Pferdemarkt Abtenau

Eine Bastion beginnt zu wackeln!
Wer sagt ‚Kundgebungen bringen doch eh nix‘, der/die möchten wir bitten die folgenden Zeilen um so aufmerksamer zu lesen!:)
Abtenau; eine wunderbare Ortschaft in den weitläufigen Tälern zu Fuße des mächtigen Tennengebirges gelegen; ein Lebensraum mit glasklarer Luft, umgeben von einzigartiger Natur, gespeist von kristallenen Gebirgsbäche – ein Dorf, wie dem Reißbrett eines findigen Tourismusplaners entsprungen.
Für 364 Tage im Jahr regiert tatsächlich diese Idylle; doch an einem einzigen Tag, einem Donnerstag zu Ende August oder zu Anfang September, da wird die Fremdenverkehrsromantik jäh und brutal durchbrochen, stürzt die aufgebaute Fassade wie ein Kartenhaus in sich zusammen…

Fohlenmarkt Abtenau


Fohlenmarkt; angstvolles Wiehern beherrscht die Szenerie; weit aufgerissene Pferdeaugen erzählen von zu erwartendem Schmerz und Leid; langsam beginnt sich der dafür vorgesehene Platz zu füllen, ein riesiges Festzelt an der Seite, kunterbunte Marktstände mit Zuckerwatte und Spielsachen an der anderen, inmitten eine Arena, ganz wie in alten, längst verstaubten Zeiten. Hier werden sie vorgeführt, die modernen Sklaven; und ganz wie einst bei den Römern entscheidet der ‚Besitzer‘ über Leben und Tod – damals der Kaiser, heute der Landwirt, doch den Opfern unserer jeweiligen Gesellschaftsformen wird es einerlei sein, denn ihr Schicksal liegt hier und dort in fremden Händen. Der Bauer weiß, auch wenn er das vielleicht nicht immer gerne zugibt, an wen er seine Fohlen weiter gibt; entsprechen diese nicht dem zum Himmel stinkenden Schönheitswahn, ist eine Färbung des Schweifes, der Mähne, des Rückens nicht an der richtigen Stelle, dann hat das arme Tierkind keine Chance; die ‚Vieh’händler warten schon…
Sehr viele von den Dargebotenen sind nur dazu geboren um ihr kurzes Leben in einem Schlachthof, oft genug dann auch noch in einem italienischen, auszuhauchen (was nicht unbedingt bedeutet, dass dort noch schlimmer mit den Tieren verfahren wird als bei uns, soll lediglich heißen, dass zu all dem Leid auch noch ein weiter Transportweg in Todesangst hinzu kommt…).
RespekTiere war wieder vor Ort, wie schon seit vielen Jahren versuchen wir vor allem die Zaungäste auf das oft unsägliche Tierleid hinter dem Vorhang solcher Brauchtumsveranstaltung aufmerksam zu machen. Direkt entlang des Zuganges zum Auktionsgeländes, des einzigen Zuganges (!) zu diesem, dürfen wir unsere Meinung kundtun – einen besseren Platz hierfür kann es nicht geben 🙂 Jede/r BesucherIn muss an uns vorbei, wird mit den Aspekten aus Tierschutzsicht unmittelbar konfrontiert!

RespekTiere-Infostand am ‚Festgelände‘-Eingang


Bald schon begrüßt der sensenbewehrte Gevatter Tod die herbeiströmenden Menschenmassen, lenkte deren Aufmerksamkeit weg von der vermeintlich sauberer Tradition hin zum Tierleid; eine ‚Pferdehändler – Seelenfänger‘-Aufschrift ziert seine Brust, ein blutiges Beil wird von knochigen Fingern umklammert.


Eine Journalistin kommt; sie interessiert sich sehr für die Vorgänge, wir dürfen all unseren Kummer und unsere Sorgen berichten, dürfen über Hintergründe sprechen, warum wir hier sind; erneut wird die Zeitungsfrau berichten, erneut werden so viele tausend Menschen informiert, mit einer ethischen Seite konfrontiert:) Wir schlüpfen inzwischen in eine (kunst-)blutige Metzgerkluft, in der einen Hand die Fleischeraxt, die andere umfasst einen Strick, der um den Hals einer Aktivistin im Pferdekostüm gelegt wird; dann beginnt unser Spiesrutenlauf, adrinaldurchflutete Adern pumpen verstärkt und im schnellen Tempo das Blut durch den angespannten Körper; vorbei geht es an den Marktständen, vorbei an seit Stunden anwesenden Polizei-Einheiten, hinein mitten in den Trubel; die Pferdehändler nehmen’s kritisch zur Kenntnis, die Zuschauermasse weicht fast ehrfurchtsvoll zur Seite, die Landwirte schimpfen, wünschen uns Pest und Tod, verlieren sich in äußerst bedenkliche Verwirrungen der menschlichen Ausdrucksweise – was dann auch kein Neuland für uns ist, wie üblich halt, auch wir sind längst zum Teil des Kreislaufes der Ereignisse geworden:) Die sehr nette Journalisten begleite uns auf diesem ‚Rundgang‘ und das ist gut so – Willkommen in der Wirklichkeit!



Wieder, wie bereits kurz erwähnt, ist auch die Polizei sehr stark vertreten; in Fakt stehen zwei Mannschaftsbusse geparkt, dazu ein Einsatz-PKW. Die Uniformierten haben Aufstellung genommen, direkt gegenüber des Tierschutz-Zeltes; beginnen die Straße durch den Markt zu patrouillieren, mit einem Hauptaugenmerk auf die Arena und auf die beginnenden Verladetätigkeiten. Deren Präsenz hat sich in den Jahren zunehmend verstärkt, besonders seit unserer Erstürmung der Auktionsarena in Maishofen! Die Beamten versehen ihren Dienst, doch nicht emotionslos; immer wieder können wir deren Blicken oder Gesprächen entnehmen, dass sie Mitleid fühlen, Mitleid mit den Gefesselten, mit den Ängstlichen, den Wehrlosen. Und diese Einsicht erfreut uns zutiefst, ist sie doch eine unbestreitbare Begleiterscheinung der Aufklärungsarbeit – nie waren Polizisten ‚vor unserer Zeit‘ zu diesem Event gekommen, waren sie konfrontiert mit dem dortigen Tierleid! Nun sehen sie es mit eigenen Augen, greifen in Beurteilungen nicht aus Erfahrungen aus dritter Hand zurück. Und erkennen offensichtlich, wie wichtig Tierschutz sein MUSS!!!
Und noch ein Punkt wird wirksam; jetzt, durch die ungemein starke Polizeipräsenz, werden auch die Touristen viel aufmerksamer, interessieren sich mehr für den Hintergrund des Geschehens, kommen von sich aus um Information zu erhalten! Warum wohl muss die Veranstaltung überwacht werden, warum gibt es hier nicht nur Befürworter? Die Menschen beginnen zu hinterfragen, jedes Jahr noch verstärkter, selbst Alteingesessene, in traditionelle Trachten gekleidete Menschen erheben mehr und mehr ihre Stimme! Teilen uns deren Ansichten mit, berichten von sich aus über Begebenheiten, wie es früher war, von unglaublichen Brutalitäten, als noch kein Tierschutz allein durch seine Anwesenheit zur Vorsicht mahnte.

Jedenfalls machten die eingesetzen Beamten ihre Arbeit ganz fantastisch; stets beruhigend wirkten sie auf den einen oder anderen aufgebrachten Gast ein, und Sager wie ‚Warum seid’s Ihr do? Wiads leicht Heit (Heute) zum Raffen (Raufen)?" brachten die Uniformierten keine Sekunde aus der Ruhe oder zur Parteienstellung!

der lange Weg in die Arena – ein Spießrutenlauf durch die Menschenmassen…


ängstlich schmiegt sich diesen Fohlen an seine Mutter – ein letztes Mal…


Augen suchen nach Hilfe…


Ja, die Situation an den Pferdemärkten ist eine bessere geworden, unbestreitbar. Und selbst – erinnern wir uns zurück an unsere ersten Auftritte in der Masse der Tierhändler, wie waren wir den Angriffen ausgeliefert, wie oft wurde dabei Hitler herbeigewünscht oder der Strick – und selbst die Händler und Landwirte, die scheinen langsam umzudenken. Natürlich, es gibt sie immer noch, oft in ganz erheblichen Ausmaß – wie die Journalisten auch gestern feststellen musste, als sie uns in Metzgerkleidung und Pferdekostüm durch das Gelände begleitete – die Drohungen, die Verwünschungen und Schmähungen aus der untersten Schublade menschlicher Ko-Existenz; doch nur ein Beispiel: während des Beladens eines Lkws fotografierten wir; einer der Arbeiter, ein großer, schwere Mann, einer jener Zeitgenossen, den man gerne um sich hat, gilt es etwas zu bewachen oder für Ordnung zu sorgen:), den wir kennen aus Filmen, mit dunklen Sonnenbrillen als Bollwerk vor seinem Geldgeber, als lebender Kugelfang, kam plötzlich auf uns zu und wir erwarteten eine Anpöbelung der schlimmeren Sorte – doch der Mann begrüße uns sehr freundlich, sagte, wenn wir möchten, so dürften wir auch auf den LKW kommen, es gäbe bei ihm nichts zu verbergen… Was wir dann auch taten, und selbst jene, die Fohlen auf den Anhänger brachten, zeigten sich dabei betont freundlich.
Ja, es ist ein unbestreitbares Faktum, heute können sich Seelenfänger und Tierverkäufer nicht mehr Wutausbrüchen ob der Widerspenstigkeit ihrer ‚Schützlinge‘ hingeben; heute verfahren sie wesentlich gefühlvoller mit den Tieren, passen auf, denn nebenbei geht es nicht ’nur‘ um das Wohl der Tiere, unzählige Fotoapparate nehmen das Geschehen auf, bannen es für alle Zeiten auf Chip und Speicherkarte!
Es ist gewiss, die vielen, vielen intensiven Stunden der Tierschutzarbeit haben gefruchtet; die Gespräche mit dem Zuchtverband bleiben nicht wirkungslos, keine Frage; so wurde schon im letzten Jahr bei der Ansage zu Beginn der Versteigerung der Tierschutz mit begrüßt und die Anwesenden dazu aufgefordert, auch unsere Meinung gelten zu lassen und keinesfalls aggressiv zu erscheinen. Auch gibt es heute wesentlich weniger verletzte Tiere an den Märkten, den Pferden wird ständig Wasser geboten, und selbst deren Anzahl – zumindest gestern in Abtenau – ist eine abnehmende; ganz so, als ob die neuen versprochenen Kriterien zu greifen beginnen, wofür wir dem Zuchtverband ein Lob aussprechen möchten…

Dennoch, es ist nicht alles eitle Wonne, ganz im Gegenteil; die Verladungen gestern zeigten wieder die ganze Brutalität des Geschäftes, das Zusehen erfüllt ein tierliebendes Herz mit tiefer Trauer, umklammert es mit eisernem Griff. Man stelle sich vor, diese Pferdekinder, manche nicht älter als dreieinhalb Monate – der Zuchtverband gibt als Empfehlung keine Tiere unter fünf, sechs Monaten anzubieten – sind heute zum ersten Mal von ihrer Weide entfernt; sie wurden des frühen Morgens eingefangen, hatten vielleicht noch den Verräter ihrer Kindheit freudig begrüßt, nichts ahnend der beginnenden Tragödie, bevor sie in Anhänger geladen wurden; samt ihren Müttern, da sie ansonst nicht zu beruhigen wären! Nun stehen sie da, beäugt von mehr Menschen als sie jemals zuvor gesehen hatten, dem Gelächter, dem Lärm des Volksfestes hilflos ausgeliefert; der Lauf durch die Arena, Spießruten, angetrieben von einem fremden Mann mit einer Peitsche, unter den Rufen des Publikums, der schnellen Sprachfolge des Moderators, dessen Stimme durch den Lautsprecher die Wärme des Herbstmorgens durchbricht; und dann der Augenblick, wo sie zusammen mit der Mutter zu den wartenden Lkws geführt werden, diesen Zeugnissen des Bösen, vergitterte Festungen, welche sie unabwendbar ihrer Kindheit entführen und viel zu oft in den sicheren Tod karren werden; der letzte Weg, begleitet von der Mutter, doch kurz vor der Rampe wird diese mit fester Hand plötzlich seitlich weggezogen, die Fohlen im selben Augenblick und unter Mithilfe einiger kräftiger Männer dieselbe empor geschoben. Dort erst erkennen sie die Tragödie des Moments, ihre Mutter schreit, viel zu oft hat sie das Schauspiel miterleben müssen, jedes Jahr auf ein Neues; und schon wieder wächst ein Baby in ihrem Leib heran, nähert sich die nächste Geburt, welche den tödlichen Kreislauf nährt.

die Verladung geht nicht sanft von Statten, kann sie nicht – zu viel Angst und Emotion steckt im Moment…


am LKW; allein unter sich in einer fremden Welt…


Das Fohlen wehrt sich nun, verzweifelt, schlägt mit den Hufen, schnaubt, wiehert, mit geweiteten Augen, der ganze Körper ein angsterfülltes Beben…
Und noch immer kommen die Stöcke zum Einsatz, noch immer wähnt sich der anwesenheitspflichtige Amtstierarzt in weiter Ferne, scheint, als ob er nicht Zeuge werden möchte dieser Schandtat gegen das Leben selbst.

Was bleibt, ist die schwer verdauliche Mixtur aus so offensichtlichem Tierleid, welches auf der psychischen Komponente für die Leidtragenden fast noch unerträglicher erscheit als auf der physischen; sieht man diese Tierkinder, wenige Monate alte Fohlen, wie ihre Welt im Wimpernschlag des Augenblickes zusammenbricht, entrissen allem was ihnen bisher Halt unter dem Boden gegeben hatte, so hinterlässt dieser Eindruck schmerzvolle Narben an der Seele; es ist kein Wunder, dass so viele TierschützerInnen den Weg zu den Versteigerungsplätzen meiden, scheuen, einfach weil der Druck, die unmittelbare Auseinandersetzung, ein scheinbar ohnmächtiges Aufprallen auf der Wirklichkeit, enorm belastende Faktoren sind, ein an den Nerven zerrender psychischer Affront wie sonst kaum eine Thematik in unserer Arbeit. Sind Kundgebungen gegen alle Formen der Tierausbeutung sonst ebenso emotional behaftet, so finden sie doch zumeist viel mehr in der Theorie statt, sind nicht unmittelbar gekoppelt mit Leid vor den eigenen Augen; hier, an Plätzen wie diesen, findet man sich wieder, fast ausgeliefert, in Mitten der Realität, spürt das Leid, saugt die Atmosphäre aus Marktgetümmel, Bierzelt, Zuckersüßem und … bitterem Tierleid, Pferdewiehern, und Angstschweiß… Es ist beklemmend, kurzum.
Was uns noch am Herzen liegt: ‚Ich fahre dort nicht hin, es betrifft doch nur eine wesentlich kleinere Anzahl von Tieren, eine überschaubare, während hunderttausende Schweine in den Ställen und Schlachthöfen leiden‘, bekommen wir da zu hören. Aber wo beginnt die Wertigkeit? Anhand dieser Argumentation, ein Weiterspinnen des Gedankens, dürften wir da dann das Schweineleid wiederum ins Auge fassen? Ginge es nach Anzahl von Lebewesen, ja, dann dürften wir keine Sekunde mehr in Schweinekampagnen investieren, denn leiden und sterben nicht Dutzende Male mehr Hühner? Und, sind wir bei den Hühnern, wer denkt an die Fische? Und…
Ist es besser im Zimmer zu sitzen und über – um bei besagtem Falle zu bleiben – das Leid der Schweine nachzudenken, zumindest im Augenblick mit gebundenen Händen, als sich für Pferdekinder einzusetzen?
Die Argumentation ist eine legitime, wenn man die Zeit, welche man vielleicht am Pferdemarkt verbracht hätte, nutzt, um sich für andere, an Zahlen gemessen in Mehrheit leidende Tierarten einzusetzen; bleibt man jedoch zu Hause und sinniert, gefesselt und geknebelt, gelähmt vom Kummer über den allgemeinen Irrsinn gegen das Geschöpf Tier, dann ist dies ganz gewiss die falsche Entscheidung!
Und – es geht nicht zuletzt vor allem um Bewusstseinsbildung – jede Kundgebung, jedes An-sich-Heranführen von Tierleid, egal worum es bei dem Protest dann immer auch gehen mag, schärft das ethische Empfinden der Mitmenschen – und genau dass, dieses Erzeugen von Empfindungen, ist doch die allerhöchste Auszeichnung, der allerhöchste Zielschluss, den wir anstreben können; nur so kann die Welt verändert werden…

Heimfahrt für die Mütter; ein Teil von ihnen wurde mit aller Brutalität des Geschäftslebens aus ihrem Dasein gerissen…


Die Kundgebung in Abtenau war eine großartige und wir möchten uns bei allen AktivistInnen auf das herzlichste bedanken! Sie hat uns gezeigt, vor Augen geführt, warum wir genau diese Arbeit machen, denn viel wichtiger noch als die ausführenden Organe, die Tierausbeuter-Industrie, in diesem Kreislauf zu überzeugen, was uns eh nur ganz selten gelingen wird, ist die Öffentlichkeitsarbeit, das Vermitteln von einem neuen Bewusstsein gegenüber dem Mitgeschöpf Tier – und was wir in Abtenau an ‚Publikumsreaktionen‘ erlebt haben, dass gibt ganz gewiss Auftrieb für kommende Aufgaben! Und es hat uns einmal mehr bewiesen, wie wichtig und wie sinnvoll unsere Arbeit ist, selbst die allerkleinste Kundgebung…

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