumor schlafe ich ein. Möge ihn Gott behüten.
Fotos, rechts und unten: Für diese kleine schwarze Maus suchen wir dringenst ein zu Hause! Sie ist 13, kommt direkt aus der Tötungsstation, noch gezeichnet von Hundebissen, die langsam abheilen. Ein Auge ist blind, auf dem anderen sieht sie noch ein bisschen – bitte, bitte seht sie Euch an – wer würde dringender einen Platz zur Heilung benötigen, zur Heilung von Wunden an Körper und Geist?