Vom Wert der Gütesiegel! AMA, Woerle, Salzburg Milch und Co!

Aus hoch aktuellem Anlass – die Tragödie um verschiedene Kuhhalte-Betriebe im Salzburger Land ist noch immer Gesprächsthema – möchten wir uns heute einmal mit den ‚Skandalen im Skandal‘ beschäftigen. Denn ein Punkt geht in der ganzen Diskussion gerne unter: die allermeisten der aufgezeigten Landwirtschaften segeln nämlich unter der Flagge weithin bekannter Güte-Siegel und ‚Tierwohl‘-Programme.

Jetzt gilt es als Gebot der Stunde den Zusammenhang zwischen den verschiedenen ‚Tierwohl‘-Initiativen und Gütesiegeln aufzuarbeiten; auch die Rollen der Supermärkte, Molkereien, Käsereien und der AMA dürfen dabei nicht ausgelassen und sollten kritisch hinterfragt werden!
Foto: ein von uns kürzlich aufgedeckter Schweinestall bei Tulln, Niederösterreich – ist das die Tierhaltung, auf welche wir in Österreich stolz sein sollen???
Wir hören dieser Tage so viel über Umwelt- bzw. Klimaschutz, Gott sei’s gedankt macht sich endlich eine breite Masse dazu Gedanken; auch Ernährung ist eines der begleitenden Themen unserer Zeit. Jedermann/frau kann heute hundertfach, von wesentlich prädestinierteren Leuten als von uns verfasst, im Netz nachlesen, wie die Zusammenhänge zwischen Tierhaltung und Umweltschutz funktionieren. Was alles die Massentierhaltung mit dem Klima und unserer Gesundheit anrichtet, diese Informationen sind für jedermann/frau ganz leicht zugänglich. ‚Das habe ich nicht gewusst..‘, zählt deshalb als Ausrede so ganz und gar nicht mehr. Es sind furchtbare Aspekte, und zwar nicht ‚nur‘ für die Hauptbetroffenen, die Tiere, sondern auch für ‚Mensch‘ selbst, denn lassen wir uns erst einmal ein auf diesen Kreislauf, werden die vernichtenden Auswüchse des gedankenlosen Umganges mit dem Mitgeschöpf schnell sichtbar. Wir schaden uns mit Billigfleisch und Co immens, und verlieren dabei noch viel mehr als gedacht – nämlich unsere Menschlichkeit … und, langsam wird es allen klar, so nebenbei auch noch die Zukunft unserer Kinder.
Was aber sind die Alternativen? Genau da möchten wir gerne einhaken, Gedankensplitter einwerfen!
Foto: Putenmastanlage im Waldviertel – die heimischen Geflügelbauern klagen über die Besatzdichte; sie wollen sie erhöht wissen (wo bitte sollen da – siehe Bild oben – aber noch mehr Tiere Platz finden???), weil sie ansonsten angeblich nicht mit der ausländischen ‚Produktion‘ mithalten können. Indem sie verlangen, dass wir unsere Standards nach unten korrigieren, uns also den Tierqual-Bestimmungen aus dem Ausland anpassen, was ist damit im Sinne der Tiere erreicht? Glaubt Ihr nicht, einem Huhn oder einem Truthahn ist es völlig egal, ob er nun in Ampflwang im Hausruck oder in Temeswar in Rumänien schlecht gehalten wird? Es ist eine erbärmliche Diskussion, die die betreffenden LandwirtInnen udn ihre VertreterInnen da gerne vom Stapel lassen.
Die beliebtesten Slogans der TierausbeuterInnen-Industrie lauten zur Zeit ‚Regionalität‘ und ‚vom Bauern nebenan‘, oder ‚vom Bauern ums Eck‘. Und jetzt verstehen Sie uns bitte nicht falsch – keine Sekunde lang soll der Gedankengang dahingehend führen, dass es aufgrund der folgenden Anmerkungen dann eh schon egal scheint, wo und welche tierlichen Nahrungsmittel man kauft. Wenn doch eh anscheinend überall dieselben Probleme mitwirken; aber es macht natürlich sehr wohl einen riesen Unterschied. Eben aus Klimaschutzgründen, bestimmt auch aus gesundheitlichen Überlegungen. Aufgrund der lange Transportzeiten und -wege sowieso. Aber ist die Sachlage abgesehen von der Dauer des Transportes dann aus der Sicht der Tiere auch eine so eindeutige? Und wer ist er oder sie überhaupt, der Bauer oder die Bäuerin von nebenan?
Wir versuchen die Fragen aus der eigenen Erfahrung aufzugreifen und zu klären, nicht anhand wissenschaftlicher Analysen. Sozusagen als AugenzeugInnen, und zwar solcher, die nun doch schon seit mehr als zwei Jahrzehnten einen gewissen Einblick hinter die Fassade bäuerlicher Gehöfte gewonnen haben. Ob dies rechtlich ok ist, darüber kann man gerne zu anderer Zeit diskutieren; denn ja, theoretisch ist es das vielleicht nicht, aber in der Praxis andererseits, und dazu stehen wir voll und ganz, ist es unumgänglich.  Recherchen sind ein umstrittenes Thema; nicht umsonst möchte sie die ÖVP mit langen Gefängnisstrafen bedrohen (in erster Linie natürlich um ihr Haupt-Klientel, die LandwirtInnen, zu schützen) Fakt ist aber, sie sind unbedingt notwendig. Die gesetzlichen Möglichkeiten reichen in Österreich nicht aus, um ansonsten hinter die Kulissen der Tierausbeutungsindustrie zu blicken. Solange unangemeldete Kontrollen von völlig unabhängiger Seite nicht ermöglicht werden, solange wird die Recherchearbeit einen unverzichtbaren Zweig der Tierrechtsbewegung darstellen müssen. 
Foto: das neue Schlagwort ‚regional‘; letztendlich ist der Begriff im Zusammenhang mit dem Verkauf von Fleisch- und Milchwaren im Supermarkt belanglos, denn jeder Hof ist immer für irgendjemanden regional…
Und man sollte auch nicht vergessen – die LandwirtInnen ‚produzieren‘ ja auch für uns, betonen sie doch immer wieder (also nicht für den eigenen Lebensunterhalt, sondern um uns zu versorgen…), und somit liegt der Gedanke nahe, ist es nur gerecht und eigentlich selbstverständlich, dass wir, die wir deren Produkte kaufen sollen, auch einen möglichst unabhängigen Eindruck von der Produktionsweise gewinnen können. Was damit gemeint ist, ist schnell erklärt: eigentlich müssten die Ställe sowieso gläserne sein.
Foto: …dann wären Zustände wie diese wohl nicht länger möglich! KonsumentIn würde in Direktvermarktung von dort wohl kaum kaufen (Hof in Niederösterreich, Bezirk St. Pölten).
Apropos Gütesiegel: ein guter Freund, viele von Euch werden ihn kennen – der Friedrich Mülln von der Soko Tierschutz – hat schon vor 10 Jahren davor gewarnt, auf das Blendwerk der Tierausbeutungsindustrie hereinzufallen. Dazu gehören vermehrte Fernsehberichte selbst aus Schlachthöfen, sogar das tote Tier wird wieder gezeigt. Nur der Tötungsakt selbst wird weiterhin völlig versteckt, dafür sieht man zu verpackende Leichenteile, natürlich gereinigt von der Gewalt, fast blutleer. Dadurch, der vermutliche Hintergedanke, setzt ein Gewöhnungsprozess ein, und allfällige spätere Aufnahmen von TierschützerInnen können nicht mehr ihre Wirkung entfalten. Gepaart ist diese Offensive mit unzähligen Gütesiegeln. Tatsächlich versprechen diese kleinen Aufdrucke zuallermeist viel, viel mehr als zu halten imstande sind.
Foto: achten Sie bitte einmal darauf: fast jedes dieser Produkte ist mit Tierwohl-Gütesiegeln überhäuft. Glaubt man dem, so müsste in der Tierhaltung alles in bester Ordnung sein, dürfte es tatsächlich keine Tierqual-Ställe mehr geben. Leider wissen wir aus schmerzhafter Erfahrung, dem ist sowas von ’nicht so’…
Und ja, hohe Tierschutzstandards gibt es in Österreich tatsächlich. Keine Frage. Viele davon allerdings sind kaum das Papier wert, worauf sie notiert sind. Ein Beispiel: es hört sich doch gut an, wenn beispielsweise bei Kühen von mindestens 90 oder, wie bei der Salzburg Milch (Österreichs drittgrößte Molkerei, immerhin), gar 120 Tagen ‚Freigang‘ gesprochen wird. Man vernimmt derartiges, findet es natürlich gut, aber denkt weiter wenig darüber nach. 120 Tage, das ist ein Drittel des Jahres, also mehr als 33 Prozent. 90 sind ein Viertel, immerhin noch gut 25 %. Und das Gehirn speichert genau diese, bei näherer Betrachtung sehr manipulative, Info als gegeben ab. Spätestens hier beginnt aber die Problematik: denn wer kontrolliert solche Vorgaben? Die gesetzlichen 90 sowieso niemand, nehmen Sie uns beim Wort. Es gibt nicht einmal eine Aufzeichnungspflicht für die Tierhalter! Also, sollte eine – statistisch alle 50 Jahre passierende!!! – Kontrolle stattfinden, dann wird der Kontrolleur hören: ja, gestern waren sie draußen, im Sommer sowieso die ganze Zeit, usw.; da hilft auch die Aussage von Nachbarn, sie hätten die Kühe wären niemals noch im Freien gesehen, oft seit es den Stall überhaupt gibt, nichts. Das Amt wird keine Schritte einleiten. Auf Nachfragen werden wir hören: ‚Wie stellen Sie sich das vor, wie sollen wir das kontrollieren? Einen Mitarbeiter 24 Stunden abstellen, um den Hof zu beobachten? Nein, wir müssen uns auf die Aussage des Bauern verlassen (und hegen meist keinen Grund für Misstrauen gegen die braven LandwirtInnen, da schon viel mehr gegen die TierschützerInnen…)‘. Also, der eigentlich zu Kontrollierende sagt dem Kontrolleur, was dieser oder diese hören will. So einfach ist das, und so wird es in der Praxis dann auch gehandhabt (wobei dies nicht unbedingt ein Vorwurf an die Behörden ist; denn, so viel ist sternenklar, auch die können und dürfen nur exekutieren was das Gesetz hergibt. Leider aber sind entsprechende Passagen derart schwammig formuliert, dass jede Menge Spielraum im Vollzug bleibt).
Aber es kommt noch schlimmer, viel schlimmer: denn der Gesetzestext sagt nicht ‚90 Tage‘, sondern ‚an 90 Tagen‘. Was ein kleines Wörtchen doch für einen Unterschied ausmachen kann! Denn selbst wenn nun tatsächlich an diesen Tagen die Ketten fallen, dann genügt theoretisch eine Zeitspanne von Minuten. Nirgends wird die Dauer nämlich erörtert. Rechnen wir neu; gehen wir von 30 Minuten aus. Mal 90 Tage sind das 2700 Minuten, also 45 Stunden. Bei 120 Tagen sind es 60 Stunden. Im Jahr. Dieses setzt sich aus 525 600 Minuten zusammen. Also gut 8760 Stunden. 45 Stunden aus fast 9 000 sind dann ein halbes Prozent; 60 0,75% – im Vergleich zu den suggerierten 33 % ein zu vernachlässigender Faktor, im Vergleich zu 25 % nicht minder.
Foto: noch immer beherrschen Ketten Österreichs Kuhställe!
Bleiben wir noch kurz bei der Salzburg Milch; ja, keine Frage, deren Initiative zum Tierwohl ist eine gute, eine ernstgemeinte. Aber bei genauer Betrachtung dann auch eine, welche den selbst gewählten Kriterien in der Realität kaum Herr werden kann. Als zu groß könnte sich die Diskrepanz zwischen Wollen und Können herausstellen.
So zum Beispiel wird behauptet, alle rund 2600 MilchproduzentInnen hätten auf die Kombinationshaltung umgestellt. Mag sein, Ausläufe wurden gebaut – aber ob und wie diese verwendet werden, dass kann ganz einfach gar nicht lückenlos geprüft werden.
Apropos ‚Ausläufe‘: das sind kleine betonierte Flächen mit direktem Stallzugang. Im Text heißt es: ‚Weide oder Auslauf an mindestens 120 Tagen (90 Tagen Bundestierschutzgesetz)‘. Da drängt sich doch die Frage auf, wie ist das Verhältnis zwischen ‚Weide‘ und bloßen ‚Auslauf‘? Weil es für die Kuh einen ganz großen Unterschied ausmacht, ob sie auf einer Weide grasen darf oder am Betonfleckchen steht. Und wenig überraschend, obwohl die Tatsächlichkeit zwischen den beiden genehmigten Möglichkeiten bestimmt im überwältigendem Ausmaß zu Gunsten des betonierten Auslaufes ausschlägt, wird in den Werbebroschüren fast ausschließlich die Kuh auf der Weide gezeigt. Auch eine Art der Irreführung, irgendwie schon. Oder wie finden Sie das?
Fotos: ein.und derselbe Stall. Kühe an der Kette. Es gibt zwar einen kleinen Freilauf, aber der ist offensichtlich unbenutzt. Auf Nachfrage erklärt der Bauer, er hätte seine Kühe immer im Stall gehabt und würde das jetzt wenige Jahre vor dem Aufhören nicht mehr ändern. Kontrolle? Selbst beim besten Willen schwierig!
Einer jener von uns in der letzten Woche aufgedeckten Betriebe trägt nach Angaben des Stallbesitzers das AMA-Gütezeichen; AMA (AgrarMarktAustria, wwww.ama.at) selbst erklärt KonsumentIn gerne die heile Bauernhofwelt. Ihre Werbelinie hierfür ist eine, gelinde gesagt, bisweilen sehr unglücklich gewählte. Man erinnert sich an legendäre, weil inhaltslos und verdummende, Sprüche wie ‚Fleisch bringt’s‘, ‚Fleisch macht schlau‘ oder gar ‚Dumme Kuh? Gar nicht dumm: Fleisch ist Brainfood!‘
Und nicht nur die AMA, auch auf anderer Ebene reagiert die Fleisch-Lobby längst. Sie hat den Trend erkannt, wo immer mehr Kinder von sich aus Fleisch ablehnen. Um das blutige Lebensmittel aber wieder attraktiv zu machen, setzt man auf ‚kindgerechte‘ Verpackungen, wo den Kleinen nun Teddybären und co entgegenlachen.
Die AMA aber ging noch einen Schritt weiter; sie verbreitet sogar ein extra Büchlein, wo süße Tiere in Comic-Form erklärten, dass es ihre Aufgabe sei zu Fleisch verarbeitet zu werden, genau, wie es Aufgabe der Kinder wäre lesen und rechnen zu lernen. Den Gang in den Schlachthof beschrieb das üble Machwerk mit der ‚Reise zum Fleischer‘, erzählt von einem Rind mit Trolley. ‚Sie arbeiten mit mir, damit ich ein Schnitzelstar werde, ein Kotelettwunder. Und ein Mega-Überdrüber-Filet‘. Unfassbar! Der österreichische Werberat reagierte, das derarts gebotene Bild wäre irreführend und würde falsche Vorstellungen suggerieren. Die Broschüre musste vom Markt genommen und eingestampft werden.
Nun liest man auf den verschiedenen Werbeplakaten folgende Botschaft: ,Ich schau auf’s Tierwohl. Ganz genau! – Wenn ich auf’s AMA-Gütesiegel schau!‘.  Dachte sich das der AMA-Kontrolleur auch, als er besagten Landwirten zuletzt kontrollierte? Denn nach dessen eigenen Angabe wird sein Stall doch regelmäßig von besagter Stelle überprüft. Der neue AMA-Slogan passt aber irgendwie so ganz und gar nicht zu diesem Hof…
Ja, fast noch schlimmer wird die Disprepanz zwischen Botschaften und der Realität bei nächster Kuhhaltung. Denn jener Hof, ja, auch der ist ‚regional‘ und ‚ums Eck‘, nichtsdestotrotz aber dennoch ein echter Skandal-Betrieb.
Apropos ‚regional‘ – haben wir schon einmal überlegt, dass jeder Hof und jede Landwirtschaft, auch sämtliche Horrorställe aus der Vergangenheit, immer für irgendjemanden ‚regional‘ sind??? Fällt Ihnen nun auf, wie leichtfertig die Werbung solche Begriffe missbraucht?

Doch zurück zur eigentlichen Geschichte; so wie es aussieht, beliefert besagter Milchbauer den großen Salzburger Käsehersteller ‚Woerle‘, zumindest prangt dessen Firmenlogo am Stall. Woerle seinerseits fühlt sich laut firmeneigener Homepage (www.woerle.at) ‚der Natur und der Reinheit verpflichtet‘ und klärt unter anderem über seine ‚5 Prinzipien‘ auf. Eines deren, unter der Headline ‚Reinster Käsegenuss‘ besagt: ‚ Heumilch-Kühe genießen im Sommer das Beste der Wiesen und Weiden, nämlich frisches Gras, Blumen und Kräuter, und in der kalten Jahreszeit bekommen sie sonnengetrocknetes Heu – frei von Gärfutter aus Silos.‘ Ja, das hört sich doch ebenfalls nett an. Nur, ob die Kühe jemals eine Weide selbst betreten, dass sagen die Zeilen nicht aus. Weiters wird die ‚Handschlagqualität‘ betont, und das persönliche Verhältnis des Firmenchefs zu allen Lieferanten. Im Wortlaut: ‚Waren es 1889 etwas mehr als eine Handvoll Bauern, die ihre Milch der Käserei von Johann Baptist Woerle lieferten, sind es heute viele Bauernfamilien im Flachgau und Mondseeland. Und Gerhard Woerle kennt sie alle persönlich. Das Klima, in dem solch standhafte Beziehungen gedeihen können, ist ein sehr freundschaftliches – ein Klima, das von gegenseitigem Respekt für die Leistung des Anderen geprägt ist und in dem man sich beim Reden in die Augen schaut. Darum nutzt Gerhard Woerle auch jede Gelegenheit, um zu den Bauern hinauszufahren und mit ihnen über ihre Sorgen, Nöte und Wünsche zu reden.‘ Ob Herr Woerle auch, sofern es dann ein Lieferant ist, auf diesem Hof war? Und wenn ja – will man den Worten auf der Homepage glauben, muss er es eigentlich gewesen sein – ist ihm da nichts aufgefallen? Dass die Gebäude im desolaten Zustand sind, dass das Dach einbricht? Dass die Kühe in den eigenen Fäkalien stehen??? Wir werden selbstverständlich nachfragen.
‚Woerle – feinster Käsegenuss‘ – wenn die Milch hierfür tatsächlich auch aus diesem Stall bezogen wurde, dann könnte dies ein schweres Glaubwürdigkeitsproblem für Woerle darstellen… Fakt ist: das Firmenlogo prangt am Gebäude!
Ja, es stimmt, vorbei sind wenigstens die Zeiten, wo auf Legebatterien-Eierpackungen glückliche Hühner auf grüner Wiese abgebildet werden durften; dem Einfallsreichtum waren keine Grenzen gesetzt – und sind es leider aber bis heute nicht.
So zum Beispiel finden wir auch die Bezeichnung ‚Landhendl‘ eines großen oberösterreichischen Konzerns nicht unproblematisch. Diese impliziert nämlich ebenfalls glückliche Hühner auf dem Land, fehlt nur noch die Impression, dass sie von Großmutter mit der Hand gefüttert werden. Auf den Firmen-LKW’s sieht man Zeichnungen von einem kleinen Dorf, umgeben von Wiesen, wo karikaturhafte glückliche Hühner im frischen Gras picken. ‚Landhendl‘ ist jetzt aber keine direkte Lüge, so gescheit sind die Werbemacher selbstredend; denn die Hühnerhallen sind ja am Land. Nichts Anderes sagt der Begriff auch aus, genau, wie wenn die Billa von ‚Bauernhofgarantie‘ spricht, was ebenfalls kaum klagbar ist – Bauernhof ist ein weitläufiger Begriff, Landhendl ebenso. Ein Bauernhof ein Gebäude wo landwirtschaftliche Tierhaltung passiert, ein Landhendl wiederum ein Hendl (Huhn, Anm.), welches am Land lebt. Allerdings kann ersteres auch ein riesiges Tierkonzentrationslager sein, und zweitere sind dort in ebensolchen untergebracht (also doppeltes ‚Gütesiegel‘; am österreichischen Bauernhof und Landhendl noch dazu; was will man mehr?). Und ob ein Konzentrationslager nun in der Stadt steht oder irgendwie in der Peripherie, ist für die eingesperrten InsassInnen selbstredend völlig egal. Für KonsumentIn anscheinend nicht. Stadthendl würde sich ungleich schlechter verkaufen als Landhendl.
Fotos (oben: www.huberslandhendl.at) – auch hier klafft die Fiktion und die Realität weit auseinander!
Kein Tier mag von sich aus eingesperrt sein, kein Tier mag an einer Kette hängen, egal wie lange, und kein Tier mag im Schlachthof sterben. Das sollten wir in unsere Überlegungen mit einfließen lassen. Und natürlich ist es besser, tierliche Produkte regional zu kaufen, anstelle von Fleisch und Eiern aus Massentierhaltungen, oft um die halbe Welt gekarrt. Fakt ist aber auch, wenn man schon vom ‚Bauern von nebenan‘ kauft, dann kann man sich dort gleich selbst von den für die Tiere vorherrschenden Bedingungen überzeugen; ist der Mann oder die Frau vertrauenswürdig, geduldig, trauen Sie ihm oder ihr zu, gut zu den Tieren zu sein, ist der Stall sauber? Wenn Sie erst gar nicht hineingelassen werden, dann wissen Sie ohnehin was es geschlagen hat.
Foto oben: was sagte dieses Plakat einer früheren Billa-Werbung aus? Nur, dass das Fleisch von einem Tier stammt, welche in einem österreichischen Agrarbetrieb gelebt – vegetiert – hatte. Wie, das erscheint durch die rot-weiß-rote Siegelbrille nebensächlich…
Unten: so wie in diesem von uns aufgedeckten Skandalbetrieb zum Beispiel!
Aber zurück zu den Gütesiegeln. Sie mögen eine Standortbestimmung darstellen, in wenigen Bereichen. Meist sind sie aber bloß Plaketten, die Halbwahrheiten verteilen. Und sie sind eine immense, riesenhafte Gefahr für den Tierschutz, das ist aber nur den Allerwenigsten überhaupt nur bewusst. Denn sie versuchen uns davon zu überzeugen, dass ‚ausgezeichnetes‘ Fleisch ohne jegliche Gewissensbisse konsumiert werden darf, ja, sogar konsumiert werden soll. Sie nehmen uns die natürliche Abscheu von der Gewissheit, dass für jedes Stückchen ‚eh so wenig Fleisch‘ ein Tier sterben muss. Sie trichtern uns ein ‚wenn die Tiere ein gutes Leben gehabt haben, dann ist das mehr als ok sie dann auch zu essen.‘

Letztendlich können diese Plaketten genau deshalb einen absoluten Stillstand im Tierschutz bewirken. Sie erwirken in ihrer Konsequenz einen ‚Freispruch‘ für das Essen von Tiere ohne noch weiter über deren Schicksal nachdenken zu müssen. Verzehr mit gutem Gewissen, sozusagen!
Fotos: ‚Bauern brauchen einen fairen Preis‘ steht beim Betrieb, wo wir dieses Foto (unten) gemacht haben…
Gütesiegel sind eine bequeme, eine perfekte Ausrede für einen anhaltenden Fleischkonsum. Nicht mehr und nicht weniger.
Foto: verbotene Hornanbindung beim ‚Bauern von nebenan‘, von uns immer wieder thematisiert!
Fakt ist, wir dürfen uns nicht blenden lassen, Dinge als gegeben hinnehmen, nur, weil es eine Werbelinie so verspricht. Tatsächlich müssten, und das ist aber nur meine Privatmeinung, fast alle Werbetreibenden zur Verantwortung gezogen werden, weil sie einfach eine Welt vortäuschen, die es nicht mehr gibt, vielleicht nie gegeben hat. Bauerhof-Idylle widerspricht sich nämlich so was von eindeutig mit Gewinnspannenberechnung, dass es in der Seele schmerzt.

Abschließend sollte auch noch erwähnt werden: wie man es auch dreht und wendet, Tierleid ist nur dann größtmöglich zu verhindern, wenn man sich vegetarisch oder noch besser vegan ernährt. An uns liegt es Leid zu minimieren; klar, ohne jede Frage, auch Pflanzen fühlen. Doch sind sie im Gegensatz zum Tier und Mensch nicht mit einem zentralisierten Nervensystem ausgestattet, welches nach heutigem Stand der Wissenschaft die Grundlage zur Leidensfähigkeit darstellt. Also, wie auch immer produziert, pflanzliche Lebensmittel verursachen immens weniger Leid als tierliche. Und das ist alles was zählt.
Fotos: all diese Bilder stammen ‚vom Bauer ums Eck‘. Sie implizieren, dieser hat langsam aber sicher ebenfalls ein Imageproblem, genau wie die großen ‚Tierfabriken’…
Letztes Monat durften wir bei einem Kongress der ‚Grünen‘ zum Thema ‚Ernährung in der Stadt‘ einen Beitrag leisten – unseren dortigen Vortrag, ‚Der Bauer von nebenan‘ oder ‚die (Ohn-)Macht der Gütesiegel‘, werden wir aus gegebenem Anlass in den nächsten Wochen an verschiedenen Orten wiederholen. Termine folgen in Kürze!
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