Haflingerstute Jenny - Lebensrettung buchstäblich in letzter Sekunde!
Was für eine wunderschöne Geschichte! Eine, welche bis zuletzt an nervenaufreibender Spannung nicht zu überbieten gewesen ist, eine auf Leben und Tod, eine, deren Ausgang am seidenen Faden hing. Und dann doch noch eine mit zuvor kaum geglaubten Happy End!
Also, Hollywood wird sich bereits anstellen – denn kein Spielfilm der Welt könnte dramatischer und letztendlich herzzerreißender sein, als diese Begebenheit aus dem wahren Leben!
Was war also passiert? Am Sonntag hatten wir Nachricht bekommen – irgendwo in einem Reitstall im oberösterreichischen Innviertel steht eine 12-jährige Haflingerstute namens Jenny. Die Arme leidet an einer fortgeschrittenen Hufknorpelverknöcherung, fällt damit für den Reitbetrieb gänzlich aus. In Folge wurde wohl ein Gnadenplatz gesucht, als „Beistellpferd“ etwa; allerdings, einen solchen zu finden ist selbstredend extrem schwer. Egal, was man anstellte, es blieb der Erfolg versagt. Und irgendwann, als sich kein Silberstreifen am Horizont abzeichnen wollte, entschied man sich für die vermeintlich einzig verbliebene Lösung – eine endgültige… So sollte bereits am Montag die letzte Klappe fallen – der Tierarzt verständigt, hing das Leben der Stute jetzt bereits am berühmten seidenen Faden.
Zuerst ärgerten wir uns ein bisschen; eine solche Nachricht, am Sonntag noch dazu, mit einer derartigen Frist versehen; binnen eines Tages, da findet man schwer eine Unterkunft für ein Kaninchen; und dann erst für ein Pferd: Mission praktisch unmöglich!
Fotos: Jenny am Weg ins neue Glück; etwas argwöhnisch noch beobachtet sie die Umgebung noch, welche ihr neues zu Hause sein wird…
Dennoch ließ uns die Geschichte nicht zur Ruhe kommen. Inzwischen gab es auch bereits verschiedene Reaktionen, von PferdehalterInnen beispielsweise, die nun ebenfalls von der anstehenden Euthanasie erfahren hatten. Und die mit uns Kontakt aufnahmen, um vielleicht doch noch das nun schon sehr unwahrscheinlich Gewordene zu schaffen. Daniela von www.entspannen-mit-pferden.com sollte gleichfalls von der so dringenden Sachlage hören; auch sie begab sich sofort auf die Suche nach einem geeigneten Gnadenplatz.
Montags riefen wir dann im Reitstall an; dass es dort bereits Probleme, Konflikte, rund um die Stute gab, wurde schnell augenscheinlich. „Gute“ Probleme aber, denn weitere EinstellerInnen hatten von der ganzen Geschichte mitbekommen und begannen sich für das arme Tier einzusetzen. Trotzdem – Entscheidung offensichtlich bereits gefallen… aber die nette Stallbetreiberin wollte weiterhin vermittelnd helfen; also stellte sie in Aussicht, die eigentliche Tierhalterin würde zurückrufen. Was diese dann auch tat.
Wir baten nun um mehr Zeit, wir könnten nicht versprechen ein neues zu Hause zu finden, aber wir würden dennoch gerne alles versuchen, um doch noch einen Gnadenhofplatz zu finden. Allerdings, dafür müsste es etwas Geduld geben.
Fotos: Jenny angekommen im neuen Leben! Was für eine Erleichterung auf allen Seiten!
Ein erstes Durchatmen. Der Tierarzt hatte nämlich gerade den nachmittägigen Termin für die Todesspritze abgesagt; zu viel wäre heute los, zu viele Notfälle. Kurzum, die Pferdebesitzerin würde sich die Sache nochmals durch den Kopf gehen lassen, mit der Familie besprechen. Und wenn mit positivem Ausgang, uns dann zurückrufen.
Rückruf kam jedoch vorerst keiner; dafür eine neuerliche Bestätigung. Die letzte Stunde für Jenny sollte morgen schlagen.
Dienstag; kaum zu glauben, unfassbar eigentlich, gestern Abend hatte sich in der Tat noch eine Chance aufgetan: Daniela von „Entspannen mit Pferden“ war erfolgreich gewesen – eine Freundin, die selbst Pferde um sich hat, eine herzensgute Tierschützerin, sie würde die arme Stute zu sich nehmen. Wie das Ganze mit Transport usw. dann tatsächlich funktionieren könnte, erst mal Nebensache. Denn es galt in erster Linie Gewissheit zu bekommen. Jenny’s Leben abzusichern, sie aus der Gefahrenzone zu bringen. Klar, später würde die Pferdehalterin Hilfe benötigen, in Form von Patenschaften etwa, aber darum würde sich zur gegebenen Zeit gekümmert werden. Jedenfalls: Wie schön ist es zu wissen, dass es da Menschen gibt, die in völliger Selbstaufopferung für jemanden schwer Kranken, in diesem Falle für Jenny, eine Herberge bieten, im Wissen, welche Herausforderung sich aus der Situation unweigerlich ergeben wird…
Hastige Anrufe jetzt nochmals bei der Tierhalterin. Allerdings, niemand hob dort ab! Und der Tierarzt bereits am Weg, so viel wussten wir. Also nochmals ein Gespräch mit der Stallbesitzerin. Ob sie denn nicht erneut versuchen könnte, jetzt, mit der so guten Nachricht, Jenny’s „Frauchen“ anzurufen. Allerdings hatten sich in der Zwischenzeit offensichtlich bereits heftigere Szenen am Hof abgespielt, Streit. Auch deswegen, weil „der Tierschutz“ eingeschaltet worden ist. Direkte Konsequenz: Auch hier waren die unermüdlichen Bemühungen nicht von Erfolg gekennzeichnet. Kein Abheben und kein Zurückrufen. Die Nerven liegen blank, tatsächlich. Wohl auf allen Seiten. Die eine, die noch alles nach vorne wirft, um zu retten, die andere, wo nach so vielen Mühen und ob vermeintlicher Aussichtslosigkeit eine schwere Entscheidung getroffen worden war, die man nach bestimmt reichlicher Abwägung jetzt vielleicht nicht mehr in Frage stellen wollte. Wir kennen das alle, irgendwann muss eine Entscheidung definitiv sein. Und dass Jenny an schweren Problemen laboriert, ist zweifellos.
Letzter Strohhalm – Ein Brief ist schnellstens aufgesetzt, gerichtet an den besagten Tierarzt. Er soll wissen, es gäbe nun eine Alternative. Eine neue Chance für Jenny. Sie könnte weiterleben. Wenn das kein Grund wäre, die Euthanasie abzusagen. Allerdings zeigt die Uhr jetzt schon späteren Nachmittag. Ob die Botschaft den Veterinär überhaupt noch rechtzeitig erreicht?
Gegen halb fünf abends richten wir Hundefutter her. Ein Freund, Michael, wird morgen in der Nacht nach Rumänien fahren und die so dringend benötigten Nahrungsmittel mitnehmen! Für „unseren“ Otto mit seinem DogPark, für Dimi, den Hunderetter von Sanandrei bei Timisoara. Wir sind still beim Arbeiten, denn gerade zuvor war eine Sprachnachricht von einer Tierschutzperson angekommen; der Veterinär wäre da, er zieht bereits die Betäubungsspritze auf…
Plötzlich läutet das Telefon. Jennys Halterin ist am anderen Ende der Leitung! Der Veterinär hätte ihr eben unser Mail gezeigt. Ok, sie würde ihrem Pferd diese Chance geben!!!
Was für Emotionen. Was für eine „letzte Sekunde-Rettung“. Ob bereits, wie uns mitgeteilt, tatsächlich im Angesicht der aufgezogenen Spritze, alles hergerichtet für die letzte Injektion, oder doch noch kurz davor, es ist nicht mehr wichtig. Wichtig ist nur: Jenny soll leben. Wir alle sind in den letzten 30 Stunden wohl um zwei, drei Kilos leichter geworden…
Am nächsten Tag, mittwochvormittags; Die Tierhalterin fährt mit dem Schwiegervater am Hof der letzten Zuflucht vor. Im Pferdehanhänger Jenny! Allen Befürchtungen zum Trotz, die Gute würde nicht einsteigen, hören wir nun anderes: Obwohl es erst ihre zweite Fahrt im Leben war, ging sie in kürzester Zeit in den Anhänger. Die ganze Fahrt über kein Problem. Und aussteigen tut sie nun auch ohne jedes Zögern. Präsentiert sich uns in all ihrer Pracht, lässt sich sofort knuddeln, bezieht ihr neues zu Hause. Fast wie selbstverständlich. Ein klein bisschen nervös zwar, aber auch neugierig. Ob sie’s weiß, wie knapp das alles war? Ob sie’s weiß, wie wenig Chancen sie hatte und welch ein Happy End wir heute feiern dürfen?
Auch diese Spekulation ist natürlich völlig gegenstandslos. Im Moment sind wir einfach nur zutiefst erleichtert. Auch der Pferdehalterin selbst ist offensichtlich ein Stein vom Herzen gefallen; keine Frage, die letzten Wochen waren furchtbar schwere, im Abwiegen, was denn zu tun, was denn das Beste für die Stute wäre. Die natürlich wirklich ein Leiden hat. Aber dann auch ein Leiden, so die Expertinnen rund um mich am Hof, welches in den Griff zu kriegen wird sein.
Ja, tatsächlich sind wir glücklich. So glücklich gar wie selten zuvor im Leben. Denn eine derartige Geschichte, die erlebt man wahrscheinlich wirklich nur ein einziges Mal. Beim nächsten Mal wird es vielleicht nicht so gut ausgehen, denn wenn zu oft, dann wird der Herzinfarkt zum ernsten Thema! 🙂
Sie sehen, dann und wann ist das Schicksal doch kein mieser Verräter“, wie man es ihm gerne vorwirft. Manchmal passieren tatsächlich solche Wunder! Und nur dann, wenn mehrere Seiten zusammenarbeiten. Deshalb – bitte, bitte, wissen Sie von einem Tier in Not, einem Problem ohne bisheriger Lösung, zögern Sie nicht und ergreifen Sie die Initiative! Wenn Sie selbst aus Gründen „warum auch immer“ nichts tun können – Nachbarschaft, familiäre Bindungen, berufliche Verwicklungen beispielsweise – informieren Sie den Tierschutz- oder Tierrechtsverein Ihres Vertrauens! Die Tiere haben keine eigene Stimme, deshalb lasst uns deren sein. Gemeinsam. Und natürlich gehen nicht alle Geschichten so gut aus wie jene hier, selbstredend gibt es auch viel zu oft leider kein Happy End. Aber das darf niemanden davon abhalten, alles zu versuchen. „Keine Chance“, die gibt es nur, wenn man nichts tut. Sich der Initiative verweigert. Aber selbst nur für den Funken einer Möglichkeit sind es alle Mühen der Welt wert, aufzustehen und sämtliche Hebel in Bewegung setzen zu versuchen. Für die Tiere. Zumindest das sind wir ihnen sowas von schuldig!
„Die Unverbindlichkeit, das Schweigen zu einer Untat, die man weiß, ist wahrscheinlich die allgemeinste Art unserer Mitschuld.“
Max Frisch, Schweizer Striftsteller