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wenn das Schicksal ein mieser Verräter ist…

Manchmal gibt es Tage, wo man nachbetrachtet wünscht, man wäre in der Früh gar nicht erst aufgestanden. Man hätte die kommenden Stunden einfach nur gelegen, die Decke über den Kopf gezogen und nichts von „da draußen“ mitbekommen. Besonders dann, wenn die Morgenstunden eigentlich so verheißungsvoll begonnen hatten…

restinpeace Eichkaetzchen 2

Denn der erste Blick aus dem Fenster verriet eine Bewegung, dort oben am Baum, im langsam erblühenden Garten. Was ist denn das, vielleicht ein Vogel? Nein, größer, etwa gar ein Mader? Und plötzlich zeigt es sich in all seiner Pracht – ein Eichhörnchen, ein rotes noch dazu! Ein solches, dessen Gattung zunehmend verdrängt wird von Einwanderern aus dem Westen, und daher ganz selten geworden ist! Herzallerliebst. Vom Schicksal auserkoren, etwas ganz Besonderes zu sein. So wie jedes Wesen. Aber noch dazu ausgestattet mit unglaublichen Fähigkeiten, Talenten. Stämme hochzulaufen, als wären es waagrechte. Fast zu fliegen scheint das Wunderhübsche, Bewegungen, so geschmeidig, wie sie nur ein wissender Gott verleihen hatte gekonnt. Ja, die Vorsehung hat es gut gemeint, keine Frage! Das Herz schlägt freudig, vielleicht wird es den Garten als neues zu Hause wählen? Wäre sooo schön. Dann klettert es im nächsten Augenblick den Stamm herunter, geschickt, wie ein Geschöpf nur sein kann, absoluter Ausnahmesportler. Hüpft zu Boden und geht des Weges. Wow, der Tag kann nur ein guter werden!

Doch „Schicksal“ hat andere Pläne. Zumindest in den folgenden Stunden. Sinniert bereits, schaltet und waltet. Führt nichts Gutes im Sinn. Jedenfalls, im Laufe des Tages denke ich immer wieder an das kleine Geschöpf, freue mich schon auf’s nach Hause kommen; vielleicht ist es wieder zum Baum zurückgekehrt? Zum prächtigen Ahorn mit seinen sich langsam tiefrot färbenden Blättern, der geradezu auf sie gewartet hat. Ich werde Nüsse auslegen, damit es sich so richtig wohl fühlt. Gekommen, um zu bleiben, das wünsche ich mir. Von ganzem Herzen.

totes Eichkätzchen auf der Strasse

Noch ist es nicht zurück. Entdeckt die Welt, bevor die Nacht hereinbricht. Am Abend muss ich dann nochmals weg. Die schmale Straße hinunter, eine Rechtskurve, vorbei am Nachbargarten. Und da sehe ich das Eichhörnchen wieder. Direkt an der Mauer, seelenruhig. Es scheint am Boden zu sitzen, die Wärme des Asphalts zu genießen. Nichts verrät anderes. Ich passiere das Wunderschöne, und im nächsten Augenblick wird mir klar: Nein, das ist kein Sitzen, es liegt. Auf der Seite, zeigt, den weißen Bauch. Irgendetwas ist gar nicht in Ordnung. So ganz und gar nicht. Das Atmen fällt plötzlich schwer, ein Stein auf der Seele. Eine kalte Faust umfasst das Herz, zerdrückt es beinahe. Ich wage kaum anzuhalten, nein, will der Wahrheit nicht ins Auge sehen. Nicht heute, nicht jetzt. Alles nur Einbildung. Fast kann ich körperlich spüren, wie sich die Silhouette im Rückspiegel verliert. Wie das Eichhörnchen hinterherblickt und schon im nächsten Augenblick über die Mauer im Gestrüpp des Nachbargartens verschwindet. Kindlich naive Vorstellung. Was anders möchte mein Geist aber nicht akzeptieren. Nicht heute. Alles gut.

restinpeace Eichkaetzchen 3

Am folgenden Tag wage ich den Schritt. Gehe zur besagten Stelle, in der Hoffnung, dort nichts vorzufinden. Allein, die Hoffnung wird enttäsuscht. Da liegt es, mit starren Augen blickt das arme Geschöpf in eine Welt, die Tiere nicht mehr zu lieben scheint. Wo es keinen Platz mehr für sie gibt, wo deren Sterben als Normalität hingenommen wird. Unbeweint, unbeachtet. Aufgelöst, als ob es nie gelebt. Eine Welt des Homo Sapiens, der nichts außer sich selbst achtet. Nicht einmal seine Brüder und Schwestern, schon gar nicht andere Arten. Der einen Planeten trotz steigender Hitze und Klimawandel in Eiseskälte zurücklässt. Kälte des Daseins. Knoten im Hals. Das Schlucken fällt schwer. Ich kann es nicht aufheben, nicht im Moment. Es soll Zeugnis ablegen, jetzt im Tod, eine stumme Warnung an Vorbeifahrende. Bitte haltet die Augen offen, bitte fahrt langsam. Es gibt uns noch. Scheint es zu sagen, von den Elementen bereits in den Verfall gezwungen.

totes Eichkätzchen auf der Strasse

Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass sich das Eichhörnchen einfach so ins Nichts auflöst. Oder, noch schlimmer, von der Straßenmeisterei aufgeklaubt in einem Abfallcontainer landet. Ja, die Welt ist ein grausamer Ort geworden, aber es muss dennoch oder vielmehr gerade deswegen ein bisschen Platz für Menschlichkeit bleiben. Jeder und Jede kann und muss dazu beitragen. So hole ich den leblosen Körper zu mir. Spreche ein paar stumme Sätze. Murmle sie in mich hinein, bitte um Verzeihung. Von Trauer und plötzlicher Einsamkeit völlig überwältigt. Grabe ein Grab, lege es mit Stroh aus, platziere die Süße darin. Wie friedlich sie liegt, ganz so, als ob sie bloß schlafen würde.  Ein letzter Blick, dann bedeckt die Erde den Körper wie ein sanftes Tuch. Nimmt ihn in sich auf. Eine Träne fällt hinterher. Zurück bleibt Leere.  Und ein Abschiedsgruß. Von Staub gemacht, zum Staub zurückgekehrt. Ich stelle eine Kerze obendrauf, welche den Weg leuchten soll über die Brücke in die Unendlichkeit. Bitte verzeih uns Menschen.

licht leuchtet in der Nacht

Es ist stockdunkle Nacht, als ich ein letztes Mal aus dem Fenster sehe. Das Licht der Kerze leuchtet noch immer, bringt die Erinnerung zurück. Verzehrende Realität. Warum bist Du nicht in meinem Garten geblieben, warum musstest Du hinaus in diese Welt der unzähligen Gefahren?! Warum hab ich nicht sofort Nüsse gebracht?! Warum hab ich nicht im nächsten Augenblick ein Häuschen für Dich gebastelt und am Baum befestigt?! Fragen helfen nicht. Im Gegenteil, sie machen den Schmerz nur umso unerträglicher. Und die Wut. Die Wut auf das Schicksal. Welches sich nur allzuoft als mieser Verräter entpuppt.

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