3. Kastrationsprojekt in Bulgarien – der Einsatz, Teil 1!

Das 3. RespekTiere-Kastrationsprojekt in Breznik, Bulgarien, ist Geschichte! Wieder konnten wir 80 (!!!) Hunde und Katzen vor Ort einfangen und kastrieren – ein großartiger Erfolg, der nur durch Ihre Mithilfe überhaupt erst möglich geworden ist! Lesen Sie den folgenden Bericht und erfahren Sie mehr über die Notwendigkeit unserer Arbeit! Bitte vergessen Sie niemals: ohne Ihrer Hilfe sind uns die Hände gebunden – mit Ihrer Hilfe aber, da können wir alles schaffen!
Die Tierer brauchen uns, und wir brauchen Sie – bitte unterstützen Sie auch weiterhin solche Projekte, die Wichtigkeit ist nicht hoch genug einzuschätzen! So viel Tierleid wird dadurch verhindert! Wir dürfen nicht ausruhen, sondern müssen schon jetzt für den nächsten Einsatz planen – denn nur Kontinuität verspricht letztendlich Erfolg – und der kann mit nur drei Buchstaben umschrieben werden: T U N !!!

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YES, WE DO!!!

Der Bericht, Teil 1:
Der Flug war ein angenehmer gewesen, vor allem wohl auch deshalb, weil sich nun erstmals seit Tagen langsam wieder eine mehr als angenehme – weil tief vermisste – innere Ruhe einzustellen begann; die vergangenen Wochen, und vor allem die Stunden zuvor, waren nämlich sehr stressgeladen gewesen, spätestens dann, als zur früh- morgendlicher Stunde, exakt um 4.15, der Wecker mit unnachahmlichem Hühnergeschrei unsanft meinen ohnehin unruhigen Schlaf beendet hatte; aber jener Augenblick des Aufwachens sollte dann leider bei Gott nicht die beunruhigteste Situation des Tages werden – denn tatsächlich gab es am Weg zum Flughafen Verzögerungen, welche mich letztendlich als letzten boardenden Passagier in die Austrian-Airlines-Maschine gebracht hatten, weit nach dem endgültig letzten Aufruf in warnender Hektik, stimmverzerrt durch die Flughafenlautsprecher!

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Fotos: weit vor meiner Ankunft hatte das Projekt bereits begonnen; die so großartigen lokalen TierschützerInnen hatten doch Wochen zuvor längst überall Flugblätter für das Projekt geklebt und auch bereits erste Tiere von privaten HalterInnen in Empfang genommen!

Umso entspannter genoss ich nun aber eine heiße Tasse Kaffee und lies mir den mitgebrachten herrlichen veganen Kuchen, gebacken von unserer Aktivistin Theresa (mit herzlichem Dank an dieser Stelle! 🙂 ), so richtig schmecken. Ich war wieder unterwegs in Richtung Bulgarien, unser bereits 3. Kastrationsprojekt innerhalb von nicht einmal einem Jahr stand in den Startlöchern. In Fakt weit mehr als das, hatte doch die so großartige Rumi, unsere unentbehrliche Drehscheibe für alle RespekTiere-Aktionen in Bulgarien, bereits im Vorfeld alles Notwendige – und für ein derartiges Projekt ist noch vor Beginn der eigentlichen Kampagne eine nicht enden wollende Menge an Dingen zu erledigen – organisiert; weiters, um nur ja keine Zeit zu verlieren, hatte sie bereits gestern zusammen mit der unvergleichlichen Vanja und ihrer trotz des so jungen Alters unfassbar einsatzbereiten Tochter Rali das erneut dankenswerter Weise von der Stadt zur Verfügung gestellte Gebäude – zwar von den Elementen zernagt, aber dennoch für unsere Zwecke hervorragend geeignet – gereinigt, für die folgenden Behandlungen adaptiert und mit den Hundeboxen, 20 an der Zahl, ausgestattet. Diese, für die Unterbringung der operierten Tiere über Nacht, mussten aus gut 100 Kilometer Entfernung hierher gebracht werden, wo wir uns vom ganzen Herzen bei deren Eigentümerin, Frau Sonya Mitreva, für die kostenlose Zur-Verfügung-Stellung bedanken möchten! Sie sehen, ein derartig vielfältiges und ehrgeiziges Programm wäre ohne die Unterstützung derart vieler helfender Hände gar nicht zu bewerkstelligen. Die so wahre uralte englische Phrase ‚Together we stand, divided we fall‘, schießt mir durch den Kopf, die Gültigkeit über die Jahrhunderte hinweg als unveränderbare Wahrheit gleichgeblieben…

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Foto: im letzten Jahr wurde der Einsatz von RespekTiere durch die Stadt Breznik mit der Verleihung des Stadtwappens ausgezeichnet!

Der unvergleichliche Emo holt mich von Flughafen ab; derselbe welcher, Sie erinnern sich bestimmt, am Wochenende zuvor noch in Deutschland gewesen war, um ehemalige Straßenhunde in ein Tierheim zu bringen – weit hinauf in den Norden noch dazu, in die Nähe der holländischen Grenze! Eine Monstertour, inklusive in beiden Richtungen (am Rückweg konnten wir dann einige hundert Kilo an Hunde- und Katzennahrung mitgeben) mehr als 36 Stunden Fahrt ohne Schlaf war dafür notwendig…

Es ist warm an diesem frühlingshaften Morgen in Sofia, ungewöhnlich warm sogar; die Sonne empfängt uns mit einem sanften Lächeln und beinahe zärtlicher Berühung auf der sich nach ihren wohligen Strahlen sehnenden Haut, und nachdem wir noch einige medizinische Artikel einkaufen konnten, begeben wir uns ohne Umschweife nach Breznik, nun schon zum 3. Mal der Ort des Geschehens von RespekTiere-Kastrationsprojekten in Bulgarien!
Dort angekommen begrüßt uns das ganze so wunderbare Team, im Laufe des letzten Jahres tatsächlich zu einer unnachahmlichen Einheit zusammengeschweißt, mit derart offener Zuneigung, dass der Augenblick viel mehr einem Nach-Hause-Kommen gleicht; doch für Sentimentalitäten bleibt leider keine Zeit, zu dringend ist die erneut auf uns wartende Aufgabe! Denn schon ist der Saal voll mit Tieren – Rumi und die Ihren hatten im Vorfeld fleißig Werbung für das Projekt gemacht, und so brachten schon jetzt, am ersten Operationstag der Kampagne, mehrere private TierhalterInnen – dann vor allem Katzen – vorbei. Super!
Die großartige Marieta, immer mit einem Lächeln um die so einnehmenden Gesichtszüge, trotz ihres jugendlichen Alters bereits mit über 6 000 Kastrationen ‚geadelt‘– wie kein/e zweite/r schafft sie den Eingriff in wenigen Minuten – arbeitet wieder ohne Unterlass; Vanja, wie bereits erwähnt, ist, gänzlich unersetzlich, erneut mit dabei, Didi, die angehende Tierärztin (ihres ist die Zukunft, so viel steht fest, mit derart begnadeten Händen gesegnet), natürlich auch Rali, Rumi’s 13jährige Tochter, Emo und Petra, seine Freundin, sowieso! Im Laufe der nächsten Tage sollten dann sogar noch mehr TierschützerInnen dazustoßen, allesamt ehrenamtlich für die Mitgeschöpfe im Einsatz – einfach nur großartig! Chrissi, Didi’s Schwester, zum Beispiel, oder Mila, Petra’s Schwester, welchen Beide einen mehr als unentbehrlichen Beitrag zum Gelingen der Aktionswoche leisten!
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Foto: mehr als 6 000 Kastrationen hat die begnadete Tierärztin Marieta bereits durchgeführt!

Schon am ersten Tag des Einsatzes schaffen wir 19 Operationen, ein unfassbar guter Beginn! Alle von der Straße eingefangen Tiere bleiben natürlich eine Nacht in unserer ‚Klinik‘, in den vorbereiteten Boxen, bevor sie am nächsten Morgen, selbstverständlich nach einem ausgiebigen Frühstück, wieder an jene Orte, wo wir sie zuvor eingefangen hatten, zurück gebracht werden. Das Verhalten der Hunde ist dabei ein gänzlich Unterschiedliches; während die einen kaum erwarten können wieder in die Freiheit – auch wenn diese eine gefahrenvolle ist, eine unsichere Zukunft auf sie wartet – entlassen zu werden, möchten andere gar nicht mehr wieder gehen. Ich denke oft, die besonders sensiblen unter ihnen würden ein Leben in den Boxen – so klein diese auch sein mögen – mit täglicher Fütterung und ein paar Gassigängen zwischendurch, dem bedingungslosen Überlebenskampf draußen auf der Straße vorziehen. Ganz oft scheint sich dieses Gefühl zu bewahrheiten, und immer bricht ein Teil vom Herzen, wenn man sie dann trotzdem zurück zum ‚Fundort‘ fahren muss und deren Blick beim Wegfahren noch nach Minuten im Nacken spürt.

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Fotos: es gibt soooo viel zu tun! Emo bringt betäubte Hunde, Rali (rechts) behandelt die armen Tiere mit Anti-Parasitenmittel, Vanja (links unten) kerbt das Ohr, Tom setzt das Antibiotikum, Marieta operiert!
Foto unten: sämtliche AktivistInnen sind in ihren Aufgaben gefangen – Zusammenarbeit auf ganz wunderbare Art und Weise, welche in fast schon blindem Verstehen gipfelt!

Am ersten Abend stoßen auch noch 3 besonders beherzte TierschützerInnen aus Deutschland, aus der Umgebung von Düsseldorf, zu uns; durch Emo und Petra auf das Projekt aufmerksam geworden, möchten sie – Anja, Christina und Jana – vom Herzen gerne mithelfen und das RespekTiere-Projekt unterstützen – wir empfangen das Trio mit weit geöffneten Armen, sie werden schließlich eine enorme Bereicherung für die Einsatzwoche darstellen!!!

Nach einer kurzen Nacht wartet gleich ein besonders schwerer Tag auf uns; der sollte uns dann sowohl körperlich als auch seelisch alles abverlangen, wie wir im Nachhinein feststellen werden müssen…
Tatsächlich stehen wieder mehrere Katzenkastrationen an, aber auch einige Hunde werden nun von ihren Haltern vorbei gebracht. Eine Hündin zum Beispiel, mit langen Haaren und derart verschmutztem und verfilztem Fell, dass wir nur gemeinsam an ihr arbeiten können; sie wäre sonst längst aus der Narkose aufgewacht, hätte nur eine Person das Wirrwarr zu lösen versucht. In Fakt mussten wir sogar drei Scheren kaufen gehen, mit der einen mitgenommenen fanden wir bei Weitem kein Auskommen.
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Foto links: Dank an Anja von Animals e.v.! rechts: Chrissie beim unbedingt nötigen Hundescheren!

Ein Mann kommt vorbei, meint, wir sollten wirklich zur Mülldeponie am Standrand rausfahren, dort wären viel zu viele Hunde. Gesagt, getan – schon wenige Minuten später finden wir uns wieder im Konvoi bestehend aus drei Autos! Die Motoren deren schnurren zufrieden in der warmen Frühjahrsluft, und erst als der Weg langsam aber beständig nach oben führt, mischt sich ein angestrengtes, beinahe widerwilliges Knurren in die Fahrzeuggeräusche.

Kurz nach dem Stadtende deutet ein Schild den Berg hinauf in die richtige Richtung; vorbei geht es an verfallenden Häusern und beinahe dem Erdboden gleichgemachten Fabriken, degradiert zum Schatten ihrer selbst; nur mehr verrostete Dächer und in sich geknickte Standsäulen lassen deren einstige Bestimmung, und dann auch nur mehr am Rande, erkennen. Breznik, eine Arbeiterstadt mit ständig fallender Bevölkerungsanzahl, der zudem als fürchterlicher Schlag, beinahe als Ironie des Schicksals, die Arbeit längst abhanden gekommen ist. Eine solche Fügung teilt sie dann mit den meisten Städten des Landes; ein Grund mehr, warum Sofia zunehmend aus allen Nähten platzt, denn eine unaufhaltbare Landflucht hält die weitere Umgebung des Großstadtmolochs im verhängnisvollen Würgegriff, mitsamt all den daraus resultierenden sozialen Problematiken.
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Je weiter es ins Hinterland geht, desto komplexer, unversteckter, wird die bittere Armut – und zwar jene von Mensch und Tier gleichermaßen. Vom Wind und Wetter zerfressene Bauernhöfe, die Tierunterkünfte mit zerschlagenen Fenstern, oft auch ohne jegliche; Mauerwerk, welches die besten Tage längt hinter sich gebracht hat, langsam wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrt und zu jenem Staub aus dem es gemacht wurde, rück-zerfällt. Kreislauf des Lebens, nirgendwo sichtbarer als in den ärmlichen Gebieten des Ostens. Es geht noch ein Stückchen höher hinauf auf den Berg, Schaf- und Ziegenhirten queren unseren Weg; freundlich winken sie, Hast und Eile sind ihre Verbündeten nicht. Ja, sie mögen arm sein, diese Menschen, aber zumindest wirken sie nicht unglücklich, keine Spur von Depression zeichnet ihre sonnengegerbten Gesichter. Erfolg kann, so schießt es mir durch den Kopf, wohl ganz sicher nicht an der Höhe des Einkommens gemessen werden, wohl aber am Pegel der inneren Zufriedenheit! Wie glücklich man ist, viel mehr Wert als jegliche andere Überlegung, ja, es ist die einzige Frage die wirklich zählt, die für sich allein übrig bleibt am Ende des Weges; die einzige Frage, deren Antwort wir alle eines Tages vor uns selbst zu verantworten haben werde.
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Foto(@Petra): Kuhherde auf der Straße, ein vertrauter Anblick am Balkan!

Die wunderbar sanfte Landschaft präsentiert sich plötzlich mehr und mehr überhäuft mit vom Wind verwehtem Plastikmüll – ein sicheres Zeichen dafür, dass die Deponie wohl nicht mehr weit sein kann! Und tatsächlich, wir passieren einen offenen Schranken, dann öffnet sich vor uns ein nimmersatter Schlund, der allen Abfall der Welt zu verschlingen scheint; leider aber tut er das nicht, im Gegenteil, unbegrenzt von Mauern oder Zäunen bläst der wütend tobende Wind den Zivilisationsmüll in die umliegenden Felder und Wälder, ganz so, als ob die künstliche Vertiefung, völlig überfüttert, ihren Inhalt in eine einst heile Welt erbricht; eine Welt, im selben Moment entblößt jeglicher Unschuld. Es beginnt nun leicht zu regnen, die ganze unerträgliche Szenerie lässt Gedanken an einen trauriger Schöpfer aufkeimen, der nun bittere Tränen weint ob dieser Schändung der erstickenden Natur…

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Menschen suchen im Meer des Weggeworfenem nach verwertbaren Resten; ob sie etwas finden, wage ich nicht zu beurteilen; die umliegenden Dörfer und Ansiedlungen sind arm, als stumme Zeugen die hunderten verfallenden Gebäude, und alles irgendwie Brauchbare wäre sehr wahrscheinlich nicht hier gelandet. Ein Hunderudel hebt sich nur undeutlich von den Bergen aus schwarzen, braunen und weißen Plastikfetzen ab, verschwimmt im selben Augenblick in diesem Meer des Wahnsinns mit dem Unrat zu einem gemeinsamen Etwas; ihre Existenz scheint sich ganz einfach aufzulösen, ein Übergang ohne jegliche Hast, ein Gleiten in eine unbestimmbare Anonymität. Nur Zwei lassen uns rankommen, sie gehören zu den im Abfall wühlenden Roma-Leuten, sind uralt und nebenbei männlich – nicht unserer bevorzugte Zielgruppe zugehörig. Sie erheben sich kaum von ihren Plätzen, mit leeren Augen und hungrigen Mägen scheinen sie abzuwarten; auf was, entzieht sich unserem Verstehen.
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Es gelingt uns nicht die streunenden Tiere festzumachen; sie – wohl leidgeprüft – verschwinden sofort als sie unsere Absichten auch nur im Ansatz erkennen, in die umliegenden Hügel. So müssen wir schließlich enttäuscht aufgeben; nichtsdestotrotz fragen wir am Weg zurück eine Familie, wohnhaft in schrecklichen Verhältnissen, ob sie denn Haustiere hätten, die wir mit uns zum Kastrationssaal mitnehmen könnten; die Frage passiert mehr aus Verlegenheit, möchten wir doch nicht mit leeren Händen ein Misslingen eingestehen… Ach ja, die ‚schrecklichen Verhältnisse‘ von vorhin, das ist eine vielleicht unglückliche Formulierung, eine unhaltbare, weil doch das eigene Urteilsvermögen ohne jede Frage sehr oft ein verschwommenes ist, gebildet aus der Mentalität, der Reflektion, des absoluten Glücksfalles in Mitteleuropa geboren zu sein. Diese Menschen hier, Roma-Zugehörigen, mögen in unseren Augen in bitterster Armut leben, aber sie haben zu essen und ein Dach über den Kopf; zudem scheinen sie nicht unglücklich mit ihrer Situation; selbst das eingefallene Dach oder die zerborstenen Fensterscheiben, all dies ist einfach ihr Alltag und beschäftigt sie sichtlich nicht. Und ja, sie geben uns ihre Tiere, zumindest jene, deren sie im Moment habhaft werden können – mit zwei Katzen und einem Hund begeben wir uns schließlich zurück auf den Weg in unsere ‚Klinik für 1 Woche‘!
Am Weg dorthin halten wir nochmals; es gelingt uns einen weiteren Hund einzufangen, dessen Pfote zudem schwer verletzt ist. Auch er wird kastriert, nachdem das Bein behandelt worden ist.
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Fotos Reihe 1: für unsere verwöhnten mitteleuropäischen Augen sind dies wohl miserable Wohnverhältnisse; für die Menschen hier bedeutet es Heim, Mittelpunkt des Seins! Reihe 2: Anja und Mila gelingt es den am Fuß verletzten Hund einzufangen; rechts: Rumi, die Meisterin, am Werk!

In den folgenden Tagen sollten wir dann noch mehrmals zur Müllhalde zurückkehren; die vielen Hunde dort beschäftigen uns immens, und am vorletzten Tag finden wir dann tatsächlich 13 Welpen unter dem Bauschutt am Rande der Kippe; leider gelingt es uns nur eine Hündin mit einem gut gezielten Schuss aus dem Betäubungsgewehr zu treffen, zwei andere verschwinden sofort ins Nirgendwo.

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Fotos: Emo und Petra

Am Weg zurück nach Breznik können wir aber einer weitere Hündin habhaft werden, welche offensichtlich in schlechtem Gesundheitszustand ist; sie schafft es kaum geradeaus zu laufen, dreht ständig den Kopf in unnatürliche Richtungen und scheint zudem taub. Die begnadete Marieta stellt an ihr ein Trauma fest, einen heftigen Bluterguss im Gesicht, hervorgerufen durch einen Zusammenprall – aller Wahrscheinlichkeit nach wurde sie von einem Mann mit dem Fuß getreten! Sie hat dennoch nicht das nur den Hunden gegebene Grundvertrauen in die Menschheit verloren, ganz im Gegenteil, zeigt sie sich allerliebst, verschmust und anhänglich. Schnell ist die Entscheidung getroffen, Didi wird sie so lange bei sich zu Hause aufnehmen, bis wir ein wirkliches zu Hause gefunden haben!

 
Neu beim Projekt ist übrigens, die Stadt möchte nun das kastrierte Tiere nicht mehr nur für uns kenntlich (durch eine Einkerbung im Ohr) markiert werden, sondern für jedermann/frau sichtbar. Hierfür werden Chip-Implantate und diesbezügliches Werkzeug zur Verfügung gestellt. Gerne kommen wir dem Wunsch nach und besorgen noch rote Erkennungsmarken für die Ohren. So verkündet die charakteristische Kennzeichnung ab nun jedermann/frau den Erfolg der Arbeit, zudem zeichnet sie die TrägerInnen als gesund, kastriert und geimpft aus – ein ganz wichtiger Aspekt, nimmt sie doch allfälligem Gerede von Krankheitsverbreitern im Vornhinein den Wind aus den Segeln!
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Foto: unter der Anleitung von Marieta lernen wir das punktgenaue Implantieren der Mikrochips bei den in Narkose befindlichen Straßenhunden!

Wir fahren zu einem Landwirten in einer Nachbarortschaft; er hat sich auf die vielen von unseren bulgarischen AktivistInnen in den letzten Wochen gestarteten Aufrufe gemeldet, möchte gleich mehrere Hunde kastrieren lassen. Vorbei geht es an wunderschönen Waldstücken, durchbrochen von Feldern, die ähnlich wie bei uns viel zu lange keinen Regen gesehen haben; am Horizont liegen die fernen Berggipfel noch im Schnee begraben, im Winterschlaf. Welch ein Kontrast, ringsum erwacht nämlich bereits der Frühling, alles scheint zu blühen, und das Gras zeigt schon eine wesentlich intensivere Grünfarbe als es dies in Mitteleuropa noch tut. Wir erreichen schließlich den Hof, der sich nahtlos angepasst an die üblichen Ortsbilder in der Gegend. Zerborstene Fenster, zerfallendes Mauerwerk, teilweise eingebrochene Dächer – und überall die ‚besten Freunde des Menschen‘, meist jene wunderschönen riesigen bulgarischen Hütehunde, welche sich überall im Ausland so großer Beliebtheit erfreuen. Alleine, diese Beliebtheit setzt sich nicht um in Stolz, Respekt und Dankbarkeit deren, dessen Besitz sie beschützen, ganz im Gegenteil. Ein großer Teil der Hunde nämlich, oh welcher Verrat, lebt an der Kette, und die rostenden Metallfesseln sind in beinahe allen Fällen beängstigend kurz, engen den Lebensraum der wunderbaren und bis zu 60 kg schweren Tiere auf kaum mehr als einen Quadratmeter ein.

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Fotos: Hunde, wohin das Auge blickt… der Landwirt und seine Gehilfen packen uns die PatientInnen sehr unsanft ins Auto…

Leider für uns sind die meisten Hunde des Hofes zum Zeitpunkt unserer Ankunft aber gerade mit den Kühen draußen, erklärt uns der Bauer. So können wir nur eine Hündin mitnehmen, welche er uns gleich mit ziemlich brutaler Gewalt zum Auto bringt. Dass diese Menschen die ihnen auf Gedeih und Verderb ausgelieferten nicht als PartnerInnen sehen, viel mehr als Mittel zum Zweck, jene Tatsache muss jedermann/frau bewusst sein, der/die versucht in Ländern wie diesen möglichst erfolgreiche Tierrechts- und Tierschutzarbeit zu gestalten; jede andere ‚Wahrheit‘ käme einer Selbstverleugnung gleich, und Selbstverleugnung als Konzept – oder auch nur als Teil eines solchen – beinhaltet nicht die Möglichkeit einen Ansatz für einer besseren Zukunft zu schaffen. Kritik sollte bestenfalls vorsichtig, aber bestimmt, angebracht, das Gegenüber, egal wie immer er/sie sich auch gebärdet, nicht verbal attackiert oder persönlich angegriffen werden. Zu groß wäre die Gefahr, dass das  der/die Betroffene dann ‚dicht‘ macht, sich allem verschließt, und damit die Misere prolongiert. Jener Zeitgenosse hier, das wird sich sehr bald herausstellen, ist wieder einmal ein Beispiel dafür, wie viel Sensibilisierungsarbeit in solchen Gebieten noch nötig sein wird.

Leider haben wir das Schlimmste noch vor uns; er hätte bei sich im Haus eine Hündin mit Babys, die würde er ohnehin wegschmeißen (so seine Worte im Original), also könnten wir die Mutter gleich auch noch mitnehmen zum Kastrieren… Natürlich wissen wir sofort – Mutter und Kinder werden bei uns Aufnahme finden, und wegen des Zurückbringens, da ist ganz bestimmt noch nicht das letzte Wort gesprochen! Christina, Jana und Anja erklären sich jedenfalls sofort bereit die Welpen in angemessener Zeit (die Hundebabys sind erst drei, vier Wochen alt) auf Anja’s Gnadenhof von Animals e.V. (www.facebook.com/pages/animals-eV/111606429029722?fref=ts) aufzunehmen; die Mutter, sie wird in angemessener Zeit folgen.
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Foto: kein Bild der Welt kann den tatsächlichen Zustand der Hündin wiedergeben; in Wahrheit konnte sie sich kaum auf den Beinen halten, wäre bestimmt alsbald am Ernährungsgrad verstorben… Reihe zwei: Anja und Jana mit den vier Welpen, welche der Landwirt ‚weggeworfen‘ hätte; Mama und Babys, erstmals in ihrem Leben in Ruhe und mit vollem Magen?!

Was wir allerdings angekommen beim Haus sehen müssen, lässt jemanden, der erst kürzlich angefangen hat an eine wie auch immer geringe Wahrscheinlichkeit zu glauben, ‚Mensch‘ weltweit werde sich langsam aber gewiss ändern und den Tieren mehr und mehr Rechte zugestehen, an dieser so zuversichtlichen Wertestellung erneut höchsten Zweifel anmelden…

Tatsächlich ist die Hündin im Vorgarten des abbruchreif scheinenden Hauses an einer ultrakurzen Kette gehalten; dies wäre nicht verwunderlich, ja kaum erwähnenswert, denn wenn man Bulgarien bloß ein bisschen kennt, dann weiß man, dass die allermeisten Haushunde so ihr Dasein fristen, ihren Bewegungsradius auf drei und weniger Quadratmeter beschränkt. Aber jene hier, sie ist zudem am Verhungern, besteht nur mehr aus Haut und Knochen, jede einzelne Rippe scheint die wie Pergament wirkende Haut in jeder Sekunde zu durchstoßen. Das Herzeigen der Hüfte am lebenden Hund würde jedem Professor an der Uni für angehende TierärztInnen reichen, um die Anatomie des Knochengerüstes ausreichend zu erklären, so unfassbar abgemagert ist die Hündin. Wie sie in diesem Zustand ihre Babys überhaupt noch hatte ernähren gekonnt, wird uns wohl ein Rätsel bleiben.
Es gibt noch mehrere Hunde am Grundstück. Alle vegetieren sie an den kürzest möglichen Fesseln, allesamt sind sie furchtbar abgemagert. Der Farmer zeigt keinen Augenblick Mitleid oder gar Reue angesichts deren Zustandes, ja ist sich dessen so überhaupt gar nicht bewusst. Unsere deutschen Helferinnen, welche derartige Auslandseinsätze noch nicht erlebt hatten, sind ob des Bezeugten in Tränen aufgelöst. Jeder Versuch Trost zu spenden ist im Augenblick sinnlos, zu sehr hält der Eindruck des Gesehenen die aufgewühlte Seele im eisernen Griff.
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Fotos: selbst diese kleinen Hunde, Bilder links in Reihe 1 und 2, sind mit Ketten festgebunden; rechts unten: Christiane mit gerettetem Hündchen, welches mitten unter den Ziegen lag, dorthin vom Landwirten offensichtlich abgeschoben worden war – jedenfalls ’schenkte‘ er die Hündin anstandslos der deutschen Tierschützerin!

Der Landwirt hat nebenbei auch eine Ziegenhaltung, wobei mehrere der dutzenden Zicklein schwer erkrankt sein dürften. Dazwischen, im längst mit Kot verklumpten Stroh zu deren Füßen, findet sich eine ganz junge Hündin, für den Bauer offensichtlich wertlos, und tatsächlich schenkt er sie ohne mit der Wimper zu zucken Christiane.

Immer noch völlig Eingenommen vom eigentlich Unfassbaren verabschieden wir uns; die Wut zwingt uns dazu, denn nun einen Streit zu beginnen wäre mehr als kontraproduktiv – will der Hundehalter doch morgen noch andere seiner Tiere zur Kastration bringen! Würden wir ihn verärgern, wir hätten zwar unseren Ärger ein bisschen besänftigt, aber zu welchem Preis? Auch diese wären dann nur zu schnell schwanger, und der triste Kreislauf würde von Neuem beginnen.

Fortsetzung folgt!

Fotos: Impressionen aus dem OP-Saal! Soooo unfassbar wichtig ist unser Einsatz, und nur durch Ihre Hilfe möglich!
Reihe 1: Marieta at work; Hunde nach dem Aufwachen aus der Narkose. Reihe 2: Petra mit allerliebsten Straßenhund auf der Fahrt in den OP; Rali beim Füttern der Hundebabys; Reihe 3: Didi at work; rechts: Didi operiert eine Katze, Marieta einen Hund, Tom beim Setzen der Ohrmarke – Teamwork at its best!

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