RespekTiere im Einsatz… ist das zu fassen…

Aufmerksame LeserInnen erinnern sich noch – letzte Woche berichteten wir über ein Eselrennen in der bayrischen Gemeinde Holzhausen. Bei unserem Besuch hat sich herausgestellt, dass eine solche Veranstaltung den Eseln ganz sicher keinen Spaß macht, nur der Belustigung des Publikums dient, es als eine Tierquälerei zu bezeichnen, wäre aber dennoch etwas übertrieben.
Bei unserer heutigen Nachricht aus selbigem Dorf liegt die Sachlage da schon sehr anders!

Holzhausen ist ein kleines Dorf im Landkreis Berchtesgadener Land; war die Gemeinde einst eine selbstständige so ist sie seit 1972 der Marktgemeinde Teisendorf eingegliedert.
Idyllisch gelegen am Teisenberg versprüht sie bäuerlichen Charme und entspannte Gelassenheit.
Vor den Toren Salzburgs in das sanfte Hügelland eingebettet ist Holzhausen immer einen Ausflug wert. Oder, in Anbetracht der Dinge, war es zumindest bis gestern…

Das Eselrennen findet im Rahmen des Holzhausener Pfingstfestes statt. Dieses, übrigens die größte ‚Brauchtums‘-Veranstaltung zwischen dem Chiem- und dem Köngissee (wie der Veranstalter gerne posaunt), streckt sich über eine ganze Woche hinweg, die Tage gespickt mit traditionellen und modernen Events, begleitet von Volksfeststimmung mit viel Musik und noch mehr Alkohol.
Holzhausen schafft es innerhalb dieser weniger Tage zigtausende BesucherInnen anzulocken, hat sich als Veranstaltungsort einen sehr guten Namen verdient.
Wir bekamen diese Woche eine Nachricht, eine besorgte Tierschützerin meinte, zum Abschluss des Pfingstfestes – eine Woche Bierzelt – würde ein Schwein versteigert werden, sozusagen live, würde es mitten in die tobenden Halle gebracht, ausgesetzt einer johlenden Menge. Sie hätte dieses ‚Brauchtum‘ im letzten Jahr mit eigenen Augen gesehen und als furchtbar für das Tier empfunden.
So waren wir gestern am späten Abend vor Ort um selbst Zeuge zu werden; glauben wollten wir es ehrlich gesagt nicht so ganz, irgend wie unvorstellbar, dass in unserer als so aufgeklärter Gesellschaft gedacht solche unnötigsten Akzente von Gewalt und Ausbeutung gegenüber Tieren ungestraft und unbekrittelt passieren – noch dazu in der näheren Nachbarschaft!

Das Bierzelt präsentierte sich trotz des strömenden, gewitterartigen Regens auch zur späten Stunde noch brechend voll. Die Stimmung war eine ausgelassene, es wurde auf den Tischen getanzt, Dirndl und Lederhose beherrschten das Bild. Die Musikkapelle Surheim begeisterte das Publikum, alle paar Minuten hieß es ‚Oans, Zwoa, Drei – Gsuffa!‘, sehr zu Freuden der Veranstalter, weil, derart animiert, der Bierkonsum damit in lichte Höhen getrieben wurde. Dass selbst viele, viele Teenager mit Maßkrügen in den Händen und unsicheren Gang durch die Menge drängten, mochte uns in diesem Zusammenhang noch weniger stören, für diese Problematik sind andere zuständig.

ausgelassene Stimmung in Holzhausen; es ist schön wenn Menschen feiern, aber was hat dabei ein Schwein in einem Holzkäfig zu suchen????


Dass aber später ein Schwein in einem Käfig dieser aufgewühlten Masse an Menschen angeboten werden würde, diese Aussicht sollte uns doch sehr erzürnen.
Immer wieder animierte die Band mit Schunkel- und Trinkliedern die BesucherInnen zum anprosten; das Fest steigerte sich offensichtlich zu seinem Höhepunkt – nach Auskunft eines Festgastes sollte es nun wirklich bald so weit sein, das arme Tier sollte ’so gegen 22 Uhr‘ tatsächlich in diesen Bienenstock menschlicher Ausgelassenheit gebracht werden! Von einem süffisanten Lächeln untermalt drängte sich der Verdacht auf, dass die Geschichte vielleicht doch nur ein Scherz sein sollte und später würde man ein Plastikschwein in die Halle tragen, mit der Bemerkung: ‚Jetzt können die TierschützerInnen unter uns wieder durchatmen‘ – ach ja, wie lustig und alle freuen sich über den gelungenen Gag (und wir uns mit)…
Nun zeigte die Uhr schon knapp 22.30, es gab bis auf die immer wieder getätigten Aufrufe der Musiker ‚Gleich ist es soweit! Eine Nummer geht sich noch aus – Anstoßen!‘ o. ä. noch immer keine Hinweis auf den Beginn der Prozedur; vielleicht sollte das Ganze dann doch nur eine Pointe sein, ein Gerücht.
Wir warten nun, mit ob der Lautstärke bereits dröhnendem Kopf, vor dem Zelt, dem einzigen Eingang in diese ‚Brauchtumswelt‘, in der die Würde des Tieres anscheinend bis heute keinen Einzug gefunden hat und in wenigen Minuten anscheinend auf das Äußerste untergraben werden wird. Wie schnell Brauchtum abgleitet in völlig sinnlose Tierquälerei, dass sollte uns an diesem Abend leider tatsächlich einmal mehr all zu deutlich bewusst werden! Dabei fehlt diesen Menschen ganz bestimmt die Absicht zum Delikt, viel mehr paaren sich hier Unverständnis und althergebrachte Ansichten über den Wert des Tier(und deren Gefühls-)lebens zu einem Duo, zu einem Gespenst, welchem in unseren Tagen ansonst die gesellschaftliche Akzeptanz zunehmend entzogen wird.
Lassen Sie es uns kurz machen: plötzlich tragen vier Burschen in Trachtenkleidung einen Holzkäfig vor das Festzelt, darin ein apathisch wirkendes Schein, zu Boden gekauert. Sie stellen die Kiste kurz ab, BesucherInnen bleiben stehen, machen Scherze wie ‚Jetzt befreien wir die Sau! Hahaha!‘; nur ein Mädchen scheint Anteil zu nehmen, empfindet Mitleid, greift in den Käfig und verteilt beruhigende Streicheleinheiten. Dann wird das breite Tor geöffnet, die Festzeltgäste werden gebeten den Mittelgang frei zu machen und unter lautestem Getöse der Musikkapelle wird das arme Tier durch die Halle getragen, bis hin zur Bühne. Die Leute springen auf den Tischen, lachen, prosten, trinken, feiern; es folgt nun keine Versteigerung, viel mehr ist es eine Verlosung: zu jedem Maß Bier, welches die vergangene Woche getrunken worden war, gab es einen Gewinnbon, dritter Preis eine Flasche Schnaps, zweiter Preis eine Kiste Bier – und erster Preis: ein lebendes Schwein!

das arme Tier wird gebracht


die Menge macht Platz, wie bei einem Schauprozess im Mittelalter


Es treibt dem denkenden Menschen die Schamesröte ins Gesicht – alles, wirklich alles kann als Gewinn dienen, nur nicht das Leben eines völlig ausgelieferten Wesen! Was zum Himmel denken sich die Veranstalter bei solcher Preisausschreibung? Finden Sie es witzig? Nein, es ist nicht lustig, verzeihen Sie die deutlichen Worte, es ist abgrundtief dumm, verurteilenswert, dem Geiste eines mit Überlegungskraft ausgestatteten Wesens nicht würdig! Es ist eine öffentliche Schande, eine Bankrotterklärung der menschlichen Entwicklung, nicht mehr und nicht weniger!
Es ist nicht zu fassen, wie Menschen, ohne zu zögern, derartigen Tierquälereinen erliegen, ohne überhaupt auf das Tierleid selbst aufmerksam zu werden. Kaum jemand in der Halle nimmt Notiz davon, dass dieser ‚Brauch‘ völligst fehl am Platz ist, vielleicht noch ein Teil mittelalterliche Vorstellungswelten war – und selbst dort wahrscheinlich von mehr BetrachterInnen als schrecklich empfunden wie hier – in unseren Tagen aber absolut nichts mehr zu suchen hat! Hier wird die Ehrfurcht vor dem Leben mit Füßen getreten, die Rechte der Tiere und deren Würde ebenso. Und warum? Für eine Belustigung, was sonst sollte es sein? Sich am Leid des Wesens Tier zu erfreuen, dass möchten wir niemanden unterstellen, aber das Leid nicht zu sehen, als solches zu erkennen, diesen Aspekt dann doch! ‚Die Grausamkeit gegen die Tiere und auch schon die Teilnahmslosigkeit gegenüber ihren Leiden ist meiner Ansicht nach eine der schwersten Sünden des Menschengeschlechts. Sie ist die Grundlage der menschlichen Verderbtheit‘, sprach einst der französische Schriftsteller Romain Rolland – und wie recht er doch hatte!
Was zum Abschluss des Pfingstfestes in Holzhausen passiert, dürfen wir nicht als gegeben hinnehmen. Es treibt dem tierliebenden Betrachter Tränen der Wut in die Augen, wenn die ‚Ware Tier‘ einem durchwegs angetrunkenen, lautstarken Publikum ausgeliefert wird, von dröhnender Musik begleitet, als Mahnung an die Übermacht, Unterstreichung der absoluten Lauterkeit, des Menschen dem Tier gegenüber: in Wahrheit ist es allerdings eine Bankrotterklärung aus niederen Beweggründen, eine Schwärzung der humanen Seele und gleichzeitig eine bewusste Erniedrigung an der der Tiere; im selben Maße erniedrigt es aber dann auch die Ausführenden selbst, macht sie zu herzlosen Sensationstreibern, zu unwissenden Neandertalern.
Das Schwein steht direkt an der Bühne, im Hintergrund peitscht der Saalsprecher die Stimmung des Publikums auf, die Musik spielt einen ‚Tusch‘ nach dem anderen. Die gewinnenden Losnummern werden nun gezogen, eingeklatscht von euphorischen Bierzeltgästen; jede/er GewinnerIn hat nun eine Minute Zeit auf der Bühne zu erscheinen, sonst wird ein neues Los gezogen. Ein Mädchen freut sich bestimmt sehr über den Schnaps, ein junger Mann wahrscheinlich schon über die Kiste Bier. Die ganze Zeit über harrt das verängstigte Schwein in seiner Hölle aus, erweckt den Eindruck unter Beruhigungsmittel zu stehen. Es rührt sich kaum, vielleicht wegen des Einflusses solcher, vielleicht aber auch nur aus schrecklicher Furcht.

Gewinnkategorien, Vorurteilen gegenüber Bayern gerecht werdend: Schnaps, Bier, Schwein…


Lernen für’s Leben: hier wird unseren Kleinsten die Nichtigkeit des Tierdaseins forgeführt…


Dann ist der Hauptgewinn an der Reihe – das Publikum zählt die Sekunden von der Minute runter, welche dem Gewinner Zeit bleiben um auf der Bühne zu erscheinen; die Atmosphäre wird immer ausgelassener, das Zelt ‚kocht‘.
Ein junger Mann überreicht sein Los, die Nummer stimmt mit der der Ziehung, überein, er hat gewonnen! Nochmals geht tosender Applaus durch die Menge, ein Konfettiregen aus unbelohnten Gewinnkupons geht auf die Ränge nieder – und dann, innerhalb von weniger Minuten, ist es plötzlich gespenstisch still!

Der Hauptgewinn: 120 kg verängstigtes Leben


Die vier Männer packen den Käfig, verlassen eilig den Saal, verschwinden in die Anonymität der Nacht. Wir schaffen es nicht ihnen zu folgen, denn urplötzlich erheben sich hunderte BesucherInnen von ihren Plätzen und strömen alle gleichzeitig dem Ausgang entgegen. Wie in einem schlechten Film ist die Stimmung von einer Minute zur anderen zusammen gesackt und die Leute verlassen in großer Zahl das Festzelt.
Zurück bleiben ein paar Sitzenbleiber, das Pfingstfest Holzhausen endet mit seinem alljährlichem traurigen Höhepunkt.
Was bleibt ist Ärger. Ärger über den Veranstalter, der ein an und für sich bestimmt einzigartiges Fest mit viel Brauchtum und Folklore, guter Stimmung und netten Menschen einen so fahlen Beigeschmack zusetzen musste. Ärger über die Festgäste, die seit Jahren in dem Vorgehen entweder kein Delikt erkennen, es doch tun und bisher nicht den Mut aufbrachten dagegen einzutreten…
Lassen wir es nicht zu, dass auch im nächsten Jahr ein Tier dieser Prozedur ausgesetzt wird!
Lassen Sie uns gemeinsam beim Veranstalter protestieren, bitte schreiben Sie an dessen E-Mail-Adresse, genau so wie Sie das immer machen – freundlich aber bestimmt!
Lassen Sie uns keinen Streit mit den Verantwortlichen suchen, geben wir Argumente, klären wir auf über das Tierleid, stellen wir alternative Priese zur Auswahl – um im landwirtschaftlichen Rahmen zu bleiben zum Beispiel einige Festmeter Holz zum Heizen, Gutscheine über Feldfrüchte, Urlaub am Bauernhof und, und, und!
Lebende Wesen so zu missbrauchen, dass darf nicht mehr passieren. Sollte sich der Veranstalter uneinsichtig zeigen, auch dann werden wir uns zu helfen wissen. Dann wird Holzhausen nämlich vielleicht in einer Art berühmt werden, wenn sich die Begebenheiten herumsprechen, welche den Gemeindevätern und -müttern dann doch nicht ganz so behagt. Und Herumsprechen tun sie sich rasend schnell, in Zeiten der totalen Vernetzung…
Kontakt: Bierzeltgemeinschaft Holzhausen GbR; Fax: (aus Österreich) 0049-(aus Deutschland 0-) 8666-981769, oder e-mail: kontakt@pfingstfest-holzhausen.de

Es gibt auch ein Kontaktformular auf der eigenen Homepage, http://www.pfingstfest-holzhausen.de/cms/front_content.php?idcat=25&lang=1
Abschließen möchten wir gerne mit einem so aussagekräftigen Zitat von Max Frisch, der da folgerichtig feststellte: ‚Die Unverbindlichkeit, das Schweigen zu einer Untat, die man weiß, ist wahrscheinlich die allgemeinste Art unserer Mitschuld.‘


 
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