Ein Zwischenbericht
Es war wieder nach Mitternacht geworden, bis die Lichter in der Herberge endgültig abgeschaltet werden konnten. Dementsprechend müde blicken wir heute in eine Welt, welche uns alleine beim Gedanken an die folgenden Stunden bereits jetzt Bauchweh bereitet. Der Eselmarkt steht am Programm! Eifrige RespekTiere-Newsletter-LeserInnen wissen es längst, es ist dies der Ort der Verdammnis. Ein Platz, wie er nach der Ordnung Gottes so nicht sein dürfte. Eine Herausforderung für Körper und Geist, vor allem für den Geist. Am frühen Vormittag halten wir beim Zugang, und von einer Minute auf die nächste finden wir uns im Wahnsinn wieder. Selbst die Sonne verstaubt, irgendwie ist es immer düster hier; Staub in der Luft, der das Atmen schwermacht. Jeder Zug schmerzt in der Lunge, ganz so, als ob man damit Erinnerungen aufsaugen würde, die sich langsam über die Lungenblässchen im gesamten Körper auszubreiten versuchen und nie mehr isoliert werden können . Dazu die Menschen, denen allesamt irgendwie die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben steht; vielleicht geben sie sich gerade deswegen hart, kaum ein Lächeln, kaum ein Dankeschön für unsere Arbeit. Stockschläge, denen die dieser Ohnmacht völlig ausgelieferten Esel nichts entgegenzusetzen haben. Gefangen in einer alle Gefühle überdeckende Atmosphäre des puren Verlöschens. Ja, man wünscht sich bei der ersten Berührung, hätte man nie von jenem Platz am Ende der Stadt erfahren. Einfach im Unwissen geblieben zu sein, im Ungewissen. Bloss gehört von den Legenden, aber die sind eben nur Legende. Denn hat man dann aber selbst wenn auch nur ein einziges Mal den Vorhang zur Seite gezogen, ist Eingedrungen in das Unaussprechliche, zeigt sich die Büchse der Pandora geöffnet. Es ist wie mit der Unschuld – sie kommt nie zurück. Nichts bleibt mehr nach dem Aufprall, der Unvorbereitete wie ein Hammerschlag trifft, so wie es zuvor einmal war. Kein Vergessen, kein Verdrängen.
Fotos: Die tägliche Tragödie am Eselmarkt – tote Tiere überall, Karton als Hauptnahrungsmittel, schwerste Verletzungen!
Zumindest nicht auf lange Sicht hinweg. Die Eindrücke holen „Mensch“ ein, gnadenlos und oft in den unpassendsten Momenten, in den dunkelsten Stunden. Fortan lebt man mit der Verantwortung des Informiert seins, mit der Belastung, welche jene Bilder so unauslöschlich ins Gehirn gebrannt hat. Irgendwo versteckt in den hintersten Winkeln zwar, beiseitegeschoben, aber nicht gelöscht. Es gibt keine Errortaste. Kein „delete“. Bilder, die so schwer auf der Seele liegen, dass man alleine bei der bloßen Erinnerung daran kaum die Kraft findet, frühmorgens überhaupt nur aufzustehen. Glaubt mir, kein Funke von Übertreibung liegt in diesen Zeilen…
Darum mache ich es auch kurz: Wir beginnen mit der Arbeit, sofort umringt von Eselhändlern. Oft fragen Freunde, soll man die in deren Tun unterstützen, indem man die Wunden der Tiere versorgt? Ihnen damit womöglich den Profit erhöhen, den sie als Seelenverkäufer generieren? Theoretisch nicht. Aber praktisch, wenn man vor Ort steht und all den Wahnsinn direkt erlebt, dann bleibt keine andere Wahl. Die Esel können nichts dafür in dieser Situation zu sein. Und wir bieten unsere Hilfe nicht den Händlern an, sondern den geschundenen Tieren. Was wäre, wären wir nicht hier? Dann würden genau dieselben Esel mit genau denselben Wunden gekauft werden, um dann aber sehr wahrscheinlich nie mehr wieder Balsam auf die Verletzungen gelegt bekommen können. Denk nach: Wird heute ein Esel gekauft – und verkauft, das werden sie schließlich alle, egal, wie schrecklich deren Zustand auch immer ist – und wir ihn morgen auf der Straße beim Arbeiten sehen, dann wäre es selbstverständlich, dass wir zu helfen versuchen, oder? Wie erklären wir diesen Armen aber, dass wir sie jetzt am Markt unbeachtet lassen sollten, obwohl wir die Chance dazu haben, das Leid zu mindern? Wo liegt der Unterschied für sie, wie könnten sie je verstehen, dass wir nicht eingreifen, nur, weil dann auch eventuell einer der Verkäufer profitiert? Der Unterschied liegt nur in unseren Maßstäben, in unserer Ignoranz. In unserer Blase, in der wir urteilen, ohne die Verurteilten, die Mitgeschöpfe, in die Überlegenen miteinzubeziehen. In unserer Ignoranz gegenüber den Tatsachen, in unserem Streben, vermeintlich immer nur korrekt zu handeln, auch wenn dieses Handeln bestimmt, dass wir unsere Grundsätze – die des Helfens um des Helfens Willen – dafür über den Haufen werfen müssen, um nur ja einen Schein zu wahren. Den Schein vom perfekten Gutmenschen. Nur leider gibt es in dieser Welt kein „perfekt“. Und manchmal ist der Umweg eben der bessere, der, der letztendlich viel eher zum Ziel führt. Zumindest der menschlichere. Damit ist alles gesagt.
Fotos, oben: Das Bild wirkt beinahe idyllisch; aber genau das Gegenteil ist der Fall… der Esel ist längst verstorben, Plastik-Essen hat seinen Darm verstopft… Mehrere Welpen finden sich am Eselmarkt; ihre Zukunft wäre eine triste, aber alle drei angetroffen werden in den nächsten Tag von Dr. Dieng in ein neues zu Hause übermittelt! 🙂
Irgendwo hinter einer verfallenden Wand sind tausende Esel begraben. Es sind die Vergessenen, jene, mit welchen man gekommen ist, um neue, starke, junge Tiere zu kaufen. Die Alten, Verletzten, Kranken, die werden dann oft einfach zurückgelassen, aber immer mit dem Hintergedanken, ok, wenn der jetzt nicht arbeiten muss, dann könnte er sich ja vielleicht erholen. Später also werde ich ihn wieder mitnehmen und erneut in den Arbeitsprozess integrieren. Allerdings, zum „später“ kommt es nie. Dennoch, eine solche Ansicht legt als ungeschriebenes Gesetz nahe, niemand hat das Recht hier einzugreifen. Etwa zu euthanasieren. Würde man es trotzdem tun, man hätte jede Chance verspielt, jemals wieder anderen Eseln in der Stadt zu helfen. Gerüchte wie Lauffeuer. Von Eselmördern wäre die Rede, paradoxerweise. Jedermensch würde sich abwenden und die Tage der Mobilen Klinik wären von einem Moment zum nächsten gezählte.
Es gibt also keine Erlösung für die Opfer. In diesem Sinne ist Nouakchott das Dorf, als welches es einst konzipiert wurde, geblieben. Andererseits, Möglichkeiten für die vorhin angesprochenen und erhofften Wunder einer eventuellen Wiedergenesung werden aber auch absolut keine geboten… Kein Strohhalm zurückgelassen, kein Wassernapf, nichts. Die Esel sterben, wie sie gelebt hatten. Unbeachtet, unbeweint. Übrigens, sagte ich zuvor „begraben“? Nein, das stimmt so nicht. Sie sterben, wo sie gestanden haben. Fallen irgendwann um, sobald sie den Bedingungen nichts mehr entgegenzusetzen haben. Verhungern. Verdursten. Einfach so.
Und liegen dann zu viele deren ausgezehrte Körper auf der Fläche, kommt letztendlich der Bulldozer und scharrt sie alle zu. Über die Jahre hinweg sind es hunderte, tausende der Tiere, die hier an diesem – ich sagte es schon – verdammten Ort ihre letzte Ruhe gefunden haben. Tatsächlich wandert man mit jedem Schritt auf den Gebeinen der Verstorbenen. Und weht der Wind leicht, glaubt man deren Anwesenheit immer noch zu spüren. Manchmal dringt sogar das klagende Geräusch aus Eselkehlen unvermittelt ans Ohr; dreht man sich dann um, es ist niemand zu sehen.
Es tut gut, schließlich wieder im Auto zu sitzen. Stiller ist es jetzt, niemand mag auch nur ein Wort sprechen. Es wird erneut dauern, halbwegs den Willen wiederzufinden.