Gedanken zum Tierrechtsprozess

Lange haben wir überlegt was wir wohl zu den so wichtigen und vor allem richtigen Freisprüchen, der einzig möglichen Art wie dieser Wahnsinns-Justizskandal hatte enden dürfen, im aussehenderregendem Tierschutzprozess schreiben könnten; zu einem Prozess, der die gesamte Allmacht eines regierenden Systems zu Tage gebracht hat, wo plötzlich sich selbst als GesetzgeberInnen fühlende Menschen über das Schicksal anderer zu bestimmen gedachten. Ohne Frage, mit keiner Wimper zu zucken hätten diese glatte Schuldsprüche erhofft, wohl im Wissen, dass dadurch völlig Unschuldigen die ureigene Existenz entzogen wird – für eigene, unlautere Zwecke, wie auch immer die ausgesehen hätten (Profilierung, Mundtotmachen von Unbequemen, von solchen, welche das Geschäftsgebaren in Frage stellten, die ‚Du sollst nicht töten‘ propagierten, wenn die grüne Meute einen Kugelhagel gegen völlig Wehrlose aussandte, etc.)! Was hat Vater Staat nicht alles aufgeboten, um einen vernichtenden Schlag gegen eine kleine Gruppe IdealistInnen, aktive TierschützerInnen welchen ihren Vorstellungen entgegen sprachen, auszuführen; über Nacht wurde auf Drängen eines Bauerns der glaubt er müsse Kleider verkaufen (leider dann auch solche mit Pelzbesatz, Anm.) eine Sondereinheit, die ‚Soko Bekleidung‘, gegründet, 35 Mann/Frau stark, große Lauschangriffe wurden gesetzt, Peilsender montiert, Telefone abgehört, fast 300 Personen aus der Szene überwacht – ohne jegliche Anhaltspunkte auf kriminelle Machenschaften zu lukrieren! Dennoch, weil man ja nicht darauf aus war Entlastendes geltend zu machen, sondern Belastendes vorzubringen, wurden die bisherigen ‚Erfolge‘ nicht zum Anlass genommen den großspurigen Einsatz zu überdenken, nicht im Mindesten! MG 4196Polizeispione wurde eingeschleust, 16 Monate lang, doch auch diese konnten – wie denn auch – nichts Belastendes ausgraben! Und jetzt folgte die Idee des Jahrhunderts, einem wohl sehr kränklichen Gehirn entsprungen: ein Rettungsanker in der Gestalt eines so genannten ‚Gummiparagraphens‘ mit dem Namen 278a, formuliert als Handhabe gegen das organisierte Verbrechen (‚Mafiaparagraphen), doch so unzureichend ausgeführt, dass man ihn mit ein wenig Geschick gegen jegliche unbescholtene NGO’s, gegen solche die nicht die Meinung der Mächtigen als Maß aller Dinge akzeptierten, problemlos einsetzen könnte! Und genau das tat man! Fazit: wir haben es hier, und das veranschaulicht der Prozess wohl auf das Allerdeutlichste, mit einem System zu tun, welches einer dringendsten Reformierung harrt, weil sich ansonsten Dargebotenes nur allzu leicht wiederholen wird! Und bitte bedenken Sie, nicht ’nur‘ die dreizehn Angeklagten, nicht nur die involvierten Tierrechtsorganisationen, sind die Opfer – Opfer sind wir alle! Zum einen ideologische, weil all unsere Anschauungen, all unsere bisherigen Erwartungen an den Rechtsstaat, mit Füßen in den Straßenstaub getreten wurden, zum anderen natürlich auch finanzielle – der Prozess dürfte mehrere Millionen Euro an von Ihnen gezahlten Steuergeldern verschlugen haben, Schätzungen reichen an die 7 Millionen Euro! Zudem: die Machenschaften einiger selbstherrlicher Mächtige haben nicht nur die Angeklagten selbst an den Rande des nervlichen und finanziellen Ruins geführt, auch ganze Organisationen sind schwer in Mitleidenschaft genommen worden, fast unter die Räder einer, in diesem Falle, selbstgerechten Justiz gekommen. 
So war ja auch RespekTiere dem Prozess lange genug hilflos ausgeliefert; in Fakt wurden wir bis zum Schluss als Hauptverdächtige geführt, machten wir uns schon bereit ebenfalls auf der Anklagebank Platz zu nehmen; erst wenige Tage vor Beginn des Monsterprozesses kam plötzlich ein eher formloses Schreiben, dass die Anschuldigungen gegen uns – von schwerer Nötigung über den ‚dauerhaften Sachentzug‘ (Tierbefreiungen) bis hin zur Mitgliedschaft in der ominös-obskuren ‚kriminellen Vereinigung‘ – fallen gelassen worden waren; bis dahin hatten wir aber 2 Hausdurchsuchungen zu erleiden, wurde der gesamte Lebensnerv des Vereines, angefangen vom Computer, über sämtliche Adressen, alle Fotos, bis zur Kamera, der Speicherkarte, der Telefone, beschlagnahmt, vieles davon auf Jahre hinweg; wir wurden ohne Rücksicht, ohne irgend eines Beweises, ja selbst der Verdacht für ein Vergehen fehlte völlig, in ein kriminelles Eck gedrängt, was natürlich dann auch einen eklatanten Einbruch in den Spendenstatistiken mit sich gezogen hatte. Sofort erhoben wir zwar Einspruch gegen das laufende Verfahren, worauf festgestellt wurde, dass die Hausdurchsuchung aus eben diesen Gründen – das Fehlen eines Anfangsverdachtes – illegal zustande gekommen war! Bittere 9 Stunden, das Haus ab 4 Uhr morgens von über einem Dutzend Cobra – und anderen Polizeibeamten umstellt und durchwühlt, ein Hort der Sicherheit plötzlich zum Albtraum geworden – und dann keine Entschuldigung, kein Nichts; im Gegenteil, ‚jetzt, wo man die Sachen schon mal weggeschleppt hat, jetzt sollen sie auch untersucht werden‘, erhielten wir als Begründung zur Niederschlagung des Einspruches. DSC01823Doch womit die Staatsanwaltschaft nicht gerechnet hatte, man hatte uns nicht eingeschüchtert, mundtot gemacht – wir begannen uns mit allen einem/r BürgerIn zur Verfügung stehenden Mitteln zu wehren, vom ersten Tage an, schossen zurück, zwar nicht wie die Gegenseite mit den sprichwörtlichen Kanonen auf Spatzen, sondern eher mit Steinschleudern auf einen hochtechnisierten Gegner – dennoch mit durchschlagendem Erfolg: manchmal kann der David auch dem Goliath zusetzen, und schon bald berichteten sämtliche Salzburger Medien im positiven Sinne über uns; wir gaben Radio- und Fernsehinterviews, organisierten Kundgebungen, reichten als Zeichen der Solidarität mit den Angeklagten und zur Bekundung der Irrwitzigkeit des Vorwurfes Selbstanzeige wegen der Mitgliedschaft lt. §278a ein (siehe Bild, Pressekonferenz zur Selbstanzeige in Wien) und erstatteten schließlich schon vor mehr als einem Jahr eine Anzeige gegen den federführenden Staatsanwalt Handler bei der Korruptions-Staatsanwaltschaft – und zwar belasteten wir ihn in genau denselben Punkten, die er uns vorgeworfen hatte, der schweren Nötigung gegen RespekTiere, des dauerhaften Sachentzuges – wir haben bis heute, selbst nach Beendigung des Prozesses, nicht alle unsere Sachen zurück bekommen, noch immer hält die Behörde für uns wichtige Videos unter Verschluss!!!! – usw. Natürlich dürfte diese Anzeige keine Konsequenzen für den Ankläger gehabt haben, typisch österreichisch wird über so etwas dann nicht mehr gesprochen, aber erfreut dürfte er auch nicht gewesen sein, denn der Vorgang wird trotzdem zu allen Zeiten in den Archiven nachzulesen sein. Ja, wir sind am Boden gelegen, doch die Verantwortlichen haben aus irgendeinem Grunde verabsäumt den letzten Tritt auszuführen, vielleicht weil sie uns als bezwungen, unfähig der weiteren Gegenwehr, wähnten. Aber wir sind zurückgekehrt, vielleicht sogar stärker als jemals zuvor, haben uns schon Stunden nach der 1. Hausdurchsuchung, nach dem Verrauchen des ersten Schockes und der ersten Wut, wieder auf unsere altbekannten Stärken besonnen – dem bedingungslosen Einsatz für Tiere – und selbst die plötzlich als ‚kriminell‘ diffamierten Aspekte des Tierrechts, wie z. B. die Recherche, als eine der ganz wenigen Organisationen in Österreich wieder aufgenommen.
 
Der Prozess dürfte zu Ende sein – die Repression aber wahrscheinlich noch lange nicht: so steht uns gerade eine erneute Anklage ins Haus, so irrwitzig und unglaublich wie all die anderen Schmutzkübelkampagnen gegen die Tierrechtsorganisationen, begangen von der TierausbeuterInnen-Industrie, durchgeführt von Personen selbst aus höchsten Kreisen der Justiz und der Polizei, dann als Judas der Rechtsstaatlichkeit dienend. Die Behörden sind noch dabei ihre Wunden aus der Schlappe zu lecken, aus dem Debakel, doch schon planen sie erneute Angriffe – das Imperium schlägt zurück, könnte man einen diesbezüglichen Artikel, frei nach einem Katastrophenszenarium aus den Filmstudios Hollywoods, nennen.  Die Geschichte dazu ist eine typische, wir deckten schwere Tierquälerei in einem Schweinehaltungsbetrieb in Bayern auf, zeigten diese am nächsten Tag auch an, bevor der Bauer selbst am übernächsten Tag, mehr als 50 Stunden nach der Recherche, den Tod von 169 Schweinen meldete: Saboteure, TierrechtsaktivistInnen, wären – nach dem er ja auch am Tag zuvor im Stall war und es dort keinerlei Probleme gab – nochmals zurückgekehrt und hätten einen Kurzschluss der Lüftungsanlage bewerkstelligt, um ihm so zu schaden (fast selbstverständlich ergaben die bisherigen Ermittlungen dann auch dass die Anlage in der nahen Vergangenheit schon des Öfteren ausgefallen war, allerdings nie mit derart dramatischen Folgen…)! Die Zornesröte steigt einem denkenden Menschen ins Gesicht, wir, die wir ‚Ehrfurcht vor dem Leben ist Abscheu vor dem Töten‘ propagieren, wir wären also 48 Stunden nach einer diesbezüglichen Recherche zum Tatort zurück gekehrt und hätten diesen Wahnsinn veranstaltet? Und dass, nachdem wir bei Polizei und Veterinärbüro zuvor eine Anzeige erstattet haben?
P1010769Und wie reagiert der Gesetzgeber, in Deutschland wie in Österreich? Die österreichische (!!!) Polizei wartet plötzlich mit einem/r ANONYMEN (!!!!) ZeugIn auf, der/die ein Gespräch zwischen Anwalt und uns mitgehört haben möchte, wo wir den Tathergang in dieser obskuren Form bestätigt hätten!!!! Dieser anonyme Aussage genügte dann auch um eine erneute Hausdurchsuchung – Monate nach der Recherche!!! – durchzuführen!!! Und zum zweiten Male binnen einem Jahr wird RespekTiere an den Rand des finanziellen Ruins getrieben: schwere Sachbeschädigung (bitte beachten: ‚Sache’, dass sind 169 tote Schweine, Anm.) steht im Raum, ein ‚Sach’wert von rund 25 000 Euro wird dafür angegeben; doch mittlerweile füllt die Angelegenheit einen 500-Seiten-Akt, und diese Summe dürfte sich längst vervielfältigt haben, denn allein die Abrechnungen verschiedenster ExpertInnen, der Spurensicherung, usw. schlägt sich wohl mit abertausenden Euros zu Buche…
Doch wir werden auch diese Bedrohung auf uns nehmen und entsprechend bearbeiten. Und, ein heiliges Versprechen, was wir ganz sicher nicht tun werden: eingeschüchtert auch nur einen Deut zurück weichen, ganz im Gegenteil – JETZT ist der richtige Zeitpunkt Tierrechte zu thematisieren, JETZT ist der richtige Zeitpunkt für Menschenrechte zu demonstrieren! Nie wieder soll uns jemand den Mund verbieten versuchen, denn, die Ideologie der Tierrechte ist inzwischen fest verwurzelt in den Köpfen der Bevölkerung und ein Echo wird ein denkbar lautes sein. Alle TierausbeuterInnen des Landes – seid gewarnt: unlautere Mittel werden, die Geschichte hat es bewiesen und wird es immer wieder tun – letztendlich in dem enden, was diesen Prozess ausgemacht hat: ein totales Fiasko, eine Schande, eine Schmach für Polizei, Justiz und VerbrecherInnen an der Tierseele!!!!
 
Wie gesagt, wir haben lange nachgedacht was den zu schreiben; letztendlich sind wir zur Einsicht gekommen, was immer wir zu Papier bringen, nichts wird dermaßen authentisch sein, als wenn Ihnen jemand derartige Zeilen nahelegt, der selbst im Zentrum des Geschehens gestanden ist, der 100 Tage Haft und 88 Prozesstage über sich ergehen hat lassen müssen.
Es ist uns deshalb eine besondere Ehre, Ihnen hier die Gedanken des Chris Moser, Künstler, Aktivist und Viertangeklagten (bzw. Viertfreigesprochener) im umstrittenen Tierrechtsprozess, zum Freispruch, zur Berufung des Staatsanwalts, zum Prozess selbst und zur Zukunft der Tierrechtsbewegung nahelegen zu dürfen!
 
 
 
Chris Moser: Freisprüche im Tierrechtsprozess, hat die "Gerechtigkeit" am Ende doch noch gesiegt, oder ist das vermeintliche "Ende" dieser Gerichtsfarce doch nur der Anfang neuer Unsicherheiten und weiterer Justizwillkür?
 
1"Nach dem Prozess, ist vor dem Prozess!" Das war auf einem der unzähligen Transparente am letzten Tag des umstrittenen Tierrechtsprozesses in Wiener Neustadt zu lesen.
Wie ist das zu verstehen? Nun, mit einem Freispruch ist der Gerechtigkeit in dieser Sache keinesfalls Genüge getan (abgesehen davon, dass ja die Staatsanwaltschaft in Berufung ging, und so von einem Ende ohnehin noch nicht gesprochen werden kann)! Ich denke es war allen 13 Angeklagten klar, dass es hier nur Freisprüche geben KANN! Bereits in meinem Schlussplädoyer welches ich am 01. April 2011 im Schwurgerichtssaal Wiener Neustadt vorgetragen habe, sprach in von meinem definitiven Freispruch (http://www.werkstatt.or.at/index.php?option=com_content&task=view&id=432&Itemid=1, , http://www.augustin.or.at/article1726.htm, http://www.myspace.com/radikalkunst/blog/542564859 ).
Ich sprach davon, dass auch der "verdiente Freispruch" niemals rückgängig machen kann, was mir und meiner Familie – hier speziell meinen drei Kindern, angetan wurde und was auch allen anderen Betroffenen angetan wurde. Wie wird durch den Freispruch die verzweifelte Angst meiner Kinder am Tag der Hausdurchsuchung relativiert?  Wie relativiert das die resignative Ohnmacht meiner Kinder bei meiner Verhaftung und bei den Besuchen im Gefängnis? Im Prozess kamen auch immer wieder Zustände wie Angst, Bedrohung und psychischer Druck zur Sprache. Meine Kinder wissen um den psychischen Druck, wissen welche Bedrohung und was für Angst diese Art von Staatsterror für sie bedeuten! Wie relativiert ein Freispruch diesen Prozess, währenddessen ich nicht bei meiner Familie, nicht bei meinen Kindern sein konnte, meiner Arbeit nicht nachgehen konnte – von politischer Tätigkeit ganz zu schweigen? KEIN VERGEBEN, KEIN VERGESSEN!!!!!!!
Bereits vor meiner Verhaftung, bereits vor diesem Monsterprozess, bin ich nicht naiv und gutgläubig mit unserem "Rechts(?)Staat" umgegangen. Aber was ich am frühem Morgen des 21. Mai 2008 erleben musste, stellte alle meine Befürchtungen und alles was ich diesem kapitalistischen Staatskonstrukt bisher zugetraut hatte in den Schatten! Der Staatsanwalt in diesem Verfahren (klingt verfahren!), Mag. Wolfgang Handler, wohl die einzige Person die bisher in dieser Causa vollständige Akteneinsicht hatte – uns Angeklagten wurden ja bis zum "Schluss" gewisse Teile des Aktes vorenthalten! Dieser Staatsanwalt MUSSTE bereits von Anfang an wissen – bereits als er unsere Verhaftungen angeordnet hat! – dass absolut nicht belastendes ermittelt werden konnte! Dass trotz Telefonüberwachungen, trotz Observationen, trotz in die Szene eingeschleuster Polizeispitzel nichts Belastendes gefunden wurde, obwohl die Polizei ausschließlich nach BElastendem suchte, und jegliche ENTlastenden Ergebnisse als "Irrelevant" verschwieg! Dieser Staatsanwalt musste bereits, als ich mich noch in Gefangenschaft befand, und als nach den Besuchen bei mir im Gefängnis meine Frau bei ihm vorsprach WISSEN, dass ich lediglich gefangen gehalten werde, weil ich die Kampagne gegen den Pelzverkauf des Kleider Bauer Konzerns in Tirol leitete und koordinierte, weil ich als Künstler provokante Werke schaffe und diese auf Ausstellungen (in zum Teil renommierten Galerien und Museen) präsentiere (www.radikalkunst.net). Als "Indiz" für meine "radikale" und "gewalttätige" Gesinnung wurden tatsächlich in den Polizeiverhören (eines dauerte knapp 10 Stunden), sowie auch später im eigentlichen Prozess einerseits Kunstwerke von mir herangezogen und andererseits einige aus dem Zusammenhang gerissene e-mails. Im Prozess gegen uns Tierrechts- und Tierbefreiungsaktivist_Innen stand die freie Meinungsäußerung vor Gericht, klar. Es wurden e-mails aus teilweise privaten Diskussionen vorgehalten, die Angeklagten zu bestimmten Worten und Sätzen penibelst befragt. "Was mich interessiert ist ihre Gesinnung, ihre Ideologie!", war eine immer wiederkehrende Phrase der Richterin. Es stand bekannter Weise auch und vor allem das Versammlungsrecht vor Gericht, das Recht sich politisch zu organisieren und aktiv zu sein. Es ging da großteils darum, wo und warum Demos abgehalten wurden, ob diese zu laut waren, oder "sozial andäquat" (was ist das??? : ) wer diese Demos angezeigt hat, und was die Intension dahinter wäre. Immer wieder sind auch Recherchen in Tierfabriken, also investigativer Journalismus Thema in diesem Verfahren. Es ging hier also auch um Pressefreiheit! Alles "Freiheiten" also, welche im Konstrukt Demokratie, was immer auch davon gehalten werden mag, an sich verankert wären.
 
Eine weitere "Freiheit" mit welcher sich sogenannte "demokratische Systeme" gern brüsten, ist die "Freiheit der Kunst"! Das heißt dann im Staatsgrundgesetz, Artikel 17a:" Das künstlerische Schaffen, die Vermittlung von Kunst sowie deren Lehre sind frei." Das klingt schön, das klingt frei! Was aber, wenn sich die Herrschenden von künstlerischem Schaffen, von Themen und Ausdrucksweisen in der Kunst bedroht fühlen? Das hört sich dann so an:" „Haben sie in ihrer Kunst ihre Gedanken und ihre Gesinnung zum Ausdruck gebracht?“, das fragt eine Richterin allen Ernstes einen Angeklagten, nämlich mich, in einem Strafverfahren! (Zitat: Hauptverhandlungsprotokoll vom 22. 03. 2010 41 Hv 68/09z-17, seite 11) – selbstverständlich bringe ich in meiner künstlerischen Arbeit meine Gedanken zum Ausdruck! Ich denke das sollte auch allgemein so sein in der Kunst. Kunst soll und muss was bewegen! Die Richterin Arleth interessiert aber mehr was mich bewegt: „Haben sie damit zum Ausdruck gebracht was sie innerlich bewegt, was für sie wichtig ist, was sie an Änderungen haben möchten?“ (Zitat: Hauptverhandlungsprotokoll vom 22. 03. 2010 41 Hv 68/09z-17, seite 11) Achtung: Wir sind immer noch im Strafverfahren, und nicht in einer Kunstgeschichtevorlesung!
Auch wenn ich vorwiegend bildhauerisch tätig bin, so mache ich auch immer wieder Ausflüge in die Welt der Grafik und beschäftige mich auch mit Plakatarbeiten und Collagen, worauf mich die Richterin fragte: "…dann machen sie diese Kunst hier, verwenden den Stern mit der Maschinenpistole (Anm.: in der Plakatarbeit), das hat die RAF verwendet…..(…) kann das als eine gewisse Neigung zu einer Radikalität gesehen werden oder nicht?“ (Zitat: Hauptverhandlungsprotokoll vom 22. 03. 2010 41 Hv 68/09z-17, seite 13) Radikal, das ist natürlich Definitionssache. Die Ausdrücke "militant", "radikal" und "extrem" geistern ständig durch den Prozess, ohne jegliche Definition, lediglich im Versuch, Stimmung gegen die Angeklagten zu machen! Ich betätige mich aber auch literarisch, verfasse und verfasste mehrere Songtexte und andere Schriftwerke, darauf die Richterin: „Was wollen sie mit solchen Texten bewirken, was ist das Ziel, das sie mit dieser Radikalkunst verfolgen und mit diesen radikalen verbalen Ausdrücken?“ (Zitat: Hauptverhandlungsprotokoll vom 18. 03. 2010 41 Hv 68/09z-16, seite 45)
Als ich dann – von der Richterin angesprochen auf meine Kunstwerke, und es findet sich ja sogar in meinem Abschlussbericht ein Foto von einer Skulptur von mir, mit der verfassungsmäßig geschützten Freiheit der Kunst argumentiere, fragte die Richterin nach: „Haben sie sich da im Vorfeld darüber ganz genau erkundigt, wie weit dieses Recht auf Kunst jetzt geht, auf Kunstausübung, oder ist das erst jetzt im Zuge dieses Verfahrens ein Thema geworden?“ (Zitat: Hauptverhandlungsprotokoll vom 22. 03. 2010 41 Hv 68/09z-17, Seite 34)
Es ist mittlerweile allgemein bekannt wie grotesk, nein, wie kafkaesk es in diesem Prozess zuging, meine Eindrücke illustrieren, dass es eben neben bekannten Themen wie Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit, auch ganz wesentlich um die Freiheit der Kunst geht, im so genannten "Mafiaprozess", § 278a, gegen 13 Tierrechts- und Tierbefreiungsaktivist_Innen. Und auch der erfolgte Freispruch kann und wird diese massiven Ungerechtigkeiten, Erniedrigungen und Gewalttätigkeiten niemals relativieren oder gar rückgängig machen!
Seit Prozessbeginn überlebten meine Familie und ich ausschließlich durch Solidaritätsspenden aus der Bewegung, verbrachte ich ja nahezu meine gesamte Zeit im Schwurgerichtssaal oder im Zug dorthin. An dieser Stelle von ganzem Herzen danke dafür! Ohne euch hätten wir das nie geschafft!  Den Ermittlungs- und Anklagebehörden war es von Anfang an egal, wie und ob wir als Familie diese Art von Staatsterror überstehen können bzw. war der existenzielle Ruin vielleicht sogar kalkuliert – und vor allem: der Prozess ist noch nicht vorbei, er schläft nur!
Auch während dem Prozess tätigte ich Ausstellungen, natürlich stark eingeschränkt, wo ich ja die meiste Zeit im Schwurgerichtssaal verbringen musste. Auch während meiner Gefangenschaft und im Schwurgerichtssaal war ich künstlerisch tätig, soweit das unter den gegebenen Umständen halt möglich war. Seit Anfang dieser Woche arbeite ich auch wieder als Restaurator und Ausgrabungshelfer auf archäologischen Ausgrabungen, wie ich es vor meiner Verhaftung und vor dem Prozess tat. Auch werde ich demnächst wieder die Koordination der Kampagne gegen des Pelzverkauf des Kleider Bauer Konzerns für Tirol übernehmen, und mich auch sonst wieder mehr im Tierrechtsbereich wie auch in gesamtpolitischen Belangen engagieren, während dem Prozess war das ja zeitlich nur sehr beschränkt möglich. Es wird lange Dauern bis unsere finanzielle Sicherheit wieder derart gegeben ist, wie vor den Verhaftungen, vor dem Prozess. So etwas wie Vertrauen, so was wie Sicherheit in psychischer Hinsicht wird es noch lange nicht geben, wenn überhaupt…. Mich hat diese ganze Sache, auch wenn sie jetzt definitiv vorbei WÄRE in meiner emanzipatorischen, herrschaftktritischen und antinationalen Haltung bestärkt! Wir haben viel zu tun als Tierrechtsbewegung und auch in anderen politischen Themenbereichen. Wir sind auf dem richtigen Weg und es ist jetzt wichtig sich nicht auf einem "vermeintlichen" Freispruch auszuruhen, sich nicht auf einem "vermeintlichen Erfolg" auszuruhen. Ghandi sagte:" „Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du“. Wir werden bekämpft, dass wir gewinnen ist der nächste Schritt!
Meine Wut und meine Verachtung gilt nach wie vor den Ausbeuter_Innen von Mitwelt, nichtmenschlichen- und menschlichen Tieren. Zusammen werden wir der Tierausbeutung genauso ein Ende setzen, wie all den anderen auf Unterdrückung und Ausbeutung basierenden Herrschaftsformen. Ich freue mich darauf, mit Euch allen für eine gute und lebenswerte Welt, gegen jegliche Ausbeutung und Unterdrückung zu kämpfen! „Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht!“ (Berthold Brecht)
 
Chris
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