respekTIERE IN NOT in Bratislava!

Nach einigen Wochen der erzwungenen Pause in Punkto Hilfsfahrten – eine Zeit, die wir anderswertig gut zu nutzen wussten (siehe beispielsweise die Aufdeckung so viele Missstände in den heimischen Stallungen) – sollte es jetzt wieder ein ganz besonderes Ereignis sein, und da konnten auch die dicken Regenwolken am Himmel nichts daran ändern: der Motor brummt, die Reifen krallen sich in den Asphalt, der Highway hat uns wieder – und erneut weht die stete Prise der pannonischen Tiefebene ums Fahrgestell des bis obenhin vollbeladenen RespekTiere-Mobils!
Fotos: das RespekTiere-Mobil, voll beladen! unten: Gewitterwolken ziehen auf, die Windrad-Armee freut der aufkommende Wind!
Der heutige Einsatz ist dann auch ein umso wichtigerer: während wir nämlich bei unseren anderen Projekten sicherstellen konnten, dass wenigstens die Versorgung der Tiere klappte bzw. wir große Mengen an Futtermittel über Umwege lieferten, war dieser Soll-Zustand beim Katzenheim der Frau Havranovra in Bratislava nicht so leicht möglich; dort nämlich muss man sich fast ausschließlich auf unsere Unterstützung verlassen, und noch dazu ist der Weg des ‚ersten Tierheimes‘ der Slowakei ein mit verschiedensten Problemen gepflasterter – die Stadt versucht das Asyl seit einer Dekade zu schließen, weil sie gerne das Grundstücke für andere Zwecke freigeben würde; Hilfe aus dem Land gibt es praktisch nicht (was so nicht mehr ganz so stimmt, denn bei unseren letzten Reisen konnten wir ein Treffen zwischen Frau Havranovra und der Leiterin des großen (und einzigen) Tierheimes Bratislavas arrangieren, wo dann sich im Umlauf befindliche Vorurteile gänzlich ausgeräumt werden konnten; nächste Woche beginnt aufgrund des neuen Beziehung der nun schon 2. Kastrationseinsatz, wo Frau Havranovra’s Katzen völlig unentgeltlich abgeholt, operiert und nach zwei Tagen wieder zurückgebracht werden – einfach nur ‚SUPER‘), und keine Firma stellt Futtermittel oder dergleichen, wie oft anderswo, kostenlos zur Verfügung – wenn Ware abläuft, so wird sie weggeschmissen, egal wie der Zustand dann auch immer ist…
Die Freude ist eine große, als sich – aufgrund der vielen zu bringenden Sachen hatten wir zu fünft und in zwei Autos die lange Reise angetreten – TierschützerInnen und KatzenheimbetreuerInnen nach doch nun schon mehr als 12 Wochen wieder in die Arme fallen. Frau Havranovra hat die Zeit offensichtlich gut überstanden, sie wirkt sogar wesentlich frischer, gesünder als zuletzt. Und ihr Helfer, Karlo, der neben einem Schlafplatz (er war zuvor obdachlos gewesen) nun auch eine Lebensaufgabe im kleinen Asyl fand, hat sich offensichtlich alle Mühe gegeben – jedenfalls macht die Herberge trotz des nicht zu übersehenden Verfalls einen durchwegs sauberen Eindruck!
Der Tag ist bereits ein fortgeschrittener; so entladen wir die mitgebrachten Dosen und Säcke, bevor wir über die allgemeinen Probleme zu sprechen beginnen; und deren, wie bereits erwähnt, gibt es eine ganze Menge. Aber heute ist nicht der Tag, all dies neuerlich auszudiskutieren. Erstmals sind wir wirklich froh, endlich wieder von Ansicht zu Angesicht miteinander kommunizieren zu dürfen, und dann gibt es ohnehin so Vieles abseits all der Schwierigkeiten zu erzählen. Einmal durchatmen und das Gefühl der Freundschaft zu genießen, auch das ist ungeheuer wertvoll. Besonders in Zeiten wie diesen.
Und natürlich, auch die mittlerweile wieder um die 30 Katzen (weitere 10 werden von Frau Havranovra bei einer Baustelle im Stadtzentrum versorgt) plus die zwei herzallerliebsten Hunde wollen ihre Streicheleinheiten, was ebenfalls eine Menge Zeit in Anspruch nimmt! 🙂
Eine Tasse heißen Kaffee noch, ein paar Züge einer Zigarette und dem feierlichen Versprechen in spätestens 6 Wochen wieder hierherzukommen, gilt es sich auch schon zu verabschieden.
Wir haben noch andere Aufgaben in Bratislava zu erledigen; zuerst steuern wir das Obdachlosenheim ‚Vincent De Paul‘ an; dort, wir haben bereits eingehen berichtet, finden jeden Tag mindestens 150 Menschen – im Winter gerne auch die doppelte Anzahl – eine Mahlzeit, eine Duschgelegenheit und ein Bett vor. Wie unfassbar wichtig derartige Einrichtungen sind, wird uns schon bei der Zufahrt umso bewusster: es ist nun bereits gegen 17.30 Uhr, aber erst in eineinhalb Stunde werden die Pforten für die sozial Bedürftigen geöffnet – dennoch, jetzt schon bevölkern dutzende Obdachlose die Wiesen vor dem Asyl. Und es tauchen tatsächlich immer mehr auf, wie Geisterwesen aus dem Nichts, die Umgebung scheint lebendig zu werden. Selbst zwischen den Sträuchern und dem Buschwerk heraus drängen sich Hilfesuchende; einige wenige, denen man ansieht, dass sie erst kürzlich vom Leben niedergeschlagen wurden, deprimiert, verzweifelt zwar, aber noch in durchaus gesellschaftsfähiger Kleidung, rasiert und in ordentlicher Manier; viel mehr aber mit zerrissenen Jacken und Hosen, offensichtlich unter dem Einfluss verschiedener Substanzen, wieder andere ruhig und zurückgezogen. Hocken einfach da, mutterseelenalleine, in der absoluten Anonymität unter hunderten in selbiger Lage.
Wir treffen eine wirklich äußerst nette Sozialarbeiterin der Herberge; sie hilft beim Ausräumen der vielen, vielen Spendengüter, freut sich offensichtlich über die mitgebrachte Unterstützung – ich kann es nicht oft genug betonen: soooo wichtig sind situationsbezogene Sachspenden, hier zum Beispiel etwa werden besonders Socken, Unterwäsche und Hygieneartikel mit größer Freude übernommen!
Die nette Frau zeigt uns einmal mehr das Gebäude, den riesigen Schlafsaal, streng getrennt zwischen Männern und Frauen selbstredend; kleinere, 8- oder 10-Bett-Zimmer, wo Menschen mit mentalen Problemen Ruhe finden; Gemeinschaftsräume, Essenausgabe, Kleiderkammern – einfach nur großartig!
Es ist ein so unsagbar schönes Gefühl, zu wissen, all die gebrachten Dinge, die werden hier mehr als nur ihren Zweck erfüllen; sie sind gebraucht, ganz dringend, und so ist dieser Beitrag ein elementarer, wunderbarer!
Beim Verlassen mahnt uns die Sozialarbeiterin, die schmale Straße hin zum Asyl doch bitte ganz langsam zu befahren; jetzt, wo sie ihre Pforten öffnen, würden noch viele Menschen kommen, einige davon bestimmt torkelnd, einige, wo der viel zitierte ‚Vertrauensgrundsatz‘ – welchen jede/r von uns bei der Führerscheinprüfung bis zum Umfallen pauken musste – jegliche Bedeutung verliert.
Als wir die besagte Strecke später tatsächlich zurücklegen, wird uns erst richtig bewusst, was denn da gemeint war; denn tatsächlich, beinahe einer Völkerwanderung gleich, bewegt sich eine Masse hin zur Schlafstätte, und muss in der Tat wirklich aufpassen, dass niemand daraus mit dem Fahrzeug kollidiert…
Vor dem Asyl gibt es eine riesige Firma; was dort genau gemacht wird, ist nicht feststellbar. Einer dem Verfall preisgegebenen Ost-Kolchose gleichend, reihen sich Hallen an Hallen, dazwischen vom Rost zerfressene Zäune. Den Zugang versperrt eine Schranke, ein Wachposten ist allerdings nirgends zu sehen.
Es gibt jede Menge Hunde am Platz, ausschließlich Kangals und andere riesige Herdenschutzhunde. Manche davon in zwingerähnlichen Freiräumen, aber doch mit Bewegungsmöglichkeit untergebracht; andere aber auch in echten, winzigen Zwingern, die nicht viel größer sind als ihr drei- oder vierfaches Körpervolumen. Schon beim letzten Mal hatten wir diesen Hunden Nahrung heimlich zugesteckt; heimlich deshalb, weil wohl kein Halter solcher Riesen möchte, dass sie sich fremden Menschen zugetan fühlen könnten. Das Gegenteil sollte doch der Fall sein, möglichst furchteinflößend, dass ist es, was solche ‚harten Kerle‘ wollen. Wohl weil sie ohne die tierliche ‚Zutat‘ einen solchen Eindruck unmöglich erwecken könnten…
Es kommt, wie es kommen musste: der Besitzer der Anlage fährt tatsächlich vor, und schon mokiert er sich schrecklich über unser Tun. Wir sollen sofort verschwinden, die Hunde würden einmal am Tag ihr Essen bekommen, und das sei es, was sie brauchen. Nicht mehr und nicht weniger.
Vielleicht, so der Gedanke, wird eines Tages einer der Riesen auf welchem Wege auch immer mit uns kommen… um noch für ein paar Jahre erleben zu dürfen, dass Menschen auch ganz anders sein können, als derjenige, der vorgibt sein ‚Herrchen‘ zu sein…
Keine Slowakei-Reise ohne Protest auf der Straße! So suchen wir uns beim beginnenden Abendrot einen feinen Platz entlang einer Verkehrsroute, und Minuten später können vorbeifahrende VerkehrsteilnehmerInnen auch schon Gevatter Tod und einen Hund im blutigen Kostüm sehen, ein Transparent mit der Aufschrift ‚Stopp Killing Stray Dogs – NOW!!!‘ weht im aufkommenden Wind!
Fast schon Mitternacht wird es sein, als wir die hunderten leuchtenden Augen der Riesen – Windräder mit den typischen rotglühenden Signallampen an ihren obersten Enden, wohl, um die Flugzeuge zu warnen – passieren. Am Weg nach Hause beschäftigen uns wieder einmal viele Gedanken; besonders das Obdachlosenhaus und das Schicksal der Schutzhunde erzwingen tiefe Nachdenklichkeit.
Ob Corona die Welt verändert hat? Außer der Möglichkeit noch mehr zu jammern, was für so viele die liebste Freizeitbeschäftigung ist, wohl kaum. Das Rad der Konsumgesellschaft dreht sich wieder, man merkt es am Verkehr, man merkt es an der Hektik, man merkt es an der zunehmenden Unfreundlichkeit der Menschen nach der Krise. Es war die Zeit des Innehaltens gewesen – doch die ist in mancher Hinsicht dann doch viel zu spurlos wieder an uns vorübergegangen. Eigentlich schade.
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